Ist stetiges Wachstum und steigender Konsum dauerhaft möglich?

Bin heute mal auf folgende Meldung gestoßen:

Mal ein Beispiel dafür, das unser Wohlstandsgedanke mit immer steigendem Wachstum, mehr Konsum für alle bei weitgehend uneingeschränkter Freiheit auf eine Umwelt mit begrenzten Ressourcen trifft.

Ein ähnliches Thema vorgestern bei „Hart aber fair“ zum Thema Skigebiete. Dort das Fazit, das konstanter Schnee künftig nur noch oberhalb 2000 Meter zu erwarten ist. Die Menschen wollen aber Skifahren, also muss man die vorhandenen Wasserressourcen auch für künstliche Beschneiung unterhalb der Schneegrenze nutzen. Mit alternativen Tourismusangeboten tut man sich noch schwer.

Ist es unsere Lebensweise dauerhaft noch realistisch durchzuhalten?

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Eine rhetorische Frage, oder? Nein, unsere Lebensweise ist nicht dauerhaft durchzuhalten, wir erreichen den Earth Overshoot Day - also den Tag, an dem die innerhalb eines Jahres herstellbaren Ressourcen dieses Planeten aufgebraucht sind - bekanntlich immer früher. 1970 lag dieser Tag noch im Dezember, 2023 war es Anfang August so weit. Die interessantere Frage ist: Wie kann es uns gelingen, umzusteuern? Denn das würde - zurzeit noch freiwilligen - Konsum- und Annehmlichkeits- und Bequemlichkeitsverzicht erfordern, und dazu sind die wenigsten Menschen bereit, wenn sie nicht müssen.

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So wie wir die Welt organisiert haben, muss die Frage ja eigentlich lauten: für wie viele und für wen genau ist die bisherige Lebensweise aufrecht zu halten.

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Ich glaube genau die Frage stellt sich.
Wenn lassen wir sozusagen über die Klippe springen, um unseren Wohlstand aufrecht zu erhalten?

Steuern wir immer mehr auf eine „Zweiklassengesellschaft“ zu? Ist das auch genau so gewollt?

Zwar eine tatsächlich rhetorische Frage, aber da die Antwort im Grunde klar ist, wie es teils aber noch erfolgreich verdrängen, die Folgefrage: wie stellen wir uns die Welt in 50 Jahren vor? Oder ist uns das egal, weil es uns mit Masse dann nicht mehr betrifft?

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Ist eine Zurückhaltung beim Konsum oder gar ein Zurückfahren überhaupt möglich im Kapitalismus ? Es heißt doch immer, wir brauchen Wachstum, Wachstum, Wachstum…
Für mich als Laien klingt es schon irre, wenn es zb bei einer Firma im Vorjahr ein Rekordergebnis gab und wenn dann im Folgejahr das Ergebnis gleich oder nur ein wenig besser ist, dann stürzt direkt die Aktie ab und es herrscht Krisenstimmung.

Verantwortlich handeln würde bedeuten, dass wir unseren Konsum zurückfahren müssten. Natürlich ist das möglich für den einzelnen. Viele Menschen tun das ganz praktisch aus Geldmangel. Dann sind viele Anschaffungen nicht mehr drin. Millionen von Arbeitslosen, Geringverdienern, Rentnern usw geht es so. Und wenn jetzt diskutiert wird, dass diese Menschen noch immer zuviel bekommen und man bei ihnen kürzen soll. Dann wird das mit dem Konsum und dem Wachstum sicher nicht besser.

Aber mal ehrlich, wenn ich in einem Supermarkt vor einem Regal mit zb Zahnpasta stehe, dann frage ich mich schon, warum es von 10 verschiedenen Firmen insgesamt über 50 unterschiedliche Zahnpastas geben muss. Als ich jung war in den 70er/80ern gab es gerade mal ein halbes Dutzend und uns fielen deshalb nicht die Zähne aus.

Im Moment erleben wir eher das Gegenteil von verantwortlich handeln. Firmen wie Temu oder Shein fluten gerade junge Menschen mit billigstem Schrott. Influencer bewerben das Ganze intensiv in den sozialen Medien. Wer nicht alle 1-2 Jahre ein neues Handy hat, der ist out. 12jährige laufen mit Handys für über 1000 Euro rum.

Ich fürchte, wir fahren mit unserer Konsumgesellschaft gegen die Wand. Macht man eine Umfrage, so ist jeder für Umweltschutz, Gerechtigkeit und verantwortliches Handeln. Soll es der einzelne dann umsetzen, dann stösst man ganz schnell an Grenzen.

Tatsächlich verantwortlich handeln meist die, die nichts oder wenig haben. Die können weder viel konsumieren noch großartig die Umwelt schädigen. Sie machen es nicht freiwillig, aber viele verstehen in ihrer Situation, wie glücklich man schon dann sein kann, wenn man sich nur das wesentliche leisten kann.

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Sehen wir es nicht jetzt schon? Hungersnöte, Konflikte um Land und Ressourcen, Flucht und Vertreibung, Militäreinsätze zur Sicherung internationaler Handelsrouten, Abschottung gegenüber Hilfesuchenden, Aufrüstung bei gleichzeitiger Aushöhlung des Sozialstaats.
Ich befürchte es läuft wie immer. Zunächst wird gegen die Ausländer gehetzt, dann gegen die „Sozialschmarotzer“. Und dann? Generell Andersdenkende?

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Das Paradoxon was ich noch nicht zusammenkriege:

Wir wissen das wir Veränderungen zum Klimaschutz und zur Ressourcenschonung angehen müssen. Diese kosten auch viel Geld und erfordern die Bereitschaft der Gesellschaft, mitzugehen.

Die Logik unserer Marktwirtschaft ist nun, mehr Wachstum und Umsatz zu erzeugen (auch durch verstärkte Nutzung von Ressourcen), um mit dem erzielten Gewinnen einen Teil für die Kosten der Veränderungen einzusetzen.
Dabei mit dem erhaltenen oder steigenden Wohlstand das Wohlwollen der Gesellschaft zu „erkaufen“.

Bei allem ökonomischen Verständnis: so richtig logisch klingt das nicht, meiner Ansicht nach.

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Da unser Lebensstil schon seit über 100 (400?) Jahren darauf basiert, dass wir andere über die Klippe springen lassen, deutet vieles darauf hin, dass es auch bei einer Verknappung so sein wird. Nur dass die Klippe halt näher kommt, und ein paar die vorher noch auf der Gewinnerseite waren, künftig auch springen müssen.

Deswegen kann die Idee mancher Abgehängter, dass ein autoritärer Staat mit pragmatischem Menschenrechtsverständnis sie retten wird, auch ins Auge gehen.

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Okay aber wie können wir diese Szenarien verhindern? Degrowth? Kreislaufwirtschaft? Britische Kriegswirtschaft a la Ulrike Herrmann?
Irgendwas müssen wir doch dazugelernt haben.

Nun ja, du sagst es ja schon: Welche Wahl haben sie denn? Nicht, dass ich ein großer Freund dieses Ansatzes wäre. Aber das Lob des verantwortungsvollen Handelns kann man doch wohl nur den machen, dem überhaupt die Alternative offen stünde, oder?

Die Vorstellung einer solchen dystopischen zukünftigen Gesellschaft erlaubt übrigens einen vernichtenden Rückschluss auf die gegenwärtige Gesellschaft. Denn die Trennlinie zwischen diesen beiden befürchteten Klassen verläuft genau nach demselben Prinzip, das auch heute schon gilt: Bedürfnisse mit Zahlkraft werden erfüllt, Bedürfnisse ohne werden es schlechter oder auch gar nicht. Und das ist selbstverständlich gewollt.

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Das wäre die Frage.

Ist unsere Form des Kapitalismus ohne stetiges Wachstum und ressourcenschonend möglich?
Welche Wohlstandsverluste wären damit verbunden?
Bedeutet kein Wachstum der Wirtschaft zugleich ein Ende des Fortschritts?

Zur Umsetzung: wie macht man das schmackhaft? Ein Marketing der Nachhaltigkeit statt des Konsum?
Also wie müsste die Kommunikation zur Veränderung sein?
Braucht man tatsächlich alle 1-2 Jahre die neuste Smartphone Generation? Ist man sonst nicht mehr erreichbar oder bremst man sonst den Fortschritt? Sind die Entwicklungssprünge so gravierend?
Um mal ein Beispiel zu nennen.

Zuerst sollte man vielleicht die Frage klären, was eigentlich der Sinn des ganzen ist? Ist es „Wohlstand“? Was ist das? Was ist „Fortschritt“? Diese Frage nach dem „was soll das Ganze eigentlich“ wird viel zu wenig gestellt und schon gar nicht beantwortet, sondern immer nur impliziert: Mehr, Wachstum, Konsum.

Wenn man dagegen die meisten Menschen privat fragt, was für Sie ein erfüllendes Leben darstellt, dann sind das Dinge wie Gesundheit (und die Versorgung bei Krankheit), Gemeinschaft, materielle Sicherheit (aber nicht unbedingt abgefahrener Luxus) und natürlich auch ein paar „Annehmlichkeiten“ wie Urlaub, etc.

In der öffentlichen Debatte werden diese Bedürfnisse dann mit Wachstum und „freier Wirtschaft“ verknüpft, ohne dass diese Verbindung in irgendeiner Form belegt wird. Ein unglaublicher Propagandaerfolg der wirtschaftsliberalen Ideologie.

Ich persönlich halte das Wachstum-Mantra nicht nur für nicht notwendig für das erreichen eines „guten Lebens“ für möglichst viele Menschen, sondern sogar für hinderlich. Wir verwenden aktuell einen erheblichen Teil unserer gesellschaftlichen und natürlichen Ressourcen für ein recht arbiträr definiertes „Wachstum“ (des monetären Werts der Waren in der Volkswirtschaft) – diese Ressourcen könnten aber auch in andere gesellschaftliche Projekte investiert werden, die kurz- und langfristig erheblich mehr Menschen ein „gutes Leben“ ermöglichen würden.

  • Freier, flächendeckender ÖPNV
  • Maximal gut ausgestattete und personell betreute Schulen
  • Bekämpfung der Arten- und Klimakrise
  • Massiver Ausbau der kommunalen und schulischen Jugend- und Sozialarbeit
  • vieles, vieles mehr

Ein erster wichtiger Schritt wäre es, in der öffentlichen Debatte die Entwicklung dieser Dinge und nicht das „Wirtschaftswachstum“ zu betonen. Politik wird am Ende für die „lauteste“ Statistik gemacht.

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Guter Punkt.

Also was wäre aus menschlicher und gesellschaftlicher Sicht Wohlstand?

  • ein Dach über dem Kopf, mit Strom und fließend Wasser
  • ausreichend Nahrung zur Verfügung
  • eine gesicherte und für jeden gleich zugängliche Gesundheitsversorgung
  • soziale Kontakte und Bindungen, u.a. Familie
  • eine grundlegende Mobilität
  • ein grundlegendes Gefühl von Beständigkeit und Sicherheit
  • eine sinnstiftende Aufgabe oder Tätigkeit
  • die Möglichkeit, eigene Interessen und Hobbys zu verfolgen

Was wäre demnach Fortschritt?
Obige Punkte allen Menschen gleichermaßen zu gewährleisten (?)

Unser aktuelles wirtschaftsliberales System ermöglicht zwar in unterschiedlichen Ausprägungen viele diese Punkte. Allerdings nicht alle und nicht für jeden in gleichem Umfang.

In der Resonanztheorie von Hartmut Rosa lässt sich vielleicht eine Perspektive finden, um diese Fragen zu beleuchten. Rosa argumentiert, dass ein erfülltes Leben nicht nur von äußeren Erfolgen oder materiellem Wohlstand abhängt, sondern auch von der Qualität unserer Beziehung zur Welt. Dabei spielt die „Weltreichweite“ eine zentrale Rolle - das Streben danach, eine tiefe und resonante Verbindung zu unserem Umfeld zu entwickeln.

Wenn Verbundenheit ein Ziel ist, scheint mir die kapitalistische Wachstumslogik und die damit verbundenen Entfremdungserscheinungen in die falsche Richtung zu gehen.

Die Frage ist vielleicht wieder wessen Ziele. Wenn das Ziel ist, eine Umverteilungsmaschine von unten nach oben am Laufen zu halten, passt es wieder alles.

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Das Thema wird hier im Forum immer wieder diskutiert. Leider habe ich bislang keine wirklich befriedigende Antwort gekommen:

@Ilja hat sich an dem Thema auch schon abgearbeitet:

„…wie auch die große Mehrheit der Bevölkerung solche Vorstellungen von Verzicht und Rückschritt ablehnt. Selbst wenn das eine funktionierende Lösung wäre: Ich halte dies in einer Demokratie nicht für durchsetzbar - zumindest nicht rechtzeitig, bevor wir noch viel mehr Kipppunkte überschritten haben.“

Wenn ich dich da zitieren darf.

Muss ein Umschwenken auf eine Lebensweise, die unsere begrenzten Ressourcen berücksichtigt, zwangsläufig mit Verzicht und Rückschritt verbunden sein?

Das mit dem Verzicht ist doch eher eine kommunikative Frage. Wenn ein erfolgreiches Marketing mir einredet, alle zwei Jahre ist ein neues Handy nötig, spiegelt das ja keine realen Bedürfnisse wieder, sondern künstlich suggerierte Bedürfnisse.
Ich sehe da auch ein gravierendes kommunikatives Element

Leider sind die Interessengruppen, die von dem Wachstum und Konsum am meisten profitieren, die mit dem größten PR Budget.

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Logischerweise, so tickt unser System ja im Grunde.

Anekdotisch zum Thema Sinnhaftigkeit des Tuns, um mal einen Punkt rauszugreifen:

Die freiwilligen Jahre bei der Bundeswehr hab ich (sicher auch gepaart mit einer gewissen jugendlichen Naivität) als Dienst an oder für die Gesellschaft empfunden.
Bin danach in die Industrie, ins Marketing gegangen. 7 Tage die Woche für ein sehr kleines Gehalt Produkte verkaufen und vermarkten. Als mein Chef dann halb scherzhaft sagte „Sie müssen mehr arbeiten, ich muss mein Haus auf Sylt noch bezahlen“, hab ich die Sinnhaftigkeit meines Tuns hinterfragt und gekündigt.
Nun im sozialen Bereich und Bildungssektor sehe ich einen gesellschaftlichen Sinn in meiner Arbeit und konnte dabei mein Gehalt quasi verdoppeln (immer noch vergleichsweise bescheiden, aber spricht nicht gegen den Wechsel).

Will sagen, da ja der Markt nach Angebot und Nachfrage entscheidet, läge der Ball letztlich nicht im Spielfeld bei uns Kunden?
Wäre als der Ansatz weniger, das bestehende Wirtschaftssystem „gewaltsam“ zu verändern, sondern kommunikativ primär die „wirklichen“ realistischen Bedürfnisse darzustellen und den Weg zu einer verträglicheren Lebensweise, ohne direkt nur auf den Verzicht zu schielen?

Ja, die entsprechende Industrie samt Marketing wird vehement dagegen schiessen.
Und dieser Ansatz dauert, ob wir diese Zeit noch haben, weiß ich nicht. Überzeugung wirkt jedoch meist nachhaltiger als Verbote und Druck.

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Ich glaube die Nachfrage nach Lehrerinnen, Pflegekräften, Erzieherinnen, Sozalareiter*innen etc. ist sehr hoch. Dennoch gibt es in den Bereichen, soweit ich es mitbekomme, schlechte Arbeitsbedingungen, Unterbezahlung und zu viele Überstunden. Von der unbezahlten Care-Arbeit ganz zu schweigen.
Und gerade in diesen Bereichen ist es schwer, für bessere Arbeitsbedingungen zu Streiken, da im Falle eines Streiks eben nicht die Maschinen still stehen, sondern bspw. OPs nicht durch geführt, Kinder, Jugendliche, Alte oder Kranke nicht betreut oder gepflegt werden.

Daher würde ich in Frage stellen, dass Regulierung durch Angebot und Nachfrage wirklich zu den Ergebnissen führt, die letztlich uns als Gesellschaft wichtig sind.

Stimmt, was bei Produkten funktioniert, scheitert im sozialen Bereich.

Hier wäre auch ein Umdenken nötig.

Doch warum erhält eine gut ausgebildete, hochqualifizierte und empathische Pflegefachkraft oder Lehrkraft weniger Anerkennung als ein Mann Industriekaufmann im Vertrieb eines Automobilzulieferers?
Wird dessen Tätigkeit und Wertschöpfung für die Gesellschaft derart höher bewertet? Weil es um unmittelbar zählbaren Gewinn geht?