Verantwortung zuzuschreiben und nicht an Willensfreiheit zu glauben schließen sich nicht aus.
Um das jetzt nicht im Einzelnen - ganz unphilosophisch (sondern psychologisch) - durchzuargumentieren, weil das hier nicht das Thema ist, hier nur die ‚Beobachtung‘, dass irgendwo meistens falsch abgebogen wird, z.B. Justus Bender (FAZ) im Will-Podcast, der sich immer wieder in Widersprüche verstrickt, weil er Dinge nicht konsequent zuende und zusammendenkt.
Ich vereinfache hier allenfalls unwesentlich, wenn ich seine Position so umreiße: AfD-Wählenden braucht man mit Fakten, Widersprüchen und gut begründeten Erklärungen nicht zu kommen, weil sie aus Gefühl wählen - und zwar aus Angst vor Fremden, deren Anwesenheit schon ihrer Vorstellung von Sicherheit und Ordnung zuwiderläuft. (Dass es bloß um dieses Gefühl geht hat Siegmund im Duell, als er von Gefühlen vs. Statistiken sprach, ja auch noch mal unter Beweis gestellt.)
Ach so, er konzediert schon, dass man an diesem Gefühl nichts ändern könne.
So weit, so plausibel.
Anne Will hat ihn dann mit den Studien konfrontiert, die wir hier (z. T. zumindest unter "Wer wählt warum AfD? - Überblick über aktuelle Forschung) auch schon besprochen hatten und die klar Fremdenfeindlichkeit als Treiber des AfD-Wählens ausweisen.
Der logische Bruch, die Inkonsistenz oder wie man’s nennen will, kommt dann - entgegen seines Vergeblichkeitsnarrativs - mit der ‚Özdemirs Tochter‘-Story. Wenn man nur auf diese Weise zeigen würde, dass man die Gefühle ernst nähme, bräuchte man keine fremdenfeindliche Politik mehr. Dann wären die AfD-Wählenden schon wieder ‚zugänglich‘.
Dabei hätte er nur eins und eins zusammendenken müssen:
Das die Wahlentscheidung dominierende, nicht faktenbasierte Gefühl eines fremdenfeindlichen Ressentiments, an dem man nichts ändern kann, wie Bender nicht falsch annimmt, mit der Empirie der Studien, nämlich der strikten Ablehnung von Migration nicht-europäischer Menschen. Eins greift hier logisch ins Andere. Ergebnis wäre dann ein nicht abänderliches, auf der Ablehnung von bestimmten Fremden gründendes Gefühl.
Konsquent zuende gedacht bedeutet das, dass man diese Fremdenfeind:innen dann auch nicht mit Rhetoriktricks ohne Konsequenzen (wieder) zur Wahl demokratischer Parteien bringen kann - zudem läuft die antimigrantische Hetze von AfD, ‚Alternativmedien‘, sozialem Umfeld ja beständig weiter.
Um noch den Bogen zu schlagen: Im Osten gibt es kaum erkennbare - wie die AfD sie immer wieder verunglimpfend nennt - „kulturfremde“ Ausländer:innen. Neben der Entmischung (eher Gebildete und Progressive ziehen weg) verstärkt dieser Mangel an Normalität einer multikulturellen Gesellschaft das fremdenfeindliche Gefühl der Dagebliebenen. Der Faschist Höcke nennt diese ja auch die wahren Deutschen und grenzt sie von den angeblich amerikanisierten Westdeutschen ab, was wohl auch gegen das multikulturelle Einwanderungsland USA gemünzt ist. Sein Buddy Tillschneider, der auch das SA-Wahlprogramm im Wesentlichen verantwortet, sagt, die anderen Parteien machten Politik für die Anywheres, aber die AfD für die Somewheres, in Anspielung hierauf:
Entdecker [= Anywheres] befürworten ein offenes Zugehörigkeitskonzept und fühlen sich durch Fremde (Muslime, Geflüchtete) nicht bedroht. Sie sehen sich zudem selbst als gut repräsentiert, also eher als nicht marginalisiert an, sind eher zufrieden mit der Demokratie im Land und vertrauen eher politischen Institutionen. Verteidiger [= Somewheres] hingegen stehen mit hoher Wahrscheinlichkeit eher für ein enges Konzept der Zugehörigkeit, fühlen sich eher durch Fremde bedroht und gesellschaftlich marginalisiert, sie sind unzufriedener mit der Demokratie im Land und misstrauischer gegenüber politischen Institutionen.
Dass sich das ausbeuten lässt, ist den Rechtsradikalen natürlich nicht entgangen.

