Ist die Wiedervereinigung gescheitert?

Eine Diskussion, die nicht erst mit den jüngsten Wortmeldungen vom FAZ-Journalisten Reinhard Bingener („Wehe, wenn die Langmut im Westen endet“, "Die westdeutsche Solidarität ist keine Illusion") und dem Soziologen Steffen Mau („Wir können uns eine ‚Lega West‘ genauso wenig leisten wie eine Ostdeutschtümelei“) oder dem Doppelkommentar auf Zeit+ von Mark Schieritz („Die Ossis! Vom Erfolg des Westens haben sie profitiert. Aber wertschätzen wollen sie nichts.“) und Anne Hähnig („Die Wessis! Sie drohen, dem Osten die Unterstützung zu streichen. Doch wer die Nerven verliert, verliert die Wahlen.“) geführt wird und uns nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern sicherlich erhalten bleiben wird.

Schon 2024 hatte Steffen Mau bedeutende Ost-West-Unterschiede in seiner Schrift „Ungleich vereint: Warum der Osten anders bleibt“ - also ca. 35 Jahre nach dem Mauerfall - ausgemacht:

Dass der Westen auch ein massives Problem mit Rechtsradikalismus hat, haben spätestens die letzten Bundestagswahlen mit 18 % für die AfD im Westen gezeigt.

Dass beide Teilgesellschaften in sich diverser sind, als Vergleiche der Durchschnitte vermuten lassen, ist ebenfalls nicht bestreitbar.

Aber ein ‚Gefühl der Entfremdung‘ greift anscheinend um sich:

35 Jahre nach der Deutschen Einheit zeigt eine Forsa-Umfrage eine wachsende Entfremdung zwischen Ost und West. So sagten nur noch 35 Prozent der gut 1.000 Befragten, Ost- und Westdeutschland seien mittlerweile weitgehend zu einem Volk zusammengewachsen. Für 61 Prozent überwiegt eher das Trennende - in Ostdeutschland sagen das sogar 75 Prozent.

Die Entwicklung zeigt: Von 2004 bis 2019 stieg die Zahl jener, die sagten, Ost und West seien zusammengewachsen, von 28 auf 51 Prozent. Seither geht es mit dem Gemeinschaftsgefühl wieder abwärts. 2020 waren es 47 Prozent, 2023 nur noch 37 Prozent und nun noch einmal zwei Punkte weniger. Im Osten liegt der Anteil 2025 nur noch bei 23 Prozent, im Westen bei 37 Prozent.

Ausdrücklich möchte ich hier nicht die typische ‚Jammer-Ossi‘-‚Besser-Wessi‘-Diskussion führen und auch nicht die Fehler der Treuhand o. dgl. aufarbeiten, sondern viel grundsätzlicher fragen, ob überhaupt noch berechtigte Hoffnung auf Annäherung besteht oder ob nicht die Wiedervereinigung nach gut 35 Jahren weitgehend gescheitert ist.

Ehrlich gestanden bin ich zwiegespalten.

Wichtig, um überhaupt in irgendeine Richtung weiterzukommen, erscheint mir aber auch eine offene Aussprache, da der Konflikt schon lange schwelt und bisher immer wieder mit Gemeinschaftsbeschwörungsformeln zugekleistert wurde.

Selbstviktimisierung - egal, ob von Ost oder West - kann m.E. auch kein Ansatz sein.

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Das wäre ein enorm spannendes Thema für die Lage, nicht nur wg der bevorstehenden Landtagswahlen. Ich bin Südhesse, meine Frau ist in Jena geboren, wo auch ihr Vater herkommt, ihre Mutter kommt aus Brandenburg. Ihre Eltern leben aber seit über 30 Jahren hier. Subjektiv gesprochen besteht immernoch ein kultureller Unterschied. Während bei uns auf runden Geburtstagen die Erna kommt, die verflossene Liebschaft aus Kindestagen und ein lustiges Gedicht aufsagt, kommt in Thüringen der russische Soldat mit nur einem Stiefel. Der Unterschied mag lustig sein und scheint nicht sehr wichtig, aber es fehlen halt Jahrzehnte gemeinsame Identität. Das ist sicherlich nur einer von unzähligen Aspekten, aber in Anbetracht der, von dir angesprochenen, Umfragen wäre es mal wert sich das „Gesamtwerk“ zu betrachten und das von kompetenter Seite her kommentieren zu lassen.

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Auch ich finde den Themenvorschlag ausgesprochen interessant, zumal das Thema bis in meinen Freundeskreis hinein Wellen schlägt.

Zum einen nehme ich selbst bei Menschen in meinem Alter, die höchstens noch den Kindergarten in der DDR erlebt haben, teilweise Unterschiede im politischen Verständnis wahr – insbesondere bei der Frage, welche Rolle Zivilgesellschaft und individuelle bzw. gesellschaftliche Eigenverantwortung in demokratischen Prozessen spielen.

Ein Beispiel: Wir diskutieren über Wohnungsnot und Sozialstaat. Unter uns Westsozialisierten gibt es, wenn man es etwas böse formulieren will, tatsächlich eine gewisse „Besser-Wessigkeit“: Wir neigen dazu, Kritik bis ins Detail zu formulieren und gleich ganze Policy-Konzepte auszuarbeiten. Unter meinen ostsozialisierten Freunden hingegen beobachte ich häufiger, dass zwar sehr klare politische Ziele und Wünsche formuliert werden, die Frage nach dem konkreten Weg dorthin aber weniger interessiert. Das wird eher als Aufgabe der Berufspolitik verstanden: Die Politik soll dafür sorgen, dass das gewünschte Ergebnis erreicht wird. Fragen wie „Wo kommt das Geld dafür her?“ oder „Welche Zielkonflikte entstehen dabei?“ werden deutlich weniger als Teil der eigenen politischen Verantwortung betrachtet.

Die Sample Size ist natürlich begrenzt, und ich würde daraus keine allgemeine Aussage über Ostdeutsche und Westdeutsche ableiten. Gleichwohl finde ich die Differenz in meinem persönlichen Umfeld auffällig. Interessant ist dabei, dass die Forschung durchaus weiterhin Unterschiede in politischen Einstellungen zwischen Ost und West findet – allerdings mit erheblichen Überschneidungen und einer starken Bedeutung von Generation, Bildung, sozialem Milieu und individuellen Erfahrungen. Gerade bei jüngeren Generationen haben sich viele Unterschiede deutlich angenähert.

Auf der westsozialisierten Hälfte meines Umfelds gab es umgekehrt zuletzt sogar vereinzelt geäußerte Zweifel daran, ob die Wiedervereinigung möglicherweise ein Fehler gewesen sein könnte. Auch das ist natürlich keine repräsentative Beobachtung, sondern zunächst einmal eine bemerkenswerte Haltung in meinem persönlichen Umfeld.

Gerade diese Kombination finde ich aber politisch interessant und potenziell problematisch: Auf der einen Seite ein möglicherweise paternalistisches Verständnis von Politik, bei dem der Staat politische Ziele umsetzen soll, ohne dass Bürgerinnen und Bürger sich unbedingt mit den dafür notwendigen Abwägungen beschäftigen; auf der anderen Seite eine zunehmende Skepsis gegenüber dem historischen und politischen Projekt der Wiedervereinigung.

Die Gemengelage erscheint mir deshalb zumindest diskussionswürdig.

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Ich glaube es geht nicht die Fehler der Treuhand oder ähnliche Dinge bei dieser Diskussion auszusparen. Das ist genauso wie bei der Diskussion über das Verhältnis zwischen Deutschland und Tansania die Fehler der Kolonialzeit auszublenden.

In aller erster Linie ging es den Menschen um den Osten und um Anerkennung ihrer Leistung. Viele Menschen wurden nach der Wende extrem von oben herab behandelt und werden sie teils noch heute (habe ich selbst beim Bewerbungsgespräch 2016 bei einem westdeutschen Industriekonzern gemerkt, wo die erste Frage die Anreise betraf und die zweite, ob ich keine Unternehmen im Osten kenne, man brauche keine Ossis).

Andererseits wurde versprochen, binnen einiger Jahre Ost und West auf das gleiche Niveau zu heben. Bis heute ist nur eines auf dem fast selben Niveau - die Lebenshaltungskosten, leider ohne Lohnparität, Gleichheit in den Arbeitsstunden oder Aufstiegschancen mangels Zentralen in den neuen Bundesländern.

Zwar wurden ein paar staatliche Institute und Behörden in ostdeutschen Städten installiert, aber aktive Wirtschaftsförderung hinter den Erwartungen weit zurück. Stattdessen hat man erst die Solarindustrie (Thalheim zwischen Dessau und Bitterfeld) krachen lassen und später auch die WKA-Bauer bei Magdeburg. Startup-Förderung, um etwas großes neues entstehen zu lassen, ist auch eher ein Witz in Deutschland. Und mit fallen noch einige weitere Beispiele ein, wo man ganz bewusst Industrieentwicklung im Osten eher Stöcker zwischen die Beine geworfen hat.

Die Aufbau-Ost Milliarden sind zwar reichlich geflossen dafür gebührt ein großer Dank -, aber weniger in Industrie als in die Aufhübschung von Städten.

Insgesamt basiert die Entfremdung daher auf enttäuschten Erwartungen, dem Gefühl der konsequenten Ungleichbehandlung und des Unverstandenfühlens. Will man versöhnen, dann benötigt es aus meiner Sicht

  • ernstgemeinte Gesten westdeutscher Repräsentanten, die Fehler der Vergangenheit einzugestehen und das nicht nur als Einmalaussage und dann Schwamm drüber
  • eine Angleichung der Lebensrealitäten
  • Diskurs auf Augenhöhe statt wie mit einem kleinen Kind, dem man die Welt erklärt

In den letzten Jahren läuft es aber eher in die andere Richtung. Es wird eher über den Osten geschimpft als mit ihm gesprochen, vor allem in Bezug auf die AfD. Ängste und Sorgen werden nicht ernst genommen und mitigiert, sondern als abwegig und Frechheit geframed. Wenn wir diesem Weg weiter folgen, dann wird der Riss nur immer größer werden.

Edit: Hinzu kommt natürlich auch die unterschiedliche Erwartungshaltung an Politik, wie auch @tinifee richtig beschreibt. In einer Diktatur lebt jeder, der sich Gedanken zu Politik macht, gefährlich. Entweder ist man Revolutionär und gefährlich für die Machthaber, oder man ist Parteisoldat und wird daher von den anderen als Bedrohung gesehen. Das kann zu einer Entfremdung von aktiver Politikgestaltung führen, die sich erst auswachsen muss. Wenn man zudem das Gefühl hat, wie oben beschrieben, dass die „Mächtigen“ einen ohnehin nur zum eigenen Zweck ausnutzen – ein Großteil ostdeutscher Städte wurde nach der Wende von westdeutschen Politikern „übernommen“, da diese unverdächtiger waren, die westdeutschen Verwaltungsstrukturen besser kannten und besser durch ihre Parteien unterstützt wurden als Kalle, der Maurer –, hat man noch weniger Interesse sich zu engagieren.

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Auch im Westen gibt es regional unterschiedliche Lebensverhältnisse. Selbst der ostdeutsche Soziologe Mau schreibt:

Für die ersten zwei Jahrzehnte werden häufig Größenordnungen von rund zwei Billionen Euro an Netto-West-Ost-Transfers genannt; im heutigen Länderfinanzausgleich erhalten die fünf ostdeutschen Flächenländer zusammengenommen etwa zehn Milliarden Euro pro Jahr.

Bei „genauso“ stimmt schon was nicht. Ostdeutschland war keine Kolonie, Ostdeutschland ist nicht gegen den Willen der Bevölkerung besetzt worden. In Summe überwiegen insbesondere im Handlungsfeld der Treuhand also in der Wirtschaft riesige Fortschritte in Wirtschaftsstruktur und Lebensstandard die Fehler bei weitem. Der Vergleichsmaßstab für die Bewertung müssten osteuropäische Gesellschaft sein, die ihren Umbruch ohne große Transfers bewältigen mussten.

Seit 2023 ist das Rentenniveau angeblichen. Die Lebenshaltungskosten unterscheiden sich regional erheblich, auf die Schnelle hab ich nur ne Untersuchung von 2024 gefunden Regionale Preisniveaus: Wo es sich am günstigsten und wo am teuersten lebt - Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Grundsätzlich müsste man die Frage beantworten, was genau die Wiedervereinigung erreichen müsste, um als „Erfolg“ zu gelten. Gefühle und Meinungen von AfDlingen sollten nicht der Maßstab sein. Wenn man die Richtung sucht, fragt man ja auch nicht die Leute, die sich am meisten verlaufen haben.

Klar gibts bei einem präzedenzlosen Projekt Fehlschläge und Mitnahmeeffekte. Wie viel davon darf es geben, bevor man von einem Scheitern spricht?

Will man den Erfolg an Meinungsumfragen messen? An Wahlkampfversprechen der Union? Wie gleich müssen politische Landschaft, Lebensverhältnisse objektiv messbar sein?

Finde ich schwer zu sagen, aber bevor man sich nicht auf Maßstäbe einigt, kann man die Bewertung kaum sinnvoll diskutieren.

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Natürlich gibt es auch im Westen regionale Unterschiede. Aber sind die im Vergleich wirklich so groß wie zu den ostdeutschen Bundesländern?

Hier allein Zahlen und Bilder zu wirtschaftlichen Unterschieden Ost zu West:

Auch hier noch mal ein Vergleich des Einkommens nach Bundesland, leider etwas älter. Vermutlich wird sich aber nicht viel verändert haben.

Ja, aber die Bringschuld liegt aus meiner Sicht auf beiden Seiten. Wenn wir über unterschiedliche politische Prägungen und Erwartungen an Staat und Gesellschaft sprechen, kann die Lösung nicht darin bestehen, dass jeweils nur die andere Seite ihr Verhalten ändern soll.

Dass ostsozialisierte Menschen das Gefühl haben, dass ihre Erfahrungen und Perspektiven nicht ernst genommen werden, ist ein Problem, das man angehen muss. Umgekehrt gehört aber auch dazu, sich mit der eigenen Erwartungshaltung an den Staat auseinanderzusetzen.

Wer ernst genommen werden will, muss umgekehrt auch bereit sein, sich auf die Perspektive der anderen Seite einzulassen und die eigenen politischen Erwartungen zu hinterfragen. Das gilt für ost- wie westsozialisierte Menschen.

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Vielleicht sollte der Maßstab für erwüschtes Verhalten sein, welche Art von Bürgerlichkeit eine Demokratie braucht?

Ganz hörenswert:

Deine zehn Jahre alte Karte zeigt doch, dass es im Westen Kreise gibt, die sich auf ostdeutschem Niveau befinden.

Wir können uns ja wahrscheinlich darauf einigen, dass die 18- bis 50-Jährigen Ostdeutschen von der Diktatur kaum mehr was mitbekommen haben. Das sind immerhin ca. 42 Prozent der dortigen erwachsenen Bevölkerung.

Diejenigen, die vom Alter her noch erhebliche Teile ihres Lebens in der DDR verbracht haben, haben jetzt deutlich seltener rechtsradikal gewählt:



Relativ passend dazu die Plakate des BSW in Sachsen-Anhalt: Die haben alle einen kleinen Badge mit der Aufschrift „Der Osten bleibt anders!“. Ja, das BSW hat da derzeit unter 5%, aber so eine Message packen die da ja nicht ohne Grund drauf. Bayern würde ich sowas noch zutrauen, aber dass man in NRW liest „Der Westen bleibt anders!“ in Bezug auf den Ost/West und nicht nur auf zB die Region Ruhrgebiet oder so? Kaum vorstellbar für mich. Das scheint so ein Stück weit Identität zu sein, aber in einer Abgrenzung, die für mich eher negativ wirkt. Ist jetzt nur ein Beispiel aus „dem Osten“, andersrum gibts auch genug Beispiele für Abgrenzungen zw. West und Ost.

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Absolut. Volle Zustimmung.

Ich kenne das Argument, aber ich halte den Maßstab für falsch. Wenn ein hochgebildeter Migrant nach Deutschland kommt und dort nach 10 Jahren trotz großer Anstrengungen aufgrund von unter anderem (oder sogar vor allem) struktureller Diskriminierung nicht aus dem Mindestlohn herauskommt, während Deutsche mit gleicher Qualifikation Gutverdiener sind, kann der Maßstab nicht sein, dass es ihm besser geht als den meisten in seinem Herkunftsland.

Dein Argument klingt für mich wie die akademische Formulierung von

Wenn es dir bei uns nicht gefällt, dann geh doch wieder dorthin, wo du her kommst.

Richtig. Aber der Vergleich ist m.E. nicht treffend. Denn die von Ost nach West Migrierten verdienen ja nicht schlechter als ihre Westkolleg:innen oder kommen im Westen beruflich schlechter voran.

Ich finde der Thread hat mal wieder eine unnötige Clickbait-Überschrift. Wenn der Maßstab für das Gelingen eines Staates gleiche Lebensverhältnisse und gleiche parteipolitische Präferenzen wäre, müsste man auch die alte Bundesrepublik als gescheitert ansehen - so viel zur Frage im Titel.

Das soll nicht heißen, dass das diskutierte Thema nicht interessant wäre, allerdings ist es auch nicht neu, wie ein Blick in entsprechende Threads etwa von 2024 zeigt:

Was die derzeitige publizistische Debatte und insbesondere die Beiträge von Reinhard Bingener in der FAZ angeht, möchte ich gerne auf einen Kommentar von Ilko-Sascha Kowalczuk verweisen:

Die neue Ost-West-Debatte langweilt. Warum? Weil praktisch kein Argument vorkommt, was nicht bereits vor 30 Jahren zu hören war. Das mag den heute Beteiligten nicht klar sein, weil sie vor 30 Jahren nicht dabei waren. Es ist bis auf wenige Ausnahmen eine Debatte von Journalisten, die ja immer so tun müssen, als seien sie die ersten, die etwas sagen. [Quelle]

Ging es in der „neuen Ost-West-Debatte“ vor zwei Jahren zumindest noch zum zwei Bücher (von Dirk Oschmann und Katja Hoyer), sind es nun einzelne Zeitungsartikel. Wie es scheint nimmt das Niveau solcher Debatten mit jeder Wiederholung ab.

Was den Themenvorschlag an die Lage angeht, würde ich anregen, den erfahren Lage-Gast Steffen Mau einzuladen, der genau zum Thread-Thema 2024 ein Buch veröffentlicht hat, übrigens nicht sein erstes zu dieser Thematik.

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Klar, die meisten haben von der Diktatur nichts oder kaum etwas mitbekommen. Und doch sind solche Themen, Bilder und Einstellungen natürlich trotzdem noch generationenübergreifend erhalten.

Schau einfach mal auf die türkische Community. Es ist nicht die 1. oder 2. Generation der Gastarbeiter bzw. ihrer Kinder, die sich den türkischen Wurzeln besonders stark verbunden fühlt. Es ist die 3. Generation, die die Türkei nur aus Urlauben kennt, sich aber wegen der Diskriminierung ihrer Eltern und Großeltern teilweise nicht richtig anerkannt fühlt.

Was die AfD Wahlergebnisse jetzt damit zu tun haben, ist mir im übrigen nicht ganz klar. Ich halte wenig davon alles immer nur durch diese Brille zu sehen.

https://share.google/OVNHMzDk8vbl7Q8M7

, aber auch

Zur Transparenz, der Konzern war die BASF.

Ein ehemaliger Studienkollege sogar zu einer staatlichen Institution in einem westdeutschen Bundesland gegangen. Sein Teamleiter hat ihm binnen halben Jahres ans Herz gelegt zu gehen. Er wolle keine „Ossis“ im Team. Als er nicht ging, wurde ein Formfehler genutzt, um ihn zu feuern.

Das ganze wurde gerichtsfest nachgewiesen, ist also kein Hirngespinst. Er hat dann eine kleine Abfindung bekommen und ist wieder in die Heimat gegangen.

Berufliche Diskriminierung gibt es natürlich auch weiterhin. Nur ebenso wie auch bei Ausländern findet sie mittlerweile eher verborgen oder unter vier Augen statt.

Dass die - offensichtlich auch hier im Forum - schon ältere Debatte immer wieder hochkommt, zeigt ja zumindest ihre fortbestehende Aktualität.

Natürlich habe ich die Oschmann-Diskussion mitbekommen. Die fand ich allerdings unergiebig.

Mir geht’s auch nicht um ‚gleiche Lebensverhältnisse‘, die es absehbar selbst mit zusätzlichen Transfers nicht geben wird.

Was ich aber hier im Westen schon vor der Leitartikel-Diskussion in der Presse wahrgenommen habe, ist eine zunehmende Verständnislosigkeit gegenüber ‚dem Osten‘.

Und dabei ist den meisten, die sich kritisch äußern, schon klar, dass Ostdeutschland nicht aus „Ost-, Ost-, Ostdeutschland“ Grölenden besteht.

Aber mein Ansatz war ja ein anderer:

Ausweislich dieser Zahlen ist ja auch diese „Entfremdung“ überhaupt nichts Neues - wenn es nur 2019 einmal eine knappe Mehrheit überhaupt der Ansicht war, dass da etwas „zusammengewachsen“ sei. Wie es angesichts solcher Zahlen um das gegenseitige Verständnis bestellt ist, vermag ich nur zu mutmaßen, aber auch hier vermute ich mal: Im Westen (wie im Osten) nichts Neues.

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Ich nehme mal an, dass du dich hier auf (sozial-)wissenschaftliche Befunde beziehst. Eingedenk der neulich in einem anderen Thread von dir selbst vorgebrachten Mahnung, nicht vorschnell Ergebnisse einzelner Studien als Wahrheit zu darzustellen, würde ich hinter diese apodiktische Aussage doch noch mal ein Fragezeichen setzen. Ja, es gibt Studien mit entsprechenden Ergebnissen (vor allem aus den 2010er Jahren), aber eben auch welche, die zu ganz anderen Ergebnissen kommen, wonach sich Angehörige der 3. und 4. Generation viel häufiger integriert und als Teil der Gesellschaft fühlen, als welche der 1. und 2. Generation. Zudem ist es in der Migrationsforschung mehr oder weniger common sense, dass sich unterschiedliche Zugehörigkeiten überhaupt nicht gegenseitig ausschließen müssen, d.h. Menschen können sich einfach als Deutsche integriert und gleichzeitig mit der Türkei verbunden fühlen - ebenso wie sich andere selbstverständlich als Deutsche fühlen, aber zugleich ihre regionale Identität - etwa als Bayer oder Ostdeutscher - stark betonen.

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Dass es Fälle von Diskriminierung gab und sicher noch gibt, würde ich nicht ausschließen.

Aber gibt es dazu auch valide Statistiken?

Zur von dir geposteten Statistik:

Ja, es gibt ein leichtes Ungleichgewicht.

Bei den obersten Bundesbehörden entspricht der Anteil Wessis noch weitestgehend dem Bevölkerungsanteil (Differenz: 0,6 Prozentpunkte), dann nimmt es ein Stück weit zu.

[Edit: Streichung]

Da müsste man sich jetzt mal anschauen, wie sich das altersmäßig verteilt.

Nach zu dem Zeitpunkt 34 Jahren wiedervereinigtes Deutschland arbeitet ja noch ein nicht unerheblicher Teil der Beamt:innen, die in den 90ern eingestellt wurden. Dass im ersten Jahrzehnt im Osten [wie im Westen] v.a. Wessis, die schon ‚systemkompetent‘ waren, eingestellt wurden, sollte niemanden verwundern.

[Edit: Ergänzung wie folgt]

Da sich diese Statistik auf Deutschland insgesamt bezieht, müsste man nun fragen, wie denn die Verweildauer in den verschiedenen Behörden ist. Die ist ja in den Bundesministerien aufgrund der politischen Besetzung geringer. Auch müsste man die regionale Verteilung und Personalstärke berücksichtigen.

Dann müssten sie allerdings bei den Über-70-Jährigen besonders ausgeprägt sein, was erkennbar nicht der Fall ist (s.o.), und dann peu à peu absinken.

Von der ja auch von Kowalczuk, den ich sonst sehr schätze, tendenziell vertretenen ‚Diktaturschädigungshypothese‘ halte ich daher auch nicht allzu viel.

Das zeigt, dass die Skepsis schon lange erheblich war, was die Bedeutung des Themas unterstreicht, aber sich doch erheblich verringerte, bis sogar eine absolute Mehrheit die Ansicht vertrat, dass man zusammengewachsen sei.

Bemerkenswert ist dann aber doch, dass sich der Trend ins Gegenteil verkehrt hat.

Bedenkenswert finde ich zunächst, was Mau wider überzogene Erwartungen formuliert (Quelle oben verlinkt):

Von „Aufholjagd“ und der „Angleichung der Lebensverhältnisse“ war und ist die Rede. Heute müssen wir feststellen, so Mau, dass die Erwartung einer vollständigen Angleichung nicht realistisch ist (abgesehen davon, dass sie nicht in allen Bereichen wünschenswert ist).

Dies ehrlich einzugestehen und zu akzeptieren wäre doch schon mal ein Riesenfortschritt, denke ich.

Und Mau hat zumindest für das unterschiedliche Demokratieverständnis in Ost und West einen, wie ich finde, pragmatischen Lösungsvorschlag:

Aus den ostdeutschen Besonderheiten ergebe sich, dass der politische Raum anders gedacht und gestaltet werden muss. „Womöglich ist Ostdeutschland sogar dazu prädestiniert, ein Labor der Partizipation zu werden“, glaubt Mau. Konkret schlägt er vor, vermehrt auf Bürgerräte zu setzen. Sie könnten helfen, Populismus einzudämmen, weil sie „das Volk“ elementar beteiligen: Eine zufällig zusammengesetzte und heterogene Gruppe von Bürgerinnen und Bürgern tauscht sich intensiv aus über politische Fragen und findet im besten Fall zu einer gemeinsamen, ausgewogenen Position. Diese Position könnte eine größere allgemeine Akzeptanz erlangen als Gesetze, die „von denen da oben“ erdacht worden sind. Insofern könnten oder sollten „Bürgerräte die repräsentative Demokratie nicht ersetzen, sondern ergänzen“.

Könnte das der zunehmenden Entfremdung (s.o.) entgegenwirken?

Schonungslos beschrieben:

(ab Minute 14)

Auch über solche Probleme muss man sprechen.

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