Die ewige Diskussion über die Leitkultur (ausgelagerter Thread)

So sehe ich das auch.

Und zum 25-Dimensionen-Konzept sei noch angemerkt, dass Streubreite und Überlappung (u. a. mit anderen ‚Kulturen‘/Staaten) mit Sicherheit so groß sind, dass man keinen ‚Nationalcharakter‘ oder gar eine Leitkultur daraus ableiten kann.

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Es gab zu keiner Zeit eine „deutsche Leitkultur“. Dieser Begriff hatte nie Inhalt. Nur politische Funktion. Primär im konservativen bis rechtspopulistischen Spektrum.

Ich möchte in einem demokratischen Rechtsstaat weder eine kulturelle Lebensform als „Leitkultur" vorgeschrieben bekommen, noch jemandem vorschreiben.
Ja, wieder mal viel gelernt, verstanden woher der Titel dieses Threads rührt und sage für mich

@Daniel_K
Welche „Dos und Donts“ würdest du denn zu deutschen Kultur zählen? Fände ich tatsächlich interessant, zu wissen.

Ich habe heute, nachdem ich den Beitrag gepostet, noch eine Weile darüber nachgedacht, was für mich eigentlich Dos und DONTs wären, und ehrlich gesagt würde es mir aus dem Stehgreif schwer fallen, hier eine Liste zu veröffentlichen. Da ich glaube, dass es den meisten so gehen würde, wäre hier ein klassischer „Stammtisch“ mit nicht ganz so viel Alkohol und einer funktionierenden Ergebnissicherung, 500x in Deutschland wiederholt, das beste Erhebnungsinstrument.
Da ich ja vom Kontext des Auslands aus geschrieben habe, hier zwei Beispiele, die ich mit euch teilen möchte:

  1. Ich stelle einen teller mit Süßigkeiten aus dem Heimaturlaub ins Lehrerzimmer des Kollegiums. Sind lediglich deutsche Kollegen da, leert sich der Teller zwar stetig, aber nicht abrupt. „Wer möchte den letzten Bonbon“ ist schon eher eine selbstverständliche Frage. Mit den lokalen Kollegen involviert kannst Du Dir sicher sein, dass der Teller nach der ersten Pause leer ist. Mich ärgert das, im lokalen Kontext ist das aber überhaupt kein Thema.
  2. Die Kinder führen etwas auf, vorab wird darum gebeten, die Telefone auf „stumm“ zu schalten. Ja, es kommt vor, dass auch bei deutschen Eltern mal ein Signalton kommt, ich habe es aber noch nicht erlebt, dass deutsche Eltern während der Vorführung ihrer Kinder, im Publikum sitzend, anfangen zu telefonieren. Ihr dürft raten, was bei lokalen Eltern häufiger mal vorkommt?

Das sind jetzt zwei Beobachtungen, die ich schon klar auf meinen kulturellen Hintergrund beziehe. Ich habe viele andere Beispiele abgewogen, kam aber jedes Mal zu dem Schluss, dass das entweder regional oder eine Frage der Generation ist.
Ob nun aber Goethe-Institute, Deutsches Auslandsschulwesen oder Fachkräfteanwerbung, für die Firmen vielleicht sogar Integrationslotsen bereit stellen, ein einfach weiter so halte ich persönlich für zu wenig, ebenso auf die Gesetzeslage zu verweisen. Denn wer von euch Urlaubern und im- Ausland-Lebenden kennt di Gesetzes des Gastlandes? Wer von den Nicht-Juristen kennt das BGB und das StGB (nur mal als Grundlagenwissen, gibt ja noch andere Gesetze)? Was richtig und was falsch ist, ist oftmals intuitiv, aber aus der Erziehung des sozio-kulturellen Kontexts heraus.
Ich stelle noch ein Schälchen Bonbons auf den Tisch, greift zu :slight_smile:

Die Kultur eines Landes ist ein Mosaik aus vielen kleinen Teilen. Sie entsteht aus der Art, wie man z. B. zusammen feiert, sich grüßt, Streit austrägt, wie man trauert, ob man Freunde unangekündigt besuchen sollte oder nach 22 Uhr noch einmal jemanden anruft. Diese Liste lässt sich fast unendlich erweitern. Im Vergleich zu anderen Ländern sind die Unterschiede manchmal größer, manchmal kleiner. Kultur X trauert bei einer Beerdigung in Grund und Boden, während Kultur Y eine riesige Party feiert.

Dass Deutschland keine (Leit-)Kultur habe, halte ich für falsch. Die Debatte ist eine Konsequenz der deutschen Identitätskrise nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und zeigt sich z. B. in ähnlicher Form im verkrampften Umgang mit der deutschen Flagge. Nicht zuletzt auch in der immer wieder scheiternden Integration von Migranten, denn diese gelingt besser, wenn man weiß, wer man ist und sein will.

Leitkultur beschreibt m. E. die Normen und (ungeschriebenen) Regeln, für die ein großer Konsens besteht und die als wichtig erachtet werden.

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Damit drehen wir uns wieder im Kreis.
Bei den Normen sind wir uns insofern einig, dass die Gesetze zu beachten von zentraler Bedeutung ist - in einem gewissen Rahmen. So gehört es z.B. ja auch durchaus zur deutschen Autofahrer-Kultur, immer mindestens 10 km/h schneller zu fahren als erlaubt :stuck_out_tongue:

Bei (ungeschriebenen) Regeln, wie auch in den von @DrStein genannten Beispielen, geht es meines Erachtens gerade um Dinge, die durchaus einem permanenten Wandel unterliegen - und das ist okay so. Diese ganzen „soften Werte“, über die sich jede Generation von Großeltern beklagt, dass sie bei den jungen Menschen nicht mehr vorhanden seien. Diese Dinge an einem Begriff wie Leitkultur aufzuhängen finde ich aber meilenweit zu hoch, dazu sind sie einfach nicht relevant genug. Gerade, gegen diese Art von Regeln zu verstoßen, ist ein großer Teilaspekt von Individualismus. Mag sein, dass es zur deutschen Kultur gehört, nicht den Teller abzulecken - ich mach es zuhause aus Prinzip, weil’s die beste Art ist, das Geschirr vorzuspülen :wink: Gäste schauen mich deshalb manchmal an, als ob ich kleine Kinder fressen würde.

Grundsätzlich lassen sich diese kleinen Dinge als die typischen „Das macht man doch nicht!“-Sachen umschreiben. Und ich bin strikt gegen diese „Das macht man doch nicht“-Mentalität. Das Geschirr-Ablecken-Beispiel zeigt gut, warum: Es ist der ökologisch und ökonomisch sinnvollste Weg. Aber weil irgendwann ein Adolph Knigge mit nem Stock im Arsch mal festgelegt hat, dass das gegen die heiligen Tischmanieren sei, wird darauf herabgeschaut. Absolut absurd. Und das klassische Resultat davon, wenn man „Kleinigkeiten“ zur „Das-macht-man-doch-nicht“-Kultur erhebt.

Nö, Integration gelingt am besten, wenn sich die Leute den Stock aus dem Arsch ziehen, statt von anderen zu verlangen, dass sie sich bitte einen identischen Stock in den Allerwertesten schieben sollten, um genau so „deutsch“ zu sein wie Heinz und Erwin.

Ich verlasse den Raum mit gut gefüllten Taschen und einem schuldigen Blick :stuck_out_tongue:

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Ich finde es merkwürdig, eine „Identitätskrise“ der Deutschen ausgerechnet nach 1945 anzusetzen. Zum Vergleich: Bis 1945 bestand deutsche Identität im Wesentlichen darin, sich für „Herrenmenschen“ zu halten, die Welt erobern und unterwerfen zu wollen und angeblich „minderwertige“ Menschen entweder zu verslaven oder gleich auf industrielle Weise zu ermorden. Das finde ich persönlich sehr viel „krisenhafter“ und „verkrampfter“ als den Umstand, dass es einige Menschen hierzulande nicht ihr größtes Glück darin sehen, fahnenschwenkend durch die Gegend zu laufen.
Genau genommen war deutsche Identität seit Aufkommen der Idee eines deutschen Nationalstaats noch nie so wenig „krisenhaft“ wie heute. Im frühen 19. Jahrhundert war da eigentlich nichts Einigendes außer dem Hass auf Napoleon und Frankreich (Stichwort „Befreiungskriege“, dann gab es den gescheiterten Versuch einer bürgerlichen Revolution und schließlich eine Reichsgründung von oben - nach innen mit harter Repression gegen Gruppen, die andere politische, kulturelle oder religiöse Vorstellungen hatten und nach außen mit Großmachtsambitionen, die in die Katastrophe des Ersten Weltkriegs führten. Und anstatt 1918 einzusehen, dass man vielleicht besser mit seinen Nachbarn lebt als gegen sie, fühlen sich viele Deutsche lieber verraten und betrogen - wiederum von außen und von innen - und wollten dann gut 20 Jahre später gleich wieder die Welt erobern. Als kleines Timeout gab es dann mal gut 40 Jahre eine Aufteilung auf zwei Staaten und etwas Containment durch alliierte Kontrolle. (O-Ton Thatcher: „I love Germany so much, that I’m happy that there’s two of it“. Seitdem läuft es im internationalen Vergleich eigentlich einigermaßen rund mit der nationalen Identität in Deutschland - zumindest solange nicht gerade irgendwelche Glatzköpfe mit Baseballschlägern und Nationalfahnen auf die Jagd gehen oder eine Partei, die gerne NS-Parolen benutzt und irgendwas von „Schuldkult“ und „Vogelschiss“ schwafelt, in den Umfragen stärkste Partei ist.

Die Geschichte der BRD, aber auch der DDR zeigt, dass Integration immer dann gut funktioniert, wenn die Aufnahmegesellschaft dazu bereit ist - etwa bei den Millionen u. a. aus Schlesien und Ostpreußen, die dort hinkamen oder bei den paar Millionen, die ab 1989 von dem einen in den anderen Staat wechselten. Und sogar bei ein paar Millionen Menschen, die man ab den 1950er Jahren als billige Arbeitskräfte nach Westdeutschland holte und von denen viele bis in die 1990er Jahre hofften, sie würden sich einfach irgendwann wieder in Luft auflösen, läuft es bei vielen wunderbar, seitdem eine Mehrheit der eingeborenen Deutschen akzeptiert hat, dass diese Menschen jetzt einfach auch hier leben. Weitere Beispiele ließen sich beliebig ergänzen.

Die Frage ist immer nur, wo, für wen und wie lange dieser Konsens besteht und ob alle gleichberechtigt mit darüber entscheiden, was ein Konsens ist. Was das konkret sein soll, was da a) nicht nur für bestimmte soziale Gruppen oder Milieus, b) generationenübergreifend, c) überregional sowie in städtischen und ländlichen Räumen sowie d) über einen längeren Zeitraum für alle ein Konsens sein soll? Mir würde da auf der Stelle nicht viel einfallen und auch beispielsweise Politikern, die das in der Vergangenheit versucht haben, ist ja dann nichts Bescheuerteres eingefallen als „dass man sich die Hand gibt“ und dass man „Gedichte auswendig kann“ (die man dann selber nicht drauf hat). Also lass mal gerne hören, was das sein soll, ich bin gespannt!

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Würden diejenigen, die hier behaupten, es gäbe keine deutsche Leitkultur, denn auch sagen, es gibt keine europäische Leitkultur? Hat Japan eine Leitkultur?

Unabhängig davon ist deutsche Leitkultur natürlich normativ und meint die grundlegenden Regeln und Werte, die das Zusammenleben in Deutschland prägen und für alle gelten sollen. Dazu gehören dann (darauf legen ja alle hier wert) Grundgesetz, Rechtsstaatlichkeit, Gleichberechtigung, Meinungsfreiheit und der Respekt vor anderen. Die Idee ist: Wer hier lebt, soll diese gemeinsamen Spielregeln akzeptieren, unabhängig von der Herkunft.

Natürlich gibt es auch auch Deutsche, die sich nicht an die Leitkultur halten. Das heißt aber nicht, dass es sie nicht gibt. Ich bin mir sicher, dass selbst deutsche Rechts-, Links-, und Islamismus-Terroristen sich der Leitkultur bewusst sind, aber sich gegen die Befolgung entscheiden.

:smiley:
Die Bonbons gehen weg wie warme Semmeln. Ich finde mich bei @Daniel_K Aussagen genauso wieder wie wiederum nicht, ja, Normen gehören von der jüngeren Generation natürlich geprüft und geschüttelt, und das Gute bleibt, das Unnütze fällt, d’accord, aber rütteln tut man aus dem kulturellen Kontext heraus. Dr. Javier Ortega aus Spanien, Facharzt für XY, darf natürlich den Finger auf Missstände zeigen und sagen, liebe Leute, so geht das nicht. Ich nehme Javier dann aber mit an den Kneipentisch, trinken ein Glas Rioja und sprechen darüber. Er ist - erstmal - Gast, und sein Impuls wird wohlwollend aufgenommen. Aber Onkel Willi und Oma Erna sind dann eher am Zug zusammen mit Enkel Noah Kevin Felice und Mama Lotta, die Beobachtung umzusetzen.
Damit möchte ich Gästen in unserem Land nicht die Partizipation absprechen, wohl aber, der Mehrheit zu empfehlen, was richtig ist und was falsch. Und damit es jetzt rund wird, auch der Familienkonzil ist dann nicht allmächtig, sondern das Dorf, die Gemeinde, der Landkreis und in den nächsten Ebenen Land und Bund führen die Impulse zusammen und bewerten es, und dabei darf es selbstverständlich regionale Unterschiede und Geschwindigkeiten geben. Ich an der deutschen Auslandsschule muss aber im Radio (oder hier im Forum) den Vibe aufnehmen (können), um ihn stellvertretend weitertragen zu können.

Was ist denn deutsche Leitkultur?

Musik: Bei den „jüngeren“ (U60) ist denke ich englische Musik beliebter als Volksmusik oder Schlager. Auch ahmen viele deutsche Musiker den Stil englischer Musik nach. Techno ist glaub ich in Deutschland beliebter, als in vielen anderen Ländern, aber damit können viele auch nichts anfangen.

Film: der deutsche Film hängt am Tropf der Filmförderung. Amerikanische Filme sind viel beliebter.

Kleidung: Es gibt regional vielleicht Kleidung die deutsche Tragen, aber Deutschlandweit nichts einendes. Ich vermute 90% der Zeit könnte man bei einem deutschen nicht an Hand seiner Kleidung sagen, aus welchem Land er kommt.

Architektur: Auch nur Regional, wenn man sich moderne Architektur anschaut kann man vermutlich auch nicht mehr sagen, aus welchem westlichen Land das kommt.

Essen: Auch eher regional. Was wären hier Nationalgerichte? Deutsche essen auch sehr viel internationale Gerichte, wie italienisch. Eines der beliebtesten Gerichte ist der Döner, ein Gericht, dass von einer Gruppe Immigranten stammt. Allgemein gibt es glaub ich kein Essen, über das sich deutsche wirklich identifizieren würden.

Sprache: Dialekte sind am aussterben, und Hochdeutsch setzt sich mehr durch. In dem Sinne könnte man Hochdeutsch als Leitkultur bezeichnen. Ist das die Lösung des Rätsels? Ist Hannover deutsche Leitkultur?

Alles in allem versteh ich nicht, wozu brauchen wir eine deutsche Leitkultur? Was soll das bezwecken? Jeder der nicht dieser imaginären Leitkultur folgt soll raus? Sollen dann alle Hipster rausgeschmissen werden, weil sie Anti-Mainstream seien wollen?

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Teil von Kultur ist zb auch wann gewisse Gesetzesverstöße akzeptiert werden. Verkehr ist da ein gutes Beispiel.

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Auch etwas im Wandel Befindliches existiert und hat Wirkmacht. Der Wandel erschwert die Greifbarkeit der Definition von Kultur, aber das ändert ja nichts daran, dass sie immer in einem Status quo Wirkmacht erzeugt.

Das sehe ich anders. Zwar wirkt der Spruch altbacken, aber inhaltlich ist er ebenso angebracht wie anno dazumal. Früher hatte niemand ein Problem damit, wenn du beim Einkäufe-aus-dem-Auto-Holen den Motor zwecks Radiobeschallung noch laufen lässt; heute wäre das aus Umweltgründen verpönt.

Integration erfordert vor allem eine erkennbare Struktur, in die man sich einfinden kann. Jemandem das Grundgesetz in die Hand zu drücken, wird demjenigen nur in Teilen näherbringen, wie Deutschland „tickt“.

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Gleiche Frage: was genau soll das sein? Was ist z. B. der gemeinsame kulturelle Nenner eines Investmentbankers mit monegassischem Pass und 5 Wohnsitzen in verschiedenen Staaten, eines verwitweten Schweinebauern in den Karpaten und einer vegan lebenden Krankenpflegerin mit Faible für Hardcore-Musik in einer dänischen Kleinstadt?

Erstens beschreibt das Beschriebene aus meiner Sicht eher bestimmte staatliche bzw. gesellschaftliche Normen als eine bestimmte Kultur. Zweitens kann man bei Punkten wie Gleichberechtigung oder Respekt vor anderen in vielen Bereichen gelinde gesagt skeptisch sein, was die Einhaltung dieser Normen angeht. Und drittens wäre die Frgage, was an diesen Normen spezifisch deutsch sein soll und warum - mal abgesehen, dass Verfassungen verschiedener Staaten sind bei einzelnen Fragen etwas voneinander unterscheiden?

Um sich an etwas zu halten, muss man ja erst mal wissen, was es ist. Die Frage ist bisher immer noch unbeantwortet.

Wer entscheidet denn darüber, wer wie lange „Gast“ ist? Es gibt ja Dörfer, da gelten Leute noch nach zwei Generationen als „Zugezogene“ und einige Menschen nennen Arbeitsmigranten auch noch „Gastarbeiter“ obwohl sie seit über 50 Jahren hier leben.
Integration

Hm, der eine sagt, „Rechtstaatlichkeit“ ist Leitkultur, der andere sagt es ist wichtig, Gesetzesverstöße zu akzeptieren :thinking:

Der Spruch unterstellt, dass es genau einen richtigen Weg gibt, Dinge zu tun und dass es angemessen ist, andere zurechtzuweisen, wenn sie sich nicht daran halten. Dafür ist „altbacken“ noch ein freundliches Wort. Und die Frage bleibt: Wer definiert denn dabei, was „man“ tut und was nicht?

Es erfordert aber auch, dass es eine Struktur gibt, die offen dafür ist dass Neue dazu kommen, die zwangsläufig nicht immer so sind wie die, die schon da waren.

Zum Thema „Essen als Leitkultur“ hätte ich hier noch einen Vorschlag. Achtung, „Authentic German Food“!

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Hier sind wir aber dann bei den Aspekten, wo ich verstehe, dass es auch bei Zugezogenen ein Interesse geben kann, Do’s und Dont’s zu lernen.
In manchen Ländern isst man mit den Fingern, bei uns wird das eher irritiert zur Kenntnis genommen. Und so wird Dein Verhalten, den Teller abzulecken möglicherweise sie spätpubertär wahrgenommen, bei einem Migranten aus Afrika aber als wild und kulturell unterentwickelt (so macht man das wohl im Urwald - auch wenn er aus Kapstadt kommt).
So macht es durchaus Sinn, den Knigge beim Deutschkurs einzubinden. Den Knigge als Leitkultur zu bezeichnen, ginge mir aber auch zu weit.
Grundsätzlich stehst Du als Migrant immer unter besonderer Beobachtung. Das führt dann traurigerweise dazu dass sie oft deutscher als wir selbst sind.

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Nein, eben nicht. Die oben nicht zitierte, sondern skizzierte, da noch nicht erhobene, potenzielle Forschung würde Parallelgesellschaften abgrenzen und sichtbar machen.

Natürlich. Ich weiß gerade nicht mehr wie der Kampfbegriff „Leitkultur“ überhaupt in den Thread-Titel und die Diskussion gekommen ist, sicher nicht von mir. Es ist gar nicht mein Ansinnen von einer leitenden Kultur zu sprechen. Mir ging es nur darum festzuhalten das es Kulturen zunächst einmal gibt, dass auch sog. „Bio-Deutsche“ (oder „Mitteleuropäer innerhalb deutscher Staatsgrenzen“) kulturelle Homogenitäten aufweisen, dass man diese messen könnte und das es nicht unerheblich ist welche Kulturen und Subkulturen in welchem Mischungsverhältnis innerhalb einer Gesellschaft in welcher Zeitspanne zusammengewürfelt werden. Der Grund ist das ich beobachte das bei diesem Thema die selbsternannten ‚Progressiven‘ im Grunde so tun als sei Kultur nur ein Hirngespinst und jedwede potenziell soziologische Implikation eine Verschwörungstheorie. Xenophobie ist per se ‚böse‘, Multikulti das Ideal das mit der Brechstange durchgesetzt werden muss. Und hier ist für mich der springende Punkt. Xenophobie ist wohl weder ‚richtig‘, noch moralisch neutral. Aber sie ist wohl Teil des menschlichen Naturells. Ist es also richtig, Xenophobie in dieser Form zu tabuisieren, oder wäre es vielleicht angemessener, sie konstruktiv zu berücksichtigen, während man Kultur-Offenheit weiter vorantreibt?

:joy::joy::joy:

Ich kann es nicht anders sagen, das Thema der ‚Deutschen‘ oder ‚Europäischen Kultur‘ (ohne Anspruch auf Leitung) scheint wirklich, wirklich schwer und kompliziert zu sein :wink: Da wird sich in Individual-Anekdoten auf der Nano-Ebene verstrickt, um das Thema künstlich zu vernebeln. Wir wissen alle wie intelligent die Lage-Foristen und Teilnehmer in diesem Thread sind, aber bei diesem Thema scheint ein ideologischer Kampf geführt werden zu müssen, bei dem Objektivität nicht erwünscht ist. Es ist wohl jedem hier klar, dass Kulturen Meta-, Makro-, Mikro- und Nano-Ebenen haben (und wohl noch einige dazwischen), von „Man tötet nicht“ bis hin zu „In den Kartoffelsalat gehört Essig und Öl“. Je höher die Ebene, desto größer ist die geografische Homogenität (@Simsalabeam Quelle: Ich).

Nochmal: ich bin nicht für die Definition, Etablierung oder Verteidigung einer ‚Leitkultur‘, ich möchte lediglich dafür appellieren anzuerkennen und zu berücksichtigen das es Kulturen gibt, Kultur-Unterschiede und das diese mit gesellschaftlichen und soziologischen Implikationen kommen.

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Das ist doch genau der Punkt: „Kultur“ ist ein Pudding, der mit jeder Interaktion hin und her wabbelt, seinen Inhalt und Geschmack und Form verändert. Klar gibt es das, klar gibt es dabei keinerlei fest zu definierenden Punkte, weil das ja eine Statik behaupten würde, die es schlicht nicht gibt. Der Konflikt hier dreht sich doch eher darum, dass es eine „Leitkultur“ geben soll, die nie was anderes war, als ein rechter Versuch, ein Gestern festzuhalten, dass es nie gegeben hat. Inhaltlich ließ sich das willkürlich befüllen und entleeren. Letztlich bestand die Forderung nach einer Leitkultur immer darin, dass gefälligst alle anderen so leben sollen, wie ich es für „normal“ halte. Die Verfechter dieser Idee fallen denn auch regelmäßig mit inneren Wiedersprüchen, aber - schlimmer noch - mit eklatanten Bildungslücken in der Kulturgeschichte des Landes auf, für das sie nun eine Leitkultur diktieren wollen. Es ist der aussichtslose Abstiegskampf von Spießbürgern, denen Jugend, Frauen, Umwelt und Technik Schritt für Schritt entlaufen und die Reste ihrer Deutungshoheit gegen diese permanente Kränkung verteidigen wollen.

Pointiert beobachten lässt sich der ganze Irrsinn natürlich bei den deutschesten aller Deutschen, bei der AfD: Beten deutsche Nationalspieler nach einem Treffer ist das super-deutsch, weil super-christlich. Umso mehr, wenn dabei auch immer ein Hauch von Homophobie in der Luft liegt. Verlieren die gleichen Spieler dann Spiele, sind die alle einfach nicht weißbrot-deutsch genug. Fußball (der vielleicht ja auch Teil der deutschen „Leitkultur“ sein könnte) ist der AfD von Höcke und von Storch dabei in Wahrheit genauso wurscht und unbekannt, wie die Kultur unseres Landes. Es geht um Rassismus und Herrenmenschentum, um völkischen Nationalismus und die Ausgrenzung und Abwertung von anderen. Das war in der Leitkulturdebatte immer schon angelegt und wie so vieles anderes, das in der Union halbwegs gezügelt und verunklart wegmoderiert werden konnte, bricht es in der AfD dann unkontrolliert aus. Es ist die Frustration darüber, dass die „Gäste“, die „Zuwanderer“ nach einer oder zwei Generationen selbst Deutsche sind und eben nicht nur dankbar mit an den Tisch kommen, sondern plötzlich auch mitbestimmen wollen, was gekocht und wie gegessen wird. Ich verstehe ja den Schmerz, wenn man nicht bestimmen darf, wie sich andere zu verhalten und was sie zu meinen haben und teile ihn. Ich dachte immer, es wäre „leitkultureller“ Minimalkonsens, dass wir unsere Demokratie nie wieder von Rechtsextremisten kaputt machen lassen werden und muss erleben, dass ich mich da wahrscheinlich immer schon getäuscht habe. Natürlich hätte ich gern, dass das anders wäre. Aber auf die Idee, dass man eine „Leitkultur“ verordnen könnte, auf die dann alle eingeschworen werden, bin ich noch nicht gekommen.

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Ich weiß ja nicht, auf wen oder was sich die Vorwürfe des „ideologischen Kampfes“, des „künstlichen vernebelns“ und der „unerwünschten Objektivität“ beziehen - für eine gemeinsame Diskussion wäre es natürlich sinnvoll, solche Anwürfe a) zu adressieren und b) zu begründen, aber sei’s drum. Natürlich lassen sich auf unterschiedlichen Ebenen unterschiedliche gemeinsame Nenner finden, auf die sich Menschen einigen (können). Die Rede von einer deutschen, europäischen oder meinetwegen ostwestfälischen Kultur sucht aber eben nicht nur nach solchen (vermeintlichen) Gemeinsamkeiten, sondern auch nach Spezifika, also nach etwas, was diese (vermeintliche) Kultur von anderen unterscheidet. Und da kann es dann schnell richtig knifflig werden. Natürlich können sich z. B. in Deutschland und Europa sehr viele Menschen sehr schnell darauf einigen, dass man andere nicht tötet. Aber das gilt eben auch für die allermeisten anderen Orte und Regionen dieser Welt.
Dass es verschiedene Kulturen ebenso gibt wie kulturelle Unterschiede ist aus meiner Sicht vollkommen unstrittig. Die Frage ist, in wie weit es so etwas wie kulturelle Homogenität gibt und ob sich diese anders als ganz konkret empirisch bestimmen lässt.
Ich würde sagen, ja, es gibt bestimmten geografischen Ebenen bezogen auf bestimmte kulturelle Praktiken so etwas wie einen Konsens oder meinetwegen auch Homogenität. Aber weil das eben immer vom aktuellen individuellen Verhalten abhängig ist, lässt es sich nur an einem bestimmten Zeitpunkt empirisch beschreiben, aber nicht fixieren oder gar verallgemeinern.

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Meiner Wahrnehmung nach sind die Unterschiede innerhalb einer hinreichend großen Gruppe Menschen immer größer als die Unterschiede zwischen unterschiedlichen Gruppen.

Natürlich gibt es gewisse kulturelle Überschneidungen zwischen Menschen, die sich selbst als einer nationalen Gruppe zugehörig definieren. Aber die Spannweite innerhalb dieser Gruppe ist massiv. Du wirst beispielsweise immer einen 2015 eingewanderten Syrer finden können, der kulturell „deutscher“ ist als eine nicht unerhebliche Zahl Menschen mit rein deutscher Herkunftsgeschichte.

Das ist nur dann „erheblich“, wenn man es dazu macht. Um das zu belegen muss man sich nur den umgekehrten Fall vorstellen: Ein Deutscher zieht nach Indien. Der hat er fast keinerlei kulturelle Anknüpfungspunkte. Das steht einer zufriedenen Existenz aber nicht per se im Wege. Viele Menschen suchen ja exakt diese Lebenssituation (in unterschiedlichsten Ländern) sehr bewusst aus.

Was ändert sich denn an diesem Szenario, wenn nicht ich nach Indien ziehe, sondern 500 Inder eines Tages in meinem Dorf auftauchen und jetzt hier leben wollen? Von rein persönlichen Konflikten mal abgesehen, die zwischen allen Menschen auftauchen können, gibt es doch keine spezifisch indisch-deutschen kulturellen Gründe, warum wir uns nicht gut verstehen sollten.

Wenn ich jetzt nicht nach Indien, sondern nach Niederbayern umziehe, dann bewege ich mich formal immer noch im deutschen Kulturraum. Aber ich kann dir aus eigener Erfahrung garantieren, dass die „kulturelle Integration“ dort nicht unbedingt unkomplizierter ablaufen muss.

Ich habe recht viel Zeit in einigen auf dem Papier sehr unterschiedlichen Kulturräumen verbracht und ich habe bisher noch keine grundsätzliche Inkompatibilität feststellen können. Im Gegenteil: Meinem Eindruck nach funktionieren Menschen überall grundsätzlich sehr ähnlich. Das größte Hindernis ist die Sprache, aber das wird mit dem technischen Fortschritt einerseits einfacher und andererseits sind auch solche Hürden mit gutem Willen immer bewältigbar.

„Kultur“ ist kein Hirngespinst, aber für die Frage des gesellschaftlichen Zusammenlebens ist sie weitgehend unbedeutend. Was interessiert es mich, ob sich jemand nur Halal, Koscher oder vegan ernährt, ob er in die Kirche, Moschee oder Synagoge geht, einen Kaftan oder Jeans trägt, den Sabbat einhält oder nicht, mit den Fingern isst oder mit Stäbchen und welche Musik er bevorzugt?

Es gibt interessante Fragen wie etwa das Frauenbild. In einer zunehmend globalisierten Gesellschaft kann man aber überall jedes Extrem finden. Auch in Deutschland gibt es jede Menge Menschen mit geradezu mittelalterlichem Rollenverständnis. Und ebenso gibt es sehr viele Menschen von außerhalb des europäischen Kulturraums, die sehr bewusst eine gleichberechtigte Gesellschaft anstreben. Die „Kultur“ des Herkunftslandes sagt über solche Sachen praktisch nichts aus.

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Xenophobie ist buchstäblich die „Fremdenfeindlichkeit“. Ich weiß nicht, ob ich das als „böse“ beschreiben würde (ich persönlich glaube nicht, dass ein nennenswerter Anteil der Weltbevölkerung „böse“ ist), aber solche Einstellungen sind in jedem Fall irrational und idiotisch.

„Teil des menschlichen Naturells“ ist es auch, dass bestimmte Männer das Verlangen verspüren, Frauen ohne deren Einverständnis sexuell zu bedrängen. Nicht alles, was sich irgendwie mit der „menschlichen Natur“ verknüpfen lässt, wird automatisch zu einer schützenswerte Kategorie, die man nur mit Samthandschuhen anfassen darf. Xenophobie wird von politischen Strömungen auch in der Gegenwart aufs übelste instrumentalisiert und ist historisch gesehen für einige der grausamsten Episoden der Menschheitsgeschichte (mit)verantwortlich.

Es gibt sogar Theorien unter Genozid-Forschern, dass das „Othering“ einer Gruppe Menschen, also das Verrücken in die Rolle des „Fremden“ eine zwingende Voraussetzung für Massenmorde ist. Denn eigentlich ist ja „Teil des menschlichen Naturells“, dass Menschen eine instinktive Ablehnung gegen das Töten anderer Menschen haben.

Entsprechend gibt es wohl keine menschliche Regung, die es mehr verdient hat tabuisiert zu werden als Xenophobie (gleichrangig wären da natürlich noch andere wie Sexismus zu nennen).

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