Klassisches Beispiel dazu wäre wohl die missglückte Aussage Prechts in der Talkrunde mit Lanz… manche antisemitische Stereotype sind leider so fest in der Gesellschaft verankert, dass sie genutzt werden, ohne dass einem überhaupt bewusst ist, dass sie antisemitisch sind.
Dabei gilt, dass man dann natürlich gegen diese Stereotype vorgehen muss (mit Aufklärung usw.) und nicht gegen diejenigen, die sie - aus Unwissen - verwenden. Die müssen lediglich darauf hingewiesen werden (und an der Reaktion darauf sieht man dann auch oft, ob Antisemitismus vorliegt…).
Das Problem am Argument mit Doppelstandards ist, dass es eine enorme Nähe zum Whataboutism hat, letztlich ist es ein Whataboutism. Nach dem Motto: „Warum wirfst du diese Menschenrechtsverletzung Israel vor, aber nicht dem Iran“. Man muss etwas negatives in Israel auch kritisieren können, ohne jedes Mal eine Liste aller Fälle anzuhängen, in denen dieses Problem anderswo auf der Welt ebenso vorliegt.
Zumal der Grund, warum Dinge an Israel, Deutschland oder den USA kritisiert werden, die man jetzt im Iran oder China nicht kritisiert, oft ist: Weil wir tatsächlich an das Handeln von Demokratien höhere Erwartungshaltungen haben - und das ist auch okay. Ich meine, wir wissen alle, dass es im Iran oder in Nordkorea mit den Menschenrechten nicht weit her ist, hier also einen spezifischen Verstoß anzuprangern ist quasi eine Binse - wir wissen es alle, wir erwarten (leider) auch nichts anderes.
Dazu kommt, dass man in aller Regel auch nicht den gleichen Maßstab anlegen kann, weil die Bedingungen unterschiedlich sind. Mit anderen Maßstäben zu messen ist auch aus diesem Grund oft sinnvoll. Zum Beispiel lege ich an Israel und Südkorea bewusst (für die Länder positive) andere Standards an als an Deutschland oder Frankreich, wenn es um die Frage der Überwachung der Bevölkerung geht, weil ich respektiere, dass Länder wie Israel oder Südkorea, die an verfeindete Staaten grenzen, andere Sicherheitsbedürfnisse haben als Deutschland oder Frankreich.
Das Argument der Doppelstandards ist daher aus vielen Gründen oft problematisch, vor allem, weil es ein Whataboutism ist, aber auch, weil unterschiedliche Standards nicht immer Doppelstandards sind, sondern es oft gute Gründe dafür gibt.