Stärke der AfD: Ursache und Abhilfe

Mal eben in 30 Minuten aus der Hüfte geschossen - sicherlich nicht vollständig oder abschließend, in einigen Punkte vermutlich auch nicht richtig:

  • Rente: Bundeszuschuss zurückfahren, dafür Rentenleistung kürzen (Steigerungen an die Inflation anstatt an den Lohn koppeln, Umverteilung zwischen hohen und niedrigen Renten, Rentenansprüche zukünftiger Rentergenerationen senken - auf keinen Fall: erhöhen wie die Mütterrente), private Vorsorge stärken (z.B. steuerfreie Altersvorsorgekonten (so etwas wie 404(k)) und staatliche ETFs (wie der Schwedische Staatsfonds) einführen, Lebensarbeitszeit (= Beitragszeit) erhöhen. Und sofort mit der Umstellung auf Kapitaldeckungsverfahren beginnen (siehe private Vorsorge).
  • Wohnungsmangel und Mietinflation: Mehr v.a. günstige Miet-Wohnungen, bis dahin: Mietentwicklung dämpfen.
  • Klimaschutz: Rückabwicklung der letzten Reform des Klimaschutzgesetzes (Widereinführung sektoraler Ziele), Einführung von Klimageld, auf EU-Ebene: Scharfschaltung des Systems von CO2-Preises und CO2-Emissionszertifikate-Börsen, massive Förderung der Klimatransformation unserer Wirtschaft, Einführung eines Klimazolls zum Schutz der Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft, …
  • Infrastruktur: Instandhaltungs- und Modernisiersinvesitionenen Bahn, Straßen (v.a. Brücken), Wasserstraßen (v.a. Schleusen), Mobilfunk, Internet im großen Stil nachholen
  • Arbeitskräftemangel: Legale Migrationswege für Arbeitskräfte eröffnen, zusammen mit der Wirtschaft internationale Personalakquise-Plattformen schaffen. Ein performantes System der berufliche Ausbildung von Migranten schaffen. Strukturen schaffen, damit unfreiwillige Teilzeit- oder nicht Arbeitende mehr arbeiten können und wollen.
  • Migration: Siehe Arbeitskräftemangel + „generalstabsmäßige“ Integration, inkl. unverzüglichen Zugang zum Arbeitsmarkt. Zügige Umsetzung der Reform des EU-Asylrecht- und Migrationssystems. Sichere Lager entlang der Migrationsrouten, in denen Flüchtlinge in einer sicheren Umgebung einen Asylantrag in der EU stellen können und, bei Erfolg, ein Zielland zugewiesen bekommen. Kontingenten für Verfolgte und Kriegsbedrohte, dies es normalerweise niemals nach Europa schaffen würden.
  • Bildung: Massive Erhöhung der Investitionen aus Ausgaben für gute Lehrer, gute Infrastruktur (IT), Gebäude für Kitas, Schulen, Universitäten, Modernisierung von Pädagogik und Lehrinhalten
  • Vermögensverteilung: Kindergrundsicherung. Reform des Erbschaftssteuersystem mit dem Ziel, dass die wirklich Reichen ganz genauso Erbschaftssteuer bezahlen wie alle anderen auch, d.h.: Ausnahmen und Schlüpflöcher abschaffen. Vermögenssteuer ernsthaft prüfen (insbes. im Hinblick auf den Erhebungsaufwand). Und: Noch einmal so etwa wie die Vermögensabgabe (Lastenausgleich), mit der die reichsten, sagen wir: 5.000 Deutschen, 25-50% ihres aktuellen Vermögens über einen Zeitraum von 30 Jahren abführen (das waren, mit Verzinsung, seinerzeit 1-1,5% des Vermögens pro Quartal über 30 Jahre). Zweckbindung für die Stärkung von Vermögensbildung(sfähigkeit) der Unterprivilegierten (z.B. Bildung, öffentlich geförderte private Altesvorsorge (s.o.)), Klimatransformation, Stärkung unseres Gesundheits- und Pflegesystem, Aufbau einer kapitaldeckenden Rente, … alles Punkte, die über Jahrzehnte vernachlässig wurden, während die Reichsten immer maßloser reicher wurden.
  • Strukturelle wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit: Arbeitsnebenkosten senken (auch, damit die Arbeitnehmer mehr Netto vom Brutto haben), Stromkosten senken, Bürokratie und Regulierung ausmisten / modernisieren (s.o.), und: Planungssicherheit (Aufhören mit dem ständigen Hin und Her). Und: Von einem modernern, d.h. effizienten, zielorienterten, zugewandten, service-orientierten, wohlwollenden Staat lässt man sich auch viel lieber reinregieren - s.u.
  • Bürokratie: Zahllose Beispiele, die aber nie angegangen wurden und werden. Beispiel: Einkommen- und Vermögensprüfung im Sozialrecht. Für jede Sozialleistung einzeln und dafür in zig verschiedenen Varianten. Seit Jahren diskutiert. Ein No-Brainer, eine Low-Hanging Fruit. Tut niemandem weh? Warum macht sich da keiner dran und kürzt lieber das Bürgergeld (oder wie heißt das jetzt?). Und: Ein massives Change-Programm bei Beamten und staatlichen Mitarbietern, damit Bürger und Unternehmen einen modernen, d.h. effizienten, zielorienterten, zugewandten, service-orientierten, wohlwollenden Staat erleben. Eines der obersten Ziele muss sein: „Wir wollen Bürger und Unternehmen unterstützen und keine Bremse sein“.
  • Digitalisierung: Siehe die zahlreichen Vorschläge in der LdN. Viele Low-Hanging-Fruits. Ich glaube, da sind wir schon auf gutem Weg. Beschleunigen. Und der Staat muss IT-Fachkräfte kompetitiv bezahlen können.
  • Lobbyismus: Transparenz weiter erhöhen. Im Detail kenne ich mich da zu wenig aus.
  • Pflege & Gesundheitssystem: Da kennen ich mich leider nicht aus.
  • Finanzierung: Den gesamten Haushalt auf Einsparpotenziale abklopfen (und dabei keinesfalls nur auf das Sozialbudget schielen - sehr viele low-handing fruits fallen zumindest mir erst einmal nicht ein - der Politik ja offenbar auch nicht). Alles, was zu den Unterlassungen der Vergangenheit gehört und nicht über die Einsparungen und Vermögensabgabe (s.o.) finanziert werden kann, muss weiterhin über eine Ausnahme von der Schuldenbremse finanziert werden.

Das ist, was mir „auf die Schnelle so mal eingefallen“ ist.

Alternativ: Kippe - nur so als Gedankenexperiment - alle Folgen der LdN in eine KI und lasst Dir von der KI ein „Programm für die Nation“ ausgeben, um die o.g, Probleme zu lösen.

Was ich damit sagen will:

Es ist meist gar nicht das „Was“, worüber gestritten wird.

Sondern es ist das „Wie“. Soll diese Ziele der Staat erreichen oder der Markt richten? Wollen wir, dass der Staat sich ins Private einmischt, um diese Probleme zu lösen, oder sollen die Menschen bessere Anreize bekommen, von selbst das Richtige zu tun?

Diese scheinbaren Gegensätze sind gar keine. Wir lassen uns hier von der „Diktatur des Oder“ ablenken.

  • Dort, wo Probleme über entsprechende Anreize ohne staatliche Einmischungen erreicht werden können: Natürlich ohne Einmischung. Dann müssen die Anreize aber auch konsequent und mutig gesetzt werden.
  • Und dort, wo das nicht funktioniert, muss der Staat sich einmischen. Dafür muss der Staat aber auch modern, effizient, zugewandt/service-orientiert/wohlwollend, zielorientert werden.

Grundprinzip: So wenig Staat wie möglich, so viel Staat wie nötig.

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Das passt sogar zu den oben wiedergegebenen empirischen Befunden, dass Leute, “die sich selbst viel weiter oben in der Status-Hierarchie verorten”, als sie tatsächlich stehen, und “sich stark mit anderen vergleichen”, der von Amlinger/Nachtwey ‘diagnostizierten’ Zerstörungslust frönen:

Nachtwey: Viele der destruktiven Interviewten, Männer wie Frauen, strebten auffallend stark nach Erfolg, fühlten sich in ihrem Ehrgeiz aber blockiert. Etwa von Diversity-Programmen, die ihrer Meinung nach Personen bevorzugen, die weniger leisten. Sie pochten auf das Recht des Stärkeren, auf ein Wettbewerbsdenken, das letztlich einem neoliberalen Ideal folgt.

SPIEGEL: Der demokratische Faschismus strebe einen »entfesselten Kapitalismus« an, schreiben Sie.

Nachtwey: Die faschistische Version der Freiheit lautet: die Freiheit zu dominieren, zu herrschen.

Amlinger: Die destruktiven Personen sind so sehr auf ihr Fortkommen fixiert, dass die Fantasie nicht weit ist, all die Leute wegzuräumen, die ihnen vermeintlich im Weg stehen. Sie möchten freie Durchfahrt. Was durchaus wörtlich gemeint ist. Einige der Klimaaktivisten, die sich auf die Straße geklebt hatten, sind brutal bedroht worden – und dies wurde von den Interviewten bejubelt.

Das wiederum schließt ans Persönlichkeitsmerkmal Soziale Dominanzorientierung an. In der Wikipedia heißt es dazu:

Social dominance orientation (SDO) is a personality trait measuring an individual’s support for social hierarchy and the extent to which they desire their in-group be superior to out-groups.

Individuals who score high in SDO desire to maintain and, in many cases, increase the differences between social statuses of different groups, as well as individual group members. Typically, they are greedy and seekers of power. People high in SDO also prefer hierarchical group orientations. Often, people who score high in SDO adhere strongly to belief in a „dog-eat-dog“ world.

Robert Altemeyer said that people with a high SDO want more power (agreeing with items such as „Winning is not the first thing; it’s the only thing“).

Zusammen mit der politischen Einstellung des Autoritarismus (Right-Wing-Authoritarianism, kurz RWA) bildet SDO das stärkste Prädiktorenpaar für Vorurteile.

Diese Leute haben also das Ziel der persönlichen Statusverbesserung und gerade nicht das Ziel soziale Gerechtigkeit.

Daher wird man sie mit einer sozialeren Politik auch nicht überzeugen können.

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Die Zeit-Reportage “Arm, aber irgendwie resilient”, auf die du Bezug nimmst, ist weitgehend frei von Empirie - bis auf die Armutsgefährdungsquote und die Wahlenthaltung:

43,1 Prozent blieben bei der letzten Bürgerschaftswahl im Mai 2023 zu Hause.

Gemeint ist also hier das, was man gemeinhin als Landtagswahl bezeichnet.

Das damit zu vermischen, dass die AgD “bei der jüngsten Bundestagswahl im Norden nur 15 Prozent erhielt”, wie es in der Reportage getan wird, ist selbstverständlich mindestens unsauber.

An der Bundestagswahl haben nämlich 77,8 % der Bremer und Bremerhavener teilgenommen, also nicht viel weniger als im Bundesdurchschnitt und nur etwas weniger (2,5 Prozentpunkte) als im Stadtstaat Berlin.

Da sollte wohl irgendeine These (hier “die Flucht in die Enthaltung”) belegt werden. Die vermeintlichen Belege puzzelt man sich dann einfach zusammen.

Die Reportage ist daher kein Glanzstück für Journalismus, zumal andere, völlig plausible Erklärungen für die niedrige Landtagswahlbeteiligung (z. B. die historische Dominanz der SPD) nicht einmal in Erwägung gezogen werden.

Politische Bildung in der Schule erreicht die meisten Wähler nicht mehr, weil sie nicht mehr in die Schule gehen, und die nachkommenden Jahrgänge sind zahlenmäßig zu klein, um Wahlergebnisse beeinflussen zu können.

Dennoch gab es in einzelnen Bundesländern lange ein Problem, z. B. in Sachsen:

Lange hatte sich auch die sächsische Politik nicht dafür interessiert, wer die junge Generation mit den Spielregeln einer demokratischen Gesellschaft vertraut macht. Nirgendwo sonst in Deutschland gab es so wenige Unterrichtsstunden in Gemeinschaftskunde. Nirgendwo sonst galt die Devise, Politik habe in der Schule nichts zu suchen.

Das zog sich wohl Jahrzehnte so hin.

Bei der letzten Bundestagswahl gab es dort 37,3 % für die gesichert rechtsextreme AgD.

Aber auch diese Vernachlässigung politischer Bildung in Sachsen macht sehr wahrscheinlich nur einen kleinen Teil aus. Denn ein Großteil der Sachsen hat - schon rein vom Alter her - überhaupt keinen oder fast keinen bundesrepublikanischen Schulunterricht kennen gelernt:

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1096075/umfrage/bevoelkerung-in-sachsen-nach-altersgruppen/

Ohne diese Besonderheit würde die afd auch in der Bremer Bürgerschaft sitzen. Stattdessen sind dort die etwas gemäßigteren Rechtspopulisten von “Bürger in Wut”. Einen Nährboden gibt es auch dort.

Was die mangelnde politische Bildung angeht, hast du sicher recht. In Niedersachsen, wo ich lebe, hat eine frühere CDU/FDP Koalition sogar die zuständige Landeszentrale abgeschafft.

Wie könnte eine “politische Bildung” denn aussehen, wenn in sie investiert würde? Ich lese den Begriff häufig, kann mir aber nichts konkretes darunter vorstellen. Als was wären da mögliche Top 3 Maßnahmen?

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Auch wenn ich mir sicher bin, dass deine Liste keinen Anspruch an Prioritäten erhebt, ist es bezeichnend das “Bildung” mit der praktisch kürzesten Ausführung erst an siebter Stelle kommt. Bildung scheint ein Afterthought zu sein, dabei ist sie womöglich unsere größte Herausforderung und Schlüssel für die Zukunft. Die Kinder sind unser Humankapital von morgen und Deutschland erreicht im internationalen Vergleich gerade noch ein “Befriedigend” was die kognitive Leistungsfähigkeit der 1-19-Jährigen angeht und ist auf dem Weg zum “Ausreichend”.

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Ich glaube das liegt daran, weil die Verbesserung der Bildung an vielen Stellen erfolgen muss, die in unserem System an verschiedenen Stellen hängen. Da würden mir einfallen: mehr Nicht-Lehr-Personal an Schulen, damit sich die Lehrerinnen auf das Lehren konzentrieren können und nicht nebenbei noch 200 Ipads neu installieren, 3 Klassenfahrten organisieren und 20 Teilhabeformulare ausfüllen müssen: Investitionen in Personal für IT, Verwaltung, Organisation, Schulsozialarbeiter und Integrationshelfer.
Dann Beendigung der Praxis, Lehrer über die Sommerferien zu feuern.
Förderung der außerschulischen Bildung wie Nachhilfekurse und Einzelförderung.
Investitionen in die Bausubstanz mit modernen Klimaanlagen, damit man sich nicht mehr entscheiden muss, mit frischer Luft oder in der Wärme zu unterrichten.
Vernünftige einheitliche digitale Lehrinhalte.
Auch nur das, was mir auf die schnelle einfällt.

Servicepost

Sorry für die Meta-Ebene, aber diese Aussage ist so nicht korrekt. Allgemein gesprochen bedeutet „Empirie“ nichts weiter als Erfahrungswissen [Definition Wikipedia]. Dieses kann grundsätzlich sehr unterschiedlichen Charakter haben.
Etwas komplizierter wird es, wenn man über wissenschaftlich - also systematisch - gewonnene Empirie spricht. Nur ist eine journalistische Reportage per Definition keine wissenschaftliche Studie - daher ist dies in diesem Fall nicht anwendbar.
Bei wissenschaftlicher Empirie ist ein zentrales Kriterium, wie systematisch dieses Erfahrungswissen gewonnen wurde und wie überprüfbar es ist. Gan grob verkürzt lautet die Frage: Würden andere Forschende bei demselben Vorgehen a) auf dieselben Ergebnisse kommen oder könnten diese b) auch völlig anders aussehen? In der Realität ist a) ein unerreichtes Ideal, aber eine gute Studie ist bemüht, so nah wie möglich an a) heranzukommen und beschreibt daher auch ausreichend ausführlich, wie sie methodisch vorgegangen ist, aber auch von welchen (oft subjektiv geprägten) Vorannahmen sie ausgegangen ist.
Die Quelle der Empirie kann aber unabhängig davon durchaus unterschiedlich sein. Das kann etwa die Beantwortung großer Mengen an Fragebögen sein, aus der dann Prozentangaben errechnet werden (quantitatives Design), es können aber auch mehr in die Tiefe gehende Gespräche mit einer kleineren Anzahl von Menschen sein (qualitatives Design).
Die in dem zitierten Satz m. E. implizierte Aussage, dass nur Statistiken oder quantitative Daten oder gar nur Prozentangaben „echte“ Empirie sein, ist daher nicht zutreffend.
Auch bei quantitativen Designs sollte man sich immer vergegenwärtigen, dass die errechneten Prozentzahlen nicht an sich eine objektive Wahrheit beinhalten, sondern immer auch abhängig von bestimmten Vorannahmen, Interpretation und Zuordnungen abhängig sind. Das erklärt auch, warum unterschiedliche Befragungen mit der (oberflächlich betrachtet) gleichen Fragestellung häufig zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Eine Befragung etwa zu rechtsextremen Einstellungen läuft in etwa nach dem folgenden Schema ab: Dem Merkmal „rechtsextreme Einstellung“ werden verschiedene Aussagen (sogenannte Items) zugeordnet (1). Menschen können dann auf einer Skala angeben, wie stark sie diesen Aussagen zustimmen oder diese ablehnen (2). Das kann „ja“, „nein“ und „weiß nicht“ sein, aber auch eine Skala von 0 bis 10. Je nach Stärke der Zustimmung/Ablehnung zu all diesen Aussagen wird dann nach einem vorher definierten Muster festgelegt, ab wann eine Einstellung etwa als „latent rechtsextrem“ oder als „manifest rechtsextrem“ gilt (3). Hochwertige Studien machen dabei alle drei Schritte transparent: Sie nennen also die Aussagen, die abgrefragt wurden (1), beschreiben die verwendete Skala (2) und die Kriterien für die Zuordnung (3).

Das vielleicht auch als Erklärung für die - im Vergleich zu ähnlichen Studien - durchaus hoch anmutenden Werte bei „latenten“ Einstellungen von Menschen mit parteipolitischer Präferenz für SPD, Grüne oder Linke in der zitierten Studie der Bertelsmann Stiftung.

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All diese Maßnahmen und Stellhebel ließen sich doch aber trotzdem zentralisiert über ein Großprojekt mit einem Geldtopf initiieren und angehen, wenngleich zunächst das Kooperationsverbot abgeschafft werden müsste.

Das bestreite ich nicht. Ich weiß aber auch nicht, woran es aktuell scheitert.

Relevant sind in unserem Zusammenhang statistisch repräsentative Erhebungen und des Weiteren Wahldaten.

Bei den Erhebungen zu rechtsextremen Einstellungen sind die Items skaliert.

Qualitative Erhebungen dienen v. a. dem Entwickeln von Forschungshypothesen und der Validierung von Items.

Hier geht es ja um die Vorhersage des Wahlverhaltens. Dafür sind quantitative Erhebungen entscheidend.

Und die Sozialwissenschaften (inkl. Psychologie) kennen sehr gute Messgrößen, die es ermöglichen, ein bestimmtes Wahlverhalten mit hoher Wahrscheinlichkeit vorherzusagen.

Eine Metastudie, die auf jahrzehntelange Forschung aus allen Kontinenten zurückgreift, kommt z. B. zu folgendem Schluss:

In summary, the evidence of an affinity between authoritarianism and conservatism is strong […].

We conclude that: (a) there is a large body of evidence, including data from six continents and many different measures, documenting a positive association between authoritarianism and right-wing conservatism; (b) the association is observed in studies with ideologically neutral measures of authoritarianism, indicating that it is not a methodological artifact; (c) there is still no convincing counter-evidence that authoritarianism is equally prevalent on the left and right in Western societies, despite many attempts to procure such evidence […].

https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S2352154620300401

Selbstverständlich kann man tausenderlei Luftschlösser aus zu tätigenden (Grundsatz-)Reformen ausmalen - und ich bin sehr für Reformen in vielen Bereichen.

Nur werden diese zum einen niemals so umgesetzt und zum anderen würde selbst deren Umsetzung nichts Substanzielles am Zuspruch für die gesichert rechtsextreme AgD ändern.

Denn das zentrale Motiv der Wähler der rechtsextremen Partei ist - und zwar nach allen Erhebungen - eine aus einer gefühlten Überfremdungsangst resultierende Fremdenfeindlichkeit.

Das Einzige, was nachgewiesenermaßen dagegen wirkt, ist eine Gewöhnung an Menschen anderer Ethnie:

Pettigrew und Tropp (2006) konnten in einer Metaanalyse mit mehr als 250 000 Befragten zeigen, dass der Effekt robust ist und auch auftritt, wenn die Bedingungen von Allport nicht oder nur teilweise erfüllt sind.

https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/kontakthypothese

Doch Kontakt kann man in einer freien Gesellschaft nicht forcieren. Menschen mit gravierenden Ressentiments werden den Kontakt gar nicht erst aufnehmen. Und die Manpower, solche Leute in entsprechende Kontakte ‘reinzutricksen’, gibt es nicht.

Abgesehen davon, dass der Strom ressentimentstärkender Medienbeiträge und Politikeräußerungen ja nicht versiegt.

Daher bleibt letztlich - zum Schutz der Demokratie - nur ein Parteiverbot.

Man kann gerne alle möglichen Reformen machen, nur sollte man das nicht aus den falschen Gründen.

Das Potenzial der AgD in den neuen Bundesländern ist übrigens noch nicht ausgeschöpft (s. hier):

Die Studie ergab außerdem eine hohe Zustimmung zu rechtsextremen Aussagen in den ostdeutschen Bundesländern. Chauvinistische und ausländerfeindliche Aussagen würden nur von einer Minderheit der Befragten abgelehnt, betonten die Projektleiter.

Jeder zweite wünscht sich eine ‘starke Partei‘, die die ‚Volksgemeinschaft‘ insgesamt verkörpert. Statt pluralistischer Interessensvielfalt wird eine völkische Gemeinschaft gewünscht“, erläuterte Brähler.

Eine Ein-Parteien-Herrschaft ist selbstverständlich keine Demokratie mehr.

In einer Demokratie wird es einen solchen autoritären und deshalb undemokratischen ‘Durchgriff’ niemals geben. Und das ist auch gut so.

Deshalb sind Gedankenspielereien über grundstürzende Reformen auch genauso müßig.

Gerade weil es so unterschiedliche und mithin gegensätzliche Interessen in pluralen Gesellschaften wie der unseren gibt, kommt der Fortschritt - geradezu konstitutiv für die Demokratie - immer nur in kleinen Schritten daher. Bisweilen gibt es sogar Rückschritte, wie wir gerade erleben.

Und diese Rückschritte gibt es deshalb, weil vielen schon das bisschen Fortschritt zu viel war.

Wer also schnelle und gravierende Fortschritte verspricht, wobei die Vorstellungen, was denn Fortschritt ist, weit auseinandergehen, wird zwangsläufig enttäuschen. Wer es dennoch tut, befeuert letztlich nur populistische Grundhaltungen, weil er die überzogenen Versprechungen nicht einlösen kann (siehe Merz).

Abgesehen davon, sind die Versprechungen der rechtsextremen AgD nicht verfassungskompatibel, können also grundgesetzkonform gar nicht umgesetzt werden.

Das ist eine wilkürliche Setzung von deiner Seite ohne jegliche Begründung.

Es mag sein, dass es dir allein darum geht. In diesem Thread geht es aber beispielsweise auch um Wahlmotive, zu deren Erschließung eben auch qualitative Studien - aber auch journalistische Reportagen - einen Beitrag leisten können.

Und darüber hinaus ist das Thema hier (hoffentlich) nicht „wer macht die beste Prognose?“ sondern - wie der Titel nahelegt - was sind Ursachen für den Wahlerfolgt der AfD und was lässt sich am besten dagegen tun.

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Die - in diese Forum gefühlt 287te - ausführliche Diskussion über die Motive von AfD-Wählern ist ja interessant, aber hat das Thema dieses Threads komplett de-rail-ed und entführt.

Wäre es nicht auch dann super, wenn wir dank einer großen Staatsreform endlich eine Politik / Politker bekämen, die unsere drängenden Probleme tatsächlich und effektiv angingen, auch wenn dies - wider meiner Erwartung - AfD-Wähler nicht abbringen sollte, weiter AfD zu wählen.

Frei nach dem Känguru-Motto (Marc-Uwe Kling):

„Ja, wir könnten jetzt was gegen den Klimawandel tun, aber wenn wir dann in 50 Jahren feststellen würden, dass sich alle Wissenschaftler doch vertan haben und es gar keine Klimaerwärmung gibt, dann hätten wir völlig ohne Grund dafür gesorgt, dass man selbst in den Städten die Luft wieder atmen kann, dass die Flüsse nicht mehr giftig sind, dass Autos weder Krach machen noch stinken und dass wir nicht mehr abhängig sind von Diktatoren und deren Ölvorkommen. Da würden wir uns schön ärgern.“

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Für dieses Vorhaben gilt doch dasselbe wie für die geforderte politische Isolation von AfD und ihren Wählern: Wer soll es denn machen? Und was spricht dafür, dass diejenigen, die es machen könnten und es bisher nicht tun auf einmal völlig anders handeln?
An Vorschlägen, „was mal passieren müsste“ mangelt es nun wahrlich nicht. Entscheidend ist doch die Frage, warum es nicht passiert und wer daran was ändern kann.

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Die Frage wäre dann doch, was motiviert (oder nötigt) Politiker aller Parteien dazu, das Wohl der gesamten Gesellschaft (des „Deutschen Volkes“) über Einzelinteressen zu stellen?

Also quasi, wie wecken wir die intrinsische Motivation der Volksvertreter?

Oder sind wir schon so sehr im tief verwurzelten Egoismus angekommen, das sich jeder nur noch selbst der Nächste ist?

Haben wir in unser immer hektischeren und schnelllebigeren Welt keine Zeit mehr für Andere, weil wir ja ……ja was genau müssen?

Ein Vorschlag, der zwar in einem ganz anderen Kontext und einer anderen Frage gemacht wurde, den ich aber grade irgendwie passend finde:

Wie kann es gelingen, die Menschen mitzunehmen?
Reden, reden, reden.

Wer sind überhaupt „die Volksvertreter“?
Bei Kommunalpolitikern ist es eigentlich ziemlich einfach: ich gehe zu einem Treffen einer hiesigen Partei und rede mit denen. Habe ich schon gemacht und fande es sehr aufschlussreich und hab mich auch direkt mitgenommen gefühlt. Dann merkt man auch, dass das auch nur ganz gewöhnliche Menschen sind. Da Kommunalpolitik zu 99% (Edit: sagen wir einem Großteil) Ehrenamt ist funktioniert das auch nicht viel anders als andere Ehrenämter mit einigen sehr proaktiven Menschen und vielen anderen, die so mitschwimmen.

Bei der Berufspolitik (also so Landes- und Bundeebene) sieht es aber denke ich anders aus: da ist der Kontakt schwieriger. Vielleicht kann in der Lage mal was dazu gemacht werden: wie kommt man da überhaupt rein? Wie interagieren diese Menschen mit dem Volk? Wie merken „die“, was „wir“ eigentlich wollen?

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Nur eine simple Verständnisfrage: Was soll das sein?

In jeder Gesellschaft gibt es doch ein unterschiedliches Verständnis, was das Wohl der Bevölkerung ist.

Jede Veränderung, jede Reform hat Gewinner und Verlierer, also Menschen, die davon profitieren, und andere Menschen, für die sie nachteilig sind. Und ich meine das überhaupt nicht im Sinne von Nullsummenspiel.

An den sehr unterschiedlichen und mithin gegensätzlichen Vorstellungen, was eine gute Gesellschaft sein soll, kommt man doch letztlich nicht vorbei, oder?

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Zum Thema zurück bitte.

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Wenn es Volksvertreter sind, werden die nie mehr intrinsische Motivation parat haben, als das Volk selbst.

Wenn es keine Volksvertreter sind, sondern Karrierepolitiker, die Entscheidungen vom Wahlverhalten abhängig machen, um sich Posten zu sichern, braucht es extrinsische Motivation vom Volk.

Womit ich wieder da bin, wo ich immer wieder ankomme: Wir können von der Politik nicht erwarten, dass sie Probleme löst (etwas ändert), wenn wir sie nicht mit einem soliden Auftrag zu Veränderung ausstatten und diese Veränderung dann im Sinne des Großen Ganzen auch bei persönlichen Komfort-Einbußen mittragen.

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