Die Aktivisten tragen natürlich die Verantwortung dafür, wie ihre Aktionen von der Öffentlichkeit aufgenommen werden, so wie jede Partei, jeder Politiker und jeder Staat die Verantwortung dafür tragen, wie ihr Handeln aufgenommen wird. Dass die Medien - je nach politischer Ausrichtung - die Öffentlichkeitswirkung noch mal modifizieren, ist klar (bedeutet: die Öffentlichkeitswirkung in der BILD oder WELT wird negativer sein als in der Süddeutschen oder der Taz).
Die Frage, welche Aktionsformen angemessen sind, ist eben eine strategische Frage - und bei dieser Frage kann man zu ganz unterschiedlichen Antworten gelangen, je nachdem, wie man die unterschiedlichen Punkte gewichtet. Daraus machst du dann, dass man die „Kritik und Analyse“ ignorieren und den „Staat affirmieren“ würde, obwohl letztlich lediglich eine unterschiedliche Einschätzung und Gewichtung von Kritik und Analyse vorliegt. Und das führt eben gefährlich schnell zum Fanatismus, zum Schwarz-Weiß-Denken - wer nicht unsere Kritik und Analyse teilt, versteht das Thema nicht und/oder ist der Gegner.
Ich gewichte z.B. die Spaltung der Umweltschutzaktivisten deutlich höher als du. Diese Spaltung sehen wir schon hier, wenn ich die Aktivisten kritisiere, weil ich ihre Aktionsformen problematisch finde und du mir dann vorwirfst, meine Kritik sei quasi den Staat legitimierend und damit aus Sicht des Umweltaktivismus schädlich, mit dem Ergebnis, dass du in Frage stellst, ob ich überhaupt „richtig“ hinter der Sache stehen würde. Das sind diese typisches Spaltungs-Debatten, den einen sind die Ziele und Mittel nicht radikal genug, den anderen sind sie zu radikal. Und am Ende bekämpft man sich gegenseitig, statt zusammen etwas zu bewegen.
Im Resultat sind wir uns einig: Die Politik unternimmt aktuell noch deutlich zu wenig, um den Klimawandel hinreichend zu begegnen. Es müsste noch mehr geschehen. Der Unterschied liegt vermutlich vor allem in der Prognose für die Zukunft: Du siehst den unzureichenden Status Quo und einen Verkehrsminister wie Wissing und sagst: „Das endet in einer Katastrophe!“, ich hingegen schaue mir die Fortschritte an, die wir die letzten 5 Jahre gemacht haben, und sage: Es bewegt sich etwas in die richtige Richtung - immer noch deutlich zu langsam, aber es bewegt sich zweifelsohne etwas.
Du willst nun diese langsame Bewegung mit einem starken Ruck beschleunigen - ich hingegen sehe die Gefahr, dass ein zu starker Ruck irreparable Schäden erzeugen könnte. Die Frage, wer Recht hat, kann man ehrlicherweise nicht beantworten. Werden wir auch mit einer langsamen Beschleunigung den Karren schnell genug aus dem Dreck ziehen können, bevor die verderblichen Güter zu stark verrottet sind - oder brauchen wir zwangsläufig die Chance (samt Risiko) eines starken Rucks, durch den wir entweder unser Ziel rechtzeitig erreichen - oder der Karren dabei zu Bruch geht.
Ich sage nicht, dass ich diese Frage beantworten kann. Du verlangst mit Recht, dass sich die Gegner der radikaleren Aktionsformen mit der Frage der Risiken eines zu späten Einlenkens der Politik beschäftigen - und ich tue nichts anderes, als zu verlangen, dass sich auch die Vertreter des radikalen Aktivismus mit den möglichen Konsequenzen ihres Handels beschäftigen. Beide Seiten können natürlich nun auf Studien verweisen, die ihren Standpunkt stützen, die daher besagen, dass in diesem und jenem historischen Fall radikale Aktionsformen geholfen haben oder eben nicht. Beispiele gibt es für beides.