Und ich lehne genau diese Homogenität strikt ab.
Ich möchte in einem Land leben, in dem jeder seine Kultur ausleben kann, so lange dies im Rahmen der Gesetze erfolgt. Dann geht eben der eine in die Kirche, der andere in die Moschee, der eine trinkt Alkohol zu jedem gesellschaftlichen Anlass, der andere lehnt es völlig ab, der eine siezt jeden, der andere duzt jeden, der eine gibt Trinkgeld, der andere nicht. Vielfalt ist doch kein Problem, das gelöst werden muss. Im Gegenteil, dieser Druck, dass alle sich gleich zu verhalten haben, ist das Problem.
Und diese Norm gilt auch nur sehr situativ. Mach mal eine repräsentative Umfrage, wie viele Menschen als Fußgänger nachts um 3 Uhr an einer Ampel warten, wenn weit und breit kein Auto zu sehen und zu hören ist. Gerade das ist wieder ein Beispiel für Vielfalt: Der Super-Alman darf gerne nachts um 3 an der Ampel stehen bleiben, weil ihm die Regel um der Regel Willen wichtig ist, der Rest der Gesellschaft geht halt einfach drüber, weil er die Regel in dieser Situation sinnlos findet. Das ist kein Problem, sondern völlig in Ordnung so.
Für mich persönlich wäre diese „gemeinsame Kultur“, die sich @Silvio wünscht, ein absolutes Albtraum-Szenario. Je stärker diese Gemeinsamkeiten sind, desto größer wird der Albtraum, im krassesten Fall sind sich alle einig, welche Kleidung jeder zu tragen hat und alle behandeln sich nur noch wie Roboter, weil sie wie Maschinen Regeln befolgen, auf die man sich geeinigt hat.
Ich sehe es als Ausdruck meiner Freiheit, auch mal soziale Regeln und Erwartungen bewusst zu brechen, so lange das keinen (ernsthaften) Schaden anrichtet. Dieses krasse Bedürfnis danach, dass alle Menschen berechenbar die gleichen ungeschriebenen Benimm-Regeln befolgen, ist mir einfach völlig fremd.
Und das ist nebenbei der logische Fehler in der Argumentation von @Silvio und anderen: Es wird zugestanden, dass der Kulturbegriff und die kulturellen sich stets geändert haben und auch ändern können sollten. Aber gerade das wäre faktisch bei einem so hohen Anpassungsdruck, wie er gefordert wird, nicht möglich. Je höher die Erwartungen daran sind, dass alle sich entsprechend einer spezifischen Benimmregel verhalten, desto weniger Abweichung wird es geben. Und Regeln ändern sich nur dadurch, dass genug Leute von ihnen abweichen und sie brechen. Es gibt schließlich keinen regelmäßigen Konvent, zu dem sich die gesamte Bevölkerung zusammen setzt und neue Regeln diskutiert - es ist ein fließender Prozess. Und wenn man fordert, dass jeder sich an einmal festgelegte Regeln zu halten hat, kommt dieser Prozess zum erstarren.