Liebes Lage-Team,
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Eins vorweg: Das aktuelle Rentensystem hat sich überlebt und MUSS dringend reformiert werden. Das darf aber nicht auf dem Rücken derjenigen passieren die 40 Jahre oder mehr in das aktuelle System eingezahlt haben und sich für ihre Altersversorgung darauf verlassen mussten.
Und damit niemand herumrätseln muss: Ich bin 63 Jahre alt und werde noch ein paar Jahre aktiv in dieses System einzahlen. Ich werde danach eine sehr gute Rente beziehen und habe mich auch zusätzlich absichern können. Und trotzdem hat meine Generation (die bösen Babyboomer) in den letzten 20 als einzige Generation massive Einschnitte hinnehmen müssen um die „Rente zu retten“. Die ersten 20 Jahre meines Berufslebens hat mir keiner gesagt, dass ich nicht bis 65 sondern bis 67 arbeiten muss. Mir hat auch keiner gesagt, dass die „Haltelinie“ nicht mehr 60% sondern 48% ist. Und erst recht hat mir keiner gesagt, dass ich auf meine Betriebsrente und freiwillige Direktversicherung mal den Arbeitnehmer UND den Arbeitgeberanteil zur Krankenversicherung selbst übernehmen darf. Ist halt doof wenn man sozial denkt und gesetzlich versichert bleibt. Die Privatversicherten müssen das nicht abdrücken (das wäre mal einen Beitrag wert). Dass für jedes Jahr dass man später in Rente geht ein Prozent mehr der Rente versteuert werden muss hat auch keiner angekündigt. Und auch wenn ihr es immer weiter wiederholt: Es gibt schon seit Jahren keine abschlagsfreie Rente mehr mit 63. Selbst wenn ich heute 45 Beitragsjahre voll hätte müsste ich bis 64 und 8 Monate arbeiten um „abschlagsfrei“ gehen zu können. Ach ja, dass was auf meinem Rentenbescheid aktuell ausgewiesen wird bekäme ich dann trotzdem nicht, denn ich habe ja dann 2 Jahre weniger eingezahlt.
All diese schönen Überraschungen kamen 2005 plötzlich aus der Wundertüte gesprungen. Unter anderm auch weil die Kassen leer waren weil unsere Generation die Lasten der Wiedervereinigung getragen hat ( inklusive Renten für Rentner die nie ins System eingezahlt haben ) Was hat die „böse Generation“ gemacht: Schnauze gehalten und weiter gearbeitet. Damals gab es dafür ein Wort, dass immer mehr zum Fremdwort geworden ist: Solidarität.
Aber warum regen mich eure Kommentare so auf? Weil ihr immer nur die Fakten aufzählt die zur Story passen. Ja, es gibt 10-15 % der Rentner denen es im Alter sehr gut geht, weil sie rechtzeitig privat vorsorgen konnten. Bei denen dürfte die jährliche Rentensteigerung gerne geringer ausfallen. Und ja, es gibt die 10-15% mit einer Rente am Existenzminimum. Da helfen auch 5% Rentensteigerung nur bedingt.
Aber was ihr völlig ausblendet sind die 70% die zwischen 1.400€ und 2.000€ Rente im Monat erhalten, davon Steuern und Krankenversicherung, Miete und Lebenskosten decken müssen. Glaubt ihr wirklich die können es sich leisten drei Monate auf Malle zu sitzen oder auf Dauerkreuzfahrt in der Karibik zu sein. Und bei einer aktuellen durchschnittlichen Lebenserwartung von 79 Jahren(Männer) und 82 Jahren (Frauen) werden die auch nicht mehr mit 90 fröhlich über den Deich radeln, wie ihr es immer so schön sagt. Es stimmt zwar, dass Menschen jenseits der 60 immer fitter sind aber ich keine KEINEN der GESUND ist. Das ist nämlich ein großer Unterschied.
Und das konterkariert auch die tolle Idee des Arbeitens bis 70. Kaum ein Unternehmen außerhalb des öffentlichen Dienstes wird mit Freude Menschen jenseits der 65 beschäftigen (viel zu viele Ausfalltage, viel zu teuer, viel zu sinnlos in deren Weiterbildung zu investieren,…). Die Folge: Die Menschen gehen entweder trotzdem früher in Rente, mit allen Konsequenzen: Abschläge (aktuell 0,3% pro Monat plus fehlende Einzahlungen) oder sie werden einfach in die Arbeitslosigkeit verschoben und dann wundern sich alle, dass die Agentur für Arbeit uns kostenmässig um die Ohren fliegt. Und ja, die gesunde 65-jährige Fachkraft mag es geben aber sie ist die Nadel im Heuhaufen.
Zusammenfassend: Rentenreform so schnell wie möglich, private Vorsorge so schnell wie möglich, aber hört endlich auf Menschen die 1.700€ Rente im Monat erhalten pauschal als Schmarotzer darzustellen, die sich auf Kosten der „jungen Generation“ ein laues Leben machen.
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