Ist die Wiedervereinigung gescheitert?

Nur zur Sicherheit: Fragst du das jetzt jeden, oder nur bei mir, weil ich mich kürzlich dagegen ausgesprochen habe, aus einer einzelnen Studie mit völlig neuartigen Ergebnissen abzuleiten, dass sich die Fakten geändert hätten?

Ich bin kein Sozialwissenschaftler und beobachte die Debatte nur interessiert in den Medien und Populärveröffentlichungen. Wenn ich den Sachstand falsch wiedergegeben habe, dann tut es mir leid und bitte um Berichtigung.

Ich kenne zum Thema vor allem Positionen von Mafaalani, der dem Phänomen, dass die zweite Generation (und spätere) zwar integrierter ist, sich aber (aufgrund höherer Erwartungen) abgelehnter fühlt, den Namen Integrationsparadox gab.

Das würde ich nie bestreiten und habe ich auch nicht behauptet. Ich schrieb davon, dass die späteren Generationen sich nicht anerkannt fühlen. Das ist etwas völlig anderes als individuelle Verbundenheit. Lass uns bitte auf Strohmänner verzichten.

Nach meinem Verständnis ist das so nicht korrekt. Das Phänomen ist als Integrationsparadox bekannt.
Das Integrationsparadox beschreibt, dass bessere Integration nicht automatisch zu weniger Spannungen führt, sondern oft zu mehr Konflikten, weil die Erwartungen an Gleichberechtigung und Teilhabe steigen. Es reicht den gut integrierten jungen Generationen nicht mehr einfach nur geduldet zu werden. Man möchte geschätzt werden und mit gestalten.

Wird dieses Bedürfnis nicht ausreichend erfüllt, kann es zu Unzufriedenheit und Entfremdung kommen.

Aber wie oben geschrieben, das ist mein Verständnis basierend auf der Populärliteratur zu dem Thema. Wenn ihr bessere Quellen habt, immer her damit.

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Das ist soweit plausibel, einverstanden.

Nur hindert die jüngeren Ostdeutschen ja niemand daran, sich einzubringen und zu gestalten - schon gar nicht in Ostdeutschland.

Und von einer weitreichenden Diskriminierung kann nun wirklich nicht die Rede sein.

Wenn du da Daten hast, die eine weitreichende Diskriminierung Ostdeutscher im Westen zeigen, lasse ich mich auch eines Besseren belehren.

Ansonsten gilt Personenfreizügigkeit.

(Jenseits dessen rechtfertigt nix das Wählen Rechtsradikaler. Aber das ist ein eigenes Thema.)

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Nur unter der Voraussetzung, dass die Entscheidungen dieser Gremien dann akzeptiert werden und nicht von oben herab als unannehmbare Skandale geframed werden, fürchte ich.

Wenn bspw. auf Basis der Bürgerräte entschieden wird, dass Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern keine Windkraft mehr ausbauen, weil Länder mit viel Erzeugung aktuell die höchsten Netzgebühren zahlen müssen (obwohl man ihnen früher versprochen hat, Strom bei ihnen werde dadurch günstiger und helfe bei der Anwerbung von Investoren), und dann aus dem Westen und Süden wüste Interventionen kommen, dann wird das der Entfremdung sicher nicht entgegen wirken.

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Rechts- und ferner verfassungskonform müssen die Beschlüsse natürlich schon sein.

Das ist ja klar.

Dein Beispiel verstieße sehr wahrscheinlich gleich gegen mehrere Verfassungsgrundsätze.

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Ehrlich gesagt geht es mir fast einzig um diese Frage bei dem Thema.
Denn kulturelle Unterschiede, wie sie @Sarathai z.B. erwähnt, darf es natürlich weiterhin geben.

Wenn nun eine Untersuchung zu dem Ergebnis der „Entfremdung“ von Osten und Westen kommt, frage ich mich, ob eine Untersuchung nicht zu ähnlichen Ergebnissen bei anderen Regionen kommen würde. Zum Beispiele eine „Entfremdung“ Bayerns vom Rest der Republik, siehe z.B. hier:

Wenn jeder dritte Bayer lieber Bayern als unabhängiges Land sehen würde, würde ich behaupten, dass die Entfremdung hier ähnlich groß, wenn nicht sogar größer ist, als im Kontext Ostdeutschlands (dort liegt die Quote jener, die sich unabhängig machen wollen, nur bei 20%). Auch Bayern hat natürlich eine ganz spezifische kulturelle Prägung, die fernab der von Westdeutschland liegt.

Es ist und bleibt meines Erachtens vor allem die wirtschaftliche Situation, die dazu führt, dass viele Ostdeutsche sich nicht wertgeschätzt und nicht auf Augenhöhe mit Westdeutschland fühlen. Und dafür habe ich vollstes Verständnis. Eine rechtsextreme, russlandnahe Partei zu wählen ist da natürlich keine sinnvolle Lösung, aber Menschen handeln leider nicht immer rational. Irgendwo habe ich jedenfalls auch Verständnis dafür, dass viele Ostdeutsche 36 Jahre nach der Wende nicht mehr die Parteien wählen wollen, die ihnen blühende Landschaften versprochen, aber nicht geliefert haben. Nun gehen sie den nächsten Rattenfängern auf den Leim, die ihnen Dinge versprechen, die definitiv nicht eintreten werden (z.B. wirtschaftlicher Aufschwung unter einer AfD-Regierung… völlig unrealistisch!).

Kulturell hat natürlich die Sowjet-Zeit ihre Spuren in Ostdeutschland hinterlassen. Aber das hat sie auch im Baltikum, dort sind die Menschen aber mehrheitlich strikt gegen Russland und für die Demokratie. Was ist dort also besser gelaufen als in Ostdeutschland? Möglicherweise war es für diese Staaten gerade gut, dass sie für ihre Unabhängigkeit kämpfen mussten, statt für einen Beitritt zu einem anderen Staat, der ihnen ein anderes Wirtschaftssystem aufgezwungen hat, wobei vieles unnötig zerstört wurde (siehe Treuhand und co.).

Letztlich sehe ich darin immer noch das größte Problem der Wiedervereinigung. Man hat die Länder mit ihren Menschen gerne aufgenommen, aber dort alles an Strukturen aus teilweise ideologischen Gründen zerstört, ohne die Menschen in Ostdeutschland zu fragen, was sie eigentlich wollen. Der Großteil des Großeigentums lag in Staatshand - und ist im Rahmen der Wiedervereinigung an westdeutsche Firmen und Investoren gegangen, statt an die Menschen in Ostdeutschland als Lohn für ihre Lebensleistung zu fließen, der ihnen während der DDR-Zeit vorenthalten wurde.

Egal wie ich es drehe und wende, das Problem ist für mich immer die wirtschaftliche Lage in Ostdeutschland. Dermaßen ungleiche Lebensverhältnisse, vor allem die Tatsache, dass es als Ostdeutscher extrem schwer ist, in eine Führungsposition zu kommen und dass der Großteil der Vermögen in Deutschland in Erbschaften liegt, diese aber im Osten kaum existieren, führen eben zu Frust - und das führt zu „Entfremdung“ auf beiden Seiten. Der Wessi versteht den Frust des Ossis nicht, der Ossi versteht nicht, warum der Wessi nicht versteht, warum er frustriert ist. Das ist Entfremdung.

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Vielleicht müsste hier auch definiert werden, was genau darunter verstanden wird. Der Begriff ist so etwas wie ein beliebiger Behälter, in den jeder etwas anderes einfüllt (ungefähr wie bei „soziale Gerechtigkeit“). In Sachen Infrastruktur z.B. wird manch ein Westdeutscher in Ostdeutschland kaum etwas anderes als blühende Landschaften entdecken, in Sachen Arbeitsmarkt werden viele Ostdeutsche sich hingegen auf einer langen Suche nach vereinzelten Blümchen sehen.

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Sorry, aber das ist schon Geschichtsklitterung.

Das marktwirtschaftliche System wurde begrüßt, auch wenn man sich darunter vielleicht etwas anderes vorgestellt hatte und die damit verbundenen Transformationshärten nicht abschätzen konnte.

Den Ostdeutschen ist mehrheitlich wohl bewusst, dass sich eine Abspaltung für sie nicht auszahlen würde. Mehr Bazis hingegen sitzen der Illusion auf, dass das beim Freistaat anders sein könnte.

Wenn es nur um gleiche ökonomische Lebensverhältnisse („die wirtschaftliche Situation“) geht, wie du annimmst, dann ist der Drops gelutscht und die Wiedervereinigung aufgrund dauerhafter Entfremdung endgültig gescheitert. Denn eine solche Angleichung der Lebensverhältnisse wird es nicht geben.

Das konzediert ja sogar Mau.

Na dann, gute Nacht, wenn das der Kasus Knaxus ist.

Mit gezielter Wirtschaftsförderung wäre das meiner Meinung nach schon möglich. Bayern war bis in die 1950er auch ein überwiegend landwirtschaftlich geprägtes Bundesland.

Ich mein, es gibt aktuell 100 Mrd. € für die Bundeswehr. Es wäre ein leichtes neue Standorte von Lieferanten im Osten zu fordern oder Kasernen im Osten wieder aufzubauen.

Stattdessen wird überwiegend hier investiert:

  1. Rheinmetall in Niedersachsen & Düsseldorf
  2. MBDA in Bayern & Baden-Württemberg
  3. KNDS: Hessen & Bayern
  4. TKMS: Schleswig Holstein
  5. Hensoldt: Bayern

Nur Rheinmetall investiert in eine kleinere Pyrotechnik-Fabrik in Silberhütte und will seine 300 Mitarbeiter um mindestens 100 weitere aufstocken.

Analog die Planungen für neue Bundeswehr-Standorte:

https://www.bmvg.de/de/aktuelles/neue-bundeswehr-standorte-fuer-neuen-wehrdienst-6101802

Gezielte Investitionen ließen sich natürlich auch in Industrien wie Klimaschutz, Klimaanpassung oder grüne Chemie in die Regionen lenken. Sachsen-Anhalt hat mit dem Chemiestandort Merseburg/Leuna die Wiege der Verfahrenstechnik hervorgebracht und in Thalheim einst das Zentrum der europäischen Solarindustrie aufgebaut. Jena genießt weltweit einen Ruf für Hochtechnologie im Bereich Optik. Die Region Dresden ist ein starker Standort in der Chipindustrie, und es gibt noch einige weitere führende Regionen. Man könnte hier sicher etwas Großes aufbauen, wenn der Wille da ist. Wenn jedoch, wie etwa bei Herrn Söder oder Frau Karliczek, stets der eigene Wahlkreis oder die eigene Region bevorzugt wird, bleibt der Osten natürlich ewig am Rockzipfel.

Aber ich gebe zu, gezielte Wirtschaftsförderung ist eigentlich nicht das Thema des Threads. Es zeigt eher das Versäumnis, das unter anderem zum Scheitern der Wiedervereinigung beigetragen hat.

Apropos „Scheitern der Wiedervereinigung“, sogar ‚Zonenkind‘ Jana Hänsel spricht von einer teilweise gescheiterten. Und ein sächsischer Pfarrer ‚jammert‘ über Jammer-Ossis:

Aber Spaß beiseite, der Zug auf Angleichung der Lebensverhältnisse ist abgefahren, nicht nur, weil der Osten keine Alpen hat, sondern v.a. wegen der Demografie. Das wird so oder so noch bitter. Jenseits vom Speckgürtel um Berlin, Leipzig, Dresden und Jena kann man froh sein, wenn man das jetzige Niveau längerfristig halten kann.

Zitat des Tages (Zeit+):

»Wir Ossis fühlen uns auch als Verlierer, obwohl hier alles okay ist.«

Gibts wirklich keine Alternativen auf dem Wahlzettel? Klar gibts die. Aber wenn man immer Parteien wählt, bei denen man mit etwas MeinungsBILDUNG und nach 30 Jahren Erfahrungen mit denen, leicht wissen kann, dass die einen bescheissen, einfach weil einem deren Lügen besser gefallen, als die Wahrheiten der Konkurrenz und nun wählt man eine Partei, die genau das noch ungebremster und offensichtlicher tut: Selbst schuld, geliefert, wie bestellt. Da hab ich 0 Verständnis.

Ich würde das anders bewerten. Es gibt auch im Westen Regionen, die einfach nicht die Voraussetzungen haben, wie die Boom-Regionen. Dass man Ostdeutschland im Zustand von 1990 binnen gut 30 Jahren auf das ökonomische Niveau der drittstärksten Volkswirtschaft der Welt, volkswirtschaftlich auf eine Stufe mit München, Stuttgart oder Hamburg hieven könnte, würde ich ausschließen. Um einen fairen Vergleich zu ziehen müsste man die wirtschaftliche Entwicklung der strukturschwächsten Regionen der BRD seit 1990 heranziehen. Bspw. des nord-westlichen Niedersachsens oder so. Die wird vermutlich nicht entscheidend besser als die besten Regionen in Ostdeutschland sein.

Vielleicht gab es die Chance kurz als dort mit Solar und Wind echte Zukunftsstandorte hätten entstehen können. Aber sonst ist es extrem unwahrscheinlich, so eine Lücke ohne Sondereffekte schließen zu können, denke ich. Wenn ich bei einem 70 Meter, Sprint 30 Meter weiter hinten starte, ist es unterhalb eines Wunders, ausgeschlossen, dass wir gleichzeitig über die Ziellinie kommen. Wenn ich dazu noch die deutlich schlechteren Voraussetzungen mitbringen, doppelt unwahrscheinlich.

Das stimmt doch einfach nicht. Es war nicht Westdeutschland, wo die Entscheidung für die 1:1 Währungsunion jetzt sofort getroffen wurde. Dort hätten die meisten Fachleute das lieber anders geregelt. Die Menschen in der DDR konnten frei wählen. Aber die übergroße Mehrheit hat eben nicht an der friedlichen Revolution teilgenommen, an den runden Tischen gesessen, in den Kommitees und Gruppen, sondern abgewartet, wie es ausgeht. Und grade die, die dann Union und heute AfD wählen, waren doch eher die, die dann „sofort“ das westliche Modell wollten, in der Erwartung, dass das vor allem den 1:1 gleichen Wohlstand bedeuten würde, ohne ne Sekunde zu überlegen, ob das funktionieren kann. „Kommt die D-Mark nicht zu uns, kommen wir zu ihr“ auf den späteren Demos, fasst diese Haltung am besten zusammen. Den echten Demokraten, die die Revolution unter hohem Risiko und Einsatz in Gang gesetzt haben, haben die Opportunisten das Ruder aus der Hand gerissen, als klar war, wer das gewinnt und Kurs auf eine angebliche Schatzinsel gesetzt. Und nun sollen andere Schuld sein, dass die eigene Gier nicht voll befriedigt werden konnte? Weil man zwar extrem an Wohlstand gewonnen hat, aber die Lücke nicht voll schließen konnte?

Plant man das anders, steigen einem doch grade die Russlandfreunde in Ostdeutschlandaufs Dach: Die dauerhafte Stationierung von NATO-Soldaten in Ostdeutschland wurde in leicht variierender Form sowohl im 2+4 Vertrag, als auch in der NATO-Russland-Grundakte ausgeschlossen, meine ich, ohne es nochmal genau nachgeschaut zu haben.

So ganz leicht baut man einen Rüstungsstandort inklusive Zulieferern nicht auf. Vor allem nicht, wenn offen bleibt, wie hoch die Nachfrage abseits so einer Sonderzahlung am Ende dauerhaft bleibt.

Man hat dort also großes aufgebaut. Nur ist es manchen nicht schnell und groß genug gegangen. Das ist aber ne offene Frage, wie realistisch diese Anspruchshaltung ist. Wo ich sofort zustimmen würde, sind Behörden u.ä. da hätten deutlich häufiger ostdeutsche Standorte gewählt werden müssen.

Auch in Ostdeutschland soll es Wahlkreise geben​:wink:

Also mal konkret: Wie groß dürften welche Unterschiede denn noch sein, damit die Wiedervereinigung nicht als gescheitert gelten würde? Schaut man dabei immer auf den Osten insgesamt vs. Gesamt-Westdeutschland, oder auf Vergleichsregionen, die 1990 ähnliche Voraussetzungen hatten? Oder müssten dafür bspw. Erbschaften und Vermögen gleich hoch sein? BIP/Kopf? Ist ein Szenario plausibel, in dem ab 1990 alle alles so entscheiden, wie es im Rückblick besser gewesen wäre, das zur kompletten/hinreichenden Angleichung der in deinen Augen wesentlichen Faktoren geführt hätte? Ich glaube das nicht., was nicht bedeutet, dass nicht die eine oder andere Entscheidung hätte besser ausfallen können.

Noch ein Gedanke: Wirtschaftlicher Erfolg ist leider ein großer Pull-Faktor für Leute, die bspw. 40% der Sachsen-Anhalter nicht haben wollen: Migranten und Progressive. Und er könnte die kulturellen Veränderungen, die ein großer Teil der Wählerschaft so furchtbar findet, noch weiter beschleunigen und vorantreiben. Ob die sich dann wirklich besser integriert fühlen würden, wenn das „Stadtbild“ dort aussieht, wie in Köln, München, Berlin? Ich habe leise Zweifel.

Dank der 5%-Hürde bleibt wohl nur die Linke und das BSW. Aber die sind für konservativ geprägte Menschen vermutlich nicht wählbar. Natürlich wär’s mir lieber, die AfD-Wähler würden ihre Stimmen an demokratische Parteien unter der 5%-Hürde verschenken, aber wir müssen hier realistisch bleiben.

Ich deute diese Menschen so, dass sie in jedem Fall eine spürbare Veränderung des Status Quo wollen. Und die einzige Partei, die ihnen das verspricht (ob sie es halten kann sei mal dahingestellt) und die Aussicht darauf hat, tatsächlich auch mächtig genug dafür zu werden, ist leider die AfD.

Hier aus dem schönen Bochum festzustellen, dass es doch noch andere Möglichkeiten gibt und der Status Quo doch gar nicht so schlecht sein kann, dass man deshalb Nazi wählen muss, ist alles gut und richtig. Aber ich fürchte, der Ostdeutsche AfD-Wähler tickt da anders. Das können wir jetzt verurteilen - und sind moralisch damit definitiv im Recht - aber es ändert leider nichts daran, dass die AfD in zwei ostdeutschen Bundesländern knapp vor der absoluten Mehrheit steht. Wir sind uns denke ich absolut einig, wie schlimm das ist.

Zum Beispiel Gelsenkirchen, wo die AfD ebenfalls mittlerweile auf 30% kommt. Gelsenkirchen steht nicht zufällig für die wirtschaftlich abgehängteste Stadt in NRW.

Ich bin mir nicht sicher, ob man einem Volk, dass gerade zwei Diktaturen am Stück über einen Zeitraum von fast 60 Jahren hinter sich hatte wirklich die Schuld in dieser Form geben kann. Wer nun diese Entscheidungen genau getroffen hat und in welcher Form ist fast nebensächlich - klar, waren vielleicht ein ein paar Ostdeutsche Möchtegern-Kapitalisten. Fakt ist aber, dass das Volkseigentum der DDR größtenteils an westliche Investoren verscherbelt wurde und dass es in Ostdeutschland kaum Erbvermögen gibt, in einem System, in dem 9 von 10 „reiche Menschen“ durch Erben reich geworden sind.

Diesen Frust darüber zu überspielen mit „Die wollten es doch so, jetzt sollen sie sich nicht beklagen“ finde ich nicht fair.

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Der Witz ist, dass du damit meine These exakt bestätigst - und auch das, was @Simsalabeam im Marcant-Clip oben gepostet hat.

Mangelnder Wohlstand bedeutet, die gut ausgebildeten, tendenziell progressiven jungen Leute ziehen weg. Es bleiben die weniger gut ausgebildeten, die tendenziell sehr konservativ denken. Dadurch wird die AfD stark, das ist ja auch Teil meiner These.

Mehr Wohlstand führt umgekehrt zu mehr Zuzug von gut ausgebildeten jungen Menschen und durchaus auch migrantischen Fachkräften. Dadurch wird die AfD relativ betrachtet schwächer.

Daher: Der (mangelnde) Wohlstand ist auch nach dieser Feststellung eine maßgebliche Stellschraube, ob eine faschistische Partei wie die AfD stärker wird oder nicht.

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Also wenn ich erst die einzige Partei wähle, die mir binnen küzester Zeit blühende Landschaften verspricht, obwohl das ausgeschlossen war und jetzt eine Partei, die in der Tat den Status Quo so spürbar ändern wird, wie keine demokratische Partei, ohne eine Sekunde innezuhalten, warum das wohl so sein könnte, wessen Schuld ist es dann, dass „die Demokratie“ nicht liefern kann, was ich mir so zusammen träume? Wenn ich mich erst von einem Hütchenspieler immer wieder übers Ohr hauen lasse und dann auf einen anderen Trickbetrüger reinfalle, obwohl ich in beiden Fällen von überall davor gewarnt wurde und nun aus Enttäuschung über die Schlechtigkeit der Welt mein Geld ins Casino trage, weil der Betreiber damit wirbt, meinen Status Quo zu ändern, wer ist dann dafür verantwortlich, dass ich am Ende nix mehr hab? Nicht die bösen Wessis, die Ausländer oder die Linken zwingen mich dazu. Meine fehlende Fehleranalyse, meine Unehrlichkeit mir selbst gegenüber, ist der Grund, warum ich das Problem im Außen sehe. Parteien, die unehrlich Politik machen, Dogmen stets so lange festhalten, wie es irgendwie geht und verpasste Chancen dann zuverlässig wieder allen anderen vorwerfen, repräsentieren diese Leute und wenn sie bekommen was sie gewählt haben, sind wieder alle außer ihnen selbst Schuld. Musterfall selbstverschuldeter Unmündigkeit.

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Aber so eine Entwicklung ist für die rechts-konservative/radikale/extreme Mehrheit, die dort jetzt lebt in deinen Worten „nicht wählbar“. Sie bekommen also nicht das, was sie wollen und wählen.

Objektiv besser für sie, kann man sagen, aber ist dass dann nicht genau die von oben herab Haltung, die vorher noch kritisiert wurde.

haben wir in Niederbayern auch. In meinen Augen beißen sich blühende Landschaften und wirtschaftlicher Aufschwung.
Aber gut. Das Problem ist doch, dass man sich dann eben nicht mit Cham (Oberpfälzer Outback) und Bayerisch Eisenstein (Grenzregion zu Tschechien) vergleicht, sondern Tutzing (am Starnberger See) und Schwabach (Metropolregion Nürnberg).
Wenn man aber Tutzing mit Leipzig und Schwabach mit Dresden vergleicht, sieht es schon wieder ganz anders aus.
Da trifft dann also eine völlig überzogene Erwartungshaltung im Osten auf das Gefühl im Westen, hier würden Ostbezirke bevorzugt und man selbst fällt hinten runter. Und am Ende hat man Frust auf beiden Seiten.
Es ist klar, wenn Du eine Schleuse öffnest, sich das Wasser neu verteilt, bei den einen wird es mehr, bei den anderen weniger. Die Hoffnung, dass nun alle Seiten profitieren würden, war schon reichlich blauäugig. So wie Franz Beckenbauer meinte: „Wir sind jetzt die Nummer 1 in der Welt und schon lange die Nummer 1 in Europa. Jetzt kommen die Spieler aus Ostdeutschland noch dazu. Ich glaube, dass die deutsche Mannschaft über Jahre hinaus nicht zu besiegen sein wird“
Ne, sieht man recht deutlich, was daraus wurde.

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Die sollen sich beklagen und zukünftig klüger entscheiden. Stattdessen eine Partei zu wählen, die alles, was man vorher falsch fand, noch schlimmer macht, ist nicht fair gegenüber denen, die hinterher unverschuldet deren Politik ertragen müssen.

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Wir sind uns doch im Kern völlig einig, dass die AfD zu wählen in jedem Fall ein riesiger Fehler ist. Und sau dämlich.

Der einzige Unterschied liegt letztlich in unserer philosophischen Grundhaltung begründet. Du argumentierst quasi mehr oder weniger direkt mit dem „freien Willen“ und „Selbstverantwortung“, ich argumentiere aus der philosophischen Position heraus, dass ich nicht an einen „freien Willen“ glaube, sondern denke, dass jeder Mensch nur im Rahmen seiner (biographischen / persönlichen) Horizonte handeln kann.

Daher ist das Verhalten der Ostdeutschen AfD-Wähler für mich eine ebenso logische wie abzulehnende Konsequenz der Verhältnisse von zwei Diktaturen vor 1990 und einer definitiv in vielen Fällen nicht idealen Wiedervereinigungspolitik in den 36 Jahren danach. Das macht es nicht besser, verlegt aber den Fokus, wie man dagegen vorgehen kann, weg von „Vorwürfe machen“ / „den AfD-Wähler bekämpfen“ hin zu „Ursachenbekämpfung“.

Wie gesagt, ich lehne es generell ab, in den Kategorien von „Schuld“ zu denken. Mein Bestreben ist, darüber nachzudenken, wie wir das bestehende gesellschaftliche System so verändern können, dass die Leute in Zukunft keine AfD mehr wählen. Aggressive Ausgrenzung von AfD-Wählern ist da durchaus ein Mittel, aber schöner wäre es, die Gesamt-Lebensumstände in Ostdeutschland so zu verändern, dass einfach für weniger Menschen Grund für den Frust vorliegt, der die Menschen zur AfD treibt. Und der Wohlstand ist da für mich weiterhin die maßgebliche Stellschraube.

(und nein, das bedeutet nicht, dass es gerechtfertigt ist, die AfD zu wählen. Ganz im Gegenteil. Man muss hier analytisches Verstehen von emotionalen „Verständnis haben“ scharf trennen. Und bevor dieser Einwand kommt: Wie gesagt, es ist natürlich absolut falsch, die AfD zu wählen, weil sie die Probleme der Ostdeutschen nicht lösen wird. Das wissen wir im Rahmen unserer biographischen / persönlichen Erfahrung ziemlich sicher. Der AfD-Wähler hat aber eben einen einen Erfahrungshorizont, aus dem heraus es für ihn sinnvoll scheint, die AfD zu wählen. Dem stimmen wir nicht zu, aber diese Tatsache müssen wir anerkennen - also dass der AfD-Wähler tatsächlich davon überzeugt ist, „das aus seiner Sicht Richtige“ zu tun. Das ist keine moralische Wertung - auch der Nazi, der tatsächlich indoktriniert wurde, zu glauben, es gäbe eine jüdische Weltverschwörung, hat aus seiner Sicht möglicherweise gedacht, das richtige zu tun, indem er am Holocaust mitwirkt. Das macht es nicht weniger falsch. Nochmal: Wir müssen hier analytisches Verstehen von emotionalen „Verständnis haben“ trennen, wenn wir systematische Lösungen finden wollen, statt es bei individuellen Schuldzuweisungen zu belassen. Die Schuldzuweisungen kann man natürlich trotzdem anbringen (ob sie hilfreich sind, darüber kann man streiten), aber man macht es sich zu einfach, es nur bei diesen Schuldzuweisungen zu belassen und die systematischen Gründe zu ignorieren.)

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Nur kurz, weil das eigentlich nicht wirklich das Thema des Threads ist: Da scheint mir einiges durcheinander zu gehen. El-Mafaalanis These vom Intregationsparadox beschreibt m. E. eher, dass mehr Integration zu mehr gesellschaftlichen Konflikten führt. Konkret: Wenn Dazugekommene sich selbstverständlicher als Teil des Ganzen betrachten und entsprechend auftreten (in El-Mafaalanis Bild sind es Menschen, die sich mit an den Tisch setzen), löst das häufiger entsprechende Abwehrreflexe von Alteingesessenen aus.
Wenn man das auf die Vereinigung überträgt, ginge es also um Konflikte zwischen West- und Ostdeutschen aufgrund eines selbstbewussten Auftretends von ab 1989 „dazugekommenen“ Ostdeutschen. Wichtig an der These ist aber, dass die Konflikte eine Folge von mehr Integration sind. Was du aber m. E. beschrieben hast, ist eine Abnahme von Integration: Menschen fühlen sich weniger hier, sondern mehr im Herfunftsland ihrer Eltern oder Großeltern „zu Hause“. Wobei ich diesen Befund - das war eigentlich das Hauptanliegen meiner Intervention - wie gesagt in dieser Eindeutigkeit hinterfragen würde.

Was das eigentliche Thema angeht: Ich finde die Formulierung „Scheitern der Wiedervereinigung“ wirklich symptomatisch für die Art und Weise, wie (nicht nur) hier mittlerweile diskutiert wird. Das Schlagwort lebt geradewegs davon, dass alle etwas anderes darunter verstehen. Dem einen geht es um unterschiedlichen Lebensbedingungen, dem anderen um unterschiedliche kollektive Selbst- und Fremdwahrnehmungen und wieder anderen um Diskriminierungserfahrungen. Aber niemand definiert einen konkreten Maßstab, was denn „Scheitern“ bedeutet und wann es erreicht ist.

Nur mal ein Beispiel: Im sogenannten Kaiserreich wurde zum Teil erst Jahre nach der Reichsgründung 1871 (die übrigens weitaus undemokratischer ablief als der Beitritt der DDR 1990) damit begonnen, überhaupt einheitliche Strukturen und Rechtssysteme zu schaffen. Neben den weitreichenden Prägungen und Zugehörigkeiten zu den zahlreichen vorherigen Staaten gab es eine Unterschiedlichkeit von Lebensrealitäten und Weltanschauungen, gegen die sämliche hier diskutierten Unterschiede ein Witz sind. Böse Zungen behaupten sogar, dass es eine „innere Einheit“ erst in der Begeisterung des Weltkriegs und später im Elend desselben und der Nachkriegszeit gegeben habe - wie es dann weiterging, wissen wir alle.
Ich kann mich dennoch nicht entsinnen, dass deshalb irgendjemand von einem „Scheitern“ der Reichsgründung sprechen würde.

Warum muss es denn immer gleich um „Schuld“ gehen: Ich kann doch einfach nüchtern und ohne moralische Wertung beschreiben, dass sich sehr viele Menschen in der DDR eingerichtet hatten und - als sich die Gelegenheit 1989 bot - möglichst schnell Lebensverhältnisse wollten, wie es sie ihrer Meinung nach in der BRD gab. Genau mit dem Bespielen dieser Stimmung haben doch Kohl und die damalige AfD (Allianz für Deutschland) die Wahlen 1990 gewonnen. Und auch eine große Mehrheit der Menschen in der BRD wollte sich dem nationalen Taumel hingeben. Die „Wiedervereinigung“ wurde ja wie ein Naturgesetz behandelt, da gab es bis auf ein paar vermeintliche „Spinner“ (zum Beispiel Teile derjenigen, die wirklich in der DDR in der Opposition waren) kaum jemanden, der auch nur darüber nachdachte, ob es vielleicht einen besseren Weg geben könnte.
Das zu konzidieren heißt nicht automatisch den Menschen vorzuwerfen, dass sie es besser hätten wissen müssen. Es heißt nur zu sagen, dass sie sich auch anders hätte entscheiden können.

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