Metadiskussion: Geistiges Wohl bei gleichzeitigem Interesse für Politik und Weltgeschehen

Die aktuelle Folge der LdN nach der Pause war wie gewohnt hochwertig, aber wie alles im Moment wirklich kein Feelgood-Content. Das Klima ist irreparabel kaputt, Kriege stehen vor der Haustür, die Politik behandelt Symptome, anstatt Ursachen zu bekämpfen, und treibt uns weiter hinein statt heraus. Die Probleme sind insgesamt viel zu komplex und verworren, um sie als Gruppe oder als einzelne Person überhaupt verstehen, einordnen oder ansatzweise lösen zu können.

In meinem Freundeskreis macht sich Nachrichtendetox breit und ich spüre auch ein Revival der Biedermeierzeit. Rückzug ins Private.

Wie geht ihr damit um, wenn jeder Blick in die Nachrichten zur Ohnmacht führt? Stehen wir vor einer großen Depression?

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Ich weigere mich, meine zunehmende depressive Stimmung zu Bekämpfen, indem ich mich von der Nachrichtenlage abschirme.

Leider, leider macht sich aber immer mehr Unbehagen, Frust und, ja, Wut breit. Ich weiß auch nicht, wie ich damit umgehen soll.

Viele aus dem Freunde- und Familienkreis winken schon ab, sobald es um Politik-Themen geht.

Ich habe hier schon öfters versucht, einen Thread zu starten, in dem wir die strukturelle Ursachen dieses Politikversagens und mögliche Lösungen für eine große Staatsreform herausarbeiten. Welche strukturellen Elemente habe sich in den letzten Jahrzehnten entwickelt, die dafür sorgen, dass die parlamentarische Demokratie, in der Form, in der wir sie haben, nicht mehr die Ergebnis hervorbringt, die die Gesellschaft benötigt.

Es ist nicht nur die junge Generation, die Opfer davon sind:

Obwohl mir die Symptome dort sehr gut und treffend beschrieben sind … die Boomer, die nicht nur ihr Eigennutz im Sinn haben, sondern das Wohl der Gesellschaft als Ganzes, haben allen Grund zur Sorge:

Vorschläge gibt es genügen:

Inzwischen ist deren Abschlussbericht rausgekommen:

Hier noch drei Vorschläge von Andreas Wittmann (CEO der DM Drogeriemarktkette), er kürzlich im Podcast Table Today interviewt wurde (ingesamt sehr smart!)! Gegen Ende des Interview wurde er nach seinen Top-Wünschen an eine Politik-Reform gefragt:

  • Längere Legislaturperioden: eine Verlängerung von vier auf sechs Jahre, damit Reformen Wirkung entfalten können, bevor der nächste Wahlkampf beginnt.
  • Amtszeitbegrenzungen: Politiker sollten maximal zwei Wahlperioden im Amt bleiben dürfen, damit es keine „Berufspolitiker“ mehr gibt, neue Köpfe und frische Ideen Einzug halten und Parteien unter höherem Druck stehen, für Nachwuchs zu Sorgen.
  • Sunset-Klausel für Gesetze: Gesetze sollen nach einer bestimmten Zeit auslaufen und intensiv überprüft werden, um veraltete Regelungen zu eliminieren und einen Bürokratieinfarkt zu verhindern („Das Problem sind nicht unbedingt schlechte Gesetze, sondern Gesetze, die aus der Zeit gefallen sind“). Das finde ich besser als die vom Digitalminister Wildberger geforderte „One in, Two out“-Kettensäge: Für jede neue gesetzliche Vorschrift sollten zwei alte gestrichen werden). Das halte ich für etwas zu viel „Kettensäge“.
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Manchmal sind es die kleinen Dinge.

Wenn man im Bus fährt und der junge Mann mit Kopfhörer aufmerksam seinen Sitzplatz für eine ältere Dame freimacht.

Ich im Straßenverkehr jemanden vorlasse und per Handzeichen ein Danke bekomme.

Schülerinnen und Schüler bei uns durch die Natur ziehen und Müll einsammeln und in der Presse den Verschmutzern sehr direkt ins Gewissen reden.

Das nette Rumflaxen mit der Verkäuferin im Supermarkt, weil man einfach mal das Gespräch mit einem freundlichen Lächeln begonnen hat.

Solche Momente zeigen, das wir menschlich noch einiges können wenn wir wollen.

Das entschädigt für vieles und zeigt, das nicht alles nur schlecht ist.

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Danke für das bisherige Feedback. Ich finde es ein hohes Ziel, an Lösungen zu arbeiten. Die LdN und auch dieses Forum haben eine beachtliche Reichweite und einige Ideen werden sicherlich den Weg aus unserer Blase hinausfinden. Der Realist in mir glaubt allerdings, dass wir demnächst keine Reformen sehen werden. Egal auf welcher Ebene. Der Status quo ist viel zu wichtig und dieses Land mag Veränderung schlicht nicht. Daher kommt die Arbeit an Lösungen für mich als Coping-Strategie leider nicht infrage.

Ich nehme die kleinen Dinge zwar wahr, aber das ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Eine nette Geste wird leider zu schnell durch die nächste Trump-Nachricht auf einem der City-Light-Boards relativiert, von denen es viel zu viele hier in Hamburg gibt.

Auf einer Moldavien-Reise habe ich mal erklärt bekommen, dass die Menschen dort wenig Vorsorge betreiben. Nicht für sich, nicht für ihre Familien, für niemanden. Man lebt im Jetzt. Das hat historische Gründe. Die Region war politisch schon immer sehr instabil. Seit Generationen schon. Daher ist die Strategie, sich darauf zu konzentrieren, dass es einem jetzt gut geht, da es kein Vertrauen in eine planbare Zukunft gab und gibt.

Und dieses Vorgehen klingt für mich mehr und mehr verlockend.

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Ich habe das Gefühl, die Welt befindet sich grade in einem umfassenden Transformationsprozess.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gab es im Grunde zwei große Player der Weltpolitik, die USA und die Sowjetunion.
Seit den 90ern quasi nur die USA.
Europa und die USA betrachteten sich lange wirtschaftlich und politisch als Spitze im Weltgeschehen.
Probleme wie Wirtschaftskrisen wurden mit reichlich vorhandenem Geld zugeworfen, auf China und Asien blickte man eher von oben herab, die lagen gefühlt technologisch weit hinter uns.

Nun haben die vermeintlichen Underdogs schnell gelernt, wir sind plötzlich von China in vielen Bereichen abhängig, und technisch haben sie uns in vielen Bereichen überholt und eingeholt.

Die USA als stabiler Machtfaktor zerbröseln grade, Russland meldet aggressiv wieder Großmacht-Ambitionen an, China strebt politisch wie wirtschaftlich nach Dominanz, und auch Indien und Brasilien (wie auch andere Staaten) möchten nicht mehr als abhängig vom „Westen“ gesehen werden, sondern mindestens auf Augenhöhe.

Corona hat uns gezeigt wie verwundbar wir doch eigentlich sind.

Wir stellen also grade fest, das uns viele liebgewonnene Gewissheiten grade flöten gehen.

Die daraus resultierende Angst vor Veränderung führt zu Unzufriedenheit mit den bestehenden (demokratischen) Systemen, denen viele die Schuld an dieser Veränderung und zunehmenden eigenen Bedeutungslosigkeit geben.

Demokratien geraten unter Druck, diese Schwächen nutzen Autokratien natürlich aus, um diese bei Autokraten gefürchtete und unbeliebte Staatsform weiter zu schwächen.

Dazu noch der Klimawandel, der eine grundsätzliche Veränderung unserer Lebensweise erfordert, uns aber überfordert, weil unsere bisherigen Mechanismen und Technikgläubigkeit uns nicht weiterhilft, wir uns aber nicht so weit verändern wollen.

Ich befürchte es läuft auf zwei Alternativen heraus:

  1. der Druck wird so groß, das wir noch halbwegs die Kurve kriegen. Dabei werden aber viele auf der Strecke bleiben bzw. die Veränderungen werden so tiefgreifend sein und uns nicht alle gefallen.

  2. es kommt auf irgendeine Art zum großen Knall, und wir sind gezwungen aus dem was übrig bleibt neu anzufangen. Dabei werden noch mehr auf der Strecke bleiben, wenn wir überhaupt noch die Chance auf einen Neuanfang haben.

Ich freue mich jetzt auf ganz viele Gegenstimmen mit positivem und optimistischem Grundtenor.

:wink:

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Es ist westliche Propaganda, dass (1) die Demokratie die beste Staatsform ist und (2) Autokratien angeblich gezielt gegen Demokratien vorgehen.

  1. Die Demokratie ist eine unter vielen Staatsformen, die jeweils verschiedene Vor- und Nachteile haben. Eine Demokratie bietet tendenziell mehr Freiheiten. Eine Autokratie mindestens kurz- und mittelfristig mehr Stabilität und Planbarkeit und dadurch mehr Sicherheit und Wirtschaftswachstum. Eine Demokratie ist daher tendenziell dann die interessantere Staatsform, wenn man kein Mehr an Sicherheit und Wirtschaftswachstum braucht, z.B. weil dies auf anderen Wegen gewährleistet wird. Das UK und die USA sind auch deshalb die beiden einzige langlebigen demokratischen (Ex-)Großmächte, weil sie jeweils zu ihrer Zeit die führende Militärmacht waren und ihr Wirtschaftswachstum durch gewalttätigen Imperialismus fördern konnten. Sobald ihrem Imperialismus Grenzen gesetzt wurden, begann auch die Zustimmung zur Demokratie einzubrechen. Nicht-westliche Staaten wissen das und verstehen eine moralische Überhöhung der Demokratie als westliche Propaganda.
  2. Die geopolitische Situation ist „USA gegen China“ und nicht „Demokratien gegen Autokratien“. In der US-Sphäre befinden sich viele Autokratien (z.B. die Golfstaaten und Singapur und auch Südkorea war bis 1987 eine Autokratie). In der chinesischen Sphäre befinden sich inzwischen viele v.a. südamerikanische und afrikanische Demokratien. Ferner sei darauf hingewiesen, dass die westlichen Staaten in der Vergangenheit gerne mit Gewalt freie Demokratien in gefügige Autokratien umgewandelt haben (insbesondere den Iran und lateinamerikanische Länder).

Handlungsempfehlung: Wir sollten eine ergebnisoffene Diskussion darüber führen, welche Staatsform die Herausforderungen Deutschlands im 21. Jahrhundert am ehesten meistern kann. Ich spreche mich für eine Konkordanzdemokratie mit wesentlichen direktdemokratischen und meritokratischen Elementen aus.

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Es hat ja niemand behauptet, das (1) die Demokratie die beste Staatsform ist.
Bislang sind wir damit allerdings ganz gut gefahren, was aber nicht ewig so funktionieren muss.

Und (2) würde ich schon sagen, das Autokraten ein massives Problem mit Demokratien haben, da freie Meinungsäußerung und demokratische freie Wahlen ja dem Machtverständnis eines Autokraten zuwider laufen.

Beispiel DDR. Für die SED war es ein massives Glaubwürdigkeitsproblem, das es den Menschen im real existierenden Sozialismus nicht wirklich besser ging als im dekadenten demokratischen Kapitalismus auf der anderen Seite der Mauer.
Putin hat das live erlebt.

Aber ja, vielleicht sind auch die klassischen Demokratien in einem Transformationsprozess, weil sie keine Antworten auf aktuelle Probleme finden.
Nur: Können andere Systeme das garantiert besser? Die Menschen dahinter bleiben die gleichen…

Wie gesagt: China scheint kein Problem mit „seinen“ afrikanischen und lateinamerikanischen Demokratien zu haben.

Lag das am Wirtschaftssystem, an der Staatsform oder an der konkreten wirtschaftlichen Ausgangspostion nach dem Weltkrieg (nahezu intakte Infrastruktur in der ganzen NATO-Sphäre versus nahezu völlig zerstörte Warschauer-Pakt-Sphäre)?

Genau. Und das System soll für die Menschen da sein und nicht umgekehrt.

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Menschen treffen bei entsprechender Beeinflussung auch in Mehrheiten komische Entscheidungen.
Restrisiko ist wohl immer …

Mir persönlich hilft es sehr, mein Handeln nicht am Weltgeschehen, sondern an dem, worauf ich direkt Einfluss haben kann, zu messen. Beispielsweise gehe ich wählen. Nicht, weil meine einzelne Stimme unter den 60 Mio Wahlberechtigten einen großen unterschied machen wird, sondern weil mein Kreuz in dem Moment 100% Einfluss auf das hat, was ich in der einen Sekunde beeinflussen kann.

Neben dem Wählen gehen natürlich mit Familie, Freunden, Nachbarn, etc. reden, politisch in der Nachbarschaft aktiv werde, Kommunalpolitiker:innen kontaktieren.. je nach dem was einem möglich ist und dabei natürlich immer auf die eigenen Kapazitäten und Grenzen achten. Auch kleine Dinge helfen mir, mich nicht so macht- und tatenlos zu fühlen.

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Was ist denn das für demokratiefeindliche Propaganda?
Jaja, die beste Staatsform ist ein gerechter König…

Kannst du für deine These von Autokratie = besserer Planbarkeit und Wirtschaftswachstum Beispiele nennen? Neben China fallen mir da nur Ölstaaten ein und deren wirtschaftliche Stärke liegt nicht daran, dass sie Autokratien sind.

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Sie halten meinen Vorschlag für eine Konkordanzdemokratie mit wesentlichen direktdemokratischen und meritokratischen Elementen als demokratiefeindliche Propaganda?!

Zum Beispiel Taiwan und Südkorea bis 1987 und Singapur immer noch, d.h. alle hocherfolgreichen ostasiatischen Staaten außer Japan. Oder die frühe Sowjetunion, die einen rückständigen Agrarstaat in eine industrialisierte Supermacht geformt hat bzw. bis zum Überfall der Wehrmacht dabei war.

Anmerkung: Bzgl. langfristigem Wirtschaftswachstum in technologisch führenden Staaten kann es anders aussehen. Yuval Noah Harari argumentiert beispielsweise, dass Informationsflüsse in Demokratien effizienter verarbeitet werden können als in Autokratien, weshalb diese ein höheres Innovations-Potential haben.

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Eher unwahrscheinlich, dass ich mich darauf bezogen habe, oder?

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Wir müssen uns mit dem Gedanken anfreunden, dass dieses Jahrhundert, so wie das letzte auch, ein stürmisches werden kann. Es ist nicht klar, ob es im Jahr 2100 die EU, die BRD oder die Welt wie wir sie kennen noch geben wird.

Trotzdem bin ich voller Hoffnung, weil ich immer einen schmalen Pfad sehe, auf dem Deutschland wieder neue Dynamik entwickelt, auf dem die EU aufsteht und die Friedensordnung in Europa verteidigt, auf dem internationale Kooperation am Ende gelingt, auf dem KI sicher und demokratisch eingesetzt wird und auf dem die Großkonflikte unserer Zeit nur technologisch und wirtschaftlich ausgetragen werden.
Wenn wir unsere Karten richtig spielen, dann können wir am Ende, nach vielen vielen Rückschlägen, in einer besseren Zukunft ankommen.

Du und ich können diese Prozesse nicht kontrollieren, aber wir können unsere Einstellung dazu bestimmen. Jeder kann im Kleinen einen Beitrag leisten, indem sie oder er den kommenden Veränderungen mit Mut, Umsicht und Mitgefühl entgegentritt.

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Es wird grad nicht optimistischer:

Was ich heute speziell in den Nachrichtensendungen feststelle, das man aus wenigen Fakten ganze Sondersendungen stricken kann mit Analysen, Expertenmeinungen und vielen Vermutungen.
Was oft den Eindruck hinterlässt, viel Zeit füllen zu wollen mit wenig Mehrwert.
Und auch Expertenmeinungen sind subjektive Meinungen mit einer Tendenz. Und schlechte Nachrichten ziehen immer mehr Aufmerksamkeit.

Vielleicht unterliegen wir grad einem gewissen Infornationsüberfluss?

Ich beschränke meine Quellen grad auf die lokale Tageszeitung und die Tagesschau-App. Primär Fakten, weniger Meinung.
Fühle mich trotzdem gut informiert und konzentriere mich sonst auf Dinge, die ich konkret beeinflussen kann.

Weniger ist manchmal mehr…:wink:

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Das finde ich prima. Und glücklicherweise hast Du Dich nicht für die Welt und die Nius-App entschieden…

Genau das sehe ich als Gefahr: Nach Überfluss ausmisten und bei den falschen Quellen hängen bleiben.

Das mit den falschen Quellen ist tatsächlich ein Problem. Vor allem einerseits der politischen Bildung als auch der Medienkompetenz.

Zum Überfluss an Medien kommt auch eine gewisse „Radikalisierung“ dazu, überspitzt formuliert. Soll heißen, viele Medien setzen nicht mehr auf journalistische Neutralität, sondern positionieren sich klar in eine (politische) Richtung und geben zur Information mehr oder weniger unterschwellig viel Meinung dazu.

Bestes Beispiel Welt. Da sieht man die Positionierung und Meinungsfokussierung sehr deutlich, auch erkennbar an den geladenen Gästen.

Schwierig, zugegeben.

Handhabe ich ähnlich. Ich versuche das, was ich als richtig ansehe, in meinem eigenen Leben so weit wie möglich umzusetzen. Beispiel: Wo immer möglich meinen CO2-Fußabdruck minimieren. Nachhaltige Projekte unterstützen. Wählen. Ehrenamt. Sowas.

Ja, leider. Deshalb halte ich es für sinnvoll, Medien verschiedener Richtungen zu nutzen und zu ihnen jeweils eine gewisse kritische Distanz zu wahren.