Warum gibt es so viele „Enttäuschte“, siehe aktueller Höhenflug der AFD

Klingt hier im Forum aber bei anderen Themen sehr anders ^^

1 „Gefällt mir“

Die Süddeutsche Zeitung hat ein Essay über Besteuerung Reicher veröffentlicht.
Darin heißt es:

Viele Menschen bezweifeln den Nutzen der Demokratie. Sie meinen, es gehe unfair und ungerecht zu. Die Stimmung, auch in der deutschen Gesellschaft, ist aggressiv, die Debatten sind unversöhnlicher als früher.

Einfache Botschaften, in denen auch die ungleichen Vermögensverhältnisse mitschwingen, erreichen ihr Ziel. Motto: Welcher Normalhaushalt kann sich überhaupt eine Wärmepumpe leisten? Antwort: Kaum jemand, die Sehr-gut-Verdiener und reichen Erben haben gut reden.
Ähnliche Argumente auch in der Klimapolitik: Normalverdiener sollen weniger Auto fahren – und was machen die Milliardäre?

Damit schlägt die SZ eine Brücke, dass die aktuellen Debatten gezielt von Populisten als Klassenkampf missbraucht werden. Im Wir-Gegen-Die bleibt nur eine Möglichkeit. Die Regierung muss bestraft werden für ihr benachteiligendes Verhalten. Details sind da nicht mehr relevant und nur störend.

1 „Gefällt mir“

Ich finde das Thema nicht extrem wichtig und ich finde es nicht gut, dass du es als Klassenkampf abtust. Ich gehe voll mit, dass zunächst die Schere zwischen Arm und Reich angegangen werden muss und dann kostenintensive Maßnahmen.

1 „Gefällt mir“

Ich weiß, dass unsere Meinungen sich da unterscheiden. Ich sehe im Gesetzentwurf nicht das Drama, das hier gemacht wird. Aber vielleicht übersehe ich auch etwas. Das soll jetzt aber keine neue Wärmepumpen Debatte starten.

Es geht mir nicht nur um den einen Entwurf, sondern um die wachsende Ungerechtigkeit bei den Vermögen. Das muss dringend abgegangen werden. Nur so gräbt man Populisten das Wasser ab. Wie kann ich immer mehr Belastungen einfordern ohne etwas gegen diese Ungerechtigkeit zu tun? Natürlich kocht das dann immer mehr hoch und es kommt Widerstand. Die denen es sehr sehr gut geht macht es nichts Maßnahmen durchzuführen und noch die Förderung einzustreichen.

7 „Gefällt mir“

Ja, darüber handelt der Artikel. Und dass es dringend Zeit wird, Vermögen zu besteuern. Ich habe zwei freie Wähler in der Familie, die vom Parteitag mit Plakaten „Erbschaftsteuer abschaffen“ zurückkamen. Ich habe da echt üble Diskussionen hinter mir. Aber (nicht nur) die AFD nutzt aktuelle politische Themen, um sie entsprechend zu instrumentalisieren. Dann wird zum Beispiel argumentiert, dass man es gar nicht einsehe, Klimaschutz zu betreiben, wenn „die Reichen“ einfach so weitermachten wie bisher. Das verkennt zum einen, dass es durchaus Reiche gibt, die sich für Klimaschutz einsetzen und dass es beim persönlichen Klimaschutz halt völlig egal sein sollte, was andere tun, da geht es um einen selber.

3 „Gefällt mir“

Das die Schere zwischen „Arm und Reich“ immer weiter auseinandergeht, ist sicher ein gesellschaftliches Problem insbesondere zum thema Gerechtigkeitsempfinden.
Andererseits ist es ja offenbar ein Effekt des Leistungsprinzips unserer Gesellschaft, das ja immer noch so propagiert wird, insbesondere von FdP und CDU/CSU.
Credo: wer mehr leistet, verdient auch mehr.
Das mag auch einige Jahrzehnte gut funktioniert haben, spätestens mit dem über allem stehenden Prinzip der Gewinnmaximierung konterkariert dieses Leistungsprinzip sich selbst.
Daher häufen einige wenige überdurchschnittlich viel Geld an, teils auch über Gehälter, die man als überzogen ansehen kann für die gebotene Leistung, andere schuften nicht minder und tragen auch gravierende Verantwortung, kommen mit einem Gehalt kaum über die Runden.
Der Hinweis, können doch alle studieren, ist da meiner Meinung nicht zielführend. Ein Überangebot an Akademikern führt nicht zwangsläufig zu höheren Gehältern. Und bringt uns nicht zwingend vorwärts, wenn ein Jurist die Mülltonnen abholt, wril sonst keiner mehr da ist.
Aber ja, in diesen Punkt schürt auch die AfD Unfrieden. Allerdings ohne konkrete Lösung.
Daher frage ich mich schon, was man da von der AfD eigentlich genau erwartet?

Zitat aus dem aktuellen Spiegel:

Fragt man in der Partei Menschen, die sich laut Jobbeschreibung um Agenda-Setting kümmern sollten, schütteln sie den Kopf. „Das lohnt nicht. Wir warten, was so aufploppt an Themen, und sagen dann das Gegenteil von dem, was die Grünen sagen, fertig ist die Kampagne“, so beschreibt es einer. Es helfe außerdem, dass nun wieder mehr über Flüchtlinge gesprochen werde. Das sei immer noch das Thema, das der AfD am stärksten Menschen zutreibe.

AfD in Umfragen bei 18 Prozent: Warum stoppt niemand die Partei? - DER SPIEGEL (Bezahlartikel)

3 „Gefällt mir“

.

Das hat doch was, dass man das SZ Scenario live miterleben kann

Ich möchte dieses Essay

tatsächlich jedem ans Herz legen (leider doch hinter Paywall - es gibt bei der SZ ein Tagespass oder ein kostenloses Probeabo - Transparenzhinweis: Ich bin Abonnent, aber ansonsten unverbandelt mit der SZ).

Ich glaube tatsächlich, dass die als sehr ungerecht empfundene Verteilung von Einkommen (bitte immer nach Steuern und Sozialabgaben betrachten!), Vermögen (inkl. Erbschaften) und (neuerdings in der Diskussion auch immer benannt:) CO-Belastung so sehr und schon so lange das Gerechtigkeitsempfinden der (v.a. negativ betroffenen) Menschen berührt, dass sie die Demokratie und die soziale Marktwirtschaft nicht mehr als Systeme empfinden, die ihr Leben verbessern. Eher im Gegenteil.

P.S.: Einen kleinen Fehler erlaubt er sich: Die Reallöhne sind erst seit 2020 zurückgegangen, ansonsten sind die Reallöhne (also die Kaufkraft der Arbeitnehmer) bis 2018 im Durchschnitt leicht gestiegen.

1 „Gefällt mir“

Man erwartet, dass die AFD mal „so richtig aufräumt mit dem Laden“ und die etablierten Parteien „in Schranken weist“. Außerdem, dass sie sich „einsetzten für den kleinen Mann“, der „ungerecht behandelt“ wird.

1 „Gefällt mir“

Ich kann leider die Artikel (SZ, Spiegel) wegen der Bezahlschranke nicht lesen. Trotzdem ein Gedanke zu dem Thema: Die meisten Leute werden es den Reichen vermutlich nicht neiden oder sich aufregen, wenn die ihre Villa und ihren Ferrari haben, solange man es selber auch schön hat. Heißt, eine angemessen große und bezahlbare Wohnung und man nicht jeden Cent für den Wocheneinkauf umdrehen muss usw.
Zum Problem wird das erst, wenn sich die Leute die Basics wie wohnen und essen nicht mehr leisten können und es eine Katastrophe ist, wenn der Kühlschrank kaputt geht, weil man sich keine extra Anschaffungen leisten kann, weil man schlicht keine Rücklagen bilden konnte. Dann wird es bitter, weil man selber kaum was hat, der Reiche aber immer noch seine Villa und vielleicht den zweiten Ferrari. Ich habe oft den Eindruck, dass die aktuellen Politiker (egal von welcher Partei) den sozialen Sprengstoff nicht sehen (wollen) oder wird das „nur“ verdrängt?

7 „Gefällt mir“

In dem Artikel wird sehr schön hergeleitet, wie es zu dieser Ungleichheit kam:

Wie konnte es so weit kommen? In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg versprachen die wirtschaftlichen Eliten den Menschen: Gebt uns Unternehmern niedrige Steuern, gebt uns Freiheit und akzeptiert die Globalisierung, es wird allen nützen. Tatsächlich wuchs vor allem der Wohlstand der Reichen. Aber das galt insoweit als akzeptabel, weil sich gleichzeitig der Großteil der Gesellschaft mehr Wohlstand erarbeiten konnte. Auch Menschen aus weniger privilegierten Verhältnisse hatten berechtigte Hoffnung, dass es ihnen wirtschaftlich besser gehen würde als ihren Eltern. Staaten der Dritten Welt schafften den Aufstieg in die Liga entwickelter Schwellenländer, vor allem asiatische. Die globale Kindersterblichkeit und Armut gingen merklich zurück.

Doch durch die Liberalisierung der globalen Finanzmärkte von den 1980er-Jahren an setzte die Politik das Schwungrad der Ungleichheit in Gang. Das meiste Geld gab es fortan an den Börsen zu verdienen, nicht mehr in der realen Wirtschaft. Die globale Finanzkrise 2008 unterstrich die Entrückung der Finanzeliten. Der Staat und damit die Steuerzahler mussten die Finanzindustrie und die kollabierende Wirtschaft retten. Bankenchefs verloren ihren Job, aber sie kassierten fette Abfindungen. Die Kosten für die Katastrophe übernahm die Allgemeinheit. Dieses Ereignis markiert den Bruch vieler Bürger mit dem Liberalismus, zumal die Privilegierten in den Jahren nach 2008 sogar noch mehr Vermögen anhäuften. Sie besitzen Aktien und Immobilien und profitieren vom Preisanstieg. Die wenig Begüterten können sich solche Investments nicht leisten, sie brauchen ihr Einkommen fürs tägliche Überleben.

Auch hierauf verweist der Artikel:

6 „Gefällt mir“

Zur Einkommensverteilung in Deutschland vielleicht noch ein paar Informationen (Quelle: ChatGPT 4.0, ich habe das nicht überprüft!):

  1. Einkommensungleichheit: Der Gini-Koeffizient, der ein Maß für die Einkommensungleichheit ist, lag im Jahr 2020 bei etwa 0,30. Ein Wert von 0 würde eine vollständige Gleichverteilung anzeigen, während ein Wert von 1 auf eine maximale Ungleichheit hinweisen würde.

Innerhalb Europas variiert der Gini-Koeffizient stark, mit niedrigeren Werten in den skandinavischen Ländern (zum Beispiel Schweden etwa 0.25) und höheren Werten in Ländern wie Italien (etwa 0.34) und Spanien (etwa 0.35). Im außereuropäischen Vergleich: USA: 0.41, Kanada: 0.31, Australien: etwa 0.33, Neuseeland: etwa 0.33

Die Aussage, dass Deutschland schlechter sei als viele andere Industrienationen ist daher mit Vorsicht zu genießen.

  1. Einkommensentwicklung: In den letzten Jahren hat sich die Einkommensverteilung in Deutschland tendenziell verschärft. Insbesondere die oberen Einkommensgruppen haben ein überproportionales Wachstum verzeichnet, während die Einkommen der unteren Einkommensgruppen langsamer gestiegen sind.

  2. Armutsrisiko: Trotz eines vergleichsweise hohen Durchschnittseinkommens besteht in Deutschland ein erhebliches Armutsrisiko. Im Jahr 2020 lag die Armutsgefährdungsquote bei etwa 15,9 Prozent. Besonders betroffen sind Alleinerziehende, Langzeitarbeitslose und Menschen mit geringer Bildung.

  3. Vermögensverteilung: Neben der Einkommensverteilung ist auch die Vermögensverteilung in Deutschland ungleich. Die reichsten 10 Prozent der Haushalte besitzen einen Großteil des Gesamtvermögens, während die unteren Einkommensgruppen nur über einen kleinen Anteil verfügen.

1 „Gefällt mir“

Vielen Dank für den Auszug aus dem Artikel!

Kannst Du diese Aussage belegen? Ich habe sehr lange nach Belegen und auch nur überzeugenden Argumenten pro „grünes Wachstum“ oder pro „Degrowth“ gesucht und bislang nichts überzeugendes gefunden. Natürlich können wir nicht mehr weiter endliche Ressourcen ausbeuten, sondern müssen zu einer Kreislaufwirtschaft wechseln und zu einer Gesellschaft, die weniger „ver-konsumiert“. Allerdings ergeben sich daraus auch zahlreiche neue Chancen für Gewinnaussichten, Wachstum und neue Arbeitsplätze.

Ich bin bislang sehr enttäuscht, dass die Volkswirtschaft diese Fragestellung nicht proaktiv angeht, sondern das Feld v.a. Fachfremden überlässt.

Die Konsequenz von dem, was du schreibst @Mike wäre ja, dass wir Einkommen noch mehr besteuern sollten.

Vielleicht verschafft mir mein gutes Einkommen einen Bias, aber statt einen guten Verdienst unattraktiver zu machen, wäre es nicht besser, endlich wieder wirksam Vermögen zu besteuern? Denn nach dem, was @TilRq hier

zitiert, ist nicht Einkommen das Problem, sondern akkumuliertes Vermögen. Ein hohes Einkommen sollte doch eigentlich wünschenswert sein, schließlich ermöglicht es den sozialen Aufstieg.

Daher frage ich mich auch, warum hier keine Partei ernsthaft tätig wird. Warum schlägt niemand eine wirksame Steuerreform vor. Die Einkommenssteuer sollte deutlich gesenkt werden, dafür sollte aber Vermögen (auch Erbschaften) wesentlich höher besteuert werden. Ausnahmen (Stundung, Verrechnung mit Verlusten) kann es meinetwegen für Familienunternehmen unter Druck geben. Für eigengenutzte Immobilienbesitzer könnte das Gleiche gelten, da ihr Vermögen gebunden ist. Nach Verkauf des Hauses sollte der Staat an den erzielten Gewinnen aber gern partizipieren dürfen. Gewinne durch Dividendenzahlungen und Aktienhandel könnten wiederum mindestens so hoch besteuert werden wie das Einkommen aus normaler Arbeit.

Daher meine Frage an die Schwarmintelligenz des Forums: Warum traut man sich an die Vermögen nicht heran. Was wäre der Nachteil einer Absenkung der Einkommenssteuern, gegenfinanziert durch eine deutliche Erhöhung der Vermögens- und Erbschaftssteuern?

Und meine Frage an die Moderation (bspw. @TilRq): Wäre das ganze Einkommens/Vermögens-Thema nicht besser in einem eigenen Thread aufgehoben?

3 „Gefällt mir“

Das war nicht mein Gedanke. Könnte eine Konsequenz sein. Eine ausgeglichenere Entlohnung wäre eine andere Antwort, widerspricht ggf etwas dem Leistingsprinzip?

Der Witz ist, dass die Reichen und Superreichen die sich für Klimaschutz engagieren als Vertreter einer drohenden Ökodiktatur geschasst werden.

Wie sie es machen es ist einfach falsch.

Im Prinzip muss man die notwendigen THG-Emissionsreduktionen gegen die EEG Ausbaugeschwindigkeit (kombiniert mit Effizienzsteigerungen) rechnen.
Wenn wir zu dem Zeitpunkt, wenn das CO2-Budget aufgebraucht ist, nicht genug EE für den Konsum einschließlich Wachstum haben, ist das Wachstum nicht grün.

Und wenn man bedenkt, dass die (globale) aktuelle Ausbaugeschwindigkeit der EE immernoch mit steigenden THG-Emissionen einhergeht, ist der Pfad nur über Substitution durch EE auf 0 Emissionen zu kommen, zumindest nicht sehr naheliegend. Vielleicht gibt folgender Artikel Aufschluss:

Nature Artikel: 1.5 °C degrowth scenarios suggest the need for new mitigation pathways