Das hier beschriebene Dilemma existiert so m. E. nicht. Die Nachteile des Homeschooling sind inzwischen eindeutig und bekannt. Nicht nur ist es (in den meisten Familien) extrem belastend für alle Beteiligten, es funktioniert auch einfach nicht. Das gilt schon für die Ebene der reinen Aneignung von Lernstoff, auf die Schule gerne reduziert wird. Damit kommen nur diejenigen zurecht, die die notwendigen Voraussetzungen mitbringen, sich selber gut strukturieren können und die die notwendige Unterstützung haben. Andere wesentliche Funktionen von Schule fallen dabei aber komplett weg (bzw. können durch das bisschen Video-Unterrichtm, dass es de facto gibt, nicht kompensiert werden). Das sind vor allem die sozialen Funktionen von Schule, also a) die sozialen Kontakte b) das Lernen mit und von Gleichaltrigen c) das Erlernen sozialen Verhaltens d) die gezielte Förderung und der Abbau von Defiziten um zumindest ein wenig soziale Ungleichheit abzubauen. Knapp zusammengefasst: Homeschooling hat (neben anderen Kontaktbeschränkungen) massive Auswirkungen auf die psychische und physische Gesundheit und damit auf die Entwicklung von Kindern. Das ist m. E. schon etwas anderes als dass einem mal „die Decke auf den Kopf fällt“.
Auf der anderen Seite wird beständig die Behauptung wiederholt, Kinder würden öfter Erwachsene anstecken als umgekehrt. Das suggeriert zumindest m. E. die Formulierung „von seinen Kindern das Virus mit nach Hause gebracht bekommen“. Exemplarisch für die mediale Variante dieser Behauptung steht die (inzischen geänderte) Überschrift eines Spiegel-Artikels: „Kinder werden zur Gefahr für ihre Eltern“. Das ist im Kern nichts anderes, als die Behauptung, Kinder seien Treiber der Pandemie. Daraus wird wiederum gefolgert, dass Schulöffnungen an sich ein Problem seien.
Empirisch ist diese Behauptung jedoch nicht nur nicht belegt, einschlägige Forschungsergebnisse widersprechen ihr sogar eindeutig. Aktuelles Beispiel: Der starke Anstieg der Meldeinzidenz in den Altersgruppen unter 20 wurde als Beleg dafür gewertet, dass Schulöffnungen zu mehr Infektionen führen. Dabei wurde aber nicht überprüft, inwieweit das auf die völlig andere Teststrategie (regelmäßige Screenings per Schnelltest statt anlassbezogene Tests bei Kontakten bzw. Symptomen) zurückgeht. Zum Teil fehlten auch einfach die Daten. Inzwischen gibt es aktuelle Analysen aus Bayern (zweiter Link) und Hessen, die die Entwicklung während und nach den Osterferien genauer untersucht haben. Ergebnis: Die Infektionen wurden vor allem in die Schulen hineingetragen, die Schulen waren also keine Treiber. Zudem steht die erhöhte Indizenz direkt im Zusammenhang mit der Teststrategie. Höchstwahrscheinlich sind Schulen aufgrund der regelmäßigen Schnelltests gerade einer der wenigen Bereiche in der Gesellschaft, in denen das sogenannte Dunkelfeld gerade erfasst wird. Sprich: wir erkennen Infektionen, die vorher unerkannt geblieben worden wären. Auch Ausbrüche werden wohl nirgendwo so gut erkannt und registriert wie in Schulen. Zudem werden Infektionsketten durch relativ strikte Quarantäneregeln in Schulen schnell durchbrochen.
Generell gibt es m. E. eine Tendenz, wonach Modellierungen und teilweise statistische Analysen eher dazu neigen, aus einer hohen Inzidenz in den entsprechenden Altersgruppen ein Risiko durch Schulen abzuleiten, während empirische Studien, die tatsächlich das Infektionsgeschehen in Schulen bzw. im Vergleich zwischen geöffneten und geschlossenen Schulen untersuchen, zu dem Schluss kommen, dass Schulen in der Regel das Infektionsgeschehen der umgebenden Gesellschaft abbilden, dies aber nicht beschleunigen und dass zudem das Risiko durch geöffnete Schulen bei entsprechenden Maßnahmen (Wechselunterricht, AHA, regelmäßige Tests & Quarantäne) gut kontrollierbar ist. Aufgrund dieser Forschungslage gibt es ja auch zahlreiche Länder, die Schulen sehr viel konsequenter offen halten, als dies in Deutschland der Fall ist - z. B. USA, UK, Frankreich, Dänemark, Spanien - für keines dieser Länder, in denen es ja durchaus Schulschließungen gab - ist mir eine Studie bekannt, die ein Antreiben der Pandemie durch erneut geöffnete Schulen nachgewiesen hätte.
Natürlich gibt es viele Menschen, die dennoch Angst davor haben, ihre Kinder in die Schule zu schicken, aber m. E. wäre es die Aufgabe von Politik und Medien, dieser Angst entgegenzuwirken. Unglücklich finde ich da eine Formulierung, dass für Schulöffnungen „lobbyiert“ würde - das Wort so, als dienten Schulen ausschließlich partikularen Interessen.
TL/DR. Homeschooling kann Schule nicht annähernds ersetzen und hat massive langfristige Folgen. Die Behauptung, dass Kinder bei Schulöffnungen Treiber der Pandmie werden, ist dagegen empirisch nicht belegt. Ein Dilemma ist das nicht.