Zur einer guten Diskussionskultur (wie zum guten Journalismis) gehört, dass man sagen sollte, was ist, man die Dinge so benennen sollte, wie sie sind:
Wenn jemand seinen eigenen persönlichen Vorteil höher wertet als den der anderen Mitglieder der Gesellschaft, in der er lebt und von der er ganz ordentlich partizipiert und die Gesellschaft sofort im Stich zu lassen bereit ist, wenn er seinen Vorteil zu verlieren droht, dann darf man ihn als Egoist bezeichnen, ohne als unhöflich zu gelten.
Du mogelst Dich weiterhin um das wesentliche Argument herum: Es wird gar nicht erst zum Sterben kommen, wenn die meisten Mitbürger bereit sind, ihren fairen Beitrag zur Abwehrbereitschaft und -fähigkeit zu leisten.
Wie Du in dem Folgenden dann ganz unumwunden bestätigst:
Inhaltlich stimme ich Dir zu. Ich bin überzeugt, wir haben eine große Schuld auf uns geladen, in dem wir der Ukraine immer nur so viel gegeben haben, dass sie den Krieg nicht verlieren, aber nie genug, um den Krieg zu gewinnen. Olaf Scholz sei dank! Und indem wir nur solche Sanktionen akzeptiert haben, die uns selbst kaum einen Schmerz zugefügt haben.
Zusammen mit dem “In der Ukraine wird unsere Freiheit verteidigt” ist das sehr, sehr zynisch und macht mich unendlich wütend und traurig.
Der Wehrdienst verlangt nicht das Opfer des eigenen Lebens, sondern einen Beitrag zur Abwehrbereitschaft und -fähigkeit unserer Gesellschaft. In letzter Konsequenz natürlich schon (sonst wäre Abschreckung nicht glaubwürdig), aber dass es zum Sterben kommt, ist mit glaubwürdigere Abschreckung nach meiner Überzeugung wesentlich weniger wahrscheinlich als wenn viele sagen “Im Fall der Fälle verpisse ich mich”.
Schön wenn die Gesellschaft dann aber immer an der eigene Staatsgrenze ändert. Wie viele Menschen im globalen Süden leiden müssen, damit wir hin Europa in Wohlstand und „Freiheit“ leben können.
Wirf anderen keinen Egoismus vor, nur weil sie ihre Solidarität nicht auf einen Nationalstaat anwenden sondern enger fassen.
Und wer glaubt, dass deutschland mit mehr Militär nicht selber versucht seine interessen International durchzusetzen lebt wirklich in einer Traumwelt. Die einzige Militärmacht die nicht interveniert ist bisher (noch) China. USA, GB, Frankreich, Israel, Russland, Türkei alle nutzen ihr Militär zum durchsetzen von Interessen aber gerade Deutschland würde das nie tun. Nur die Nachkriegsjahre und die ganzen linken Bewegungen (die sich großteils gegen die Aufrüstung aussprechen) sind überhaupt der grund, dass Deutschland im Mindset so pazifistisch ist das sich hier der Großteil keinen Angriff vorstellen können. Aber mit genug Moralgefassel ( wie auch hier von einigen) wird der Nationalstaat und seine Wichtigkeit in den Menschen wieder mehr gestärkt. Schauen wir dann mal wann das kippt.
Und noch zu der Abschreckung? Wann ist dann Verteidigungsfähigkeit da? Wir sind ja jetzt Russland schon unendlich überlegen( nicht meine Worte)
Diese ganze Aufrüstung hat aktuell den Nutzen die deutsche Wirtschaft zu stützen. Und schauen wir dann ob sie wirklich im Lager bleiben. Ich bin Skeptisch. Im Kapitalismus muss sich jeder Nationalstaat seinen Platz an der Sonne erkämpfen.
Und wer behauptet, dass Deutschland mit Verteidigungskapazitäten anfangen wird, seine internationale Interessen militärisch durchzusetzen, behauptet erst mal etwas ins Blaue.
Klar, mit Munition, die nach wenigen Tagen verbraucht sein wird und einer Drohnenabwehr, über die sich Putin jeden Abend schaltend in den Schlaf lacht …
Ja so wie der Staat von mir Profitiert. Im Kriegsfall schauen wir mal wie viel ich noch profitiere. Auch wenn viele hier daran glauben das es auch im Extremfall noch sowas wie Rechtsdurchsetzung gibt. Viel Glück damit. Ich hoffe zumindest das ihr dann als Panzergranadier dient und die Freiheit der Verweigerer mit schützt und nicht im Hinterland die Stellung haltet. Wie auch unsere beiden Hosts hier die auch noch nicht zu alt für den dienst an der Waffe sind.
Du glaubst ja auch, dass Putin es versuchen will. Ist ja auch nur eine Vermutung evtl durch die Geschichte gedeckt aber na ja merkst hoffentlich selber.
Ich mogel mich nicht mehr oder weniger vor diesem Argument als ein großer Teil der Bevölkerung. Aufrüstung, mehr Soldaten und Opferbereitschaft stoßen in unserer demographischen Gesellschaftsstruktur regelmäßig auf breite Zustimmung. Fragt man jedoch konkret junge Männer, also genau diejenigen, die im Ernstfall für Deutschland kämpfen und opferbereit sterben sollen, sinkt diese Zustimmung deutlich. Insofern bin ich in bester Gesellschaft, nämlich bei der Mehrheit, die selbst nicht kämpfen will. Der Unterschied ist lediglich, dass ich nicht gleichzeitig Opferbereitschaft einfordere, während ich selbst nicht bereit wäre, mein Leben für den staatlichen Machterhalt herzugeben.
Zudem bin ich mir keineswegs sicher, ob eine militaristische Strategie tatsächlich zu Frieden führt. Das kann funktionieren muss es aber nicht. Wie bereits ausgeführt, ist das historisch und systemisch alles andere als eindeutig. Vor allem ist es nicht so eindeutig, dass ich bereit wäre, diese Strategie als Wette mit meinem eigenen Leben zu akzeptieren. Diese Unsicherheit allein müsste eigentlich genügen, um Zurückhaltung zu rechtfertigen.
Konsequent zu Ende gedacht würde die Haltung „alle „verpissen sich“, keiner kämpft“ zwangsläufig zu Frieden führen, ganz im Sinne von „Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin“. Kriege sind nur möglich, weil Staaten ihre Bevölkerungen gegeneinander mobilisieren und aufhetzen. Ohne diese Bereitschaft, sich instrumentalisieren zu lassen, bricht das gesamte Konstrukt militärischer Gewalt zusammen.
Meiner Einschätzung wäre die kurzfristig geeignete Lösung natürlich alle Staatenlenker die an Kriegen beteiligt waren ordnungsgemäß vor dem Internationalen Strafgerichtshof anzuklagen und so Ordnungs- und Sicherheitspolitik sauber juristisch und rechtsstaatlich zu erreichen.
Das funktioniert aber nur wenn beide Seiten so agieren.
Wenn wir in Deutschland sagen, wir kämpfen alle nicht und bleiben friedlich, Russland aber seine Soldaten überzeugt doch zu kämpfen und Gewalt anzuwenden, funktioniert das mit dem „keiner geht hin“ ja einseitig auch nicht.
Der Fall ist ja auch denkbar, oder?
Ja, oder wenn Gefahr durch den eigenen Staat droht. Wenn ich gezwungen würde die Freiheit Deutschland am Hindukusch, am Ural oder wegen mir an den Rocky Mountains zu verteidigen. Oder aber durch eine Rechtsextreme Regierung Leib und Leben bedroht würden.
Selbstverständlich musste sich die gesamte Menschheit dazu bekennen.
Mir ist durchaus bewusst das es sich um eine mittelfristig nicht umsetzbare Utopie handelt aber es ist eine die realistisch Frieden sichern würde und für 99,999999% der Wertbevölkerung nur Vorteile hätte. Weder sie Bevölkerungen noch die Soldaten „verfeindeter“ Staaten haben auch nur das kleinste menschliche Problem mit der „Gegenseite“.
Im Ersten Weltkrieg, insbesondere während des Weihnachtsfriedens 1914, kam es an mehreren Abschnitten der Westfront zu spontanen Waffenruhen. Am bekanntesten sind die Begegnungen zwischen deutschen und britischen Soldaten, doch auch zwischen deutschen und französischen Einheiten kam es vereinzelt zu Verbrüderungen: gemeinsames Singen von Weihnachtsliedern, Austausch von Zigaretten oder kurzen Gesprächen im Niemandsland.
Wo diese Begegnungen stattfanden, zeigten sie sehr deutlich, dass die Soldaten selbst keinen natürlichen Hass aufeinander hatten. Der Krieg wurde von Staaten geführt, nicht von den Menschen in den Schützengräben. Genau deshalb reagierten die Militärführungen nach 1914 mit scharfen Verboten solcher Kontakte, weil sie erkannten, wie gefährlich menschliche Nähe für die Kriegslogik ist.
Realistischere Wege diesen Utopischen Zustände nahe zu kommen führen meiner Ansicht nach über funktionierende Vereinte Nationen, gerne auch demokratisch gewählt und eine funktionierende Internationale Justiz. Beides sollte auf dem Weg dahin das erste Zeil sein.
Kriege werden mit Militarismus begonnen und durch Diplomatie beendet, warum setzten wir uns nicht mehr dafür ein den mittleren Teil und das damit einhergehende Leid, die Zerstörung und Verhärtung der Fronten weg zulassen.
Geh doch bitte zum Kreml und erklär das Putin, anschließend dann Xi in Peking und zuletzt dann Trump. Weil daran scheitert es und wie @Daniel_K deutlich gesagt hat ist der Klügere gibt nach das schlechteste Konzept.
Ich denke nicht dass es notwendig ist den Menschen aus der Gleichung herauszunehmen.
Innerhalb von Staaten funktioniert das staatliche Gewaltmonopol in aller Regel recht gut. Egoismus, Machtstreben, Gleichgültigkeit, Aggressivität und andere dunkle Seiten individueller Interessen werden dort durch Recht, Justiz und Durchsetzungsmacht begrenzt. Dass Gesellschaften trotzdem funktionieren, zeigt, dass diese Eigenschaften nicht zwangsläufig dominieren müssen.
Die Grundannahme, Menschen würden im Kern ausschließlich von Egoismus, Machtstreben und Aggression angetrieben, halte ich zudem für ein ausgesprochen düsteres Menschenbild. Unsere modernen Gesellschaften beruhen ja gerade auf der Idee, dass Kooperation, Regelbindung und Solidarität stärker sind als diese Impulse.
Überträgt man diese Herschafft des Rechts auf die internationalen Beziehungen, wird sie dort ebenso funktionieren wie innerhalb von Staaten. Ein wirksames internationales Gewaltmonopol würde Willkür begrenzen, statt sie zu institutionalisieren.
Als angenehmen Nebeneffekt bräuchte es dann langfristig auch eigentlich keine 200 konkurrierenden Nationalstaaten mehr, die sich gegenseitig abschrecken, bedrohen und aufrüsten, sondern eine Ordnung, die Konflikte tatsächlich rechtlich löst und nicht militärisch eskalieren lässt da die negativen Auswirkungen von ihren Bevölkerung getragen werden.
Das habe ich so nicht gesagt. Aber es sind menschliche Eigenschaften die man nicht völlig eliminieren kann.
Man braucht ja nur im Straßenverkehr gucken, das es trotz klarer Regeln immer wieder Regelbrecher gibt. Oft weil keine Sanktionen befürchtet werden
Ist international nicht anders.
Solche Probleme würden sich auch bei einer „Weltregierung“ nicht vermeiden lassen, außer man gestaltet diese Weltregierung sehr autokratisch und repressiv.
Deine Idee ist ja nett, ich halte sie für absehbar für unrealistisch.
Trägt damit in keiner Weise zur Lösung der aktuellen Probleme bei.
Leider.