In der neuen Lage wird die Frage der Notwendigkeit von Gaskraftwerke aufgerollt.
Mir hat dieser ausführliche Block sehr gefallen, sowohl inhaltlich als auch von der Form her, die ja so ein bisschen wie ein Zwiegespräch aufgebaut war, jedenfalls in meiner Wahrnehmung.
Inhaltlich bin ich absolut bei Frau Kemfert.
Edit: Typo.
Ich fand die Überlegungen am Ende des Abschnitts stark: Was wird sich durchsetzen? Die Energiewende inklusive erhöhter CO2-Besteuerung und das Aushalten der solchen vonseiten der Politik. Oder möchte man die steigenden Energiepreise den Leuten dann doch nicht zumuten und der Preis darf den Wandel eben doch nicht regeln? Und am Ende bleibt alles so wie es ist. Ich bin da so pessimistisch wie Frau Kemfert.
Nur mal ein paar Beobachtungen aus meinem Alltag: Ich besitze eine Wohnung und bin Teil einer Eigentümergemeinschaft. Bei der letzten Eigentümerversammlung ging es kurz darum, was wir machen, wenn unsere Heizung erneuert werden muss. Da wurde dann zum Beispiel spekuliert, dass wir bestimmt bald wieder günstiges russisches Gas bekommen werden und von einem steigenden Preis aufgrund von EU Regelungen geht man nicht aus. O-Ton: „Das werden wir ja dann sehen.“ Viele Leute wissen auch überhaupt nicht, dass der CO2-Preis steigen wird oder halten es für unmöglich, dass das passieren wird. Das erlebe ich in sehr vielen Diskussionen, wenn es darum geht, warum man nicht energetisch sanieren will und dass man das nicht von allen verlangen kann. Wenn ich dann sage, dass der Preis es irgendwann regeln wird, bekomme ich nur Kopfgeschüttel. Wie viele Menschen wissen denn überhaupt, dass es den Emissionshandel gibt?
Ein Beitrag wurde in ein neues Thema verschoben: LdN 427 - Alternative Energiequellen statt Gaskraftwerke?
Nachdem ich in meinen Posts letzte Woche doch einige Kritik geübt, muss ich jetzt festhalten: Top, Top, Top Segment. Danke für die Mühe, die ihr euch gemacht habt, und dass ihr euch nicht zu fein wart, Euren Standpunkt kritisch zu hinterfragen und Euch, wo nötig, neu zu positionieren.
Bin beeindruckt, vielen Dank hierfür.
Hallo, ich habe eine Frage zur Stromdürre. Wie ist die definiert? Mir kommt es etwas unrealistisch vor, dass solche Stromdürren aus meteorlogischer Perspektive eintreten können, oder zumindest in dem Ausmaß in dem das Szenario diskutiert wird. Es wäre recht einfach die Wahrscheinlichkeit solcher Dürren anhand von Klimadaten aus den vergangen Jahrzehnten zu berechnen, und sich dann zu überlegen in welchem Ausmaß man sich vorbereitet. (Bei Hochwassern gilt für die Höhe der Staumauer beispielsweise maximal h100 (Eintrittswahrscheinlichkeit des Pegelstandes 1x in 100 Jahren). )
Ich habe mich sehr über das Segment gefreut. Hier vielleicht noch ein paar Fachbegriffe aus der aktuellen (universitären) Forschung:
Zu der Frage, inwiefern ein Energeiversorgungssystem in der Lage ist zu jeder Zeit den Bedarf decken kann, gibt es die Forschungsfelder der „Resource Adequacy“ und der „Transmission Adequacy“. Zentrale Größen dabei sind insbesondere die sog. „Loss of Load Expectation (LOLE)“ und „Expected Energy Not Served (EENS)“.
Zur Bestimmung dieser Zahlen können Simulationen durchgeführt werden, die in verschiedenen Szenarien sowohl nicht Nicht-Verfügbarkeit von Erzeugungskapazitäten („Resource“) und/oder Übertragungskapazitäten („Transmission“) berücksichtigen. Je nach Kombination dieser Umstände kann es dazu führen, dass Energie nicht am Ort der Nachfrage bereitsgestellt werden kann. Ziel ist es daher, die zentralen größen LOLE und EENS möglichst gering zu halten. Natürlich wäre es wünschenswert diesen Wert auf 0 zu bringen, jedoch sind dafür sehr hohe Investitionen notwendig. Neue Gaskraftwerke in Form einer Reserve für diese „Dunkelflaute“-Zeiten wären demnach eine Maßnahme, LOLE und EENS zu senken.
Da der europäische Energiemarkt stark integriert ist, werden dazu natürlich auch auf Ebene der Europäischen Übertragungsnetzbetreiber Untersuchungen durchgeführt, und zwar jährlich(!). Dieser Prozess nennt sich ERAA (European Resourse Adequacy Assessment) und die Reports sind hier abrufbar. Die Szenarien, welche den Untersuchungen zugrunde gelegt werden sind öffentlich abrufbar und die „Key Takeaways“-Website ist durchaus interessant.
Das gibt es tatsächlich. Dunkelflauten gab es die letzten 20 Jahre gar nicht Habe leider die Quelle nicht parat. Ist so ähnlich wie die Netzstabilität. Wir hatten noch nie so ein stabiles Netz wie heute. Quelle: VDI Nachrichten
Ein Betrieb von Reservekraftwerken mit Wasserstoff ist von dieser Koalition ganz offensichtlich auch langfristig nicht vorgesehen. Die Klimaneutralität dieser Kraftwerke soll durch negative Emissionen (z.B. CCS) und CO2 Minderungszertifikate aus dem EU Ausland erreicht werden (Z 905-915 KV). Wenn die EU die entsprechenden Möglichkeiten zur Anrechnung solcher Maßnahmen nicht schafft, dann stellt die Koalition auch die Klimaziele 2040 in Frage (Z 908-915 KV). Allerdings wird dies auf europäischer Ebene gerade in diesem Sinne diskutiert.
Der Erdgasabsatz bleibt also gesichert.
Außerdem sollen die Reservekraftwerke nicht nur im Fall einer DunkelFlaute oder Stromdürre eingesetzt werden, sondern auch für die Kappung von Preisausschlägen im normalen Betrieb (Z 1077-1079 KV). Was erstmal bedeutet, dass die Benutzungsstunden der Reservekraftwerke sich erhöhen und damit der Gasverbrauch.
Dieses zusätzliche Einsatzfeld von Gaskraftwerken soll dazu beitragen, dass der Strompreis niedrig und planbar bleibt (Z 944-945 KV). Dieser zusätzliche Einsatz von Reservekraftwerken führt aber dazu, dass Maßnahmen zur Flexibilisierung wirtschaftlich weniger attraktiv sind. Denn die rechnen sich dadurch, dass bei Preisspitzen z.B. Speicher genutzt werden aber auch Nachfrage verlagert wird. Die Koalition will das grundsätzlich (Z 999ff. KV) Wenn aber Flexibilisierungsmaßnahmen wirtschaftlich nicht interessant sind, dann werden die Investitionen dafür auch nicht getätigt und dann erhöht sich zwangsläufig der Bedarf an Reservekraftwerken.
An Reservekraftwerken verdienen Kraftwerksbetreiber, weil sie eine gesicherte Rendite für die Bereitstellung der Kraftwerke erhalten. Sonst würden sie nicht bauen. Bei der Nutzung von Flexibilitäten findet ein technologieoffener Wettbewerb um die besten Lösungen unterschiedlichster Akteure statt. Das Wirtschaftsministerium hatte hierzu einen Vorschlag unter der Überschrift „Strommarktdesign der Zukunft“ vorgelegt, der aus meiner Sicht die unterschiedlichen Interessen der Akteure berücksichtigt hat und zielführend war. Es erscheint sehr zweifelhaft, ob die neue Koalition auf diesem Weg bleibt.
Aus meiner Sicht blieb in der letzten Lage ein wesentliches Szenario ausgeblendet.
Ihr habt mit den Zwängen der durch die CO2-Bepreisung steigenden Energiepreise argumentiert.
Was ist, wenn sich Angesichts der steigenden CO2 Preise eine rechtspopulistische Mehrheit in der EU dazu entscheidet dieses System aufzugeben und den Dingen ihren Lauf zu lassen.
Ferner: Ein weiterer Aspekt zum, Thema Dunkelflaute wäre Geothermie und Pumpspeicherwerke. Letzteres ist zwar nicht so schön für die Landschaft aber machbar.
Fand das Segment super spannend! Danke!
Was mir in dem Zusammenhang aber nicht aus dem Kopf geht ist die Frage, wie sich neben den Preisen für Privatkunden, die Preise für die Industrie verändern werden und zwar nicht nur isoliert für Deutschland betrachtet, sondern im Vergleich mit anderen EU Mitgliedsstaaten, UK, USA, China und anderen Wirtschaftsnationen.
In dem Zusammenhang würde mich sehr die Frage interessieren, warum die Stromkosten zB alleine in der EU von Land zu Land so stark schwanken. Aufgrund der hohen Investitionskosten sollten Lohnkostenunterschiede nicht allzu stark ins Gewicht fallen, sondern es eher auf die Kosten des Energieträgers ankommen. Ist zumindest meine Vermutung.
Da ich es für essenziell halte, Industriearbeitsplätze in Deutschland zu halten, finde ich eine Diskussion, die stark isoliert primär die Frage des Energieträgers diskutiert nicht ausreichend. Wir müssen dringend wettbewerbsfähige Preise mitdiskutieren! Also die Frage wie wir die Energiewende hinbekommen und gleichzeitig wettbewerbsfähige Strompreise erreichen.
Das Problem beim Thema „Dunkelflaute“ ist, dass jeder sich dem Begriff so definiert, wie er lustig ist. Wir haben das ja vor einiger Zeit schon mal quantitativ diskutiert:
Ja da würde ich mich anschließen. Zum einen sind glaube ich die hier im Forum genannten Kritikpunkte sehr gut adressiert worden. Zum anderen habe ich durch die Folge auch die Position von Frau Kemfert (gut, dass sie da im Gespräch mit euch so transparent war) besser verstanden. Dadurch war das für mich ein echter Mehrwert, da ich bisher einfach ihre Aussagen nicht mit denen z.B. des Fraunhofer ISE in Einklang bringen konnte. Respekt auch, dass ihr diese Klärung so kurzfristig in die Wege leiten konntet.
Natürlich gab es die Dunkelflauten, aber da wir ausreichend Kapazität an steuerbaren Kraftwerken hatten, führte das zu keinen Einschränkungen im Netz.
Schau die einfach mal bei Energy Charts den November/ Dezember des letzen Jahres an
Literatur zur Dunkelflaute z.B.
Kaspar, F., Borsche, M., Pfeifroth, U., Trentmann,
J., Drücke, J., & Becker, P. (2019). A climatologi-
cal assessment of balancing effects and shortfall
risks of photovoltaics and wind energy in Ger-
many and Europe. Advances in Science and
Research, 16, 119 – 128. doi.org/10.5194/asr-
16-119-2019
Was mir hier gefehlt hat ist die Erwähnung von Fusionskrakftwerken als Alternative zu den Gaskraftwerken. Die Technik ist wird zwar noch 10 Jahre brauchen, sollte dann aber genug Strom liefern. Und vielleicht geht es auch schneller, wenn man jetzt genug Geld reinsteckt.
Die meisten Experten gehen eher von 20-40 Jahren aus. Und auch das schätzen viele noch als zu optimistisch ein. Bis die Technologie marktreif und hinreichend skalierbar ist, um einen ernsthaften Einfluss zu haben, wird es jedenfalls zu lange dauern. Fusionskraftwerke mögen eine Lösung der Zukunft sein, aber keine Lösung, die wir bei aktuellen Problemen berücksichtigen können.
Nein, in 10 Jahren wird es auch bei starker Förderung kein Fusionskraftwerk geben. Das wird noch mindestens 30 Jahre dauern, wenn es überhaupt mal gelingt.
Aufgrund der extrem hohen Investitionskosten wären Fusionskraftwerke nur als Kraftwerke sinnvoll, die dauernd laufen, zur Ergänzung von Wind und PV brauchen wir aber flexible steuerbare Kraftwerke, die geringe Investitionskosten haben und wenig laufen
Im Podcast IQ - Wissenschaft und Forschung · Kernfusion - Wann kommen die ersten Reaktoren? · Podcast in der ARD Audiothek sagt selbst die interview-Partnerin eines Fusion-start-ups, dass die Fusionskraftwerke wohl nicht kostengünstiger zu betreiben wären als Fissionskrsftwerke. Nichts käme an Wind ran.
Dann hätte man bloß den Vorteil des schnelleren Müllzerfalls. (Aber dafür halt politisch gesehen den „Nachteil“ keine atomwaffen Bauen zu können.) Also mal sehen ob sich die Investitionen überhaupt noch fortsetzen, wenn das die Perspektiven sind.
Den Beitrag oben habe ich geschrieben, bevor ich die aktuelle Lage mit den Richtigstellungen gehört habe.
Dazu noch ein paar kleine Ergänzungen: der Emissionshandel ETS 2 gilt nicht für Gaskraftwerke, die unterliegen dem ETS 1. Das kam nicht so klar heraus.
Das politische Problem, was Frau Kemfert anspricht sehe ich auch, kann aber durch den Vorschlag der oben verlinkte DIW Studie adressiert werden. Förderung gibt es nur für Kraftwerke, die einen Mindeststrompreis von z.B. 500 €/MWh bieten, damit ist klar, das insbesondere Windkraft und Batteriespeicher schnell ans Netz gebracht werden müssen.
Biomassekraftwerke sind nicht sinnvoll, dann lieber Methan, was ja neben fossilem auch Biomethan sein kann. Bis zur Umstellung der Kraftwerke auf grünen Wasserstoff kann man mit dem Verfahren der Biologischen Methanisierung mit grünen Wasserstoff das im „Biogas“ enthaltende CO2 (rund 50%) zur Methan umwandeln, dann kann man die alte Infrastruktur für Gaskraftwerke beibehalten.
Gaskraftwerke so zu bauen, dass sie auf Wasserstoff umstellbar sind („H2-ready“) ist gar nicht so sehr aufwändig, es geht im Wesentlichen um Leitungen, Ventile etc… Beim Umbau müssen später die Turbinen und Brennkammer ersetzt werden und evtl. die Abgasreinigung auf höheren Anteil Stickoxide umgebaut werden.
Aufgrund der geringen angestrebten Laufzeit der Kraftwerke ist das teure Verfahren von CO2 Abscheidung und Speicherung (CCS) für die Gaskraftwerke nicht sinnvoll, insbesondere weil analog zu blauem Wasserstoff bei der Förderung von Erdgas ein signifikanter Teil entweicht und somit in der Treibhausgasbilanz diese „Vorkettenemission“ ja nicht behoben wird.
Das liegt an vielen Dingen. Eines sprichst du mit den Energieträgerkosten an. Diese sind zwar innerhalb der EU nicht großartig unterschiedlich. Gas kostet in Polen an sich nicht viel mehr oder weniger als in Frankreich und der Faktor sind eher die unterschiedlichen Transportkosten (z.B. bei LNG aus den USA). Allerdings ist der Erzeugungsmix in allen Ländern sehr unterschiedlich. In Norwegen gibt es viel Wasserkraft. Die ist günstig und hat zusätzlich keine Emissionen. In Polen oder Deutschland setzen wiederum fossile Kraftwerke oft den Preis, der mit steigenden Preisen im ETS noch durch eine weitere Komponente als den reinen Kosten des Energieträgers bestimmt wird. Hinzukommt, der Einfluss benachbarter Strompreiszonen. Wenn der Strompreis in Dänemark günstiger ist als in Deutschland, dann wird importiert. Allerdings nur so viel, wie physikalisch möglich ist (und zischen den Gebotszonen werden diese Engpässe auch im Marktergebnis beachtet).
Neben diesen Unterschieden kommen dann noch die weiteren Strompreisbestandteile hinzu. Das sind Steuern, Abgaben und Umlagen. Diese sind ebenfalls in allen Ländern unterschiedlich hoch. Ein Beispiel ist die EEG Umlage, die erst von Verbrauchenden getragen wurde und dann politisch geregelt aus einem anderen Topf bezahlt. Das als ein Beispiel, weil die Finanzierung des EE Ausbaus in allen Ländern anders geregelt ist.