Eine Diskussion, die nicht erst mit den jüngsten Wortmeldungen vom FAZ-Journalisten Reinhard Bingener („Wehe, wenn die Langmut im Westen endet“, "Die westdeutsche Solidarität ist keine Illusion") und dem Soziologen Steffen Mau („Wir können uns eine ‚Lega West‘ genauso wenig leisten wie eine Ostdeutschtümelei“) oder dem Doppelkommentar auf Zeit+ von Mark Schieritz („Die Ossis! Vom Erfolg des Westens haben sie profitiert. Aber wertschätzen wollen sie nichts.“) und Anne Hähnig („Die Wessis! Sie drohen, dem Osten die Unterstützung zu streichen. Doch wer die Nerven verliert, verliert die Wahlen.“) geführt wird und uns nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern sicherlich erhalten bleiben wird.
Schon 2024 hatte Steffen Mau bedeutende Ost-West-Unterschiede in seiner Schrift „Ungleich vereint: Warum der Osten anders bleibt“ - also ca. 35 Jahre nach dem Mauerfall - ausgemacht:
Dass der Westen auch ein massives Problem mit Rechtsradikalismus hat, haben spätestens die letzten Bundestagswahlen mit 18 % für die AfD im Westen gezeigt.
Dass beide Teilgesellschaften in sich diverser sind, als Vergleiche der Durchschnitte vermuten lassen, ist ebenfalls nicht bestreitbar.
Aber ein ‚Gefühl der Entfremdung‘ greift anscheinend um sich:
35 Jahre nach der Deutschen Einheit zeigt eine Forsa-Umfrage eine wachsende Entfremdung zwischen Ost und West. So sagten nur noch 35 Prozent der gut 1.000 Befragten, Ost- und Westdeutschland seien mittlerweile weitgehend zu einem Volk zusammengewachsen. Für 61 Prozent überwiegt eher das Trennende - in Ostdeutschland sagen das sogar 75 Prozent.
Die Entwicklung zeigt: Von 2004 bis 2019 stieg die Zahl jener, die sagten, Ost und West seien zusammengewachsen, von 28 auf 51 Prozent. Seither geht es mit dem Gemeinschaftsgefühl wieder abwärts. 2020 waren es 47 Prozent, 2023 nur noch 37 Prozent und nun noch einmal zwei Punkte weniger. Im Osten liegt der Anteil 2025 nur noch bei 23 Prozent, im Westen bei 37 Prozent.
Ausdrücklich möchte ich hier nicht die typische ‚Jammer-Ossi‘-‚Besser-Wessi‘-Diskussion führen und auch nicht die Fehler der Treuhand o. dgl. aufarbeiten, sondern viel grundsätzlicher fragen, ob überhaupt noch berechtigte Hoffnung auf Annäherung besteht oder ob nicht die Wiedervereinigung nach gut 35 Jahren weitgehend gescheitert ist.
Ehrlich gestanden bin ich zwiegespalten.
Wichtig, um überhaupt in irgendeine Richtung weiterzukommen, erscheint mir aber auch eine offene Aussprache, da der Konflikt schon lange schwelt und bisher immer wieder mit Gemeinschaftsbeschwörungsformeln zugekleistert wurde.
Selbstviktimisierung - egal, ob von Ost oder West - kann m.E. auch kein Ansatz sein.




