Die ewige Diskussion über die Leitkultur (ausgelagerter Thread)

Ganz ehrlich, ich wüsste auch nicht so recht wie ich die definieren soll.

Aber mal ehrlich - ich finde es irritierend das das in Deutschland so ein umstrittener Kampfbegriff ist.

Italien, Spanien, Frankreich, China, Australien, Brasilien, Mexiko, Japan, Großbritannien … zu allen diesen Ländern könnte jeder von uns ein „Moodboard“ erstellen aus visuellen Reizen, Essen, Gerüchen, Architektur, Miteinander, Umgangsformen, Straßen- und Stadtbilder. Der Begriff „typisch“ fällt einem ein. Als problematisch bewertet oder gar existenziell angezweifelt wird das nur in „progressiven“ Milieus in Deutschland.

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Das führt extrem weit vom eigentlichen Thema weg, aber nach 150 Beiträgen ist das jetzt wohl auch egal. Wird Zeit, dass der Thread geschlossen wird.

Niemand hat ein Problem, diese Dinge für Deutschland zu benennen. Allenfalls wird darüber gestritten, ob die bayrische Lederhose und das Reinheitsgebot wirklich „deutsch“ sind oder eben doch „bayrisch“. Deutschland besteht - mehr noch als Italien und alle anderen genannten Länder mit Ausnahme von vielleicht China - einfach aus sehr unterschiedlichen Fürstentümern, die nicht weniger Kriege miteinnander geführt haben und zum Teil gänzlich unterschiedliche Kulturen haben. Niemand wird bestreiten dass alle die von dir genannten Dinge (visuellen Reizen, Essen, Gerüchen, Architektur, Miteinander, Umgangsformen, Straßen- und Stadtbilder) in Hamburg oder Bremen anders zu beschreiben wären als in München oder Augsburg. Das macht es so schwer, eine „deutsche Leitkultur“ im rein deskriptiven Sinne zu definieren. Ist deutsche Leitkultur das Oktoberfest oder die Hanse - oder gar der Bergbau und die Industriekultur?!?

Wenn du nun argumentierst, dass es uns leicht fällt, diese Dinge für das Ausland zu beschreiben, weise ich darauf hin, dass unsere Beschreibungen oft genau so falsch-naiv sind wie die Darstellung „Deutschlands“ in amerikanischen Filmen als „Saufen und Oktoberfest“. Das ist keine Leitkultur, das sind Vorurteile und überstilisierte Teilkulturen.

Dazu kommt, dass die meisten, die über „Leitkultur“ schwadronieren, damit keine „Kultur“ im Sinne der von dir genannten Merkmale meinen, sondern eher Kulturkampf-Begriffe wie das „christliche Abendland“, ein Ausdruck, den ich zutiefst ablehne (als Atheist kann ich nur immer wieder betonen: Wir sind die, die wir sind, dank der Aufklärung - und dafür sind Vertreter der Aufklärung im Kampf gegen Hardliner des „christlichen Abendlands“ gestorben!).

Insofern: Es gibt keine „deutsche Leitkultur“, weil es nicht mal eine Einigung darauf gibt, wie diese zu definieren sei. Würden wir sie mit Aufklärung, Pressefreiheit, Demokratie und co. definieren - bitte. Aber selbst dann würde ich einen weniger anmaßenden Begriff als „Leitkultur“ vorschlagen.

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Weil vorwiegend touristische Erfahrungen die reale Vielfalt dieser Länder verschleiern und die Wahrnehmung neben aller Inszenierung aufs Wiedererkennen von Klischees getrimmt ist.

Aber das alles hat eigentlich gar nichts mit dem Threadthema zu tun.

Belege mir bitte das das was ich meine nur auf „touristischen Erdahrungen“ beruhende „Klischees“ sind. Oder verstehe ich dich richtig, dass es „Kulturen“ gar nicht gibt (oder geben sollte?) und das alles nur Klischees sind die der eine sich über den anderen ausdenkt?

P.S. das „Leit“ können wir gerne streichen, das ist ohnehin nur ein Unwort

(ich gehe nochmal darauf ein da @Daniel_K ohnehin sagte das der Thread im Begriff ist geschlossen zu werden)

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Nein, es soll wohl heißen, dass „Kultur“ auch bei anderen Ländern ein wesentlich komplexerer Begriff ist, als das, was wir darunter verkürzt definieren würden.

Wie gesagt, der Ami definiert „deutsche Kultur“ als „Oktoberfest, Dirndl und Saufen“, der Deutsche definiert „italienische Kultur“ als „Wein, Pizza und schiefe Türme“. Das alles sind Teile der jeweiligen Kultur, aber eben nur die Teile, die medial am präsentesten sind. Dass Deutschland in den USA als „Oktoberfest“ definiert wird liegt z.B. primär am historischen Zufall, dass die amerikanische Besatzungszone nach dem Krieg vor allem Bayern umfasst hat und dort auch die amerikanischen Soldaten stationiert waren, die dann diesen (marginalen!) Teil der deutschen Kultur in die USA getragen haben.

Alle Kulturen sind komplexer, als man das aus dem Ausland bewerten kann. Und wer als „politisch progressiver Mensch“ vor allem Diversität als Wert begreift, hat natürlich ein Problem damit, irgendwelche Teilaspekte einer Kultur als „Leitend“ zu bezeichnen. Ich würde z.B. ganz kühn behaupten, dass der „Döner“ einen weit größeren kulturellen Impact in Deutschland hat als das „Dirndl“. Aber wer würde schon den Döner als Teil der deutschen Leitkultur benennen?

Leitkultur ist ein generell problematischer Begriff, weil er immer mit einem politischen Hintergedanken genutzt wird. Der Begriff verfolgt immer das Ziel, definieren zu wollen, wer „im Kern“ dazu gehört und wer nur „später dazu gekommen“ und deshalb „weniger wichtig“ sei. Und dieses Denken halte ich generell für falsch, der Konservative (Stichwort: „Wir sind christliches Abendland, der Islam gehört nicht oder allenfalls als Gast dazu“) sieht das natürlich gerne anders, weil der Kern konservativen Denkens ja diese Wertung im Sinne von „Tradition ist mehr Wert als das Neue“ ist, die auch dem Begriff der Leitkultur zu Grunde liegt. Auch deshalb lehnen Progressive diesen Begriff ab.

Ich als Progressiver verstehe Kultur - ebenso wie Sprache - als etwas, das im permanenten Wandel ist. Es gibt keine „reine Kultur“ oder „reine Sprache“, der Status Quo ist nur das Resultat einer langen Geschichte von diversen Einflüssen. Dieser Status Quo ist ebenso wenig „schützenswert“ wie jeder andere Zeitpunkt der vergangenen oder zukünftigen Entwicklung der Kultur. „Leitkultur“ versucht hingegen gerade das, was manche Sprachpuristen im Hinblick auf die Sprache versuchen: Über Kodifizierung einen präskriptiven statt deskriptiven Kulturbegriff einzuführen, also festzulegen, wie Kultur zu sein hat, statt anzuerkennen, dass Kultur sich ständig ändert und deshalb allenfalls beschrieben werden sollte, ohne „Vorgaben“ zu machen, was besonders wichtig oder unwichtig an der Kultur sei.

Kurzum: Der Begriff und das ganze Konzept „Leitkultur“ gehört auf den Müllhaufen der Geschichte. Es gibt keine Leitkultur und es sollte ganz sicher nicht versucht werden, eine solche zu etablieren.

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Es gibt auch keine Nationalkulturen. Und selbst vermeintliche Regionalkulturen lösen sich auf, wenn man genau hinschaut. Von der internen kulturellen Diversität in Großstädten mal ganz abgesehen.

Nicht mal, dass ‚Bio‘-Berliner:innen in zehnter Generation gerne meckern, lässt sich verallgemeinern.

(Das Berlinerisch ist übrigens ein so genannter Metrolekt, der durch diverse Einwanderungswellen über Jahrhunderte entstand. Da stecken neben niederdeutschen auch flämische, französische, jiddische und slawische Elemente mit drin.)

Das bedeutet nicht, dass man nicht Leute findet, die in der einen oder anderen Hinsicht gewissen Stereotypen gerecht werden.

Aber jede (post-)moderne Gesellschaft ist in sich viel zu vielfältig, dass auch nur irgendein traditionalistisches Klischee auf mehr als kleine Minderheiten anwendbar wäre.

Nehmen wir mal spaßeshalber nur einen speziellen Architektur-‚Stil‘, die Backsteingotik. Folgende Karte zeigt deren Verbreitung in Europa:

Da gibt es keinen nationalen Typus. Und Gebäude sind noch ziemlich unbeweglich.

Funfact (Wikipedia):

Der Spitzbogen ist ein aus zwei Kreisen konstruierter Bogen mit Spitze. Er gilt in der Architektur als ein zentrales Element der Gotik. Erfunden wurde der Spitzbogen allerdings wohl in der islamischen Architektur und gelangte über das maurische Spanien und über die arabonormannische Architektur Siziliens ins christliche Abendland.

Auch Menschen mischen sich. Das Staatsgebiet der heutigen Bundesrepublik war eine einzige Völkerwanderung.

Ständig findet ‚Kreolisierung‘ statt. Selbst der Klassizismus des 19. Jahrhunderts ist eine solche, in die bestimmte griechische und römische Antikenrelikte eingeflossen sind und mit anderem vermischt wurden.

Und der schwarze Hedge-Fonds-Manager aus São Paulo, der gerne US-amerikanischen Westküstenmetal hört und in seiner Freizeit eine bestimmte Art des Mahayana-Buddhismus praktiziert, hat mit ganz verschiedenen Menschen irgendwo auf der Welt mehr gemeinsam als mit dem indigenen, Maniok anbauenden und im Gospelchor singenden Kleinbauern im Amazonasdelta, dessen Familie von Evangelikalen missioniert wurde. Beides Brasilien und dennoch nicht die geringste gemeinsame Kultur.

Auch in São Paulo findet man übrigens eine neogotische Kathedrale.

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Umstritten ist ja nicht, dass es „Kultur“ gibt, sondern dass sich alle „Deutschen“ von einem bestimmten Kulturbegriff „Leiten“ lassen sollen.

Erhoben wird dieser Anspruch übrigens immer von jenen, die dann im zweiten Atemzug den „Deutschen“ auch noch vorschrieben wollen, was genau zu diesem Kulturbegriff alles dazu gehört und was nicht.

Und gänzlich absurd wird es dann, wenn diese Verfechter der „Leitkultur“ dann auffallend oft den formulierten Ansprüchen in keiner Form selbst entsprechen können. Ich erinnere an dieser Stelle gerne an Horst „Christliches Abendland“ Seehofer, der ein Kind aus außerehelicher Beziehung hat (was ich an sich in keiner Form verwerflich finde, aber ganz offensichtlich nicht der von Herrn Seehofer geforderten „deutsche Leitkultur“ entspricht).

Der Begriff „deutsche Leitkultur“ ist darüber hinaus schon im Kern ausgrenzend. Eine „deutsche Leitkultur“ kann es nur geben, wenn alle „Deutschen“ bestimmte kulturelle Merkmale teilen. Wer diese Merkmale nicht teilt, kann im Umkehrschluss auch nicht „Deutsch“ sein.

Dabei ist erhellend, was die Verfechter der Leitkultur-Debatte so alles zu diesen Merkmalen zählen. Die CDSU definierte die deutsche Leitkultur in ihren diversen politischen Programmen beispielsweise meist mit Bezug auf die angeblich „christliche“ Identität Deutschlands, aus der sich angeblich wesentliche kulturelle und moralische Werte der deutschen Gesellschaft ableiten ließen. Ergo: wer kein Christ ist (bzw. sich nicht in dieser kulturellen Tradition sieht), gehört nicht dazu.

Auch die „deutsche Sprache“ wird regelmäßig im konservativen Spektrum zur „Leitkultur“ gezählt. Thomas de Maizière ging 2017 so weit, etwa das „Händeschütteln“ als Bestandteil von deutscher Leitkultur zu stilisieren, aber auch einen „aufgeklärten Patriotismus“.

Über die Jahre haben Vertreter der CDSU grob ein halbes Dutzend konkrete Bestandteile von „deutscher Leitkultur“ benannt, die mich persönlich (als weißen Mann mit mindestens 4 Generationen rein „deutscher“ Vorfahren) aus dieser „Kulturgemeinschaft“ ausgrenzen würden. Für Migranten und viele andere Menschen gibt es schlicht keine denkbare Möglichkeit, wie sie jemals Teil dieser völlig arbiträr definierten „In Group“ werden können, selbst wenn sie das wollten.

„Leitkultur“ ist inzwischen einfach ein konservativ-rechter Kampfbegriff (der auch mit seiner ursprünglichen Definition durch Bassam Tibi nichts mehr zu tun hat). Wer einfach nur auf gemeinsame Werte hinweisen möchte, könnte auch auf die deutsche Verfassung verweisen, da steht alles an Gemeinsamkeit drin, was wir brauchen. Und ansonsten kann man feiern, dass unterschiedliche Menschen ihr Leben gerne unterschiedlich leben wollen. Ich persönlich möchte mir nicht vorschreiben lassen, ob und wie ich mich „Deutsch“ zu fühlen habe.

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Ich bin jetzt kein Experte für die von dir genannten Länder, aber für Italien kann ich schon mal sagen, dass meine Erfahrungen durchaus große Unterschiede je nach Region gezeigt haben. Ligurien unterscheidet sich hier schon deutlich von Südtirol, Trentino und Venetien (um nur die Regionen zu nennen die ich schon besucht habe).

Und auch in Tschechien sehe ich deutliche Unterschiede zwischen Böhmen, Mähren und Schlesien. Regional gibt es dann aber auch schon wieder unterschiedliche Brauchtümer, die sich teils von Dorf zu Dorf unterscheiden.

Meine Heimat Franken hat wohl mehr Kulturelle Gemeinsamkeiten mit Österreich oder auch Tschechien als mit Norddeutschen Regionen. Aber auch in Franken unterscheidet sich vieles schon von Region zu Region und von Ort zu Ort. Teile Frankens teilen sich Brauchtümer mit Teilen der Oberpfalz. Andere Bräuche findet man neben Franken auch in Österreich, nicht aber in deutschen Regionen.

Und auch bei den Brauchtümern ist es ja sehr unterschiedlich. Manches ist Jahrhundertealt, anderes geht erst auf die Jüngere Vergangenheit zurück.

Ich finde da keinerlei kleinsten Nenner der wirklich eine Bundesweite Leitkultur darstellen würde. Am ehesten könnte man sich daher wohl noch auf ein gemeinsames Wertefundament verständigen welches irgendwo leiten könnte.

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Für Bayern kann ich sagen, dass es da keine deutsche Leitkultur geben kann.
Denn in Bayern ist es Leitkultur, die CSU zu wählen, denn wir wissen ja, wem wir unser Bayern-Land zu verdanken haben.

WIE WAR DAS DAMALS? Als die CSU Bayern erfunden hat - Listen Now on Alles Geschichte - Der History-Podcast | Zeno.FM

Nun sehen wir, dass diese Leitkultur immer mehr verwässert wird. Schuld sind natürlich die Migranten, die von überallher nach Bayern einwandern und dann nicht nur andere Parteien wählen, sondern auch noch gegen Kuh- und Kirchenglocken und Scheißdreck auf der Straße klagen - alles Leitkultur.

Vorschlag zur Güte, was die leidige Leitkulturdebatte angeht:

Man definiere den Wertekanon unserer Verfassung als verbindliche Leitkultur für den wechselseitigen Umgang miteinander.

Dann sind die rechtsradikalen Verfassungsfeind:innen der AfD zwar raus, but who cares?!

Thema erledigt.

Ja, man kann solche Vorstellungen abfragen, aber was man dann erhält ist eben ein Bild dieser Vorstellungen - nicht mehr und nicht weniger. Und solche Vorstellungen oder Typisierungen nehmen wir alle ständig in der ein oder anderen Form vor, um unsere soziale Realität für uns handhabbar zu machen - die Nachbarin aus dem vierten Stock ist eine Spießerin, der Nachbar unten ein Kiffer, Opa Heinrich ein Nazi etc. pp. Man darf halt nur niemals den Fehler machen, diese typisierende Wahrnehmung mit der äußerst komplexen, diversen und auch widersprüchlichen Lebensrealität anderer Menschen zu verwechseln oder gar so zu tun als müssten Menschen, die ich in eine bestimmte Schublade stecke, sich deswegen so benehmen oder gar so „sein“, wie ich es von Menschen in dieser Schublade erwarte. Genau das tun aber alle politisch-programmatischen Aussagen zu oder Forderungen nach einer bestimmten monolitschen „Kultur“.

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Ich möchte gerne die Perspektive auf die Frage mal verändern: ich bin im Vorstand einer Deutschen Auslandsschule, und selbst da gilt, alle rund 140 haben durch ihr kulturelles Umfeld und die Zusammensetzung von Schüler- und Elternschaft eine ganz eigene Antwort. Für die Schule, in der ich tätig bin handeln wir alleine schon die grundlegende Frage aus, wie viel Deutsch in der Schule es sein darf. Lokale Eltern haben Fleiß, Disziplin und Ordung im Sinn, wundern sich aber, dass das von der deutschen Seite so gar nicht gespiegelt wird.

Welche Feste wollen wir feiern und vor allen wie? Welche Kulturarbeit wollen wir leisten, um den Schulabgängern bei ihrer möglichen nachschulischen Zeit zwar ein weitgehend realistisches, aber vielleicht auch ideelles Bild von Deutschland zu vermitteln.

Und für Gäste in unserem Land wäre es ebenfalls hilfreich, verbindliche Dos und Donts zu vermitteln, was selbstverständlich auch für alle Nicht-Gäste gelten soll. Früher gab es dafür die Religion, der Nationslstaat hat es mit Normen, Werten und Gesetzen neu definiert.

Ich erwarte nicht, dass jede Partei dazu eine homogene Meinung hat, aber der Diskurs sollte auf der politischen Ebene dazu laufen, weil es ansonsten keine überregionalen Plattformen dafür gibt, die recht verbindlich sind.

Ich würde mich über ein solches Normen- und Wertgerüst für Deutschland freuen und bin da auch nicht dogmatisch, was ich davon erwarte oder was da drin stehen soll. Nur aus Angst vor den Ergebnis sollten wir die Debatte darüber nicht unterlassen.

Edit: Typos

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Ich unterschreibe alles was du schreibst, ich verstehe Kultur auch so. Dennoch gibt es zwei Aspekte dazu. Die Momentaufnahme einer Kultur lässt sich in jedem Zeitpunkt beschreiben, es gibt gemeinsame Nenner und Schwerpunkte. Nur weil etwas komplex ist, ist es nicht inexistent oder beschreibbar. Und dann zum Wandel - es ist ganz offensichtlich entscheidend, wie genau und wie schnell sich dieser vollzieht. Jedes Individuum hat seine eigenen 80 Jahre und innerhalb dieser 80 nur begrenzt Kapazität für Wandel, Tapetenwechsel usw. - es gibt für viele Menschen schlicht ein ‚zu schnell‘.

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Exakt deshalb sollten wir es nicht „Leitkultur“ nennen, weil dieser Begriff quasi „Dogmatismus“ schreit.

Für mich gilt ganz klar: Die einzigen verpflichtenden Regeln sind die Gesetze. Alles darüber hinaus ist optional und kann allenfalls als Ratschlag erfolgen, aber nicht als Vorschrift. Und alles, was über Gesetze hinaus geht, ist i.d.R. auch so allgemein, dass es nicht als Definitionskriterium für „Kultur“ taugt.

Welche „Dos und Donts“ würdest du denn zu deutschen Kultur zählen? Fände ich tatsächlich interessant, zu wissen.

Ja, viele Menschen fühlen sich durch die schnelle, moderne Zeit überfordert. Aber ganz im Ernst: Da mussten Menschen schon immer durch. Als das Feudalsystem zusammengefallen ist war das auch eine riesige Umstellung, von der Industrialisierung mal ganz zu schweigen. Sorry Leute, aber so läuft das eben. Wer sich dem Wandel verweigert und deshalb in konservative (oder schlimmere) Mindsets verfällt, dem kann man die Hand ausstrecken und dabei unterstützen, mit der Veränderung klar zu kommen, aber man kann ihnen diese Herausforderung nicht abnehmen. Und sollte man auch nicht. Hätte man das historisch getan, würden wir vermutlich immer noch in Höhlen leben, weil vermutlich selbst beim Umstieg von der Höhle auf die Hütte Bremser dabei waren, für die das „das Ende des Abendlandes“ war. Früher war die Zeit langsam genug, dass man sie in ihren Höhlen hat sterben lassen. Heute müssen Menschen lernen, mit Veränderung klar zu kommen. Wer sich vor 30 Jahren mit 40 geweigert hat, sich mit Technik / Computern auseinander zu setzen und deshalb heute mit 70 nicht in der Lage ist, einen einfachen Geldautomaten zu bedienen, hat einfach massiv etwas falsch gemacht. Diese Haltung dürfen wir als Gesellschaft nicht unterstützen. Stattdessen müssen wir diese Menschen dabei unterstützen, sich für Neues zu öffnen.

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Leitkultur ist ein Begriff, der von dem Politologen Bassam Tibi in die politikwissenschaftliche Debatte eingeführt wurde, um einen auf europäischen Werten basierenden gesellschaftlichen Konsens zu beschreiben, der als Klammer zwischen Deutschen und Migranten dienen soll.

Der Begriff der „deutschen Leitkultur“ impliziere, dass alle Deutschen trotz ihrer Individualität Gemeinsamkeiten hätten. Der Begriff wird im rechtspopulistischen Spektrum verwendet, um sich von vermeintlich Fremden abzugrenzen.

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Und schon das stimmt nicht. Vielmehr gibt es eine Gleichzeitigkeit der Vielfalt.

Schon die Annahme gemeinsamer Nenner ist falsch.

Das mag ja so sein, aber Veränderung wird sich ja dadurch nicht verlangsamen.

Trotzdem kann sich ja jede:r so entwickeln wie sie oder er es für richtig hält.

Wer in Dirndl oder Lederhosen rumlaufen möchte oder die Klorolle mit Häkelaufsatz mag, kann das doch auch weiter praktizieren.

Das Problem besteht eigentlich nur darin, wenn solche Leute anderen vorschreiben wollen, wie sie zu sein oder zu leben haben.

Aber das sind doch alles Fragen, die man eben nicht allgemeingültig beantworten kann, sondern nur von Fall zu Fall. Und vermutlich werden die Schüler, die Eltern und das Personal der Schule da schon jeweils unterschiedliche Vorstellungen haben. Das repräsentative Bild gibt es eben nicht.
Ich kann mich noch an Internationale Jugendbegegnungen mit Teilnehmern aus verschiedenen Ländern erinnern, bei denen alle für ihr Land „typische“ Gerichte präsentieren sollten. Als ich „für Deutschland“ vorschlug, Döner zu machen, ist die Kursleiterin fast ausgetickt. Für sie hatte das nichts mit Deutschland zu tun, für mich war es das häufigste und mit das beliebteste Essen meines sozialen Umfeldes in Deutschland.

Ich finde es merkwürdig, hier sofort „Angst“ zu unterstellen, nachdem mehrere Personen mit sehr ausführlichen Begründungen dargelegt haben, warum sie einen solchen „Normenkatalog“ nicht für sinnvoll halten und warum sie auch homogenisierende Verwendungen des Begriffs Kultur ablehnen. Es hat auf jeden Fall nichts „Mutiges“, diese Argumente einfach zu ignorieren und so zu tun, als gäbe es homogene Kulturen und Normenkataloge quasi „natürlich“.

D’accord. Nur muss die Beschreibung dann auch der Komplexität angemessen sein. Dazu gehört, die Existenz, Widersprüchlichkeit und auch Ungleichzeitigkeit verschiedener kultureller Bedeutungen, Bezüge, Traditionen etc. anzuerkennen, ohne sie homogenisieren oder normieren zu wollen. Dasselbe gilt für den Wandel, der sich sicherlich individuell sowie in verschiedenen soziokulturellen Milieus sehr unterschiedlich und auch unterschiedlich schnell verändert. Aber auch hier gilt, dass nicht die einen bestimmen, was für die anderen Kultur sein „soll“. Für den einen mag das mit der Digitalisierung alles zu schnell gehen, der andere stört sich am vermeintlichen Verhalten „der“ Gen Z und ein dritter kritisiert, dass es kaum noch „Deutsche Küche“ in Restaurants gibt. Das ist alles Teil der Realität, aber eben nicht mehr und nicht weniger als diejenigen, die Digitalisierung, Work-Life-Balance und internationales Essen feiern.

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Es ist, wie die politische Psychologin Karen Stenner in einem Essay über “Autoritarismus” von 2020 beschrieben hat, das Ziel der Autoritären ist die “Minimierung von Unterschieden”. (Eine für alle verbindliche Leitkultur ist ja nichts anderes!)

Stenner führt dazu aus:

Das tiefe Bedürfnis von Autoritären nach dem, was ich als „Einheit und Einheitlichkeit“ (“oneness and sameness”) bezeichne, erzeugt dann – auf primitive und weitgehend unbewusste Weise – eine Reihe funktional zusammenhängender Anforderungen an das politische System, ohne dass hierfür eine nennenswerte kognitive Untermauerung erforderlich wäre.

Es scheint zwei entscheidende Determinanten für Autoritarismus zu geben. Die erste ist ein Mangel an „Erfahrungsoffenheit“ (eine der „Big Five“-Persönlichkeitsdimensionen, die selbst zu einem erheblichen Teil erblich ist). Die zweite lässt sich am besten als kognitive Inkapazität beschreiben.

Mangelnde Offenheit und kognitive Inkapazität prädisponieren für Autoritarismus, indem sie die Bereitschaft bzw. die Fähigkeit, mit Komplexität umzugehen, verringern. Menschen, denen es an Offenheit für Erfahrungen mangelt, mögen keine Abwechslung, Neuheit, Vielfalt und Komplexität und lehnen Unkonventionelles und Unbekanntes ab. Menschen mit kognitiven Einschränkungen bevorzugen natürlich ebenfalls Einfachheit und sind für Komplexität schlecht gerüstet.

Die oben skizzierte lebhafte Gesellschaft und Politik – die viele von uns nicht nur tolerieren, sondern sogar begrüßen – stellt für die Autoritären in unserer Mitte eine perfekte Kombination normativer Bedrohungen dar. Und davon gibt es sehr viele.

(Aus dem Englischen übersetzt unter Nutzung von DeepL)

Ergänzen kann man noch folgende Forschungsergebnisse:

Eine Metaanalyse (88 Stichproben, 12 Länder, 22.818 Fälle) bestätigt, dass mehrere psychologische Variablen politischen Konservatismus vorhersagen: Todesangst (gewichteter Mittelwert r = 0,50); Systeminstabilität (0,47); Dogmatismus – Intoleranz gegenüber Ambiguität (0,34); Offenheit für Erfahrungen (– 0,32); Unsicherheitstoleranz (– 0,27); Bedürfnis nach Ordnung, Struktur und Abgeschlossenheit (0,26); integrative Komplexität (– 0,20); Angst vor Bedrohung und Verlust (0,18); sowie Selbstwertgefühl (– 0,09). Die Kernideologie des Konservatismus betont den Widerstand gegen Veränderungen und die Rechtfertigung von Ungleichheit und wird durch Bedürfnisse motiviert, die je nach Situation und Disposition variieren, um mit Unsicherheit und Bedrohung umzugehen.

(Übersetzt mit DeepL)

Natürlich kann man eine Kultur beschreiben, aber das ist dann auch nichts mehr als das: Deine Beschreibung. Jedes Individuum, dass sich dieser Kultur selbst zurechnet, wird kleinere oder größere Unstimmigkeiten bei der Beschreibung finden.

Wobei das „zu schnell“ nichts mit der objektiven Geschwindigkeit des Wandels zu tun hat. In den 30ern ist Deutschland innerhalb von ein paar Jahren in eine totalitäre faschistische Diktatur verwandelt worden, was von einem wesentlichen Teil der Bevölkerung explizit unterstützt und von einem anderen Teil schulterzuckend akzeptiert wurde. Heute ist es dagegen vielen Leuten „zu schnell“, wenn sie in den Medien mitbekommen, wenn irgendwo in Deutschland ein Minarett gebaut wird, dass sie selbst nie sehen werden oder gleichgeschlechtliche Partner eine Ehe schließen können, was sie selbst in keiner Weise im Alltag berührt.

Das Ganze ist extrem subjektiv und hat auch eigentlich nichts mit „Kultur“ zu tun.

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