LdN 296: Strom / Einkaufspreise

Hallo liebes LdN Forum,

Ihr hattet in der aktuellen Lage (und ich glaube in der davor ebenfalls bezogen auf ein anderes Thema) gesagt, dass der Einkaufspreis vieler Stromanbieter unter dem Marktpreis liegt, da sich einige bereits vor Jahren damit eingedeckt hätten.
Den Vorwurf, diese Anbieter (u.a.) machen jetzt besonders Kasse, finde ich nicht ganz fair.
Mal abgesehen davon, dass man Strom normalerweise nicht lagern kann, kann man diesen Anbietern doch jetzt nicht vorwerfen, dass Sie zu dem „marktüblichen“ Preis verkaufen.

Versteht mich bitte nicht falsch. Viel zu teure Preise und das Verhalten, wie ihr es geschildert habt (Erhöhung zum 01.07. nur um EEG einzustecken) betrifft dies nicht.

Aber wenn ich mir heute 200to Stahl zu je 1000€/to kaufe und der Preis liegt 2025 bei 5000€/to, verkaufe ich doch meinen Bestand 2025 nicht zu 1200€/to, sondern zu den 5000€/to (fiktive Zahlen). Sicher machen viele auch Mischkalkulationen, etc. Fakt ist nur, ich gehe aktuell in Vorleistung und spekuliere auf steigende Preise. Damit ist auch ein Risiko verbunden und ich gebe Geld für Lagerbestand aus, welches mir nicht anderweitig zur Verfügung steht (Investitionen), meiner Konkurrenz aber schon. Wenn die Preise fallen, hilft mir auch keiner bei meinen Verlusten (Ausnahmen „to big to fail“ usw. mal außen vor).

Außerdem, hätten sich wirklich viele Anbieter diesen Strom damals gesichert, würde es zum Preiskampf kommen (so die Theorie).

Also ist der Strompreis entweder gerechtfertigt, es gibt Preisabsprachen, oder das System (Strom einkaufen und „lagern“) hat Fehler.

Ich hoffe ich konnte meinen Standpunkt etwas verständlich machen.
Ich freue mich auf eine Diskussion.

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Vermutlich, weil du sie einfach falsch verstanden hast.

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Ich hatte gehofft schon, aber ist natürlich nicht auszuschließen.

Aber dann meine (Gegen)Frage, gerne auch mit Referenz zu @FWH26 s Rechenbeispiel…

Zu welchem Zeitpunkt und zu welchem Preis hätte deiner Meinung nach der Stahl (oder Strom)Händler einkaufen sollen/dürfen und zu welchem Preis heute verkaufen sollen/dürfen?

Ich hatte ähnliche Gedanken wie Du, als ich den Abschnitt über die Strompreise hörte. Das, was mir als erstes mal sauer aufstösst ist, dass dieses „Strom vor 2 Jahren“ gekauft wurde. Strom ist keine Lagerware, der wird eigentlich in dem Moment produziert in dem er benötigt wird. Was Du vor zwei Jahren „kaufen“ konntest ist ein Vertrag mit dem Erzeuger. Und da stellt sich dann die Frage, ob der Geldfluss für den vereinbarten Preis zwischen „Anbieter“ und „Erzeuger“ vor zwei Jahren passiert ist, oder ob ihr quasi ausgehandelt habt, dass zum Zeitpunkt des „Verbrauchs“ vom Anbieter zum Erzeuger x Cent pro kWh fließen.

Damit ist Strom zur Spekulationsmasse geworden. Mit allen Konsequenzen in diesem „Casino“. Anbieter die zu viele langfristige Billigstromverträge mit ihren Kunden abgeschlossen haben gehen in den Konkurs, weil sie bei steigenden Preisen am Strommarkt dann nicht mehr kostendeckend einkaufen können. Und der Markt ist heiß umkämpft, ich muss nur daran denken, wie oft in den letzen Jahren das Telefon klingelte weil mir jemand einen Stromanbieterwechsel vorschlagen wollte. Und ganz dreiste Abzocker haben dann auch gleich meine Stadtwerke kontaktiert um den Vertrag auf sich zu ziehen, was aber zum Glück nicht ging weil mein Vertrag langfristig läuft.

Als Endverbraucher im Privatsektor bin ich doch eigentlich eh ziemlich machtlos. Klar, diverse „Stromanbieter“ geben mir eine gewisse Illusion der Wahlfreiheit, doch manche gehen einfach pleite und kaum einer dieser „Zwischenverkäufer“ investiert tatsächlich in Netze und Infrastruktur. Hauptsache wir haben einen Markt, auch wenn der eigentlich nicht fair funktioniert.

Womit wir bei den Erzeugerpreisen sind. Klar, momentan explodieren die Preise für Öl und Gas, also dürfte auch die Erzeugung in fossilen Kraftwerken entsprechend teurer sein. Auf der anderen Seite frage ich mich, wie die Kalkulation bei den erneuerbaren Energien ist, Solarstrom oder Strom aus Windkraft, wie ermittele ich da den Preis. Als Privatmensch würde ich ja rechnen, wenn ich mir Solarpanel für X Euro aufs Dach schraube, und die erzeugen Y kWh im Jahr, dann kann ich anhand des aktuellen Strompreises durchaus kalkulieren, wann sich das Ding amortisiert. Aber wie ist das bei den großen Solarparks. Was bekommen die für eine kWh und gehen deren Preise nun auch hoch weil der Markt ja „boomt“?

Ich bin jedenfalls sehr skeptisch, ob dieser Markt-Ansatz für Strom der Weisheit letzter Schluss ist, oder ob wir Privatkunden hier nur grandios abgezockt werden und das mangels Transparenz aber nicht beweisen können.

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Thema Marktmacht der Endverbraucher: Pleite gehen die, weil - wie du schreibst - die sehr schlank kalkulieren - anders gesagt um dem Endverbraucher maximal niedrige Preise zu geben. Ist doch erstmal nicht schlecht. Man könnte lediglich überlegen - analog der Einlagensicherung - diese Stromhändler zu verpflichten, dass sie stets mindestens x% ihrer verkauften voraussichtlichen Strommengen auch mit entsprechenden Verträgen ihrer Lieferanten unterlegt haben. Als Idee.
Machtlos sehe ich die Endverbraucher da nicht. Können ja - je nach Vertrag wechseln, sparen. selber erzeugen. Aber klar, wie mans macht, umsonst wird das ganze nie, aber man bekommt ja auch was dafür.

Thema Entstehung der Marktpreise bei Erneuerbaren: Ich lasse mich gerne aufklären, ich vermute die Preisbildung läuft „ganz normal“ wie überall sonst auch: Steigende Nachfrage und steigende Knappheit erhöhen die Preise - und vice versa.
Und Komplementärgüter zählen hier mit rein. Sprich wird Butter teurer kaufen mehr Menschen Margarine - geht also auch deren Preis hoch. Genauso erwarte ich mir das bei Strompreisen und den unterschiedlichen Erzeugungsquellen. Und sinkt der Preis unter die Rentabilität wird subventioniert oder zugemacht. Ist ja etwa mir Ölsand ähnlich. Eigentlich teuer und umständlich - aber wenn der Marktpreis nur hoch genug ist, werden die Förderanlagen wieder angeschmissen.

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Dazu zunächst erst mal. Grundsätzlich funktioniert der Strommarkt sehr gut, auch aktuell noch. Privatkundinnen werden eigentlich auch nicht abgezockt, sondern haben davon in der Vergangenheit oft profitiert (Energy-Charts). Vor allem gegenüber intransparenten Zeiten vor der Marktliberalisierung ist es sehr gut nachzuvollziehen, wie der Strompreis zustande kommt. Es gab zuletzt sogar eine Trend mit sinkenden bzw. vergleichsweise niedrigen Preisen. Das konnte super eingesehen werden (und auch wenn der überwiegende Teil nicht über die Börse (sondern OTC) gehandelt wird, kann das gut als Referenz genommen werden. Gibt hier im Forum auch weitere Diskussionen dazu und wie es funktioniert (Stichwort Merit Order).

Wer in der Vergangenheit gewechselt ist hat oft ordentlich sparen können. Vor allem, wenn man aus der Grundversorgung raus ist. Das hat sich gerade geändert und viele Unternehmen sind Pleite gegangen, weil sie eben ihre höheren Kosten nicht 1:1 weiterreichen konnten. Das ist gewissermaßen wirtschaftliches Risiko und hat schon in der Vergangenheit bei entsprechenden Geschäftsmodellen zu Unternehmenspleiten und betroffenen Kundinnen geführt.

Bei eigenem Eigentum ist Eigenverbrauch ja bereits länger eine in der Regel gut Investition. Jetzt erst Recht. Bei großen EE-Erzeugenden gilt, dass sie sich auf Ausschreibungen bewerben müssen (oder gleich sagen sie vermarkten ihren Strom außerhalb des EEG). Im Erfolgsfall bekommen sie dann eine gesicherte Mindesvergütung (die bis vor ein paar Tagen über die EEG Umlage finanziert wurde), mussten den Strom aber trotzdem Direktvermarkten, also an der Börse verkaufen. Das hat einen Teil der Mindestvergütung finanziert und wurde ausgeglichen, wenn die Preise unter dieser lagen. Aktuell liegen sie eher deutlich darüber und es wird komplett über die Direktvermarktung und damit die Preise an der Börse finanziert. Es freuen sich also auch EE Betreibende über die hohen Strompreise.

Ob das aktuelle Marktdesign nun der Weisheit letzter Schluss ist, wird sich in der Diskussion zeigen. Aber an sich funktioniert es und macht das was es soll. Es zeigen sich gerade nur die negativen Aspekte (sehr hohe Preise möglich) nachdem wir lange eher von den positiven Aspekten profitiert haben.

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Mir fehlte in der Lage noch ein Hinweis, warum genau die aktuellen Einkaufspreise ein mehrfaches betragen. PV und Wind soll ja günstig sein, hört man. Da wäre eine Einordnung interessant gewesen.

Der per EEG vergütete Strom wird zu einem Mindestpreis von 0 Euro auf den Markt geworfen. Das Problem: in aller Regel reicht diese Leistung nicht, um den jeweils aktuellen Bedarf zu decken. Also braucht es weitere Kraftwerke. Wenn deren Brennstoffkosten aber bei 5 Bio Euro pro kWh liegen, dann liegt der Strompreis auch da.

Hier sieht man ganz schön, wie der PV-Strom am Mittag den Strompreis drückt, weil nun die ganz, ganz, ganz teuren Kraftwerke nicht mehr benötigt werden zur Deckung der Nachfrage:

Wenn die Sonne dann untergeht, liegt der Großhandelspreis jedoch bei fast 40 ct/kWh. Für den Endverbraucherpreis würde sich das in 60 + X ct/kWh übersetzen.

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Hinzu bzw unterstützend kommt noch das Problem mit der Preisbestimmung am Spotmarkt. Soweit ich das verstanden funktioniert das ein wenig wie im Auktionshaus. Die billigsten Anbieter sind üblicherweise die Solar- und Windenergie. Wenn die nicht mehr reicht den Markt zu decken kommen danach Biogas, Kohle, Atom, etc dazu. Als letztes kommt dann Gas, so es denn benötigt wird. Nun ist es wohl so dass alle dann den Preis für die teuerste Energieform erhalten. D.h. wenn Gas mit im Mix ist, springt der Preis sprunghaft hoch, weil alle eigentlich Günstigeren dasselbe bekommen.

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An einer Stelle würde ich gerne eine Klarstellung ergänzen: In den allermeisten Fällen (große und mittlere Versorger) gibt es die gesetzliche Anforderung nach einer Unternehmens-Trennung von Netzbetreibern und Energievertrieb („Unbundling“). Die Senkung der EEG-Umlage ist Sache des Netzbetreibers (der die EEG-Umlage in der Vergangenheit auch nur eingesammelt und weitergereicht hat), die Erhöhung (oder auch die Senkung) des Strompreises ist Sache der Energievertriebe und damit die Sache eines anderen Unternehmens. Dieses Unternehmen kann den Preis frei festlegen, eine unmoralisch hohe Marge eingeschlossen. Da könnte der Kunde ja wechseln oder auf Strom ganz verzichten (Eigenversorgung).
Letztlich ist das der Preis der Liberalisierung des Energiemarktes, ein Prozess, der 1997 begonnen wurde.

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Liebe Lage der Nation,
kurz und knapp wie ihr es wünscht:
wir sind Ende Februar umgezogen. Unser damaliger Strom- und Gasversorger hat unseren Vertrag nicht weiterlaufen lassen, wegen des Ukrainekriegs, der gerade angefangen hatte. Alle anderen Stromanbieter haben keine Neukunden aufgenommen. Wir sind also seither in der Grundversorgung und zahlen das Dreifache. Es gibt immer noch viele Versorger die keine neuen Kunden aufnehmen und alle längerfristigen Angebote sind soooooo viel teurer als die Grundversorgung, dass wir bisher nicht gewechselt haben. Vergleichsportale im Internet raten übrigens auch zur Grundversorgung.
Fazit: Momentan sind auch Leute in der Grundversorgung, die sich durchaus kümmern und gerne einen bezahlbaren Ökostromanbieter hätten. Man fühlt sich der Preisspirale ohne sinnvolle Alternative ausgeliefert.
Das war mein Kritikpunkt, ansonsten seid ihr spitze!
Ines

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Habe die Folge gestern erst gehoert und ich muss sagen dieser Teil hat mich nicht ueberzeugt. Ihr geht ueberhaupt nicht auf das Problem der Stadtwerke ein, dass diverse freie Stromversorger immer mal wieder Pleite gehen und deren Kunden in die Ersatz/Grundversorgung gefallen sind. Selbst als die von euch kontaktieren Stadtwerke Ludwigslust/Grabow von 30% zusaetzlichen Kunden schreiben, geht ihr nicht darauf ein, dass ein solcher Zustrom jede langfristige Planung ueber den Haufen wirft. Frueher hatten sie weniger als 10% Kunden in der Grundversorgung; jetzt muessen sie 33% Strom auf dem Spotmarkt beschaffen! Und dann haben die Bestandskunden sicher auch oft Vertraege, die sich eben nicht von einem Monat auf den anderen erhoehen lassen. Wo sollen die denn die Kosten sonst herholen, wenn nicht von den Kunden ohne lange Vertragsbindung?

Ich kenne eure Quelle nicht und kann diese nicht beurteilen, aber mir ist deren Aussage hier von euch ein bisschen zu pauschal akzeptiert worden. Diese Story ist einfach nicht rund, wenn die ‚Marge des Jahrhunderts‘ fuer einen Versorger Wirklichkeit ist, muss das ja nicht fuer andere auch so sein - da ging mir jetzt eure Recherche nicht tief genug. (Siehe auch euren Hinweis darauf, sich einen besseren Tarif zu suchen - das geht an der tatsaechlichen Realitaet auf den Vergleichsportalen vorbei. Verivox z.B. sagt, fuer einen Vergleich hier in Muenchen ist die Grundversorgung billiger als alles, was sie sonst derzeit im Angebot haben.)

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Ich habe auch spaßeshalber bei den Stadtwerken des Ortes, in dem ich wohne, nach Tarifen für örtliche Neukunden gesucht und festgestellt, dass diese günstiger waren als solche auf Vergleichsportalen.

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Das ist nicht wirklich ein „Problem“, sondern die einzige Art und Weise, wie ein Strom-Spotmarkt funktionieren kann.

Was Stromversorger sich eigentlich kaufen, wenn sie für „jetzt sofort“ Strom am Spotmarkt einkaufen, ist die Abwendung des Zusammenbruchs ihres Netzes. In einem Wechselstromnetz muss zwingend immer exakt so viel Leistung eingespeist wie entnommen werden. Wenn Verbraucher dran hängen, die mehr Leistung fordern als eingespeist wird, sinkt die Netzfrequenz ab, und wenn die zu weit unter die Normfrequenz (bei uns 50 Hz) fällt, meines Wissens ab 49,5 Hz oder so, findet der sogenannte automatische Lastabwurf statt, d.h. Teile des Netzes werden automatisiert abgetrennt und somit die Last reduziert, bis die Frequenz wieder bei 50 Hz liegt. Das ist die allerletzte Notfallmaßnahme, die einzig dazu dient, den kompletten Zusammenbruch des gesamten Netzes zu verhindern, indem Teile davon quasi geopfert werden. Ein Versorger wird um nahezu jeden Preis versuchen, diese Ereignisse zu vermeiden, weil dabei ganze Städte oder Ortsteile lahmgelegt werden - da er aber kaum Kontrolle über die Anzahl Verbraucher am Netz hat (spezielle Verträge mit wenigen Industriekunden, die eine temporäre Abtrennung ihrer Versorgung explizit erlauben und dafür billigere Tarife bekommen, mal ausgenommen, das gibt’s in der Praxis gelegentlich) ist leider die einzige Methode, das zu erreichen, die sofortige Einspeisung weiterer Leistung, sprich das Zuschalten weiterer Erzeuger.

Wenn nun also ein Versorger eine akute Leistungslücke hat und diese am Spotmarkt füllen muss, ist er darauf angewiesen, dass sich genug Anbieter finden, um die Lücke komplett zu füllen. Es reicht nicht, nur 90% zu füllen - sein Netz würde zusammenbrechen, wenn er die restlichen 10 Prozent nicht herbeischaffen würde. Er muss also so viel bieten, bis sich genug Leistungsanbieter bereiterklären, ihm so viel Leistung zu liefern, dass er 100% erreicht. Wenn wir jetzt mal annehmen, dass dabei sowohl ein Windkraftwerk als auch ein Gaskraftwerk teilnehmen und das Windkraftwerk dank viel geringer Gestehungskosten bereits zu deutlich niedrigeren Preisen bereit ist zu liefern als das Gaskraftwerk, dann ist der einzige Weg, wie dieser Handel funktionieren kann, der, bei dem beide Kraftwerke den gleichen (hohen) Preis bekommen, zu dem das Gaskraftwerk eingestiegen ist, denn wenn der Windkraftwerksbetreiber nur mit der Hälfte abgespeist werden sollte, würde der dem Versorger konsequenterweise den Vogel zeigen und den gesamten Handel torpedieren - ohne den Windkraftwerksbetreiber käme der Handel nicht zustande, weil der Versorger seine Lücke nur zur Hälfte schließen könnte, sprich sein Netz bräche zusammen und er lieferte letztlich gar nichts, auch nicht den Strom des Gaskraftwerks. Es gibt nur „alles oder nichts“, Versorger müssen immer ein Paket an Leistung komplett erwerben, auch wenn mehrere Leistungserbringer mit unterschiedlichen Gestehungskosten beteiligt sind, und das erlaubt spieltheoretisch jedem Leistungserbringer, den gesamten Handel platzen zu lassen, wenn er sich unfair behandelt sieht, so dass die einzig akzeptable Lösung die ist, allen denselben Preis zu zahlen. Das gelieferte Produkt ist schließlich auch vollständig substituierbar: „grüner“ und „gelber“ Strom ist eine Marketingerfindung, am Ende ist elektrische Leistung austauschbar, egal ob sie aus Gas oder Wind stammt. Es gibt keinen Grund, warum ein Lieferant sich mit weniger Geld zufrieden geben sollte, nur weil er in der glücklichen Lage ist, das exakt identische Produkt mit geringeren Gestehungskosten herzustellen.

(In der Praxis läuft es meines Wissens eigentlich umgekehrt ab, also die Stabilisierung der Netze durch Ausgleich von Leistungsüberangebot und -fehlmengen erfolgt aus Geschwindigkeitsgründen größtenteils automatisiert auf technischer Ebene bereits weit unterhalb der Accounting-Ebene, die dann sozusagen „hinterher“ die Verrechnungen der exakten hin und her geflossenen Mengen vornimmt auf Basis gewisser vorab vereinbarter Budgets, und was dann im Wesentlichen am Spotmarkt gehandelt wird, sind diese Budgets für die nächsten Minuten oder Stunden. Das ist allerdings ein eher technisches Detail, das am grundsätzlichen speziellen Charakter des Strommarktes nichts ändert, weswegen ich es in der Erklärung oben raussimplifiziert habe.)

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Aber was ich bei der Argumentation nicht verstehe ist, dass doch nicht der Endpreis entscheidend ist für den Verkäufer des Windstroms, sondern die Marge. Also den Gewinn, den er rauszieht. Zählt es nicht als Wucher, ein Produkt mit einer sehr hohen Gewinnmarge zu verkaufen? Und wenn immer, weil billiger, der Windstrom zu 100% abgenommen wird, bei einem guten, fairen Gewinn, wäre doch der Gesamtpreis für den Endkunden geringer. Die Frage ist halt nur, warum sollte das jemand in einem kapitalistischen System freiwillig machen. Hier müsste der Markt entsprechend geregelt werden. Zumindest für Güter, die keine Luxusgüter sind, sondern Grundversorgung. Wenn es doch nur eine Beschreibung für einen Markt gäbe, der Beschränkungen unterworfen ist, um ihn sozial zum Allgemeinwohl aller -Käufer und Verkäufer- zu lenken.

Dafür müsstest du Strom noch weit teurer anbieten als die derzeitigen Spotmarktpreise. Niemand wird einen doppelt oder dreimal so hohen Preis wie ursprünglich erhofft als Wucher bezeichnen. Das ist einfach nur wirtschaftliches Glück.

Zumal die Idee, Windkraft hätte null Gestehungskosten, ja auch unzulässig vereinfacht ist. Erneuerbare haben enorme Investitionskosten, die man erst mal wieder refinanzieren muss, und die für weitere Kraftwerke gerade extrem ansteigen (durch teures Kupfer, teuren Stahl, teure Handwerker etc.). Die steigenden Kosten des Anlagenausbaus fressen daher einen Teil der höheren Einnahmen direkt wieder weg.

Viel Glück dabei, da vor irgendeinem Gericht die Wucher-Karte durchzubringen.

Da muss gar nichts geregelt werden, das regelt der Markt bereits selbst. Es gibt ja die Option, sich Strom unabhängig von den Spotmarktpreisen zu sichern. Dazu muss man nur Lieferverträge über bestimmte Mengen zu vorab ausgehandelten Preisen für die Zukunft schließen. Dann gibt’s auch kein „das teuerste Kraftwerk definiert den Preis für alle“.

So weit ich weiß wird auch der weit überwiegende Anteil der elektrischen Energie auf diese Weise gehandelt, also in Future-Kontrakten und nicht am schwankungsanfälligen Spotmarkt mit seiner speziellen Preisfindung. Deswegen haben ja primär Versorger, die sich kurzfristig am Spotmarkt versorgen, das Preisproblem, während langfristig agierende Stadtwerke verhältnismäßig gelassen sind, zumindest was die Bestandskunden angeht, die man in langfristigen Lieferverträgen berücksichtigt hat.

Oh, nice to know es geht um Geld und zwar um sehr viel Geld, wer hätte es gedacht :wink:

Gewinn ist das, was am Ende aller Abzüge übrig bleibt. Rücklagen für Investitionen müssen natürlich vorab abgezogen und eingeplant werden und die Kreditkosten für die Investitionen werden ja eh abgezogen. Insofern zählen diese nicht in den Gewinn. Wucher war auch nicht im rechtlichen Maßstab gemeint, sondern nur als Begriff zur Verdeutlichung der Problematik. Mein Punkt ist ja, bis zu welchem Punkt ist es wirtschaftliches Glück und wann unlauter? Wann und wo sollte man regulierent eingreifen. Und wenn doch eh der größte Teil nicht am Spotmarkt gehandelt wird, wieso ist dann der Preis so hochgegangen und wieso ist es dann ein Problem dort einzugreifen? Tempolimit ist doch auch nur auf 10% (geraten) der Autobahnen ein Ding :wink:

Das wäre z.B. der Fall, wenn ein Marktplayer genug Marktmacht hätte und diese ausnutzen würde, um den Preis in die Höhe zu treiben. Zwar ist die Erzeugung in Deutschland wesentlich konzentrierter als der Endkundinnenvertrieb aber auch da liegt aktuell keine derartige Marktbeherrschende Stellung vor, dass die Preise künstlich überhöht werden.

Wo es aber immer wieder eine Diskussion gibt ist das mögliche Ausnutzen von Marktinformationen beim anbieten von Leistung auf verschiedenen Märkten (Spot gegen Regelleistung). Hier wäre das Stichwort In-Dec-Gaming zu nennen. Es geht dabei um das strategische Ausnutzen von Engpässen im Netz. Dafür ist auch grundsätzlich keine Marktmacht notwendig.

Die Preise sind aktuell nun mal wirklich hauptsächlich durch die hohen Gaspreise getrieben. Das lässt sich auch gut nachvollziehen in entsprechenden Modellen. Und auch wenn [quote=„Slartie, post:18, topic:14598“]
der weit überwiegende Anteil der elektrischen Energie
[/quote]
nicht am Spotmarkt gehandelt wird ist er doch aufgrund der gegebenen Transparenz eine super Referenzgröße. Für EE ist er sogar super wichtig. Aufgrund der hier schon erwähnten erst kurzfristigen guten Prognostizierbarkeit wird vor allem dort, genau genommen Intra-Day, geboten. EE profitieren also aktuell eigentlich noch mal besonders, wenn sie zum Zeitpunkt hoher Preise anbieten können.

Eine Nachfrage nich @Slartie

Ich glaube niemand sagt, dass die Gestehungskosten null sind. Kann es sein, dass du eigentlich auf das Problem der Grenzkosten hinaus willst. Die sind tatsächlich quasi Null. Was ja zu dem Problem führt, dass EE über den Merit Order Effekt die Preise drücken und ein Einspielen der, bezogen auf die Leistung hohen Investitionskosten erschwert.

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Das ist ganz normal. Du bekommst auch hin und wieder günstiger Flüge im Reisebüro als auf Vergleichsportalen. Der Kunde des Vergleichsportals ist der Anbieter.