Hallo liebes Lageteam,
ich höre jede Folge schon lange sehr fleißig mit. Die neuste hat mich dazu gebracht mich im Forum anzumelden, ein Feedback zu geben und weiterführende Gedanken zu teilen.
Die in den vorherigen Beiträgen beschriebenen Störgefühle kann ich nachvollziehen. Für mich war diese Folge allerdings kein journalistischer Bericht, sondern ein Praxiseinblick mit der geballten Subjektivität aller Beteiligten. Und das war für mich auch von Anfang an klar und okay. Die Emotionalität von Herrn Scheel ist tatsächlich stellenweise schwer auszuhalten. Ob das sein Typ ist, eine Marketingstrategie oder auch, weil das alles auch für ihn selber schwer auszuhalten ist, kann alles sein. Dennoch konnte ich da was rausziehen. Vielen Dank für die Folge!
Was bei mir Anklang gefunden hat, war aber nicht unbedingt die Thematik “Unternehmer vs. Verwaltung”, sondern die Frage “Warum erlebt jemand so etwas im Kontakt mit Verwaltung?”, denn die treibt mich auch beruflich um.
Ich arbeite als Personalentwicklerin bei einer Stadtverwaltung. Mein Job ist interne Weiterbildung der Mitarbeitenden zu planen, zu organisieren und teilweise auch selbst durchzuführen. Total schön, weil ich mich ausschließlich mit Bildungsthemen und im Speziellen mit Weiterbildung zu digitalen Kompetenzen beschäftigten darf
. Ich bin keine Beamtin, sondern Pädagogin, bin also Tarifbeschäftigte. Ich musste Verwaltung lernen, als ich dort angefangen habe. Und was ich bisher dort gelernt habe ist: Die Erfahrung von Herrn Scheel - wenn auch stellenweise sehr drastisch beschrieben - ist eine Erfahrung, die häufiger ist, als es in einem demokratischen Staat sein sollte. Und es ist auch meine eigene Erfahrung als Beschäftigte in einer Verwaltung.
Das liegt durchaus auch an der im Podcast beschriebenen persönlichen Befindlichkeit beim ein oder anderen Verwaltungspersonal. So ein Verhalten ist mindestens unprofessionell, ggf. Amtsmissbrauch und auch so generell wirklich nicht in Ordnung!
In meiner Erfahrung liegt es aber vielleicht sogar häufiger daran, dass Behördenmitarbeitende lange in einem System sozialisiert sind, das eben Prozesse und Zuständigkeiten liebt und sie auch bis zum Äußersten ausdifferenziert, um ja alle Eventuatlitäten abzudecken. Das kann dann aber auch schlicht nicht gut damit umgehen, wenn diese dann trotzdem mal nicht anwendbar sind. Infolge haben wir Sachbearbeiter*innen die bei kleinster Unklarheit die nächste Ebene bemühen, um sich eine Entscheidung abzuholen und die Verantwortung dafür abgeben zu können. Das zieht sich dann hoch durch das komplette Organigramm. Gestaltungsspielräume werden vielleicht gar nicht erst erkannt bzw. werden sie nicht als Chance gesehen sondern als (gefährliche) Unsicherheit. Handlungsunfähigkeiten sind daher auch Handlungsunsicherheiten und die Angst davor rechtlich angreifbar zu sein. Leider dann halt auch nicht selten hausgemacht. Da menschelt es ganz arg und Mitarbeitende und deren Führungskräfte dabei zu begleiten diese Prozesstreue zugunsten einer Zielorientierung selbständig zu hinterfragen ist spannend, erhellend und frustrierend zugleich. Eben ein dickes Brett. Gleichzeitig sehe ich aber auch, dass dieser Haltungswandel passiert.
Kurzum: Folgen wie diese machen mir diese merkwürdige Diskrepanz zwischen Verfahrens(un-)logiken und dem Bürgeranliegen deutlich. Und ich versuche das rauszuziehen, was uns helfen kann Mitarbeitende darin zu bestärken ihre durchaus vorhandene Kritik- und Gestaltungsfähigkeit für sinnvolles Verwaltungshandeln einzusetzen.
Daher nochmal: Danke für diese Folge 