Nein, es soll wohl heißen, dass „Kultur“ auch bei anderen Ländern ein wesentlich komplexerer Begriff ist, als das, was wir darunter verkürzt definieren würden.
Wie gesagt, der Ami definiert „deutsche Kultur“ als „Oktoberfest, Dirndl und Saufen“, der Deutsche definiert „italienische Kultur“ als „Wein, Pizza und schiefe Türme“. Das alles sind Teile der jeweiligen Kultur, aber eben nur die Teile, die medial am präsentesten sind. Dass Deutschland in den USA als „Oktoberfest“ definiert wird liegt z.B. primär am historischen Zufall, dass die amerikanische Besatzungszone nach dem Krieg vor allem Bayern umfasst hat und dort auch die amerikanischen Soldaten stationiert waren, die dann diesen (marginalen!) Teil der deutschen Kultur in die USA getragen haben.
Alle Kulturen sind komplexer, als man das aus dem Ausland bewerten kann. Und wer als „politisch progressiver Mensch“ vor allem Diversität als Wert begreift, hat natürlich ein Problem damit, irgendwelche Teilaspekte einer Kultur als „Leitend“ zu bezeichnen. Ich würde z.B. ganz kühn behaupten, dass der „Döner“ einen weit größeren kulturellen Impact in Deutschland hat als das „Dirndl“. Aber wer würde schon den Döner als Teil der deutschen Leitkultur benennen?
Leitkultur ist ein generell problematischer Begriff, weil er immer mit einem politischen Hintergedanken genutzt wird. Der Begriff verfolgt immer das Ziel, definieren zu wollen, wer „im Kern“ dazu gehört und wer nur „später dazu gekommen“ und deshalb „weniger wichtig“ sei. Und dieses Denken halte ich generell für falsch, der Konservative (Stichwort: „Wir sind christliches Abendland, der Islam gehört nicht oder allenfalls als Gast dazu“) sieht das natürlich gerne anders, weil der Kern konservativen Denkens ja diese Wertung im Sinne von „Tradition ist mehr Wert als das Neue“ ist, die auch dem Begriff der Leitkultur zu Grunde liegt. Auch deshalb lehnen Progressive diesen Begriff ab.
Ich als Progressiver verstehe Kultur - ebenso wie Sprache - als etwas, das im permanenten Wandel ist. Es gibt keine „reine Kultur“ oder „reine Sprache“, der Status Quo ist nur das Resultat einer langen Geschichte von diversen Einflüssen. Dieser Status Quo ist ebenso wenig „schützenswert“ wie jeder andere Zeitpunkt der vergangenen oder zukünftigen Entwicklung der Kultur. „Leitkultur“ versucht hingegen gerade das, was manche Sprachpuristen im Hinblick auf die Sprache versuchen: Über Kodifizierung einen präskriptiven statt deskriptiven Kulturbegriff einzuführen, also festzulegen, wie Kultur zu sein hat, statt anzuerkennen, dass Kultur sich ständig ändert und deshalb allenfalls beschrieben werden sollte, ohne „Vorgaben“ zu machen, was besonders wichtig oder unwichtig an der Kultur sei.
Kurzum: Der Begriff und das ganze Konzept „Leitkultur“ gehört auf den Müllhaufen der Geschichte. Es gibt keine Leitkultur und es sollte ganz sicher nicht versucht werden, eine solche zu etablieren.