Fehlinvestitionen der Privatwirtschaft

Hallo zusammen,

kürzlich kam in einer Diskussion (mal wieder) der Vorwurf, dass der Staat ja eigentlich gar nicht richtig mit (Steuer-)Geld umgehen könne und dass man daher aktuell keine Steuern erhöhen sollte.

Bei solchen Gelegenheiten werden dann immer so Projekte wie:

  • der BER (Mehrkosten von ca. 4 - 5 Milliarden Euro)
  • Stuttgart 21 (Mehrkosten ca. 3 Milliarden) oder
  • die Elbphilharmonie (Mehrkosten: ca. 600 Mill.)

genannt. Das sind natürlich unbestreitbar öffentliche Projekte, bei denen einiges schief gelaufen ist.

Aber um das mal ins Verhältnis zu setzen, habe ich mal eine kleine Liste von Fehlinvestitionen und Fehlentscheidungen aus dem privaten Sektor aufgelistet. Dabei habe ich natürlich nur Unternehmen aus Deutschland genommen, einige sind sogar im DAX vertreten.

Ich habe dabei Corona und den Ukraine-Krieg komplett ausgeklammert und auch alles rausgenommen, was unmittelbar mit der Weltwirtschaftskrise 2008 zusammen hing, außerdem noch alles, was auf eindeutig kriminelles Vorgehen ohne Rücksicht auf die eigene Firma, zurück ging.

  1. Das A380-Debakel von Airbus
    Verlust für Steuerzahler, Fluglinien und Anleger weit mehr als 30 Milliarden Dollar
    A380: Was Europas größtes Industrie-Fiasko gekostet hat - wiwo.de
    Trauriges Highlight das A380-Chaos: Die Kabel sind anfangs zu kurz:
    Die Flugzeugbauer von Airbus haben sich total verheddert - faz.net

  2. Abgasskandal bei VW
    Verlust insgesamt bis 2019: 30 Milliarden Euro
    Volkswagen - Abgasskandal kostet und kostet | deutschlandfunk.de

  3. Bayer kauft Monsanto (Glyphosat), das in den USA massiv verklagt wird
    Verluste nur in 2020: 16 Milliarden Euro
    Bayer-Konzern nach Milliardenverlusten wieder mit Gewinn - agrarheute.com

  4. Fusion von Daimler und Chrysler, nach 2 Jahren aufgelöst.
    Verlust für Daimler: geschätzt zwischen 10 und 40 Milliarden Euro
    Daimler und Chrysler - Was Daimler verloren hat - Wirtschaft - SZ.de

  5. Thyssen-Krupp-Stahlwerke in Nord- und Süd-Amerika
    Verluste: 8 Milliarden Euro
    Thyssen-Krupp - Größenwahn kostet acht Milliarden Euro - Wirtschaft - SZ.de

  6. Die Allianz wird in den USA auf Milliarden verklagt weil sich deren Hedgefon-Manager verzokt haben.
    Verlust: 5,6 Milliarden Euro
    Debakel bei US-Hedgefonds kostet Allianz 5,6 Milliarden Euro - krzbb.de

  7. Der gescheiterte Übernahmeversuch von VW durch Porsche
    Verluste in 2009 bei Porsche: 4,4 Milliarden Euro
    Gescheiterte VW-Übernahme: Porsche macht 4,4 Milliarden Euro Verlust - DER SPIEGEL

  8. Übernahme von Simens VDO durch Continental
    Verluste nur in 2009: 1,23 Milliarden Euro
    Autozulieferer: Continental macht Milliardenverlust - Wirtschaft - Tagesspiegel

  9. Das car sharing Unternehmen „Drive Now“ von BMW und Mercedes
    Verlust: fast 1 Milliarde Euro nur in 2019 und 2020 zusammengerechnet
    BMW und Mercedes verkaufen Share Now an Opel-Mutter Stellantis - Business Insider

  10. Gescheiterte Einführung von SAP-Software beim Lidl-Konzern
    Verlust insgesamt: ca. 500 Millionen Euro
    Wie SAP und Lidl Hunderte Millionen Euro versenkt haben - Handelsblatt

Das Bild, das nur die öffentliche Hand nicht mit Geld umgehen kann, ist also definitiv falsch. Auch in der Privatwirtschaft wird durch Missmanagement und ähnliches kräftig Geld verbraten.

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Dem ist doch auch gar nicht so, das Problem ist eher in unseren Köpfen zu suchen und im Journalismus und seiner Aufmerksamkeitsökonomie.

Schlechte Nachrichten verkaufen sich besser und wir neigen dazu und wurden auch so erzogen, immer den schwarzen Punkt auf dem Blatt Papier zu beschreiben anstatt die 99% weiße Fläche vom Papier. Wir konzentieren uns immer zu sehr auf die Schandflecken anstatt mal die positiven Entwicklungen zu suchen und zu sehen.

Ich suche seit Monaten primär nach positiven kleinen Verbesserungen (da muss man aber sehr genau hinsehen) und ich suche nach Lösungen!

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Ja, es wird selten so direkt gesagt, aber Vereine wie der Bund der Steuerzahler befeuern dieses Narrativ dennoch immer wieder.

Das ist auf jeden Fall ein guter Ansatz. Es gibt ja auch in der Privatwirtschaft viel, das Richtig läuft genau so wie beim Staat ja auch, aber in beiden Bereichen eben nicht Alles.

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Ich finde den Ansatz sehr spannend. Natürlich gibt es auch inder Privatwirtschaft massive Fehlinvestitionen.

Ohne selbst viel Ahnung von einer der beiden Seiten zu haben würde ich hier aber in den Raum werfen, ob der Vergleich von drei Projekten auf der einen und zehn Projekten auf der anderen Seite leider nur anekdotisch sind. Grundsätzliche bräuchte man für eine echte Aussage auf welcher Seite „besser“ investiert wird ja viel mehr Fälle für eine statistische Auswertung. Dass wäre natürlich tierisch aufwendig, aber für eine echte Aussage leider nötig.

Trotzdem eine gute Idee einseitige Kritik in Frage zu stellen!

Auch so eine Auswertung könnte immer nur die Umstände der Vergangenheit betrachten. Von meinem Eindruck her würde ich sagen, dass der legendäre „Amtsschimmel“ in öffentlichen Versorgungseinrichtungen bis etwa in die 80er / Anfang der 90er tatsächlich an vielen Stellen so ineffizient und über den eigentlichen Bedarf mit Beamten ausgefüllt war, wie die Verfechter der Privatisierung das immer so schön polemisch darstellen. Seither hat sich da aber in eigentlch allen Bereichen grundlegend was geändert.

Hinzu kommt, dass privatwirtschaftliche Unternehmen immer auch noch einen gewissen Gewinn abschöpfen, in Mono- oder Oligopolsituationen tendenziell gerne auch ein bisschen (oder viel) mehr. Und wenn dieser Gewinn die vermeintlich höhere Ineffizienz staatlicher Organisationen übersteigt, dann ist in Wahrheit der privatwirtschaftliche Weg kostspieliger. Und diesen Punkt haben wir meiner Meinung nach an vielen Stellen längst überschritten. Bestes Beispiel PPP-Projekte beim Autobahnbau.

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Da hast du absolut recht. Allerdings ist das ja ein generelles Problem von Auswertung. Eine 100 % funktionierende Glaskugel wird es so schnell nicht geben.
Deine weiteren Überlegungen finde ich ebenfalls spannend, aber an der Stelle spekulieren wir ja leider nur.

Wir haben vor ein paar Tagen Balkonkraftwerke in der Nähe von München gekauft.
Dort habe ich mit einer etwas älteren Dame, gebürtig aus Honkong unterhalten. Dabei hat sie mich mal lächelnd kurz angeblickt und schelmisch gefragt:
„Haben Sie in Europa die letzten zwanzig Jahre gut geschlafen?“

In China fahren viel mehr E Autos als hier, sie kosten weniger, fahren weiter und sind schöner.
In China gibt es auf Anordnung des Staates Export Begrenzungen für spezielle Elektronische Bauteille z.B. Microwechselrichter, weil sie im Land selbst benötigt werden für die Energiewende.

In China ist die Bevölkerung trotz Social Scoring etc zufriedener, weil sie Wohlstand und ein gutes Leben haben…

Ich sags ja nur ungern, aber wir haben gerade eigentlich ganz anderer Baustellen als diese o.a. Punkte… wir sind dabei, technologisch den Anschluss an die Weltmärkte zu verlieren, sitzen in unseren SUVs bräsig beim Tanken, weil wir können es uns „ja leisten“…
Ich bin gespannt, wie das die nächsten paar Jahre weitergeht; aber hören wir auf zurück zu blicken, suchen wir nach Lösungen und richten wir den Blick nach vorne.

Wir brauchen hier in der EU mal wieder ein paar richtige Blockbuster… die Zeiten des deutschen Wohlstands, basierend auf Verbrenner Automobilen, ist nun mal langsam vorbei…

Wir haben ein paar gute Dinge, ist mir auch klar, aber wir müssen mal wieder etwas mehr strampeln und weniger jammern und lamentieren. Die Vergangenheit ist was für Historiker.

Hier noch weiterführende Links zu zwei weiteren Problemen:
Putin kontrolliert 90% des Uranmarktes auf der Welt
und
Wir finanzieren über die gestiegenen Ölpreise gerade den Saudis den Umstieg auf 100% Renewables, und warum werden die das wohl machen? Sicher nicht weil die Quellen so schön sprudeln.

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1856 hat Eunice Foote den Treibhauseffekt im Zusammenhang mit CO2 entdeckt. 1896 gab es die erste Hypothese von Svante Arrhenius, dass menschlicher CO2 Ausstoß das Weltklima verändern könnte. 1960 wurde der ansteigende CO2 Anteil in der Atmosphäre erstmals gemessen. 1968 wurde das American Petroleum Institute von Wissenschaftlern vor dem Klimawandel gewarnt.

ALLE privatwirtschsftlichen Investitionen in fossile Energien, Verbennungsmotoren, Individualmobilität etc. seit 1968 waren wissentlich getätigte Fehlinvestitionen.

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Interessant ist doch - warum bekommt dieser Verein diese Aufmerksamkeit?
Wem ist etwas daran gelegen oder welchen Gedanke steht in den Redaktionen dahinter?
Vielleicht dieser:
Der Staat macht Murks mit meinem Geld!

Was ja in Gänze nicht stimmt.

Es wird immer Fehlinvestitionen geben. Von beiden Seiten. Allerdings gibt es eine deutlich andere Ausgangssitution. Sollte es zumindest geben. In der Regel würden Unternehmen bei zu großen Fehlkalkulationen pleitegehen. Der Staat hat aber den großen Unternehmen angeboten, deren Risiko zu tragen, indem er sagt „too big to fail“. Und jetzt seien wir doch mal ehrlich, das würde hier doch jeder machen. Machen im Übrigen ja auch die Privathaushalte, siehe Hochwasser 2021. Das Steuergelder für Fehlinvestitionen „verschwendet“ werden, ist in beiden Fällen primär dem Staat zuzurechnen.

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Ist folgendes eine Reale Fehlinvestition oder verstehen wir es nicht?

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Ich halte das für eine eindimensionale Betrachtung des Themas. „Der Staat“ - das sind wir alle. Hunderte oder gar tausende durch Fehlinvestitionen gefährdete Arbeitsplätze belasten uns alle. Der Staat verschenkt keine Gelder ohne intensive Prüfungen und Kosten/Nutzen-Rechnungen.
Das wird in Medien wie Springer oder Ippen gerne mal pauschal so dargestellt; ernsthafte Diskussionen, wie sie (meistens :wink: hier im Forum geführt werden, sollten allerdings differenzieren können.

Überbrückungshilfen oder Hilfszahlungen werden an Auflagen gebunden und sind zurückzuzahlen, oder der Staat hat am Ende Anteile an den Unternehmen. Es gibt zahlreiche Varianten, die überall dort falsch oder verkürzt dargestellt werden, wo der neoliberalen Ruf nach dem „schlanken Staat“ gar nicht laut genug sein kann.

Das hat der Staat den Unternehmen nicht angeboten, sondern die Unternehmen nehmen ihre Angestellten als politisches Druckmittel und erzwingen so ihre Rettung. Und nutzen natürlich auch ihre Lobby-Kontakte in die Politik.

Kleine und Mittelständische Unternehmen kommen nämlich i.d.R. nicht in den Genuss dieses Fallschirmes.

Das soll jawohl ein Witz sein.

Man sollte lieber die Haftung von Spitzenmanagern erhöhen und denen nicht, so wie heute teilweise Praxis, die Boni für die gesamte Vertragslaufzeit schon am Anfang auf Konkurs-sichere Konten überweisen.

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