Sehr guter Punkt. Umso schlimmer, dass Deutschland die rechtsradikal durchsetzte israelische Regierung mit Waffenlieferungen unterstützt.
Neben antisemitischer Parolen, Aufrufen zur Vernichtung Israels und vieler weiterer Straftaten wurde ein am Boden liegender Polizist gezielt angegriffen und schwer verletzt…
Das darf definitiv nicht passieren.
Das darf auch nicht passieren, es delegitimiert aber nicht zwingend gleich die ganze Veranstaltung.
Hier mal noch ein Demobericht der taz:
Nakba-Tag in Berlin: Polizei erdrückt Gedenken | taz.de
Und vielleicht mal als Vergleich der Polizeihärte sei an diese Demo von 2014 erinnert:
Hooligans gegen Salafisten – Wikipedia - Köln am 26. Oktober 2014
Kurze Frage: Selbst wenn man die Polizei für sich als eskalierende Partei ausmacht und so die Gewalt framed, wie rechtfertigt man dann die vielen Angriffe auf Journalistinnen und Journalisten?
Die NGO Reporter ohne Grenzen zeigt in einem kürzlich veröffentlichten Bericht einen alarmierenden Trend. 2024 haben sich die Angriffe auf Medienschaffende im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. 42 % (!) der Angriffe fanden dabei auf Nahost Demonstrationen in Berlin statt!
Eine bedrohliche Entwicklung, die mit dazu beigetragen hat, dass Deutschland im Ranking der Pressefreiheit abgerutscht ist.
Das tut hier niemand.
Ich habe lediglich klar gesagt, dass es falsch ist, zu behaupten, dass es alleine an den Demonstranten selbst liege, ob sie Situation eskaliert, sondern dass auch das Einsatzverhalten der Polizei einen maßgeblichen Einfluss darauf hat, ob eine Demonstration eskaliert oder nicht.
Aus meinem Widerspruch gegen ein einseitiges Framing („Sind alles die Demonstranten Schuld!“) die Vertretung eines ebenso einseitigen Framings in die andere Richtung („Sind alles die Polizisten Schuld!“) zu machen ist keine sinnvolle Interpretation dessen, was ich schrieb.
Erstmal: Es geht nicht um RECHTFERTIGEN, sondern um ERKLÄREN. Diesen Unterschied hatten wir schon so oft und es frustriert mich immer wieder, wenn der Unterschied, im schlimmsten Fall bewusst, ignoriert wird, indem aus einer Erklärung eine Rechtfertigung gemacht wird. Daher nochmal ganz deutlich:
Eine Erklärung ist nicht moralisch wertend. Sie basiert auf Ursache-Wirkungs-Prinzipien und Einschätzungen der menschlichen Psyche. Eine Rechtfertigung ist eine Erklärung mit dem Ziel, ein Handeln moralisch zu rechtfertigen.
Ich kann erklären, warum Hamas-Terroristen der Meinung waren, es sei in Ordnung, Massaker an der israelischen Bevölkerung zu begehen, ohne, dass ich das auch nur in einem Wort gutheißen oder rechtfertigen wollen würde. Die Erklärung kann dabei auch sehr pro-israelisch sein („Die Hamas sind halt alles extreme Antisemiten und wollten nur so viele Juden wie möglich finden“) und gerade das Gegenteil einer Rechtfertigung darstellen.
Zurück zu deiner Frage:
Eine mögliche Erklärung (und ganz sicher keine Rechtfertigung!) für verglichen mit anderen Demonstrationen überproportional häufige Eskalationen gegenüber Polizisten und Journalisten ist sicherlich, dass es kein Demonstrationsthema gibt, das von den Beteiligten emotional auch nur annähernd so stark aufgeladen ist. Beim Nahost-Konflikt mit seinen Zehntausenden Toten und dem unerträglichen Unrecht auf beiden Seiten (sei es, Opfer von Terroranschlägen zu sein, oder eben die Kinder durch übertriebene Militäreinsätze sterben oder gar durch Stopps der Hilfelieferungen verhungern zu sehen; oder auch nur, zu sehen, wie jedes Jahr weitere Palästinenser von extremistischen Siedlern mit Gewalt vertrieben werden) kochen die Emotionen sicherlich höher als selbst bei Anti-Nazi-Demonstrationen (auf denen auch viel Emotion im Spiel ist, aber nicht mal im Ansatz so viel wie bei Nahost-Demos).
Diese extrem aufgeladene Stimmung führt natürlich zu extrem vielen irrationalen - und ganz klar zu verurteilenden - Übergriffen auf Menschen, die keine Schuld an der Situation tragen, seien es Juden in Deutschland, Polizisten, die solche Demos schützen sollen oder Journalisten, die einfach nur in Erfüllung ihres Jobs in diese aufgeheizte Situation kommen.
Was denn nun? Kann eine Erklärung nun Wertungen enthalten oder nicht?
Und warum soll es „pro-israelisch“ sein, zu konstatieren, dass bei Anhängern einer Bewegung, die nicht nur offen Antisemitismus propagiert, sondern vor, während und nach dem 7. Oktober auch explizit zum Mord an Juden aufgerufen hat, Antisemitismus als Tatmotiv eine Rolle spielen könnte?
Es ist schon erstaunlich wie in bestimmten Erklärungsversuchen - natürlich ganz neutral und frei von jeglicher Wertung - selbst bei niederträchtigsten Handlungen immer wieder die (vermeintliche) Not der Täter als handlungsleitend erklärt wird, während andere, mitunter naheliegendere Handlungsmotive entweder gar nicht erwähnt oder als einseitige Parteilichkeit abgetan werden. Sprich: Wer Polizisten verprügelt hat vielleicht einfach ein Problem mit der Polizei, wer Journalisten angreift hat vielleicht einfach ein Problem mit der Pressefreiheit und wer Juden angreift, hat vielleicht einfach ein Problem mit Juden.
Nein, es ist nicht eine „aufgeladene Stimmung“, die zu Gewalttaten führt, sondern es sind Menschen, die bewusst so eine aufgeheizte Stimmung herstellen - etwa durch die geschilderte Art und Weise der Mobilisierung zu der Demo gestern oder indem sie dort stundenlang „Deutsche Polizisten - Mörder und Faschisten“ brüllen - und die sich letztlich dazu entscheiden, gewalttätig zu werden.
Politische Wertungen sind etwas anderes als moralische Wertungen.
Ich kann die Rationalität von etwas bewerten, ohne zwangsläufig die „rationale“ Handlung auch moralisch für richtig zu halten.
Eine pro-israelische oder pro-palästinensische Erklärung muss daher nicht auch eine moralische Wertung sein, sondern unterscheidet sich maßgeblich darin, wie man die Ursachen bewertet, die zur zu erklärenden Handlung führen. Erst auf einer zweiten Ebene kann man dann diskutieren, ob die Umstände, die zur Handlung führten, die Handlung rechtfertigen können oder nicht. Also ich kann die Terroranschläge gegen Israel nur mit Antisemitismus erklären und - wenn ich Antisemitismus für richtig halten würde - damit rechtfertigen, weil Juden aus meiner Sicht dann eben tatsächlich „böse“ wären. Jeder vernünftige Mensch würde dieser Wertung natürlich widersprechen. Ebenso kann ich das Gegenteil tun und - wie wir beide dem zustimmen würden - ganz klar sagen, dass Antisemitismus als Erklärung für Terroranschläge definitiv keine Rechtfertigung sein kann und darf.
Die Ebene von Erklärung und Wertung kann man dennoch sehr klar trennen.
Ich finde es erstaunlich, wie ganz grundlegende Kenntnisse über die Verfasstheit der menschlichen Psyche geflissentlich ignoriert werden, um die einfachst-mögliche Erklärung verwenden zu können, der am einfachsten jede Rechtfertigung abgesprochen werden kann. Die Welt ist nicht so einfach.
Aber diese Diskussion hatten wir schon so oft. Du meinst, den gesamten Nahost-Konflikt mit Antisemitismus erklären zu können, ich meine, dass die ganze Geschichte und die massive Ungleichheit in der Region das Problem ist und Religion - wie so oft - lediglich als Rechtfertigung für extremistisches Handeln dient - und dass Rassismus, wie so oft, ein Instrument zur Kontrolle der Massen ist, welches leider prima geeignet ist, jegliche Hemmungen bei den eigenen Kämpfern abzubauen… Du kannst diese Sichtweise nicht akzeptieren, weil sie Rechtfertigungen ermöglicht (und fast schon nahelegt), du vertrittst daher eine Sichtweise, die keinerlei Rechtfertigungen zulässt. Damit machst du es dir sehr einfach und positionierst dich in diesem Konflikt komplett auf einer Seite.
Alles klar, also eine Erklärung kann zwar politisch wertend sein, aber nicht moralisch wertend. Wie gut dass Politik und Moral nichts miteinander zu tun haben /s
Nein, das behauptest du zwar seit Monaten immer wieder über mich, aber das habe ich noch nie getan und im Gegensatz zu dir nehme ich auch nicht für mich in Anspruch, den Konflikt in seiner gesamten Komplexität erklären zu können. Ich sage nur, dass es offensichtlich ist, dass Antisemitismus dabei eine Rolle spielt - ebenso wie bei den Protesten wie sie gestern in Berlin zu beobachten waren.
Zudem habe ich den Eindruck, dass viele genau das nicht wahr haben wollen. Häufig, wenn es zumindest auch um Antisemitismus gehen müsste, wird dieser entweder ignoriert, negiert, seine Erwähnung als „proisraelisch“ abgetan oder zig Gründe gefunden, warum alle anderen Motive außer Antisemitismus handlungsleitend sind. Und das finde ich ein Problem.
Begriffe wie „Realpolitik“ sagen dir etwas, oder? Die Frage, wie viel Einfluss Moral auf die Politik haben soll ist eine der großen Fragen unserer Zeit, z.B. im Hinblick auf die „feministische Außenpolitik“. Die Gleichsetzung von Politik und Moral bzw. die Sichtweise, nach der jede politische oder historische Erklärung auch eine moralische sein muss, ist offenkundig falsch. Aber du darfst natürlich gerne glauben, was du möchtest, und es hinter kindischen Sarkasmus-Tags verstecken…
Niemand bestreitet, dass Antisemitismus eine Rolle spielt.
Die große Frage ist wie immer in allen Bereichen nur: Ist es eine Korrelation oder eine Kausalität. Und hier vertreten wir diametral entgegengesetzte Meinungen. Für mich ist es eine Korrelation (dh. bestimmte Dinge führen dazu, dass Menschen Antisemitisch werden und dieser Antisemitismus führt zu Verbrechen gegenüber Juden), für dich ist es eine Kausalität, denn nur dann macht es Sinn, sie zu bekämpfen.
Ganz vereinfacht gesagt:
Ich gehe davon aus, dass die Lage zwischen Arabern und Juden im Nahen Osten sich massiv entspannen und Antisemitismus massiv zurückgehen würde, wenn es keine Konflikte (um Land, Ressourcen usw.) geben würde. Deshalb ist es mein Fokus, diese Konflikte zu beseitigen. Dabei erkenne ich an, dass man auch gegen Antisemitismus vorgehen muss, sehe aber ein Vorgehen gegen Antisemitismus nicht als Lösung für das zu Grunde liegende Problem, sondern als Bekämpfung der Symptome (ebenso wie ich dafür bin, Schmerzmittel zur Symptombekämpfung zu nehmen, so lange man eben auch die Ursache des Schmerzes behandelt…).
Du scheinst davon auszugehen, dass ein - wie auch immer gearteter - Kampf gegen Antisemitismus die Situation auflösen könnte. Das halte ich für naiv. So lange die Hintergrundprobleme bestehen bleiben, werden immer neue Generationen von Antisemitien heranwachsen.
Niemand hier will Antisemitismus ignorieren oder ihn nicht als Problem ansehen. Antisemitismus ist ein riesiges Problem, aber eben aus meiner Sicht vor allem ein Symptom, dessen Bekämpfung nur vorübergehende Linderung bringen kann.
Antisemitismus ist allerdings nicht nur ein reines Symptom (also eine Folgeerscheinung), sondern er verstärkt die zugrundeliegenden Konflikte und steht einer Lösung im Weg, etwa indem er eine rationale Beschäftigung mit den Fragen nach Land und Ressourcen verhindert da er ideologisch aufgeladene Mindestansprüche definiert. Die Idee, sich auf eine Beseitigung der Konflikte zu konzentrieren (also letztendlich Dinge aufzuteilen) und dadurch automatisch auch den Antisemitismus abzuräumen wird nicht funktionieren.
Da hast du sicherlich Recht, daher sagte ich ja, dass ich keinesfalls dagegen bin, gegen Antisemitismus zu kämpfen. Ganz im Gegenteil. Ich sagte ja auch, dass ohne den zu Grunde legenden Konflikt der Antisemitismus nur zurückgehen würde, gänzlich verschwinden wird er leider nie. Daher ganz klar: Antisemitismus muss auch aktiv bekämpft werden. Aber auch das wird ungleich einfacher, wenn gleichzeitig die zu Grunde liegenden Konflikte gelöst werden oder den Betroffenen zumindest das glaubwürdige Gefühl vermittelt wird, dass man sich für deren berechtigte Interessen einsetzt (z.B. das Ende der israelischen Siedlungspolitik).
Ich vertrete eher die Position, dass Antisemitismus und die zu Grunde liegenden Konflikte sich natürlich gegenseitig verstärken. Die Konflikte sorgen dafür, dass bestimmte Akteure ein großes Interesse daran haben, Antisemitismus gegen Israel zu instrumentalisieren, gerade weil Antisemitismus dazu führt, dass die Antisemiten den Konflikt weiter führen wollen und bereit sind, dafür hohe Preise zu zahlen. Wie gesagt, Religion und Rassismus (und Nationalismus) sind leider extrem effiziente Werkzeuge, um Menschen dazu zu bringen, andere Menschen zu töten oder den eigenen Tod im Namen der „gerechten Sache“ zu akzeptieren. Diese Wechselwirkungen werden denke ich von kaum jemanden bestritten.
Ich bin fassungslos ob dieser Argumentationslinie.
Tausche „Antisemitismus“ durch „Ausländerhass“ sowie Juden und Araber wahllos durch Deutsche und Ausländer und denk darüber nach, was du liest.
Du wirst dazu wieder von „Korrelation und Erklärung“ sprechen, aber das kann und darf so nicht unwidersprochen stehenbleiben.
Also widersprichst du der Meinung, dass Konflikte im Rahmen von Zuwanderung dazu führen, dass sich rassistische Denkmuster entwickeln können?!?
Die Mechanismen sind in Deutschland ähnlich. Menschen mit Migrationshintergrund werden oft benachteiligt (sozial, religiös, finanziell) und leben deshalb öfter in prekären Verhältnissen. Aus dieser Situation entwickelt sich dann bei einigen eine nachvollziehbare Ablehnung gegen den Staat und teilweise auch delinquentes Verhalten (vor allem, wenn man auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt wird). Bei Opfern dieses delinquenten Verhaltens wiederum kann man relativ oft feststellen, dass sich dadurch Vorurteile bis zu Rassismus ausbilden. Dieser Rassismus muss bekämpft werden, ebenso wie der Antisemitismus, aber die Lösung des Problems ist nicht „eine harte Hand gegen kriminelle Ausländer“, wie es der Konservative fordert, sondern das Problem an der Ursache zu lösen, daher: Bessere Integration, weniger Ghettobildung, stärkerer finanzieller Ausgleich, Unterstützung der Teilhabe an Bildung, mehr frühkindliche Bildung…
Du versuchst hingegen gezielt, den von dir zitierten Absatz mittels einer denkbar negativen Interpretation in eine problematische Ecke zu stellen.
Die USA behindern die Arbeit des IStGH wegen des Netanjahu-Haftbefehles immer massiver:
Lieber Ulf, lieber Philip,
ich bin Euch sehr dankbar für die tolle und wertvolle Arbeit, die Ihr jede Woche macht. Und ich bin Euch auch sehr dankbar dafür, dass Ihr israelkritischen Stimmen einen Raum bietet und Ihr auch das Thema Antisemitismus im Rahmen dieses Konfliktes schon näher und kritisch beleuchtet habt. Das hebt Euch aus meiner Sicht von den meisten Medien deutlich und positiv ab.
Etwas schade finde ich in diesem Interview die recht einseitige Perspektive auf die Sicherheit Israels. Ihr sagt beispielsweise, dass die PLO nichts für die Sicherheit Israels gemacht hat, dass der Siegfrieden Israel keine Sicherheit bringt. Auch geht es um Solidarität mit Israel. Aber was ist mit Solidarität mit der palästinensischen Bevölkerung? Was ist mit der Sicherheit der palästinensischen Bevölkerung bei mittlerweile wohl über 40.000 Frauen und Kindern, die ermordet wurden? Was tut der israelische Staat für diese Menschen? Was tut Deutschland für diese Menschen? Ich finde es nicht gut, wenn das Handeln Israels und Deutschlands auch hier noch in erster Linie mit Blick auf die Sicherheit Israels bewertet wird und nicht mit Blick auf die Sicherheit der Palästinenser*innen, die der israelischen Armee schutzlos ausgeliefert sind. Das wirkt ein bisschen so, als wäre die Sicherheit Israels wichtiger als die Sicherheit Palästinas.
In Israel ist eine Regierung am Werke, die rechts bis rechtsextrem ist (ich denke nicht nur, aber vor allem an Itamar Ben-Gvir - auch wenn er mittlerweile nicht mehr im Amt ist - oder Bezalel Smotrich, der sich selbst als homophoben Faschisten bezeichnet und es moralisch und richtig findet, die Palästinenser*innen zu Tode hungern zu lassen). Ich finde, dass man das viel klarer benennen könnte und müsste. Das Ziel dieser rechten israelischen Regierung war es von Anfang an, die Bevölkerung des Gaza-Streifens auf ein Minimum auszudünnen (https://theintercept.com/2023/12/03/netanyahu-thin-gaza-population/). Dass ein von einer solch rechten Regierung geführtes Land „so stark dasteht wie nie zuvor“, bereitet mit in erster Linie großen Sorgen.
Abgesehen davon finde ich, dass sich die Frage, ob man Netanjahu festnehmen sollte, wenn er jemals nach Deutschland kommen sollte, überhaupt nicht stellen sollte. Sonst verkommt das Völkerrecht zur Farce. Aus meiner Sicht ist der Punkt, an dem man „guten Freunden sagt, wenn sie einen Fehler machen“ längst überschritten. Statt Unterstützung am IGH und Waffenlieferungen bräuchte es aus meiner Sicht Sanktionen, wenn uns die Menschenrechte aller Menschen am Herzen liegen.
Auch wenn ich mir hier ein klarerer Position für Menschenrechte und gegen eine rechte Regierung wünschen würde: Nochmals vielen Dank für Eure so wichtige Arbeit.
Ich stimme dir in allem zu, @tmoll. Aus meiner Sicht ist die Argumentation mit Israels Eigeninteresse allerdings der durchaus geschickte Versuch, gefährliche Fahrwasser zu umschiffen.
Wenn ich den Fokus auf die Leiden der palästinensischen Flüchtlinge lege, dann gibt es ganz sicher empörte Stimmen, die das als selbstgewähltes Leid darstellen. Schließlich hat in deren Augen die palästinensische Bevölkerung jederzeit die Chance, sich ihres Antisemitismus und der Hamas zu entledigen.
Die Debatte ist vor allem in Deutschland sehr aufgeheizt und wird durch pro-palästinensische Gruppen, Antisemiten, aber auch die Gegenseite stetig am Kochen gehalten. Es wird von einigen Akteuren fleißig Antisemitismus und Antizionismus verbreitet, teils mit Sachbeschädigung und Gewalt verbunden. Auf beiden Seiten werden oft Fakten ignoriert oder umgedeutet und schnell Themen derailed, die für die zu unterstützende Seite unangenehm wären.
Ich verweise dazu auf den Umgang mit dem Amnesty International Bericht, der Israel konkrete Menschenrechtsverbrechen vorwarf. Er wurde sofort durch Derailing in die antisemitische Schublade gesteckt wurde. Ein beliebtes Stilmittel, um sich mit Vorwürfen nicht ernsthaft auseinander setzen zu müssen. Denn welcher vernünftige Mensch würde denn Antisemitismus ernsthaft diskutieren.
Ich erlaube mir Josef Schusters Statement zu als Beispiel hierfür zu zerlegen und zu kommentieren:
„Das Leid der Menschen in Gaza ist immens. Sich für ein Ende dieses Leids einzusetzen, ist ein menschliches Anliegen.
Obviously, schön dass es darüber Konsens gibt. Alles andere wäre aber auch verrückt.
Die dämonisierende Verurteilung Israels durch Amnesty International sprengt jedoch jeden Rahmen.
Huch, wo kommt das denn her. Wirkt irgendwie so als war der Konsens nur ein Feigenblatt. Geht es doch um etwas ganz anderes?
Da ist zum Beispiel ein wenig versteckter Antisemitismus-Vorwurf. Die Dämonisierung Israels, die Schuster vorwirft ist einer der zentralen Merkmale der Arbeitsdefinition für Antisemitismus. Wie begründet Schuster diesen Vorwurf wohl im Einzelnen?
Die Suggestion, dass die Organisation nun Beweise für einen angeblichen Völkermord anführen kann, ist unverantwortlich.
Huch, keine Begründung was genau dämonisierend im Bericht sei? Stattdessen erklärt er, es sei unverantwortlich zu erklären, dass man Beweise für einen Völkermord hätte? Klingt für mich wie Das darf nicht sein, also ist es auch nicht so. Und jeder der es doch behauptet ist verrückt und handelt gefährlich.
Aber sicher wird Schuster jetzt erklären warum er den Bericht für unverantwortlich hält.
Konsequent wird in der Erklärung von Amnesty International Deutschland dabei der Terror der Hamas – auch gegen die Bevölkerung in Gaza – relativiert und die Hamas nicht als das benannt, was sie ist: eine mörderische Terrororganisation. Das kommt einer Selbstentlarvung der Terrorrelativierung gleich.
Oh, wieder keine Erklärung. Stattdessen wird nun völlig der Bericht derailed, in dem man einem Bericht über schwere Menschenrechtsverbrechen Israels vorwirft, dessen Kriegsgegner die Hamas nicht ausreichend als Terroristen zu bezeichnen. Kann man doof finden. Ich halte es auch für einen klaren handwerklichen Makel, schon allein weil er unnötig Angriffsfläche schafft, aber dieses Merkmal allein rechtfertigt sicher nicht einen umfangreichen Bericht und im folgenden eine verdiente Organisation zu disqualifizieren und final mit den Worten
Das Vorgehen von Amnesty International und die Besessenheit gegenüber Israel stellen keinen Weg zu einer Lösung dar, sondern verschärfen die Situation – auch für Jüdinnen und Juden in Deutschland.“
für alles was dem unverantwortlichen Bericht über Menschenrechtsverbrechen Israels noch folgt, verantwortlich zu machen.
Dieses Statement Schusters wirkt auf mich wie aus einem Playbook der Kommunikationssteuerung durch Lobbyisten und Aktivisten. Und es ist gänzlich symptomatisch für die ganze Debatte. Sobald jemand für die Rechte von Palästinensern eintritt und Rechtsverletzungen von Israels Militär oder Israels Regierung bemängelt, werden Dinge, die mit der konkreten Kritik nur am Rande zu tun haben, herbeigezogen.
Will man sich diesen Aufriss sparen, dann arbeitet man auf einer anderen Ebene. Wenn ich aufzeige, dass auch Israel ein riesiges Sicherheitsinteresse daran haben müsste mit den Palästinensern menschenwürdig - in einer utopischen Welt vielleicht sogar fair - umzugehen, dann umschiffe ich die moralische Frage der Menschlichkeit und lege eine rein rationale Einschätzung zugrunde, der sich nur Menschen verweigern könnten, die sich gewollt oder ungewollt weigern die graue Masse zwischen den Ohren zu nutzen. Das Risiko für einen Shitstorm reduziert sich damit enorm.
Ich finde den Vergleich mit dem Krieg in der Ukraine falsch. Es gibt keine Terrororganisation in der Ukraine und es wurden keine russischen Zivilisten entführt. Der Krieg kann nur enden, wenn die Ukraine kapituliert und aufhört als Staat zu existieren. Wenn die Hamas hingegen die verbliebenen Geiseln freilässt und die Waffen niederstreckt, dann kann sich die Situation wieder entspannen. Dann würden auch die Hisbollah, die Houthis und der Iran ihre Angriffe auf Israel einstellen. Auch den Palästinensern in Gaza würde es ohne die Hamas besser gehen. Dann könnten sie frei ihre Meinung äußern, ohne Angst haben zu müssen dafür von der Hamas bestraft zu werden.
Wie gesagt, sowas kann man nur sagen, wenn man die Verhältnisse, unter denen die Palästinenser vor dem 07.10. leben mussten, für akzeptabel hält.
Du sagst daher:
Die Realität dürfte aber eher sein:
Das wird so nicht funktionieren. Aber da sind wir wieder bei der Diskussion über die Motive der Palästinenser, wenn sie die Hamas oder andere Terrororganisationen unterstützen. Wenn man es sich leicht macht und alles auf Antisemitismus runterbricht ist es herrlich einfach, zu sagen, die Palästinenser müssen doch einfach nur aufhören, Terror zu betreiben. Wenn man es in einem größeren Kontext betrachtet ist das eine extrem unrealistische annahme.
So gesehen ist der Vergleich mit der Ukraine eigentlich doch passend. „Die Ukrainer müssten auch einfach nur kapitulieren und akzeptieren, dass die Ukraine ein de-fakto besetzter russischer Satelliten-Staat wird, wie sie es während der Sowjetunion war. Also völlige Entmilitarisierung und eine pro-russische Marionettenregierung“. Würde man hier von den Ukrainern mehr verlangen, als du von den Palästinensern verlangst? Ich denke nicht - es ist auf der gleichen Ebene der völligen Unterwerfung und Akzeptanz des Unrechts. Der große Unterschied ist - wie ich schon so oft sagte - vor allem, dass die Ukraine völlig unschuldig an ihrer Situation ist, während im Nahost-Konflikt beide Seiten seit Jahrzehnten alles erdenkliche tun, der Gegenseite das Leben zur Hölle zu machen.
Dieses Narrativ, dass „die Hamas doch einfach nur aufhören müsste, zu kämpfen“ ist meiner Meinung nach durchaus auf einem Level mit dem Narrativ „Die Ukraine müssen einfach kapitulieren“.
Mich würde interessieren, worin Deine optimistische Sichtweise begründet liegt, dass sich die Situation entspannen kann, wenn die Hamas die Geiseln freilässt und die Waffen niederstreckt. Ich würde mich darüber freuen, aber ich sehe dafür keine Anhaltspunkte.
Das aggressive Verhalten Israels gegenüber dem Gazastreifen und dem Westjordanland gab es schon vor den Geiseln (und selbst vor der Hamas). Beispielsweise berichtete die AP im September 2023 über Luftangriffe Israels gegen den Gazastreifen (Israeli airstrikes hit Gaza for the 3rd day in a row as West Bank violence intensifies | AP News). In der Westbank wurden 2023 vor dem 07. Oktober 234 Palästinenser von israelischen Streitkräften ermordet (https://reliefweb.int/report/occupied-palestinian-territory/palestinians-west-bank-2023-was-deadliest-year-record). Am 4. Oktober 2023 berichtete der Guardian darüber, dass Demonstranten im Gazastreifen von israelischen Streitkräften in die Beine geschossen wurde (Gaza Strip protesters received bullet wounds to ankles, medics report | Gaza | The Guardian). Das Scharfschützen gegen Protestierende in Gaza eingesetzt werden, ist übrigens nicht neu. Ob die Palästinenser*innen ohne Hamas ihre Meinung frei äußern könnten, wie Du schreibst, sei also mal dahingestellt.
All das hatte jedenfalls mit den Geiseln nichts zu tun. Finanzminister Bezalel Smotrich hat übrigens mal ziemlich offen zugegeben, dass das Freilassen der Geiseln nicht die Priorität der Regierung sei. (Smotrich says returning hostages ‚not the most important thing,‘ sparking fierce backlash | The Times of Israel). Und Benjamin Netanjahu hat im September 2023 vor den Vereinten Nationen auch schon mal angedeutet, worum es ihm in diesem Konflikt gehen könnte (Nahostkonflikt: Benjamin Netanjahu löst mit Nahostkarte Empörung aus | ZEIT ONLINE).
PS: habe den Beitrag noch mal leicht überarbeitet, weil ich netterweise darauf hingewiesen wurde, dass wir uns hier duzen.
Nur zur Unterstützung, es ist völlig unrealistisch, dass Israel die Waffen niederlegt wenn die Geiseln freigelassen werden. Mittlerweile kommuniziert Israel ganz offen was sie wollen:
- Die Hamas zerstören
- Gaza entwaffnen
- die komplette Kontrolle über Gaza (Besatzung)
- die Vertreibung der Palästinenser aus den Gebieten, die Israel als Sicherheitszonen definiert (aktuell ca. 2/3 der Fläche des Gazastreifens)
Wir hatten diese Thema grundlegend auch schon in
Die Tagesthemen spielten dazu gestern auch noch einmal einen O-Ton eines Koalitionspartners Netanjahus ein.
Bei Minute 17:30 heißt es, bezüglich der Vertreibung und Ermordung von Palästinensern in Gaza, keinen interessiere es noch wenn man 100 Palästinenser in einer Nacht umbringe. Weder in Israel noch in der Welt. Die Welt habe sich daran gewöhnt. Daraus wird abgeleitet, dass man dort ohnehin machen könne was man wolle.
Ich vermute mit dem fehlenden Interesse meint er fehlenden Gegenwind im Inland und auf diplomatischer Bühne.
Glücklicherweise scheinen Großbritannien, Kanada und Frankreich nun endlich den Arsch in der Hose zu haben und Israel diplomatische Konsequenzen anzudrohen. Viel zu spät und mal wieder ist Deutschland nicht dabei.