Die ewige Diskussion über die Leitkultur (ausgelagerter Thread)

Parallelgesellschaften sind irgendwelche rechtsradikalen, islamistischen, evangelikalen oder verschwörungsschwurblerischen Kreise.

Mit der sonstigen breiten Vielfältigkeit der Gesellschaft haben solche Leute nur wenig zu tun.

Du und andere (s.o.) wollen aber jenseits der Rechtslage und ihrem verfassungsrechtlichen Wesenskern weitergehend normieren.

Und das ist halt unsinnig, ums mal höflich auszudrücken.

Et kölsche Jrundjesetz (Kölsch ist übrigens auch ein migrationsgeprägter Metrolekt) enthält in seiner Erweiterung des treffenden Satz:

Jede Jeck es anders, jeder es anders jeck, und jet jeck sin mir all.

Diese Liberalität sollte eigentlich ‚Leitkultur‘ sein.

Plus „Verfassungspatriotismus“ (im Habermasschen Verständnis).

Das reicht völlig aus.

Alles andere ist unnötige Vielfaltsimitierung, die im Kern autoritär ist.

Zweifellos. Aber sie ist v.a. verfassungsfeindlich, da sie die allgemeine Menschenwürde untergräbt.

Eben. Wobei die Tötungshemmung schon (sehr) relativ ist.

Vom Sein aufs Sollen zu schließen ist aber ohnehin ein naturalistischer Fehlschluss.

Bloß weil sich eine Tendenz zur Xenophobie in (nahezu) jedem Menschen nachweisen lässt, folgt daraus ja erst mal gar nichts.

Viele bemühen sich eben und halten diese Tendenz erfolgreich in Schach. Andere wollen sich einfach gehen lassen.

Bloß weil viele Leute vielleicht einen inneren Drang verspüren, schneller Auto zu fahren, als die Polizei erlaubt, oder Menschen zu verprügeln, die ihnen nicht passen, werden Rechtsvorschriften gegen überhöhte Geschwindigkeit und Körperverletzung ja auch nicht einfach abgeschafft - auch wenn einige meinen, sie hätten ein Recht, nach Belieben zu rasen, oder anderen die Kauleiste einzutreten.

Das Gleiche ist es mit Fremdenfeindlichkeit.

Nein, Kultur kann auch ein Joghurt mit der Ecke sein und es macht einen großen Unterschied für den Joghurt ob Früchte oder Crispies reingekippt werden.

Doch, gibt es. Lass 500.000 Deutsche nach Indien konzentriert einwandern und da im großen Stil Rindfleisch produzieren. Mal gucken wie das ankommt.

Nein. Rein wörtlich genommen ist Xenophobie Fremdenfurcht, allein das ist schon ein riesen Unterschied. Was sie aber eigentlich meint, ist zunächst einmal nur Skepsis, die sich in einem unterbewussten Unwohlsein niederschlägt. Da sind wir von Verfassungs-kompromittierenden Verhaltensweisen oder Unwerten wie Fremdenfeindlichkeit, /-Hass, Diskriminierung oder Verletzung von Menschenwürde noch weit entfernt.

Ja? Dein Unternehmen möchte zwei neue Standorte eröffnen und benötigt jeweils jemanden der die ersten 3 Jahre vor Ort begleitet. Du kannst dir Vancouver oder Kairo aussuchen. Warum entscheidest du dich für Vancouver und das obwohl es so viel kälter und so viel weiter weg ist?

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Da haben wir einfach konkurrierende Kulturbegriffe.

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Sollte es sich um langristige Standorterschließung handeln, ist Vancouver schon angesichts der Klimakrisenfolgen im Vorteil. Auch findet man natürlich leichter englischsprachige Fachkräfte, die den Standort aufbauen. Wahrscheinlich ist Vancouver auch infrastrukturell besser angebunden usw.

Ökonomisch stellt sich aber letztlich die Frage, welche Märkte man (besser) erschließen möchte.

Ob Xenophobie in Verfassungsfeindlichkeit umschlägt, hängt ja wesentlich davon ab, ob die Leute bestrebt sind, ihrer diffusen emotionalen Grundtendenz entgegenzuwirken und sie in den Griff zu bekommen.

Leute mit rechtsradikalen Einstellungen wollen das erst gar nicht.

Was soll diese Metapher erklären? Da können wir auch gleich über Joghurtkulturen reden

Manchen reichen ja schon 500.000 Menschen, die eine bestimmte Sorte totes Tier nicht essen wollen, um auf die Barrikaden zu gehen. Aber nochmal: Was hat das mit der Bestimmung des Begriffs Kultur zu tun bzw. mit der Frage, wie homogen diese angeblich ist?

Mann sollte die historische Herkunft von Begriffen nicht einfach mit ihrer aktuellen Bedeutung gleichsetzen. Der Begriff bezeichnet eben nicht nur eine Angst, sondern auch die Ablehnung von (vermeintlich) Fremdem. „Xenophob“ bedeutet laut Duden „allem Fremden, allen Fremden gegenüber negativ, feindlich eingestellt“ xenophob ▶ Rechtschreibung, Bedeutung, Definition, Herkunft | Duden und bei Wikipedia verweist die Suche nach „Xenophobie“ direkt auf das Schlagwort „Fremdenfeindlichkeit“. Fremdenfeindlichkeit – Wikipedia.

Nennt sich Standortfaktor und setzt sich aus zahlreichen Faktoren zusammen, die höchst unterschiedlich sein können. Du tust einfach so, als würde jede Entscheidung jedes Unternehmens immer für Vancouver ausfallen, was faktisch einfach nicht so ist. Und genau das ist die unzulässige Homogenisierung von etwas, das eben nicht homogen ist.

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„Wörtlich“ ist aber nicht immer „sprachlich“. Xenophobie bedeutet „Fremdenhass“ oder „Fremdenfeindlichkeit“: Fremdenfeindlichkeit – Wikipedia

Wir diskutieren hier ja über den aktuellen Sprachgebrauch und aktuelle kulturelle Praktiken und nicht über Sprachgeschichte.

Davon abgesehen ist es nicht weniger idiotisch, einem anderen Menschen gegenüber Angst zu empfinden als ihn zu hassen nur weil er (aufgrund arbiträrer Merkmale wie zum Beispiel Hautfarbe) als „fremd“ empfunden wird. zumal Angst und Hass psychologisch eng miteinander verwoben sind.

Hä? Was hat das mit „gesellschaftlichem Zusammenlaben“ zu tun? Und ich würde spontan eher zu Kairo tendieren, aber primär, weil ich arabisches Essen sehr lecker finde. Die ganze Argumentationslinie ist seltsam und mir unverständlich.

Das ist in erster Linie kein kulturelles Problem, sondern ein juristisches: Das Töten von Rindern ist in den meisten Bundesstaaten Indiens zu den meisten Zeiten gesetzlich verboten. Da wo es nicht verboten ist, wird es auch praktiziert. In der Regel von Menschen deren Religion kein entsprechendes Tabu kennt (z.B. Muslime).

Mir ging es aber auch nicht darum, das es grundsätzlich keinerlei kulturelle Konflikte gibt. Die gibt es natürlich. Ich habe auf deine Behauptung geantwortet, dass es „nicht unerheblich ist welche Kulturen und Subkulturen in welchem Mischungsverhältnis innerhalb einer Gesellschaft in welcher Zeitspanne zusammengewürfelt werden.“

Was du hier in den Raum stellst ist die oft von konservativen bis rechten Ideologen verbreitete These, dass es „kompatible“ und „inkompatible“ Kulturen gibt. Das soll die kognitive Dissonanz auflösen, dass es einerseits schlimm sein soll, wenn Muslime nach Deutschland ziehen, wir andererseits aber US-Amerikaner und Briten gerne willkommen heißen. Zufällig sind in dieser Denkweise Menschen mit „kompatiblen“ Kulturen in der Regel vom Aussehen her klassisch Mitteleuropäisch, während „inkompatible“ Kulturen aus Menschen mit dunkler Hautfarbe bestehen.

Das ist natürlich nichts weiter als verbrämter Rassismus, also die Zuschreibung bestimmter Charaktermerkmale aufgrund bestimmter äußerer Merkmale.

Ob es „kulturelle Konflikte“ gibt, wird nicht durch bestimmte Kultur-Kombinationen vorherbestimmt. Es gibt keine „inkompatiblen Kulturen“. Was es gibt sind persönliche und/oder sozial-politische Konflikte, in denen „Kultur“ als Rechtfertigung und Mobilisierungsinstrument und als Abgrenzung zur „gegnerischen“ Gruppe genutzt wird.

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Die Gemeinsamkeiten sind doch frappierend:

Unvereinbar stehen sich Rechtsextreme und Islamisten gegenüber. Und sind sich doch ganz ähnlich, sagt die Extremismusforscherin Julia Ebner. Sie analysiert die Gemeinsamkeiten von Islamisten und Rechtsextremen und stellt fest: Die Rhetorik, die Strategien und auch die Ziele sind oft deckungsgleich. Beide Seiten sehen sich selbst in einer Opferrolle und dämonisieren die jeweils anderen. Beide Seiten wollen die Gesellschaft spalten. Und beide Seiten forcieren einen „Kampf der Kulturen“.

Gemeinsam ist beiden eine auf exklusiver Identität fußende Vorstellung von Gesellschaft, die sich aus der Ausgrenzung und Dämonisierung von Fremdgruppen begründet. Pauschale Abwertungen und die Stigmatisierung ganzer Gruppen von Menschen gefährden demokratische Kulturen und offene Gesellschaften ganz grundsätzlich. Sie unterminieren das Gleichheitsgebot und stellen grundsätzliche Werte der Aufklärung in Frage.

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Das ist schon ein wilder Vergleich. Es ist überhaupt nicht das Gleiche.

Wenn ich jemand neues kennenlerne, und es stellt sich über mehrere Treffen innerhalb einer gemeinsamen Peergroup heraus das zwischen uns die Chemie nicht stimmt, dann muss ich mit demjenigen auch keine Zeit verbringen und Ihn/Sie zu mir nach Hause einladen. Wir können uns grüßen, tolerieren und aus Höflichkeit Smalltalk halten wenn es sein muss. Es ist aber nicht strafbar, sträflich oder verwerflich nicht mit jedem eine freundschaftliche Beziehung zu pflegen.

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Nein, die Entscheidung war in dem Szenario bereits getroffen, für beide Standorte. Es ging nur darum, welchen der beiden du mit aufbauen willst, als Entsandter. Der für den du dich nicht entscheidest, übernimmt dann eine Kollegin.

Falsch, weder noch. Wir sprechen nicht über Begriffe, Semantik und Sprachgeschichte. Sondern über den Diskussionskern, der lediglich mit Sprache ausgedrückt und eben diskutiert werden muss, was mal besser und mal schlechter klappt. Das bedeutet ich möchte über den ‚Geist‘ des ‚Gemeinten‘ diskutieren. Wenn du jemanden fragst „Wie fühlst du dich?“, dann wird derjenige das mit der Sprache die zur Verfügung steht so gut wie möglich versuchen auszudrücken. Seine Gefühle ändern sich nicht, wenn er die ‚falschen‘ Begriffe benutzt. Und deswegen schrieb ich oben das es womöglich eher um Skepsis und Vorsicht, Berührungsängste geht. Es wird aber immer gleich Fremdenhass daraus gestrickt.

Es war eine direkte Antwort auf die Behauptung es gäbe zwischen Deutschen und Indern keinen kulturellen Zündstoff.

Alles. Es geht um Wohlfühlfaktoren. Wir können noch Costa-Rica dazunehmen, als dritte Option. Hypothese: 95% der selbsternannten ‚Progressiven‘ in Deutschland, die ‚Kultur‘ und mögliche gesellschaftliche Implikationen davon so vehement infrage stellen, würden Vancouver nehmen, als 2. Prio Costa-Rica und zuletzt Kairo. Und ich glaube keine Sekunde das du zu den 5% gehörst, weil arabisches Essen so lecker ist (ist es tatsächlich btw.).

Kein bisschen! Davon spricht niemand.

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Es bleibt dabei, dass du über das gesetzlich festgeschriebene Maß hinaus normieren willst.

Die i.w.S. Linksliberalen hier im Forum wollen das m.W. nicht.

Wir kommen mit dieser realen gesellschaftlichen Vielfalt gut klar.

Andere offensichtlich nicht.

Du verteidigst diese „oneness and sameness“ People.

Ich würde sagen: ‚Kommt endlich damit klar! Und nervt nicht ständig mit eurer bigotten Kleinkariertheit rum.‘

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Was soll denn so ein Quatsch? Du hast doch selber damit angefangen, den Begriff „Xenophobie“ zu thematisieren und Aussagen zu seiner Geschichte und Bedeutung zu machen. Die These, dass ein Begriff „eigentlich“ etwas völlig anderes aussagt als es der allgemeine Sprachgebrauch nahelegt und dass sich das nur über ein diffuses „Gefühl“ ergründen lässt - das du natürlich zufälliger Weise genau kennst - sorry, das ist einfach Geschwurbel.

Ja, wenn du ein hypothetisches Szenario konstruierst, was einseitig auf die Herbeiführung eines Konflikts angelegt ist, ist in diesem Szenario ein Konflikt wahrscheinlich. Was für eine Überraschung. Und das soll jetzt genau was aussagen bezogen auf die hier geführte Diskussion über die Homogenisierung von Kultur?

Du scheinst gerne mit hypothetischen Szenarien zu operieren inklusive der dazu von dir ausgedachten Zahlen. Aber was soll das aussagen, außer dass du über Vorstellungskraft und vielleicht Kreativität verfügst? Was hat das mit der o. g. Diskussion zu tun?

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Bei Kairo könnte ich Dir sofort einen Plan vorlegen, wie ich meine nächsten 150 Wochenenden gestalte. Was hat Vancouver zu bieten?

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Ich verstehe unter „Leitkultur“ die Leitplanken jenes Korridors, der vom übergroßen Teil der Gesellschaft gewünschten bzw. akzeptierten Handlungen im Kontext des gemeinsamen Zusammenlebens.

Dementsprechend wäre eine Leitkultur strukturell immer die konservative Perspektive, die sich auf jene geschrieben und ungeschriebenen Normen stützt, die sich in der Vergangenheit als förderlich für das gemeinschaftliche Zusammenleben gezeigt haben.

Selbstverständlich ändern sich die Rahmenbedingungen des gemeinsamen Zusammenlebens kontinuierlich und daher ändert sich zwangsläufig auch die Leitkultur. Das ist aber gerade das Kerngeschäft der Politik: Alle politischen Strömungen zielen entweder auf eine Änderung der Leitkultur in ihrem Sinne oder deren strukturkonservative Zementierung.

In diesem Sinne empfinde ich eine Debatte über die Leitkultur als etwas für eine Demokratie Notwendiges und Unterstützenswertes. Leider wird die Debatte in der Regel von den anarchistischen („es gibt keine Leitkultur“) und totalitären („wir kennen die einzig wahre Leitkultur schon, eine Debatte ist unnötig“) Positionen dominiert. Ausgangspunkt sollte immer die konservative Perspektive sein (wo auch immer diese sein mag, ich meine damit nicht unbedingt das Parteiprogramm der CDU oder SPD) und nicht, welches Extrem gefährlicher für das gemeinsame Zusammenleben ist.

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Eine Diskussion über die Regeln des Zusammenlebens ist immer okay.

Es geht den Gegnern des Begriffs „Leitkultur“ um zwei Dinge:

  • In einer Zeit extremer Kulturkämpfe (vor allem des Kulturkampfes von Rechts) erscheint der Begriff „Leitkultur“ inhärent falsch. Selbst wenn damit nur das von dir genannte gemeint ist, impliziert er, es gäbe eine „höherwertigere“ Kultur - und genau so wird der Begriff ja auch teilweise von den Befürwortern genutzt. Nach dem Motto: „Passt euch gefälligst unserer - richtigen - Leitkultur an, statt eure - falsche, weil fremde - Kultur zu praktizieren“.
  • Gegner des Begriffs „Leitkultur“ glauben an ein Minimalset von Regeln, an die sich alle zu halten haben. Das sind die Gesetze (und selbst da teilweise nicht alle…). Das Problem sind daher nicht die von dir genannten „geschriebenen“ Normen, sondern gerade die Ungeschriebenen. Gerade weil die Meinungen darüber, was „sich in der Vergangenheit als förderlich für das gemeinschaftliche Zusammenleben gezeigt“ hat, sehr unterschiedlich sind. Deshalb werden dafür auch kaum Beispiele genannt - und die Beispiele für solche „positiven ungeschriebenen Regeln“ kann man i.d.R. leicht mit Beispielen für „negative ungeschriebene Regeln“ aufwiegen. Daher sind Gegner der „Leitkultur“ prinzipiell eher dafür, wenn überhaupt, nur geschriebene Regeln (=Gesetze) als Inhalt zu akzeptieren (und es bei der Gelegenheit direkt etwas neutraler zu nennen, um die sprachliche Nähe von „Leitkultur“ zu „Kulturkampf“ zu vermeiden).
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Die grundlegende Frage ist doch: Betrachte ich „Leitkultur“ als einen dekriptiven Begriff, also als Beschreibung jener kulturellen Praktiken oder meinetwegen auch Normen, die für eine abgrenzbare Gruppe von Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt vorherrschend, allgemein akzeptiert oder gar einhellig geteilt sind oder verstehe ich darunter ein normatives Konzept, dass - auf welcher Grundlage und mit welcher Zielsetzung auch immer - versucht, bestimmte Vorgaben zu formilieren, welche kulturellen Praktiken, Umgangsweisen, Normen etc. die Regel sein sollen.

Ersteres lässt sich empirisch feststellen - je genauer bzw. differenzierter das sein soll, desto aufwendiger wird das. Letzteres wirft immer dieselben Fragen auf: 1. Wer entscheidet mit welcher Legitimation, was für wen verbindlich sein soll? 2. Lässt sich so etwas wie Kultur überhaupt „leiten“, also zielgerichtet beeinflussen?

Wenn ich mir die Diskussion hier so anschaue, habe ich den Eindruck, dass viele in Richtung empirischer/deskriptiver Begriff argumentieren, und diejenigen, die eher ein normatives Konzept vertreten aber letztlich auf diese beiden m. E. entscheidenden Fragen nicht eingehen.

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Wie geschrieben, verstehe ich nur solche ungeschriebenen Normen als Leitkultur, die vom übergroßen Teil der Gesellschaft als „in der Vergangenheit als förderlich für das gemeinschaftliche Zusammenleben“ wahrgenommen werden (unabhängig davon, ob das objektiv der Fall war). Ich spreche also von jenen ungeschriebenen Normen, wo die Verteilung der Meinungen eben gerade keine große Varianz (im mathematischen Sinne – Ausreißer gibt es immer) aufweist.

U.a. @DrStein und @koebes haben Beispiele genannt. Die Liste ließ sich sehr lange fortsetzen. Ein paar weitere eher banale Beispiele: Trinkgeldkultur; situatives Siezen und Duzen; Erwartung an Grad der Pünktlichkeit; an der roten Ampel stehen bleiben (zumindest wenn Kinder zusehen?!); Gesprächslautstärke in offenen und geschlossenen Räumen; etc.

Eine Anpassung all dieser „Leitkultur-Normen“ kann und darf regelmäßig zur Diskussion gestellt bzw. einem Realitätscheck unterzogen werden. Aber ich halte es als erwiesen an, dass sie einen sehr prägenden Einfluss auf die Stabilität unseres Gemeinwesens haben. Andererseits kann und will man sie auch nicht in Gesetze gießen, da dies erstens zu einer exorbitanten Zunahme an Gesetzestexten führen würde, die alle Staatsorgane und Bürger überfordern würde und zweitens stellen sie eben einen Rahmen für moderate Veränderungen der Leitkultur bereit (da ein Normen-Bruch höchstens mit einer Tadelung und nicht mit dem Strafrecht geahndet wird und solche Normen sich kontinuierlicher ändern können als bei einer abrupten Gesetzesinitiative).

Es mag einige „ungeschriebene Normen“ geben, die objektiv betrachtet schädlich sind und sich trotzdem die meisten freiwillig daran halten. Der Umgang mit Alkohol wäre hierzu ein Kandidat. Aber bei „leicht“ und „aufwiegen“ kann ich nicht mitgehen.
U.a. ist das „obligatorische 5-10 km/h-zu-schnell-Fahren“ kein passendes Beispiel, da unsere Gesellschaft das sogar durch eine geschriebene Norm ablehnt (und die Mehrheit der Bevölkerung es ggf. unterstützen würde, wenn sich die Exekutive aktiver für die Durchsetzung dieser Norm einsetzen würde).

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Das wäre ja ein deskriptiver Ansatz, auch wenn er sich nicht darauf bezieht, was und wie Menschen tatsächlich leben, sondern darauf, was sie überwiegend als ungeschrieben (soziale) Norm wahrnehmen. Das heißt, dass sich das prinzipiell empirisch ermitteln ließe. Ich würde das zwar eher als Normerwartung bezeichnen, denn als Leitkultur, aber egal.

Das scheint mir aber nicht ganz zu der obigen Definition zu passen, denn bei mindestens drei der genannten Punkte ist ja auch die Normerwartung situativ - das heißt je nach Fall unterschiedlich. So kann beipielsweise ein und dieselbe Person in Situation A das Duzen normal finden, aber in Situation B nur das Siezen, während eine anderen Person vielleicht bei beiden das Duzen normal findet und nur in Situation C Siezen würde. Wie man daraus einen „prägendenden Einfluss auf die Stabilität unseres Gemeinwesens“ ableiten kann, verstehe ich nicht ganz. Das Mindeste was es dafür bräuchte, wäre doch dann nach obiger Definition eine Erhebung der tatsächlichen Normerwartung, also die Feststellung, in welchen Situationen ein „übergroßer Teil der Gesellschaft“ tatsächlich ein Duzen oder Siezen erwartet.
Ganz abgesehen davon finde ich die Beispiele (Trinkgeld (situativ), Anrede (situativ), Pünktlichkeit (situativ) und Warten an der Ampel (abhängig von Ort, Zeit und Verkehrsmittel) alle recht mehrdeutig und zusammen genommen auch inhaltlich nicht annähernd geeignet, um so etwas wie Leitlinien des gemeinsamen Zusammenlebens in einer Gesellschaft zu beschreiben.

Ja, es war als deskriptiver Ansatz gedacht. In meiner Definition wird sie aber nicht nur als Norm wahrgenommen, sondern sogar als unterstützenswerte Norm (unabhängig davon, ob die Person die Norm auch gewissenhaft befolgen).

Siez- und Duzkultur ist besonders komplex, da es hier in der Tat nicht die eine Norm gibt, sondern in jedem Milieu eine eigen. Beispielsweise kann es in dem einen Teil der Geschäftswelt massiven Schaden anrichten, vorschnell zu duzen (der erste, respektvolle Eindruck zählt). In einem anderen Teil wird hingegen erwartet, dass man sofort duzt. Solches Wissen ist eine wertvolle Qualifikation (die zu mehr Kooperation führen kann). Dass es sich hierbei (bei dieser konkreten Konstellation) um die spezifische „deutsche Leitkultur“ handelt, zeigt sich erst im internationalen Vergleich, wo i. A. andere Siez- und Duz-Leitkulturen herrschen.

Insbesondere die Norm um das gesellschaftlich akzeptierte (situative) Maß(e) an Unpünktlichkeit halte ich für stabilisierend (wie auch immer sie sein mag – von minutiöser Pünktlichkeit bis hin zu „am gleichen Tag“).

PS: Das „Warten an der Ampel (abhängig von Ort, Zeit und Verkehrsmittel)“ nehme ich als Beispiel zurück, da das bereits durch eine geschriebene Norm gefordert wird.

Diese ‚Leitkultur‘-Diskussion macht mich immer wieder fassungslos.

Was nicht rechtlich festgelegt ist, handeln gesellschaftliche Akteur:innen immer wieder aufs Neue miteinander aus.

Leute, die die leidige Leitkultur wollen, sind dagegen, dass gesellschaftliche Akteur:innen das jeweils unter sich ausmachen.

Es ist eine autoritäre Anmaßung.

Ja, dieser 2015 eingewandert Syrer ist dann ein Musterbeispiel an Integration und Anpassung an die hiesige Leitkultur. Wenn ich nach Japan gehe und mich kulturell dort einordne, folge ich auch der japanischen Leitkultur. Es ist absurd anzusehen, wie diese Logik hier negiert wird.

Kölsche Kultur ist ein schönes Beispiel. „Kölsch sein“ wird als Haltung verstanden:

  • Offenheit gegenüber anderen
  • Teilnahme am städtischen Leben (z.B. Karneval, Veedel-Kultur)
  • Identifikation mit Köln und seinen Werten

Kölsche Kultur ist offen für jeden, der sich ihr grundsätzlich anschließen will und sich einbringt. Das verbindende Element ist das Köln-Wir. Als Parallegesellschaftler ist man nicht Kölsch, auch wenn man ein anderer Jeck ist. Der geographische Standort Köln ist nicht ausreichend. Absolut unstrittig.

Das Gleiche gilt auch für Leitkultur. Man schließt sich an und sie passt sich eventuell nach und nach an in einem langsamen Prozess. Sonst wäre es keine Kultur.

Ein Glück dann, dass Ägypten durch arabische Leitkultur kolonialisiert wurde! :wink:

Das ist völlig wertfrei, sondern nur eine Zustandsbeschreibung. Natürlich gibt es unterschiedliche Kompatibilität zwischen verschiedenen Kulturen. Die von dir suggeriert binäre Einordnung kompatibel/inkompatibel ist natürlich unsinnig.

Nein, der Vorwurf ist falsch. Ich arbeite jeden Tag mit internationalen Teams zusammen (onsite und remote) und Menschen mit unterschiedlicher Herkunft verhalten sich und arbeiten total offensichtlich unterschiedlich. Dass die pakistanischen Kollegen anders arbeiten und sie zufällig einander optisch ähneln, weil die meisten Menschen aus Pakistan nun mal ähnlich aussehen, ist dafür völlig belanglos. Die Verbindung von Aussehen zu Kultur hat niemand hier vertreten.

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