Einen Zusammenhang zwischen wachsende Ungerechtigkeit und wachsender Rechtsextremismus stellt z.B. auch die aktuelle Mittenstudie der Friedrich-Ebert-Stiftung fest (s. 100):
Zudem konnte festgestellt werden, dass sich nicht zuletzt die subjektive Einschätzung der sozio-ökonomischen Lage, wie etwa das Gefühl, nicht gerecht behandelt zu werden, auf die Zustimmung zu rechtsextremen Aussagen auswirkt (u. a. Küpper/Zick 2011; Kiess et al. 2024).
Ich finde es auch nicht gut, wenn Menschen rechte Parteien wählen aber wenn man sie nachhaltig davon abhalten will, muss man die Gründe dafür kennen und bekämpfen.
Klar gibt’s den Zusammenhang. Ich denke nur, man sollte seine Politik nicht deswegen machen oder danach ausrichten. Es gibt viele maßgebliche Argumente, sozial ausgewogene Politik zu machen. Wenn man Politik macht oder lässt, weil (sonst) Leute Rechtsextremisten wählen, betreibt man am Ende Extremismusprävention, die den Anreiz setzt, Extremisten zu wählen, um zu bekommen, was man will. Aus den richtigen Gründen gute Politik machen und geringere Bereitschaft Rechtsextremisten zu wählen, als Kollateralnutzen mitnehmen, kann man gern machen.
Die primäre Antwort darauf, dass wir eine hohen Anteil reiner Gelegenheits-Demokraten haben, ist im GG richtig angelegt: Durch Parteienverbote die Möglichkeit vom Wahlzettel streichen, die Demokratie abzuwählen.
Rechte Parteien wie die Union können alle so viel wählen, wie sie wollen. In meinen Augen oft falsche, manchmal auch dumme Politik, aber demokratische Parteien.
Die Politik soll ja auch nicht nur deshalb soziale Gerechtigkeit herstellen, weil damit es damit eine Ursache für Rechtsextremismus weniger gäbe. Die Politik soll soziale Gerechtigkeit herstellen, weil sich die größte Teil der Gesellschaft soziale Gerechtigkeit wünscht.
Genau so, wie die Politik „endlich mal wieder gute Politik“ machen soll, weil man damit am Besten Rechtsextremismus bekämpfen könnte. Sondern weil sich der größte Teil der Gesellschaft
einen effektiven Klimaschutz,
eine auskömmliche Rente,
bezahlbares Wohnen,
ein effektives und effizientes Gesundheits- Pflegesystem mit guter - Krankheitsprävention,
Tatsächlich ist AFD ja nicht das Problem, sondern das Symptom, um das Problem sichtbar zu machen.
Im Gegensatz zur Linken hat die AFD es geschafft, dass man mit ihren Wählern Protest am aktuell realen politischen System mit all seinen Problemen und Ungerechtigkeiten verbindet und damit die AFD vermehrt auch mit diesem Thema recht erfolgreich Stimmen einwirbt.
Da dieses Phänomen im Osten begann, wage ich die küchenpsychologische Analyse, dass die Linke für zu viele im Osten mit dem Unrechtsregime in Verbindung gebracht wird und damit als Protestpartei ausscheidet.
Dem widerspricht, dass die Linke als PDS fast 30 Jahre lang als quasi ostdeutsche Volkspartei dort auch die Stimmen von Protestwählern eingefangen hat. Und da hatte sie noch viele ehemalige SED Mitglieder in ihren Reihen.
Die Linke hat dann dieses Potenzial nicht mehr abrufen können, weil ihre politischen Positionen, etwa zu Klimaschutz und Migration, nicht mehr zu den heutigen Protestwählern passen, die nun afd wählen (oder das BSW, das sich eben aufgrund dieser politischen Entwicklung von der Linken abgespalten hat).
Du hast das aus der Mitte-Studie Zitierte missdeutet.
“[D]ie subjektive Einschätzung der sozio-ökonomischen Lage, wie etwa das Gefühl, nicht gerecht behandelt zu werden” (Schröter et al. 2025), ist etwas völlig anderes als der objektive Tatbestand sozialer Ungerechtigkeit und Benachteiligung.
Wähler der rechtsextremen AgD wollen keine soziale Gerechtigkeit.
Warum das so ist, hatte ich hier (auch ff.) schon ausgeführt:
Auch das Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen führt nicht kausal dazu, Rechtsextreme zu wählen.
Was man aber, gestützt auf Studien, sagen kann, ist, dass RWA und SDO nicht nur zu den stärksten Prädiktoren für Vorurteile im Allgemeinen gehören, sondern auch prädiktiv für Misstrauen in Institutionen sind.
Ja, ist es. Das heißt aber noch lange nicht, dass jene Menschen, die sich sozial benachteiligt fühlen, es nicht auch sind, im Gegenteil, nur weil jmd. nicht Politik oder Jura studiert hat und daher nicht präzise weiß, wo genau er wie ungerecht behandelt wird, heißt das noch lange nicht, das er Ungerechtigkeiten nicht trotzdem wahrnimmt.
Das Entscheidende, ob jemand Rechtsextreme wählt, ist aber eben keine objektiv schlechte sozio-ökonomische Lage, diejenigen, die es besonders hart getroffen hat, wählen eben nicht überproportional z. B. AgD, sondern entscheidend ist die Unzufriedenheit mit dem eigenen Status im Vergleich zu anderen:
Laut den ISSP-Umfragen war eine Gruppe besonders anfällig für die Propaganda rechter Parteien: Menschen, die sich selbst viel weiter oben in der Status-Hierarchie verorten, als ihr Einkommen vermuten lässt.
Es sind also Menschen, bei denen Wunsch und Wirklichkeit besonders weit auseinanderklaffen. Und die darunter zu leiden scheinen, dass sie sich stark mit anderen vergleichen.
(Quelle im Querverweis verlinkt)
Diese Leute nehmen sogar in Kauf, “[d]ass die Gesellschaft als Ganze vielleicht etwas ärmer werden wird”, solange “ihr eigener sozialer Status in der neuen Ordnung höher sein wird als vorher” (ebd.).
Sprich: Ihnen geht es - ganz egoistisch - nur ums persönliche Fortkommen in der gesellschaftlichen Status-Hierarchie in Relation zu anderen und eben nicht um mehr soziale Gerechtigkeit für alle.
Das wiederum hängt mit Sozialer Dominanz-Orientierung (SDO) zusammen.
Man kann das an folgender vereinfachter Modellvorstellung gut deutlich machen, wo die Unterschiede liegen:
Ausgangslage:
1. Person A → 10.000.000
2. Person B → 2.000.000
3. Person C → 1.000.000
4. Person D → 500.000
5. Person E → 400.000
6. Person F → 200.000
7. Person G → 100.000 <=
8. Person H → 80.000
9. Person I → 40.000
10. Person J → 20.000
Szenario ‘mehr soziale Gerechtigkeit’:
1. Person A → 9.000.000
2. Person B → 1.700.000
3. Person C → 700.000
4. Person D → 500.000
5. Person E → 400.000
6. Person F → 250.000
7. Person G → 120.000 <=
8. Person H → 110.000
9. Person I → 90.000
10. Person J → 80.000
Durch z. B. mehr Umverteilung geht es den Schlechtergestellten besser. Person G wäre aber nicht zufrieden, denn sie hat ihre persönliche Statusposition nicht verbessert. Ihr geht es u. U. sogar schlechter, weil andere von unten näher an sie herangerückt sind. Rechte treten ja deshalb so gern nach unten, weil das den Abstand zum ‘Pöbel’ vergrößert (s. SDO).
Szenario ‘persönliche Statuserhöhung’:
1. Person A → 20.000.000
2. Person B → 5.000.000
3. Person C → 2.000.000
4. Person G → 95.000 <=
5. Person D → 70.000
6. Person E → 60.000
7. Person F → 50.000
8. Person H → 40.000
9. Person I → 20.000
10. Person J → 10.000
Die Bestgestellten haben sogar gewonnen, die Schlechtgestellten verloren, selbst Person G hat Einbußen. Aber trotzdem ist G zufrieden, weil sie ihre relative Statusposition im Verhältnis zu anderen verbessert und sich der Abstand nach unten vergrößert hat.
SDO “is a predisposition toward anti-egalitarianism within and between groups.” (Wikipedia)
Schon in einer lange zurückliegenden, viel zitierten Studie (Van Hiel & Mervielde 2006) hat man festgestellt:
Political preferences and extreme right-wing voting was best predicted by SDO.
Eine Studie des Norwegischen Instituts für Alkohol- und Drogenforschung (Halkjelsvik & Rise 2014 (EJOP)) sei noch erwähnt. Dort wurde erhoben, ob Menschen Abhängigen mit öffentlichen Mitteln (“public spending”) und/oder persönlicher Hilfe zu helfen bereit waren.
SDO was associated with less approval of public spending on treatment and lower motivation to personally help.
Spannend war nun Folgendes:
[T]he relation between SDO and (lack of) motivation to help is independent of responsibility judgments.
Also, selbst wenn die Abhängigen ohne eigene Verantwortung süchtig wurden, hatte das keinen positiven Einfluss darauf, ihnen helfen zu wollen - wenn die SDO ausgeprägt war.
Auch eine kaputte Uhr zeigt 2 mal am Tag die richtige Uhrzeit, trotzdem sollte man dort nicht nachschauen, wie spät es ist.
Niemand muss Politik oder Jura studieren, um präzise zu wissen, wo genau er wie ungerecht behandelt wird. Aber bevor man via Stimme für Rechtsextremisten Feuer legt, die man später nicht wieder löschen kann, sollte man sich ernsthaft mit den eigenen Unzufriedenheiten auseinandersetzen, dann kommt man vielleicht nicht auf die genaue Lösung, aber ganz sicher hält man rassistische, mafiös-autoritäre Politikangebote dann nicht für einen guten Weg. Jeder hat ein Stimmrecht, daraus erwächst aber auch eine Verantwortung dafür, wie man mit diesem Recht umgeht.
Noch mal zu der Meta-Studie, die Doppelrahmstufe oben zitiert:
Meta-Studien sind immer schwierig, da kaum jemand den sehr umfangreichen Auswahlprozess wirklich nachvollzieht. Wie so etwas aussehen kann, hatten wir hier im Forum auch schon mal, bei einer Meta-Studie (über die CO2-Entwicklung von Atomkraft), deren Ergebnisse sogar vom IPCC zitiert wurden. Jedoch warnten sogar die Studienautoren selbst davor, dass die zitierten Zahlen zu niedrig sein dürften. (Kann man hier nachlesen: Atomkraftwerke und Energiewende Beitrag 187 )
Die Meta-Studie beschäftigt sich schon von vorne herein primär mit sozialer Abstiegsangst (insecurity) aber kaum mit sozialer Ungerechtigkeit (inequality). Das kann man ganz gut an den Kriterien erkennen, die sie mit wachsendem Populismus verknüpfen, siehe „Table 2“ im Paper. (die Tabelle ist sogar überschrieben mit „Table 2. Summarizing the effect of economic insecurity on populism“.
Ein weiteres Problem, dass beim Überfliegen der Studie auffällt, ist dass linker und rechter Populismus in einen Topf geworfen werden: „[…] the availability of left-wing populism might reduce the demand for right-wing populism. Therefore, we focus on populism in general, not just right-wing populism.“
Die genannte Begründung erscheint als Vermutung und wird auch nicht weiter untersucht.
Aus diesen Gründen, aber vor allem wegen Punkt 2, erscheint mir die Studie in dieser Diskussion wenig aussagefähig, weil das Ergebnis, dass Populismus vorrangig aus sozialer Abstiegsangst rührt, schon im Arbeitsprozess angelegt war, da man die Alternative kaum betrachtet hat.
Das reiche und wohlhabende Menschen mit Verlustängsten anfällig sind, ist ja nichts Neues und es gibt ja auch eine ganze Reihe einzelner, reicher AfD-Unterstützter. Aber welchen Anteil machen diese Menschen in den Wahlergebnissen der AfD, dass ist doch die Frage.
@JohanneSAC
Ich will hier nicht noch mal im Detail durchkauen, wie sinnvoll oder sinnlos ein Verbotsverfahren ist, das hatten wir hier im Forum schon. Daher nur kurz: Das AfD-Verbotsverfahren ist in meinen Augen keine Lösung.
Zum Thema zurück:
Vor ein paar Tagen gab es ein sehr gutes Interview in der Taz mit einer Forscherin zum Thema ungleiche Vermögensverteilung und auch zu den politischen Konsequenzen:
First results on the relationship between justice sensitivity [JS] and political orientation suggest that perspectives matter. Research has shown that victim sensitivity is related to populist attitudes, anti-immigration sentiments, less proenvironmental attitudes, and engagement as well as preferences for populist radical right-wing actors, whereas the three other-oriented JS perspectives are negatively related to anti-immigration sentiments and populist radical right-wing actors and positively related to proenvironmental attitudes and behavior (Köhler & Gollwitzer, 2024; Köhler et al., 2024; Nicolai et al., 2022; Rothmund et al., 2020). Additionally, in a sample with German adolescents (13–18 years), Jahnke et al. (2020) showed that victim sensitivity was related to right-wing political attitudes, whereas the other-oriented JS perspectives were related to left-wing political attitudes.
‘Gerechtigkeitssensitivität’ (“justice sensitivity”) im breiten Verständnis führt also zu linken Einstellungen - wen wundert’s? -, wohingegen ‘Opfersensitivität’ (“victim sensitivity”) zu rechten Einstellungen führt.
Hier ist die ‘Definition’ bedeutsam:
Victim-oriented moral sensitivity means that “I am the subject to a domain-specific (harm, fairness, loyalty, …) moral transgression committed by someone else.[“]
Mit anderen Worten: Da fühlt sich also jemand selbst als Opfer von anderen. Das würde dann auch erklären, warum z. B. AgDler sich so gerne als vermeintliche Opfer inszenieren.
Im Übrigen weist das Zitierte noch einmal darauf hin, dass ‘Interesse’ an sozialer Gerechtigkeit im Sinne der Besserstellung aller Benachteiligter gerade nicht auf Leute, die rechts wählen, da sie entsprechende Einstellungen haben, zutrifft, sondern es denen lediglich um sich selbst geht.
Es gibt übrigens noch gute Nachrichten:
„Die AfD hat ihr aktuelles Wählerpotenzial langsam ausgeschöpft“, sagt Werner Krause, Politikwissenschaftler an der Universität Potsdam. Das zeigen auch Daten von Infratest dimap: Die Meinungsforscher haben gefragt, welche Parteien für die Menschen grundsätzlich infrage kommen.
An einer besonderen Beliebtheit der Regierung, die einen weiteren Höhenflug der Rechten zunichtemacht, kann das kaum liegen. Im Gegenteil: Immer mehr Menschen geben an, die Koalition von Union und SPD würde ihre Arbeit schlecht machen.
Die Metastudie/-Analyse “The Populist Backlash Against Globalization: A Meta-Analysis of the Causal Evidence” auf die im Thread, auf den ich verlinkt habe, Bezug genommen wurde, hat erst mal nach möglichen Ursachen für Populismus im Kontext von Globalisierung gesucht. Berücksichtigt wurden auch der “loss of cultural status” und “real suffering among less-educated working-class voters” als mögliche Ausgangspunkte.
Weder habe ich auf den Egoismus von Reichen angespielt noch auf eine (rechts-)libertäre, drogensüchtige US-Bestseller-Autorin mit fragwürdigem Weltbild.
Die Vulgärphilosophie von Rand & Co. geht von völliger Autonomie aus und ist deshalb blind gegenüber den Einsichten empirischer Psychologie.
Soziale Dominanz-Orientierung (SDO) kommt schichtenübergreifend vor und ist z. T. veranlagt (vgl. Kleppesto et al. 2024).
Sie ist der beste Prädiktor fürs Wählen rechter Parteien (s. o.).
Ergänzt sei noch, dass Meta-Analysen Forschungsergebnisse verdichten, sodass sich im Zweifel besser auf Evidenz schließen lässt. (Dass es davon abweichende Einzelfälle gibt, die problematisch sind, ziehe ich nicht in Zweifel. Man muss sich eben genau anschauen, wie die Analysen gemacht sind.)
Studien, auch in Metastudien gebündelte, sind jedenfalls besser als irgendwelche Interview-Aussagen, auch wenn ich Martyna Linartas durchaus schätze.
Im Grunde sagt sie aber auch nichts anderes, als hier schon thematisiert wurde, solange sie auf Studien Bezug nimmt:
Es gibt internationale Studien, die zeigen, dass relative Abstiegsängste mit Furcht vor Migration zusammenhängen. Also: Mir geht es schlecht, aber für Geflüchtete ist Geld da.
(Hervorhebungen von mir)
Sprich: subjektives Empfinden (“Mir geht es schlecht”, “[Ä]ngste”) und Sich-selbst-ins-Verhältnis-Setzen (“relative Abstiegsängste”) - und zwar statusbezogen und hierarchisch - sowie das Finden von ‘Sündenböcken’.
Ihre nachfolgende Hypothese (“Vermögensungleichheit ist natürlich nicht der einzige Grund für den Erfolg der AfD, aber es ist ein wichtiger Faktor.”) ist hingegen ohne empirische Grundlage. Der Link im Interview führt wiederum zu einem Interview von einem Ökonomen, den ich im Übrigen ebenfalls schätze, jedoch nicht zu einer Studie, die die Hypothese belegen könnte.
Festhalten muss man nun einmal, dass weder Politologen noch Ökonomen/Soziologen (sonderlich viel) Ahnung von Psychologie haben oder mit dem psychologischen Forschungsstand vertraut sind.
Die Psychologie ist aber auf diesem Gebiet auf jeden Fall die präzisere Wissenschaft.
Abschließend sei noch klargestellt, dass ich überhaupt nichts gegen mehr soziale Gerechtigkeit habe. Allerdings bezweifle ich vehement, dass sie substanziell dem Zuspruch zu rechtsextremen Parteien entgegenwirken könnte.
Meine Position ist jedenfalls empirisch gut begründet. Das ist bei der Gegenposition allenfalls der Fall, wenn man sehr oberflächlich hinschaut und Widersprüche übergeht.
Ganz sehenswert ist das Gespräch im Anschluss an den Vortrag von Beate Küpper:
“Es geht eben gar nicht ums Faktische!”
Ergänzt sei noch ein O-Ton von Aladin El-Mafaalani aus dem Podcast “Hotel Matze”:
Alle AfD-Wähler teilen ein ausgeprägtes Misstrauen […] - nahezu alle. […] Da gibt’s Studien zu, dass Leute, die zu Verschwörungsideologien neigen und die zu Populismus neigen, haben ein ganz ausgeprägtes Misstrauen.
Far-left voters have a higher level of social trust, while right-wing populists have a very low level of social trust. For the populist right, this low trust is not limited to strangers, but also extends to others in general, from homosexuals to their own neighbours. The xenophobic inclination of the populist right, well-documented worldwide, seems to be a particular case of a broader distrust towards the rest of society.
El-Mafaalanis These ist nun, dass diese Leute “Misstrauensgemeinschaften” bilden, die im Prinzip, so wie Fußball-Fans zu ihrem Verein stehen, zu ihrer Partei stehen, weshalb ein Rückgang des Zuspruchs zur gesichert rechtsextremen AgD auch künftig - unabhängig von politischen Entscheidungen - unwahrscheinlich ist.
Auch der Artikel kommt leider völlig ohne plausible wissenschaftliche Empirie daher. Nichts wird belegt.
Die Frage, ob Wähler der rechtsextremen AgD mehr soziale Gerechtigkeit im Sinne von Umverteilung wollen, ist schnell unter Rückgriff auf empirische Daten beantwortet:
Ich habe den Eindruck, der Verweis auf Ungleichheit und Rechtsextremisten verwechselt eine sinnvolle Präventionsmaßnahme mit einer Chance, das schon eingetretene Problem noch zu beheben. Klar hilft gesunde Ernährung, das Risiko von Herzversagen zu reduzieren, aber wenn das Herz schon versagt, ist ne Not-OP angezeigt, ein größerer Beilagensalat wäre schön gewesen, kommt nun aber zu spät.
Denn grade die Wähler von Rechtsextremisten sind doch meistens die, die besonders vehement gegen jegliche Form von Umverteilung sind. Man sagt ja gern, man müsse diese Wähler ernst nehmen, aber dann werden sie doch wieder nur als argumentative Stütze für lange vertretene eigene (nicht zwingend falsche) Positionen instrumentalisiert.
Gleichsam alle AgD-Wähler teilen ein fremden-/ausländerfeindliches Ressentiment (99 %).
Dass 85 % angaben, auch noch Protest ausdrücken zu wollen, ist zunächst vieldeutig. Protest wogegen? Protest gegen Einwanderung(spolitik) vielleicht?
Annähernd genauso viele (84 %) behaupten fälschlich, die gesichert rechtsextreme AgD wäre gar nicht rechts.
Zur zweiten von dir geposteten Abbildung:
Ja, eine große Minderheit artikuliert, die AgD aus “Enttäuschung über andere Parteien” gewählt zu haben. Auch hier kann man fragen: Enttäuschung worüber? Am naheliegendsten ist: Aus Enttäuschung über die Einwanderpolitik anderer Parteien. Schließlich äußern sich quasi alle fremden-/ausländerfeindlich.
Zur dritten von dir geposteten Abbildung:
89 % äußern hier noch mal explizit ein fremden-/ausländerfeindliches Ressentiment im Sinne von Überfremdungsangst.
Drei Viertel äußern zudem: “Ich mache mir große Sorgen, …”
“dass die Preise so stark steigen, dass ichmeine Rechnungen nicht mehr bezahlen kann.”
“dass ichmeinen Lebensstandard nicht mehr halten kann.”
(Hervorhebungen von mir)
Die Antwort-Items geben die Ego-Perspektive vor.
Jetzt müsste man wissen, ob es auch Items gab, die diese Ego-Perspektive durchbrechen, wie z. B.:
“Ich mache mir große Sorgen um die soziale Gerechtigkeit im Land.”
“Ich mache mir große Sorgen darüber, dass arme Menschen immer weniger bekommen.”
“Ich mache mir große Sorgen darum, dass Menschen benachteiligt oder ausgegrenzt werden.”
Bloß weil sich jemand Sorgen um seinen eigenen Geldbeutel/Lebensstandard macht, heißt das ja noch lange nicht, dass er auch empathisch für die Nöte anderer Menschen ist.
Nirgends kann man den von dir geposteten Umfrage-Daten entnehmen, dass diese Empathie bei AgD-Wählern vorhanden wäre. Und selbst wenn es eine gewisses Mitempfinden gäbe, dass sich das dann auch auf die Nöte von Menschen, die eingewandert sind, erstrecken würde.
Was hingegen doch bei den AgD-Wählern nachweisbar ist (s. o.), ist, dass sie überwiegend nicht mehr Umverteilung zugunsten Benachteiligter wollen.
Aber nehmen wir mal an, bei den nicht explizit ein fremden-/ausländerfeindliches Ressentiment im Sinne der Überfremdungsangst äußernden 11 % könnte man etwas erreichen. Dann wären das bei der letzten Bundestagswahl aufgerundet 2,3 Prozentpunkte weniger für die gesichert rechtsextreme AgD gewesen.
Das, so würde ich behaupten, machte dann den Kohl auch nicht mehr fett.
Denn es blieben noch 18,5 % für diese Partei übrig.
Sehe ich auch so. Der direkte Schluss von “Was sagen AfD-Wähler, das sie wollen” auf “Das sind die Gründe für den Erfolg der AfD” ist zu kurz. Auch der Schluss von “Was sagen AfD-Wähler, das sie wollen” auf “Was muss ich (als CDU) machen, um AfD-Wähler zu gewinnen” funktioniert ja bekanntlich nicht.
Dass man staatliche Umverteilung als Mittel ablehnt (“Kommunismus!!”) ist die eine Sache; trotzdem kann es ja sein (Hypothese), dass dieselben Leute sich in einer sozial gleicheren Gesellschaft viel weniger unzufrieden fühlen würden, nicht nach Sündenböcken (Ausländer) und knallharten Systemalternativen (AfD) suchen müssten usw.
Ich halte das für nicht unplausibel, es lässt sich halt nur - weil kontrafaktisch - nicht so leicht empirisch belegen.
Ohne Umverteilung ist eine “gleichere Gesellschaft” wohl nicht machbar. Und - wie gesagt - die Soziale Dominanzorientierung (SDO) ist der Faktor, der die Wahl (extrem) rechter Parteien besonders gut vorhersagt (s. o.).
Diese Leute sind hierarchieaffin, sie befürworten Hierarchien zwischen Menschen und Menschengruppen und sind bestrebt diese zu vergrößern, nicht sie zu verkleinern (s. o.).
Daher ist es auch logisch, dass sie Umverteilung verringern wollen, anstatt sie zu vergrößern. Das zeigen auch die empirischen Daten (s. o.).
Unabhängig von den genannten Faktoren, die ich für bedeutsamer halte, schürt die rechtsextreme AgD zudem gezielt die Unzufriedenheit, wie eine groß angelegte Studie belegt:
In einer großen Umfrage-Studie mit über 5.000 Teilnehmenden in vier Wellen über die Jahre 2019 bis 2021 wollten die Forschenden herausfinden, ob es einen Zusammenhang zwischen Zufriedenheit und den Präferenzen für politische Parteien gibt. Dabei zeigt sich ein klares Muster: Menschen, die die AfD unterstützen, sind zunehmend unzufriedener mit ihrem persönlichen Leben und ihrer finanziellen Situation als Unterstützende anderer Parteien. Dieser Zusammenhang sei besonders stark ausgeprägt für neue Anhängerinnen und Anhänger der AfD. Wer sich von der Partei wieder abwende, würde dagegen eine Verbesserung im Wohlbefinden empfinden.
Der Zusammenhang zwischen sinkendem Wohlbefinden und Unterstützung der AfD sei eindeutig und ließe sich nicht durch sozioökonomische Variablen wie Einkommen oder Bildung erklären.
Ob die Entscheidung, die AfD zu unterstützen, ursächlich dazu führt, dass sich Menschen unzufriedener fühlen, untersuchten Adena und Huck mit Hilfe von zwei Experimenten.
Wer sich seine neue Unterstützung der AfD stärker bewusst mache, nehme sowohl seine persönlichen als auch seine finanziellen Umstände als schlechter wahr.
Da die AgD, solange sie nicht verboten ist, weiter ihre Propaganda betreibt, wird sie auch weiterhin die Unzufriedenheit der dafür Empfänglichen steigern.
Alles in allem spricht alles dagegen, dass eine sozial gerechtere (gleichere) Gesellschaft zu weniger AgD-Wählern führt.
Völlig abgesehen davon, dass es dafür politisch hierzulande nicht ansatzweise Mehrheiten gibt.
Und rechte Wähler (das schließt Wähler rechts der SPD ein) werden sich auch nicht durch Gut-Zureden vom Gegenteil überzeugen lassen.
Offen gestanden halte ich es für richtiggehend gefährlich, sich der Illusion, man könne AgD-Wähler von etwas Besserem überzeugen, hinzugeben.
Das mag in ein paar Einzelfällen vielleicht gelingen, aber erhebliche oder gar große Teile der Wählerschaft wird man nicht erreichen.
Selbstverständlich soll man sich dafür engagieren, diese Gesellschaft sozial gerechter zu machen. Aber bitte nicht unter dem unplausiblen Vorwand, man könne dadurch wirkungsvoll rechte und rechtsextreme Einstellungen bzw. die dazugehörigen Parteien bekämpfen/zurückdrängen wie auch immer.
Arme und Benachteiligte besserzustellen ist Zweck genug.