Ehrlich gesagt geht es mir fast einzig um diese Frage bei dem Thema.
Denn kulturelle Unterschiede, wie sie @Sarathai z.B. erwähnt, darf es natürlich weiterhin geben.
Wenn nun eine Untersuchung zu dem Ergebnis der „Entfremdung“ von Osten und Westen kommt, frage ich mich, ob eine Untersuchung nicht zu ähnlichen Ergebnissen bei anderen Regionen kommen würde. Zum Beispiele eine „Entfremdung“ Bayerns vom Rest der Republik, siehe z.B. hier:
Wenn jeder dritte Bayer lieber Bayern als unabhängiges Land sehen würde, würde ich behaupten, dass die Entfremdung hier ähnlich groß, wenn nicht sogar größer ist, als im Kontext Ostdeutschlands (dort liegt die Quote jener, die sich unabhängig machen wollen, nur bei 20%). Auch Bayern hat natürlich eine ganz spezifische kulturelle Prägung, die fernab der von Westdeutschland liegt.
Es ist und bleibt meines Erachtens vor allem die wirtschaftliche Situation, die dazu führt, dass viele Ostdeutsche sich nicht wertgeschätzt und nicht auf Augenhöhe mit Westdeutschland fühlen. Und dafür habe ich vollstes Verständnis. Eine rechtsextreme, russlandnahe Partei zu wählen ist da natürlich keine sinnvolle Lösung, aber Menschen handeln leider nicht immer rational. Irgendwo habe ich jedenfalls auch Verständnis dafür, dass viele Ostdeutsche 36 Jahre nach der Wende nicht mehr die Parteien wählen wollen, die ihnen blühende Landschaften versprochen, aber nicht geliefert haben. Nun gehen sie den nächsten Rattenfängern auf den Leim, die ihnen Dinge versprechen, die definitiv nicht eintreten werden (z.B. wirtschaftlicher Aufschwung unter einer AfD-Regierung… völlig unrealistisch!).
Kulturell hat natürlich die Sowjet-Zeit ihre Spuren in Ostdeutschland hinterlassen. Aber das hat sie auch im Baltikum, dort sind die Menschen aber mehrheitlich strikt gegen Russland und für die Demokratie. Was ist dort also besser gelaufen als in Ostdeutschland? Möglicherweise war es für diese Staaten gerade gut, dass sie für ihre Unabhängigkeit kämpfen mussten, statt für einen Beitritt zu einem anderen Staat, der ihnen ein anderes Wirtschaftssystem aufgezwungen hat, wobei vieles unnötig zerstört wurde (siehe Treuhand und co.).
Letztlich sehe ich darin immer noch das größte Problem der Wiedervereinigung. Man hat die Länder mit ihren Menschen gerne aufgenommen, aber dort alles an Strukturen aus teilweise ideologischen Gründen zerstört, ohne die Menschen in Ostdeutschland zu fragen, was sie eigentlich wollen. Der Großteil des Großeigentums lag in Staatshand - und ist im Rahmen der Wiedervereinigung an westdeutsche Firmen und Investoren gegangen, statt an die Menschen in Ostdeutschland als Lohn für ihre Lebensleistung zu fließen, der ihnen während der DDR-Zeit vorenthalten wurde.
Egal wie ich es drehe und wende, das Problem ist für mich immer die wirtschaftliche Lage in Ostdeutschland. Dermaßen ungleiche Lebensverhältnisse, vor allem die Tatsache, dass es als Ostdeutscher extrem schwer ist, in eine Führungsposition zu kommen und dass der Großteil der Vermögen in Deutschland in Erbschaften liegt, diese aber im Osten kaum existieren, führen eben zu Frust - und das führt zu „Entfremdung“ auf beiden Seiten. Der Wessi versteht den Frust des Ossis nicht, der Ossi versteht nicht, warum der Wessi nicht versteht, warum er frustriert ist. Das ist Entfremdung.