Es scheint für viele auch euch eine ausgemachte Sache zu sein, dass freiwillig nicht genügend Soldaten auszuheben sind und Wehrpflicht unvermeidbar ist.
Schaut man darauf welcher Prozentsatz der Bevölkerung in den USA freiwillig zu Wehrdienst bereit ist, so wird klar, das dies ginge, wenn die Anreize stimmen. Vom zinslosen Immobilienkredit über Refinanzierung des Studiums für Veteranen gibt es da vieles was auch bei uns ziehen würde. Das zu betrachten wäre mal einen Beitrag wert, denn gerade aus linker und liberaler Perspektive sollte eine Pflicht vermieden werden.
Mich würde interessieren ob ihr da generell dran bleiben könnt und nachhaken - also was ist mit den Rücklaufzahlen? Wie wird mit Menschen umgegangen die den Fragebogen nicht beantwortet haben? Welche Maßnahmen werden ergriffen (und welche von der Oposition oder APO vielleicht noch in die Debatte gebracht) um das Dienen beim Bund attraktiver zu machen? Was genau schreckt gerade die linkeren und akademischeren Millieus häufig ab und was davon könnte man verändern?
Ganz viel dazu findet sich in den Threads als die Wehrpflicht medial heiß diskutiert wurde, bspw.:
LdN280 Reaktivierung der Wehrpflicht
Nochmal - Wehrpflicht alternativlos?
[LdN419] Thema Wehrpflicht - ich will nicht für Deutschland sterben
Ich hatte das an anderer Stelle im Forum schon mal angesprochen. Diese „Anreize“ werden sehr schnell gruselig. Wer brauch denn eine Finanzierung des Studiums, einen Zuschuss zum Führerschein oder einen günstigen Immokredit? In der Hauptsache Menschen, die weniger Geld zur Verfügung haben. Hört sich im ersten Moment gut an, aber man könnte mit einer kleinen Prise Zynismus schon die These aufstellen, dass solche Anreize dazu da sind arme Menschen in die Armee zu bekommen, während reichere Menschen es nicht nötig haben.
Das gab es früher auch.
Ich hatte durchaus überlegt, mich zehn Jahre zu verpflichten, wovon dann 5 Jahre auf Studium und Grundwehrdienst entfallen wären - bei guter Bezahlung. Wurde dann ausgemustert und die Entscheidung mir abgenommen.
Die USA haben etwa 2 bis 2,5 Millionen aktive Berufssoldaten und Reservisten, einschließlich der Nationalgarde. Das ist gut doppelt so viel wie Deutschland, aber nur etwa halb so viel wie derzeit die Ukraine.
Die USA haben genug Freiwillige, um eine globale militärische Präsenz zu stellen und über kürzere Zeiträume (Wochen bis Monate) intensive kriegsähnliche Operationen durchführen zu können. Aber weder ihr aktives Personal, noch der Pool an Reservisten reicht für die langfristige Verteidigung gegen ein Bevölkerungsreiches Land mit technologischer Ebenbürtigkeit aus. In solchen Situationen (Weltkriege, Koreakrieg, Vietnamkrieg) hat auch die USA regelmäßig die Wehpflicht rausgeholt (die dort auch nur ausgesetzt, nicht abgeschafft ist).
Das ist aber genau das Szenario, auf das sich Deutschland vorbereiten will: wir wollen im Ernstfall mehr als 1 Millionen Soldaten schnell mobilisieren und in dieser Zahl (mit entsprechender Rotation und Verlusten) mehrere Jahre im In- und europäischen Ausland für eine Verteidigung gegen Russland und ähnliche Gegner einsetzen können.
Der dafür nötige Personalpool wird sich wohl nicht ausschließlich durch attraktive Dienstbedingungen generieren lassen. Was nicht heißt, dass man den Wehrdienst unattraktiv machen sollte.
Ich sehe aus links-progressiver Sicht eigentlich keinen Grund, warum eine Wehrpflicht grundsätzlich abgelehnt werden sollte, solange sie ausschließlich zur Verteidigung des eigenen Landes oder der Bündnispartner konzipiert ist. Zwischen „links“ und „pazifistisch“ gibt es sicher Schnittmengen, aber insbesondere kollektive Verantwortung für die Gesellschaft ist ja auch ein Grundprinzip linker Politik.
Ich persönlich würde ein generelles „Gesellschaftsjahr“ befürworten, in dem zwischen Wehrdienst und Sozialem Dienst frei gewählt werden kann (mit dem Sozialen Dienst als Normalfall).
Ja, ist ne Sache die mir auch aufgefallen ist. Es scheint ja eine Art Überkorrektur zu geben, bei der manche/viele plötzlich völlig okay sind mit absolut weitreichenden Freiheitseingriffen, um ein unklares Ziel irgendwie zu erreichen.
Wir müssen wieder verteidigungsfähig werden. Das ist klar. Aber ebenfalls klar ist, dass wir nicht in den nächsten Jahren ein stehendes Millionenheer brauchen. Russland pfeift aus dem letzten Loch, wir schaffen gerade Strukturen, um einen hypothetischen Giganten in der Zukunft irgendwie bekämpfen zu können. Statt jetzt alles dafür zu tun, um ihn klein zu halten (Taurus, Lieferung Gefechtsfahrzeuge, Munition). Jede fahrtüchtige Panzerhaubitze müsste in der Ukraine sein.
Statt sich auf einen sinnvollen Weg zu konzentrieren, macht das Ministerium, was jedes Ministerium machen würde: Ihre maximalen Wünsche umsetzen. Hier ist es eigentlich Aufgabe der Parlamentarier und Zivilgesellschaft eine Güterabwägung durchzuführen.
Ein kleines Bisschen macht das die SPD, aber viel zu wenig. Und bei der Lage sehe ich einen Totalausfall, wenn auf die völlig willkürliche massive Grundrechtseinschränkung von Männern unter 45 auf „kann man doch ne schicke App zu rausbringen“ reagiert wird.
Interessant aber das haben etliche Juristen bereits vor Wochen festgestellt. Zum Glück plant man das jetzt auch mit dem neuen Referentenentwurf (der heute im Kabinett verabschiedet werden soll) zu fixen. Also weg von der Allgemeinverfügung hin zum Gesetz. Das man das aber nicht an die große Glocke hängt verstehe ich nicht komplett.
Wäre aus meiner Sicht nochmal einen Nachbericht in der Lage wert!