Mit konstanter Ungleichverteilung meine ich, dass die relative Verteilung von Einkommen und Vermögen sich nicht ändert, nur die absoluten Werte verdoppeln sich.
Ist natürlich etwas polemisch formuliert und ich kenne mich nicht aus mit Äquatorialguinea, aber im Prinzip sind wir uns vielleicht einig, dass es gut ist wenn alle doppelt so viel Verdienen und angespart haben, denn das bedeutet BIP Verdopplung pro Kopf unter diesen Bedingungen.
Hallo, Wachstum wird mit Wohlstand verwechselt und das muss breiter in der Öffentlichkeit verstanden werden. Insofern super, wenn ihr das einmal zum Thema macht. Dazu steuere ich gern meine Wissens- bzw. Inspirationsquellen bei.
In Nachfolge zum Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“ gibt es seit 2022 die Forschungsergebnisse „Earth4All“, auch als Buch für Deutschland: Das Buch – Earth4All | Germany
Ferner hat mich der Launch des System Transformation Hub vom Club of Rome in 2024 nachhaltig berührt und treibt mich weiter an ins Handeln auf kommunaler Ebene zu kommen: https://m.youtube.com/watch?v=adJk2tLKJM8
PS: Meine Coping-Strategie seit der Pandemie ist immer erstmal die Lage zu hören. Und immer zu schauen, was kann ich tun - Hilfsorganisationen regelmäßig oder ad-hoc unterstützen und das dann teilen, andere bitten mitzuhelfen, als Multiplikator wirken.
Wachstumskritik gerne, aber eigentlich habe ich das Bedürfnis nach einer alternativen Lebens- und Wirtschaftsform, bei der es nicht zwingend auf Wachstum ankommt. Einen Ansatz sehe ich im Postwachstumsansatz. Hier teile einige Links zu AutorInnen die sich dazu interessante Gedanken gemacht und Bücher geschrieben haben.
Das ist überhaupt ein guter Punkt gegen degrowth, der euch vielleicht besonders anspricht:
Laut Piketty bedeutet weniger Wachstum steigende Ungleichheit.
Klingt vielleicht erstmal komisch, daher hier seine Argumentation:
Das Verhältnis von Kapitalerträgen zu Arbeitseinkommen in der Volkswirtschaft ist ein guter Proxi für Ungleichheit, weil die Allerreichsten praktisch nur Kapitalerträge bekommen, während die unteren 50% praktisch kein Kapital besitzen.
Da Kapital im Mittel immer so 5% Rendite abwirft, wird dieses Verhältnis von der Gesamtmenge an Kapital bestimmt: Sind alle Vermögen in Deutschland 500% BIP, dann schütten sie 25% des BIPs als Rendite aus, also ist das Verhältnis Kapitalerträge : Arbeitseinkommen 25 : 75
Langfristig ergibt sich das Gesamtvermögen als Vielfaches des BIP aus dem Verhältnis von Sparquote/ Wachstum. Oder anders gesagt, mit viel Wachstum sind die angesparten Vermögen relativ weniger Wert und dominieren die Wirtschaft weniger. Also „mehr Wachstum“ = „weniger Ungleichheit“
Ist natürlich ein langfristiger Mittelwert, und der Staat kann das auch in die eine oder andere Richtung steuern, aber das ist der Kernzusmenhang.
Wir hatten für 90% der Geschichte wachstumslose Gesellschaften, und die wahren von extremer Ungleichheit geprägt, deutlich schlimmer als wir das jetzt haben.
Aber Kapitalerträge profitieren über den Aktienmarkt direkt von den Gewinnen der Unternehmen und partizipieren direkt vom Wachstum. In meinen Augen funktioniert dein Beispiel nur, wenn das Geld nur in Zinsanlagen angelegt werden darf. Und auch dann nur, wenn das Wachstum die Zinsen schlägt - sonst greift der Zinseszinseffekt. In den meisten Ländern kommt dann noch erschwerend hinzu, dass Arbeit stärker als Kapitalerträge mit Abgaben belegt werden. Damit schlägt Kapital die Arbeit immer.
Also Piketty kann man nicht gegen Degrowth anführen - er hat auf der diesjährigen Internationalen Degrowth Konferenz sogar eine Keynote gehalten.
Es gibt hier mehrere Punkte:
Von BIP Wachstum profitieren überwiegend ohnehin Wohlhabende
BIP Wachstum trägt nur bis zu bestimmten Punkt zu mehr Wohlergehen bei
Es gibt viel bessere Indikatoren für Wohlstand
Ja, im aktuellen System gibt es bei weniger BIP mehr Arbeitslosigkeit, also auch mehr Ungleichheit, da Institutionen abhängig von BIP Wachstum sind
Der springende Punkt bei Degrowth/ Postwachstum ist aber gerade, Institionen unabhängig(er) von BIP Wachstum zu machen, um genau das zu ändern
Nochmal: Niemand glaubt, irgendein Problem löst sich, wenn das BIP schrumpft. Im Gegenteil: Rezession, Arbeitslosigkeit, Rechtsruck.
Es braucht institutionelle Reformen, um BIP Abhängigkeiten zu beseitigen - Postwachstum/ Degrowth macht hier ein Bündel von Vorschlägen
Zentral bei Pikety und bei Degrowth sind progressive Vermögenssteuern und die Reduzierung von Ungleichheit (auch ais ökologoschen Gründen, weil die obersten 10% etwa 50% des CO2 ausstoßen mit ihrer Lebensweise)
besten Dank, dass ihr diesem Thema Bühne gebt. Auch wenn sich die “modernen” Wirtschaftswissenschaften und die meisten Träger des Wirtschaftsnobelpreises jüngerer Zeit (lesenswerte Beispiele Stiglitz “Price of Inequality” oder Acemoglu “Why Nations Fail” ) darin einig sind, dass der Mensch kein reiner “Homo oeconomicus” ist und somit Wohlstand nicht nur am BIP bemessen werden sollte, so wird doch im Grundstudium sehr einseitig das Lied des BIP gesungen. Ganz abseits davon, dass der “Triple Down” Effekt (höheres BIP = höherer Wohlstand für den Øder Bevölkerung) schon lange widerlegt ist.
Ich empfehle Wuppertal Institut als Quelle. Und für alle frustierte Menschen im BWL-Bachelor ein Master-Studium Sustainability Management an der Bergischen Universität Wuppertal
Ein Auseinandersetzung mit alternativen Erfolgsgrößen für Unternehmen (Gemeinwohlökonomie oder Patagonias Public Ownership) bietet sich in dem Kontext auch sehr an.
Und falls ihr bei der Recherche oder anderen Recherchen deprimiert werdet empfehle ich euch sehr den Film “Tomorrow - Die Welt ist voller Lösungen” (hier werden auch einige Ansätze zu Wachstumskritik wie auch alternative “Erfolgsgrößen” für Unternehmen dargestellt.
Ah, danke für den Tipp, ich bin da nicht so aktuell. Arbeite mich gerade erst durch „Kapital im 21. Jahrhundert“.
Verstehe, wenn du den historischen Trend durch neue Regelungen aushebeln kannst, dann gilt der von mir beschrieben Zusammenhang nicht.
Heißt aber dann auch, dass wenn du das nicht willst oder kannst, dann solltest du dir schon sehr genau überlegen, wie viel Wachstum du erzielst von einer Ungleichheitsperspektive.
Sorry, war vielleicht etwas unklar. Mit Kapitalerträgen meine ich alle Erträge von Vermögen, also auch Zinsen/ Mieten/ Wertsteigerungen.
BIP Wachstum und Renditen haben nicht so viel miteinander zu tun, dass ist im Mittel immer so 5% des Wertes. Wie das gewachsene BIP im Land verteilt wird hat vor allem damit zu tun wie viel Kapital es gibt, siehe oben.
Ah sorry, du meinst also absolute Unterschiede? Ich denke Ungleichheit immer in Quoten, sowas wie „Einkommen der Top 1%“/ „Einkommen der unteren 50%“, die würden alle gleich bleiben.
Ja, bitte Wachstumskritik! Ich finde diese unwidersprochene Wachstum Wachstum Rethorik wirklich schwierig. Wohlstand=Wachstum gilt schon lange nicht mehr, Green growth gibt es auch nicht wirklich. Da waren wir wirklich weiter. Selbst Usula Von Der Leyen hat noch 2023 die Beyond Growth Konferenz zusammen mit Jason Hickel in der EU Parlament eröffnet. Heute fast Unvorstellbar. Aber auch, wie können Industrienationen überhaupt wachsen? Selbst mit immenser Migration, jährlich einsmal Hamburg, ist der BIP kaum langfristig haltbar. Vollzeit für alle würde das Bip auch nur für ein paar Jahre steigern. Die stagnierenden Wachstumskurven wurden in den Industriestaaten schon lange so vorrausgesagt. Ich habe bis jetzt kein Szenario gesehen, wie die Staaten des Globalen Nordens langfristige wachsen könnten. Nachhaltig schon garnicht. Was auch interessant ist, wohin geht das Wachstum? Seid den 90 er Jahren gehen 30-60% gehen in Kapitalerträge, das Geld landet auf privaten Kobten während Löhne, Rente stagnieren. Das BIP hat sich seid den 1990ern verdoppelt, die Produktivität pro Kopf hat sich aber noch mehr vergrößert, da demografisch weniger Arbeiter_innen zur Verfügung stehen, die das zweifach Wirtschatswacjstum erwirtschaften, aber das Geld kommt nicht bei den meisten Arbeiter_innen an. Das ist wohl ein Grund der aktuellen Unzufriedenheit. Denn irgendwann dreht sich die Wachstum=Wohlstand Formel um. Siehe USA. Deutschland ist auch auf dem Weg dahin. Überspitzt gesagt, wir zerstören unseren Planeten und unsere Lebensqualität für den Reichtum weniger.
Quellen:
Konferenz, Eröffnungsrede von Ursula Von Der Leyen. Es lohnt sich auch das Panels anzuschuen. Das Whoiswho der Degrowth Debatte. Videos stehen auch online.
Speakers:
Sehr spanneder Artikel. Wieviel BIP wird eigentlich “verschwendet”, weil er nicht mehr in Wohlstand geht, sondern sogar ins Gegenteil. USA als gutes schlechtes Beispiel
Ein sehr interessantes und wichtiges Thema. Ich möchte einen weiteren Ansatz hinzufügen, wir sollten uns wieder die Frage stellen was gutes Design eines Produkts ausmacht. Löst das Design ein Problem und stillt es ein Bedürfnis (nicht eines was das Marketing erzählt), ist das Design nachhaltig und funktional, kann es repariert werden, ist es langlebig etc. Dieter Rahms hat sich darüber viele Gedanken gemacht. Ich laufe oft durch Geschäfte ohne was zu kaufen und denke mir, wie viel Krimskrams dort steht. Der Welt würde es besser gehen hätten wir die Dinge nicht und die Ressourcen würden nicht verbraucht werden.
Manchmal werden Produkten noch mehr Features hinzugefügt, um Konsumenten Kaufgründe zu liefern. Im schlimmsten Fall schränken diese Features die wesentliche Funktion ein oder machen ein Produkt unbrauchbar. Ein Beispiel: heute öffnen viele ihr Auto mit der Zentralverriegelung, dass mag zwar bequem sein, aber im Zweifel lässt sich das Auto nicht öffnen und die wesentliche Funktion „fahren“ ist nicht möglich. Im Endeffekt ist das schlechtes Design.
Ich finde auch einen interessanten der Degrowth Debatte den Aspekt Care Economy. Wie organisieren wir eine Gesellschaft um Care Arbeit, denn wir alle sind auf Fürsorge angewiesen, in unser Kindheit, im Alter, während Krankheit. Trotzdem wird dieser zentralste Teil unseres Zusammenlebebs an schlecht bezahlte Arteiter_innen ausgesourced oder garnicht bezahlt. Das ist eine politische Entscheidung und es geht auch anders.
Was ist eigentlich Wirtschaftswachstum? Was bedeutet Wirtschaftswachstum für die Gesellschaft und für jeden Einzelnen? Warum brauchen wir überhaupt Wirtschaftswachstum?
Ich finde diese Fragen sehr interessant und wichtig, insbesondere weil ich das Gefühl habe, dass sie nahezu nie diskutiert werden.
Auch interessant und aus meiner Sicht viel zu selten diskutiert ist der Zusammenhang zwischen Wachstum und unserem Geldsystem*. Denn aus diesem ergibt sich ein Wachstumszwang aufgrund des Zinseszinseffekts. Eine Firma (bzw. Investoren) investiert nur, wenn sie Rendite erwarten. Diese sollte natürlich größer sein, als wenn man das Geld auf der Bank anlegt.
*Auch viel zu selten diskutiert wird unser Geldsystem, das die Basis unseres Wirtschaftens ist und von uns so gestaltet und verändert werden könnte. Hierzu finde ich die Freiwirtschaftslehre von Silvio Gesell sehr interessant oder das Konzept vieler regionaler Alternativwährungen. Das solltet ihr auf jeden Fall mal beleuchten.
Das Thema wurde hier im Forum bereits 2022 und 2023 mehr als umfassend (und teilweise unversöhnlich) diskutiert.
Ich wiederhole mich gerne selbst, dass wirtschaftliches Wachstum langfristig nahezu ein biologisches Gesetz der Evolution ist. Als langfristigen Sollzustand eine Gesellschaftsform ohne Wirtschaftswachstum zu fordern, ist für mich keine ernstzunehmende Position.
Zustimmung, das zielt auf die zentrale Frage. Die ist aber sogar viel größer und bezieht sich nicht nur auf (ökologische) Nachhaltigkeitspolitik. Wie kann staatliche Stabilität vom Wirtschaftswachstum entkoppelt werden, so dass nicht jede Rezession mit einer signifikanten Wahrscheinlichkeit zu einem Bürgerkrieg oder einer totalitären Diktatur führt?
Zustimmung. Bei diverse Maßnahmen sind sich die meisten zukunftsorientierten Menschen ja über ideologische Graben hinweg einigt, dass sie sinnvoll wären. Ähnlich wie die „ultra-kapitalistischen“ Staaten USA und UK nach dem ersten Weltkrieg festgestellt haben, dass Kapitalismus und hohe Erbschaften nicht zusammen passen und deswegen Spitzensteuersätze auf Erbschaften von knapp 90% eingeführt haben. Inzwischen haben aber „anti-kapitalistische“ Kräfte die Politik davon überzeugt, niedrigere Erbschaftssteuern einzuführen.
Was mich auch interessieren würde, sind ETF Hype und Wachstum. Das Wachstum der Industrienationen stagniert, wie vorrausgesagt. Die Sättigung wird erreicht durch die ökologischen Grenzen und Arbeitskraft und Absatz. Eigentlich kann kurzfristiges Wachstum nur noch durch einen Fix generiert werden, Abbau von Arbeitsrecht, Umweltstandarts usw.. Das System funktioniert für viele nicht mehr, auch weil das Wachstum und Geld aus den Sozialsystemen durch Kapitalerträge hauptsächlich auf privaten Bankkonten landen. Auch fast alle planetaren Grenzen sind überschritten, das Klima kippt schon an einigen Stellen. Gerade jetzt, wo eigentlich eine Diskussion starten sollte, ob das System noch so funktioniert, wird massiv für genau das System geworben. Influenzer, Zeitungen, Social Media, überall wird für ETFs geworben. Menschen sollen so emotional und finanziell an dieses System gebunden werden, Altersvorsorge, Studium fürs Kind usw. Alle können Teilhaber und Gewinner sein, auch wenn die Hauptanteile an BlackRock und co und wenige Superreiche gehen. Das wird aufjedenfall extrem systemstabilisierende Wirkung haben, und eine ehrliche Debatte über mögliches Wachstum und Umverteilung erschweren. Gleichzeitig wird die Bereitschaft Arbeits und Umweltrechte zu schwächen höher, wenn zum Beispieldie Altersvorsorge am Wachstum hängt. Bestes Bespiel, Habecks Vorstoß Kapitalerträge zu versteuern. Es wurde direkt von der Presse in Milliardärshand, Bild, Welt, Nius und co eine Kampagne gefahren, die suggeriert hat, daas Kleinstanleger enteignet werden sollen. Dieser Hype, diese massive, fast aggressive Werbung auf allen Kanälen gerade jetzt? Ist das eine Strategie der grossen Player das System zu stabilisieren? Oder Zufall, weil Krisen Investitionen in private Vorsorge stärken? Aufjedenfall ein Teufelskreislauf. Ungleichheit vergrößert sich weiter zwischen denen, die Vorsorgen können und denen die nicht, den Superreichen, die maximale Gewinne erzielen, Geld wird weiter aus den Sozialsystemen gezogen, der Staat wird weiter geschwächt, Investitionen werden geschwächt, da Kapitalerträge oft die brssere Verdienstmöglichkeiten sind, die planetaren Grenzen werden weiter überschritten, das Klima kippt. Am Ende verlieren alle. Mir macht dieser Hype gerade sehr viel Sorgen. Auch nachhaltige ETF Produkte sind kaum eine Lösung.
Oft werden spezielle Themen ja in Sonderfolgen besprochen und analysiert. Und mit “Baustellen der Nation” zeigen Philipp und Urs, dass sie darauf bedacht sind (im Gegensatz zu vielen anderen Medien(machern)), auch mit möglichen Lösungsansätzen aufzuwarten. U.a. Arbeitserlaubnis auf “Default".