Kleinwasserkraft und Ökologie

Lieber Philipp, lieber Ulf,

in einer der letzten Lage-Folgen habt ihr Wasserkraft mit in die „grünen“ Energiegewinnungstechnologien eingereiht. Hier möchte ich gerne dazu Sonja Jähnig, Professorin der Humbold-Universität Berlin zitieren:

„Ein Punkt, der mir sehr am Herzen liegt, ist die Auflösung des vermeintlichen Zielkonflikts zwischen Klima- und Biodiversitätsschutz bei der Wasserkraft. Die Wasserkraft ist zwar eine erneuerbare, aber keine umweltfreundliche Energiequelle. Gerade die sogenannte kleine Wasserkraft trägt nur zu einem verschwindend geringen Anteil zur Energiewende bei, verschlechtert den ökologischen Zustand der Gewässer und ihrer Lebewesen aber erheblich. Daher haben kürzlich 65 Fachwissenschaftler*innen aus 30 wissenschaftlichen Institutionen in einer gemeinsamen Stellungnahme dringend empfohlen, die Förderung ineffizienter Kleinwasserkraftwerke aus EEG- oder Steuermitteln zu beenden.“

Vor allem auf europäischer Ebene ist hinsichtlich der Biodiversitätskrise der zunehmende Ausbau der Wasserkraft in Osteuropa ein großes Problem. Dynamische, durchgehende Fließgewässer schaffen seltene und artenreiche Lebensräume, Kohlenstoffsenken und Pufferzonen für Schad- und Nährstoffe.

Vielleicht könntet ihr das mal bei Gelegenheit aufgreifen.

Großes Lob an euch und macht weiter so!

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Danke. Das ist ein wichtiger Punkt.
Interessant auch, wenn man schaut, wer das im Bundestag vorangetrieben hat.
Dann stößt man auf Ramsauer (Initiator Mautdebakel) und Nüßlein (Maskenaffäre)

In der Lobby-Zeitschrift „Wassertriebwerk“ des Bundesverbandes Deutscher Wasserkraftwerke jedenfalls gibt es viel Lob für die neue Regelung. […]
In einem Artikel unter der Überschrift „Kleine Wasserkraft erhält 3 Cent/Kwh Kompensation für Trockenheit“ gibt es denn auch warme Worte, unter anderem für Nüßlein. Der CSU-Politiker und zwei Parteikollegen hätten stets ein „offenes Ohr für die Anliegen von uns Wasserkraftwerksbetreibern“ gehabt, Nüßlein und seine CSU-Kollegen Andreas Lenz und Peter Ramsauer hätten „maßgeblich bei der Erarbeitung des EEG 2021 die Geschicke gelenkt“.
Verhaltenskodex der CSU: Strenge Regeln, warme Worte? | tagesschau.de

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Guten Tag,

ich arbeite seit Jahren als Ingenieur in der sogenannten Kleinwasserkraft und eine Vereinbarung von Wasserkraft und Ökologie ist absolut möglich. Nicht umsonst sind die gesetzlichen Vorgaben hier sehr hoch. Vor allem modernisierte Kraftwerke, denen die EEG-Umlage eine Finanzierungssicherheit bietet, generieren grundlastfähigen Ökostrom ohne Eingriff in die Ökologie. Bei Modernisierungen und Neubauten werden immer auch Fischwege gebaut, welche die Durchwanderbarkeit für Fische wieder herstellen.

Deutschland ist vergleichsweise sehr eng besiedelt und es gibt kaum Gewässer, die nicht begradigt, anteilig gestaut o.ä. sind. Hintergrund ist hier teils die energetische Nutzung, in der Regel wurden die Flüsse aber zur Schiffbarmachung, für die Eisenbahn oder zu Siedlungszwecken begradigt und aufgestaut. Ein Großteil der Wehre, an denen Kleinwasserkraftwerke installiert sind, würden also auch ohne die energetische Nutzung weiterhin für den Hochwasserschutz, Trinkwassergewinnung, zur Haltung der Grundwasserpegel, für die Statik angrenzender Gebäude etc. bestehen bleiben.

Ein Vergleich mit den frei fließenden Flüssen im Balkan hinkt aufgrund der absolut unterschiedlichen Vorraussetzungen. Dass ein Neubau von Dämmen nicht unterstützt wird, ist verständlich. Die Energie des Wassers an bestehenden- nicht rückbaubaren Stauwerken nicht zu nutzen ist reine Verschwendung.

Beste Grüße,
MF

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Grundlast benötigen wir doch nicht mehr!?
Sondern nur noch Netzstabilität, das ist aber nur mit Gasregelkraftwerken zu erreichen, oder können Wasserkraftwerke so schnell reagieren wie Gasregelkraftwerke, siehe Bild ganz unten zur Residuallast von Energy Transition.

Kann es sein, dass es gar nicht um Ökologie geht, sondern eher darum, dass Grundlast Kraftwerke wie (Atom/Wasser/Kohle) die weitere Änderung und voranschreiten der Energiewende behindert?

Bin gespannt auf eine ausführliche Antwort vom Fachmann.

Zur Erläuterung:
Strom ist hochverderblich und Angebot Nachfrage müssen immer in Balance sein.
Grundlast hat uns in der Vergangenheit dazu gebracht, dass wir Strom abnehmen mussten, ob wir wollten oder nicht. Da gab es dann so Tricks wie Nachtspeicheröfen…

Kurz zum Begriff Grundlast: das ist der teil des Strombedarfs, der an einem Tag nicht unterschritten wird, also dauerhaft benötigt wird. Diese Grundlast ist in den letzten Jahren aufgrund des steigenden Strombedarfs ebenfalls gestiegen.
Was sich jedoch maßiv verändert hat ist die Art, wie diese Grundlast gedeckt wird- bis zu 100% aus Erneuerbaren Energien und nicht mehr aus Kohle, Gas und Atomenergie. Auf der Grafik ist dies sehr gut zu sehen. Auch, dass Wasserkraftwerke weiterhin einen konstanten Anteil liefert - Auch in den Nächten - kann in der Grafik für 2020 gut abgelesen werden.

Wasserkraft ist sehr gut und schnell regelbar, sofern die Steuerung einigermaßen aktuell ist. Seit dem EEG 2014 gibt es für Kraftwerke über 100 kW eine Direktvermarkungspflicht, bei der oft über den Direktvermarktungspartner auch negative Regelleistung angeboten wird. Positive Regelleistung wird bei Laufwasserkraft in der Regel nicht angeboten, da natürlich versucht wird, so viel Leistung wie möglich zu liefern.

Spannend, dass Sie Wasserkraft zu den Konventionellen Kraftwerken zählen… Sie sind 100% erneuerbar, sind also teil der Energiewende. Weiterhin hat die Wasserkraft den höchsten spezifische CO2 Vermeidungsfaktor aller Erneuerbaren mit ca. 806 g CO2-Äq. / kWhel. Siehe auf Seite 59:

So eindimensional ist es nicht, es kommt drauf an ob sie mit viel schädlichem Zement gebaut werden, ob es Laufwasser oder Pumpspeicher oder nur ein Speicherkraftwerk wie am Walchensee sind.

Außerdem wie weit wir mit den EE beim Repowern der Kraftwerke sind, welche Emissionen dafür wieder anfallen, ob die derzeitig dort eingesetzten Bauteile überhaupt Recyclebar sind usw usw, ich denke sie wissen, was ich meine.

Dass Wasserkraft konventionell ist, das habe ich allerdings nicht geschrieben.

Wasserkraft = Grundlast und wir brauchen keine Grundlast mehr in diesem Sinne sondern nur noch regelbare und zu den EE kompatible Energiebereitstellung und die großen Schwungmassen- Generatoren primär zur Erhaltung der Netzstabilität.

  1. Danke für ihren Hinweis, dass die moderne Wasserkraft so gut regelbar ist,
  2. beim co2e Thema = kommt drauf an.
  3. Zur Ökologie wissen sie sicher besser Bescheid als ich.
  4. Dass wir evtl Wasserknappheit haben könnten, fehlt mir in ihren Betrachtungen

Ich wäre ebenfalls gespannt auf eine fundierte Antwort auf die angemerkten Punkte von @unkreativ

Glaube dieses Argument ist in diesem Fall nicht schlüssig. Schon alleine deshalb, weil Wasserkraft zu den Renewables zählt. Hinzu kommt, dass du von Schwungmassen-Generatoren sprichst. Welche meinst du da genau, kannst du das bitte nochmal erklären? Ich würde mal annehmen, dass dem gerade eine Laufwasserturbine und der zugehörige Generator entspricht.

Habe mal in die Studie reingelesen. Ist schon sehr interessant. Dort sind nämlich die Emissionen incl. Vorkette angegeben. Und dazu gehört auch der von dir genannte Beton. Hierzu wurden Werte von GEMiS und Ecoinvent verwendet. Die Datenbanken werden eingesetzt um Ökobilanzen zu erstellen, und in diesem Fall ist es so etwas wie der PCF…Product Carbon Footprint.
Ergebnis hier: PV kommt auf 56 g/kWh, Wind onshore auf 18 g/kWh und Wasserkraft auf 3 g/kWh.

Das spielt allenfalls eine Rolle, wenn es um die Versorgungssicherheit geht. Schließlich wird kein Wasser „verbraucht“.
Im übrigen geht es um Kleinwasserkraftwerke, und das sind natürlich immer Laufwasserkraftwerke.
Eine Pumpspeicherkraftwerk ist ja nur eine „Batterie“, hat in dieser Betrachtung deshalb wenig verloren.

Ich habe mir das Memorandum mal angesehen und ein paar andere Quellen quer gelesen:

Wer ein wenig drüber nachdenkt dem wird schnell einfallen, dass die betroffenen Kleinwasserkraftwerke überwiegend sehr alt sind. Warum plötzlich nach 100 Jahren Betrieb dadurch die Biodiversität gefährdet sein soll erschließt sich mir nicht.
Aufschlussreich sind die Artikel der ETH und die Unterschriften unter das Memorandum. Etliche Unterzeichner sind für die Binnenfischerei. Und das ist vermutlich der ausschlaggebende Grund, es geht um die Menge der zu fangenden Fische.
Ein guter Vergleich ist auch mit der Diskussion zu Bieberburgen zu erkennen. Während die Stauung einer Bieberburg als ökologische Kleinod betrachtet wird, ist die Stauung eines Wehres etwas schlechtes.

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