Meiner Wahrnehmung nach sind die Unterschiede innerhalb einer hinreichend großen Gruppe Menschen immer größer als die Unterschiede zwischen unterschiedlichen Gruppen.
Natürlich gibt es gewisse kulturelle Überschneidungen zwischen Menschen, die sich selbst als einer nationalen Gruppe zugehörig definieren. Aber die Spannweite innerhalb dieser Gruppe ist massiv. Du wirst beispielsweise immer einen 2015 eingewanderten Syrer finden können, der kulturell „deutscher“ ist als eine nicht unerhebliche Zahl Menschen mit rein deutscher Herkunftsgeschichte.
Das ist nur dann „erheblich“, wenn man es dazu macht. Um das zu belegen muss man sich nur den umgekehrten Fall vorstellen: Ein Deutscher zieht nach Indien. Der hat er fast keinerlei kulturelle Anknüpfungspunkte. Das steht einer zufriedenen Existenz aber nicht per se im Wege. Viele Menschen suchen ja exakt diese Lebenssituation (in unterschiedlichsten Ländern) sehr bewusst aus.
Was ändert sich denn an diesem Szenario, wenn nicht ich nach Indien ziehe, sondern 500 Inder eines Tages in meinem Dorf auftauchen und jetzt hier leben wollen? Von rein persönlichen Konflikten mal abgesehen, die zwischen allen Menschen auftauchen können, gibt es doch keine spezifisch indisch-deutschen kulturellen Gründe, warum wir uns nicht gut verstehen sollten.
Wenn ich jetzt nicht nach Indien, sondern nach Niederbayern umziehe, dann bewege ich mich formal immer noch im deutschen Kulturraum. Aber ich kann dir aus eigener Erfahrung garantieren, dass die „kulturelle Integration“ dort nicht unbedingt unkomplizierter ablaufen muss.
Ich habe recht viel Zeit in einigen auf dem Papier sehr unterschiedlichen Kulturräumen verbracht und ich habe bisher noch keine grundsätzliche Inkompatibilität feststellen können. Im Gegenteil: Meinem Eindruck nach funktionieren Menschen überall grundsätzlich sehr ähnlich. Das größte Hindernis ist die Sprache, aber das wird mit dem technischen Fortschritt einerseits einfacher und andererseits sind auch solche Hürden mit gutem Willen immer bewältigbar.
„Kultur“ ist kein Hirngespinst, aber für die Frage des gesellschaftlichen Zusammenlebens ist sie weitgehend unbedeutend. Was interessiert es mich, ob sich jemand nur Halal, Koscher oder vegan ernährt, ob er in die Kirche, Moschee oder Synagoge geht, einen Kaftan oder Jeans trägt, den Sabbat einhält oder nicht, mit den Fingern isst oder mit Stäbchen und welche Musik er bevorzugt?
Es gibt interessante Fragen wie etwa das Frauenbild. In einer zunehmend globalisierten Gesellschaft kann man aber überall jedes Extrem finden. Auch in Deutschland gibt es jede Menge Menschen mit geradezu mittelalterlichem Rollenverständnis. Und ebenso gibt es sehr viele Menschen von außerhalb des europäischen Kulturraums, die sehr bewusst eine gleichberechtigte Gesellschaft anstreben. Die „Kultur“ des Herkunftslandes sagt über solche Sachen praktisch nichts aus.