Sind "linke" Ideen weniger überzeugend?

Absolut. In den Köpfen der Leute (um bei der Formulierung zu bleiben) ist es zudem so, dass “links sein” gleichzeitig mit Idealismus verknüpft wird und die Erwartung ist, dass vor allem aus moralischen Gründen gehandelt wird, was dem Motiv des Machterhalts widerspricht. Machterhalts ist aber unbedingt notwendig um Macht auch ausüben zu können. Deshalb braucht es in der Praxis eine Gleichzeitigkeit von moralischem Handeln und struktureller Machtsicherung. Das eine funktioniert nicht ohne das andere, das Motiv der Machterhaltung wird aber auf linker Seite tendenziell geächtet, während es auf rechter Seite honoriert wird und eines der relevantesten Handlungsmotive ist.

Linke Ideen können nur dann verfangen und sich durchsetzen, wenn sie einen großen Rückenwind haben, der die reaktionären Widerstände überwindet, ohne dass dieser zeitnah “zurückschlägt”.

1 „Gefällt mir“

Deine Grundüberlegungen stimmen schon weitgehend.

Nur muss man dann den Elefanten im Raum auch benennen, es ist die menschliche Psyche, die dieses Ungleichgewicht bedingt.

Das würde ich bestreiten.

Auf den - bei allen Unterschieden im Detail - alles verbindenden Kern des Linksseins (Egalitarismus und Überwindung von Benachteiligung), wie er richtigerweise in der Wikipedia steht, und des Rechtsseins (Ideologie der Ungleichwertigkeit, Festhalten an sozialen Hierarchien), vgl. ebd., hatte ich hier schon aufmerksam gemacht.

Darauf ist bloß niemand eingegangen.

Letztlich kann man nicht ideengeschichtlich argumentieren, sondern muss immer empirisch argumentieren, um die Frage, warum linke ‚Ideen‘ auf weniger Wählerresonanz stoßen, klären zu können.

Um eine psychologische Betrachtung kommt man deshalb nicht herum.

Weil linke Politik bzw seine Botschaften sich hauptsächlich an Minderheiten und bestimmte Milieu-Bubbles richten, die dann z.T. auch noch Schnittmenge mit Bildungs- und Politik-Ferne haben, wohingegen Mitte und Rechte breite Massen ansprechen. Und natürlich: linke Standpunkte sind teilweise konterintuitiv und erklärungsbedürftig. Rechte dagegen sind dagegen auf den “logischen Menschenverstand” zugeschnitten. Man versetze sich doch einmal in die Zielgruppe der Linken: man stelle sich vor man sei ein armer, sozial abgehängter Mensch in einem schwierigen Viertel. Diese Menschen haben häufiger auch geringere Bildung und wenig politisches Interesse (zumindest abseits von Platituden, im fortgeschrittenen Diskurs). Das einzige, was die Linke diesen Menschen an Botschaften anzubieten hat, die sie auch verstehen, ist, “wir nehmen es Reichen weg und geben es euch”. Und das wollen diese Menschen vermutlich noch nicht einmal. Wenn ich mir vorstelle ich wäre “arm” und “abgehangt” nach linker Definition, dann würde ich nicht auch noch Schmarotzer werden wollen (damit ist ausschließlich gemeint wie die Botschaft subjektiv ankommt, nicht das z.B. höhere Erbschaftssteuer Schmarotzerei darstellt), sondern es würden Botschaften bei mir verfangen, die mir die Perspektive geben selbst eine produktivere und dann auch nutznießendere Rolle in der Gesellschaft zu spielen.

7 „Gefällt mir“

Das passt aber nicht so recht dazu, dass die AfD einen erheblichen Teil ihrer Wähler genau aus diesen Nichtwählern rekrutieren konnte.

Ich sehe den Vorteil rechts eher darin, dass man damit punktet etwas zurückbringen zu wollen womit viele Menschen gute Gefühle verbinden. Ganz unabhängig davon wie realistisch es ist das zu schaffen.

Verminderter Parkraum und mehr gesperrte Straßen in Innenstädten schrecken auch die Mehrheit der Leute ab, weil zu viele einfach das Auto nutzen.

Es ist immer leichter Stillstand zu verkaufen als eine Veränderung mit ungewissem Ausgang. Und selbst da wo es Evidenz gibt wie im Bereich Bildung verstehen das viele nicht und befürworten dann doch ein weiter so, weil man sonst zugeben müsste selbst mit veralteten Methoden groß geworden zu sein oder seine Kinder veraltet erzogen zu haben.

2 „Gefällt mir“

Veränderungsaversion hat ja letztlich auch psychische Ursachen.

Das Gehirn ist, um es mal sehr einfach auszudrücken, faul.

Damit wären wir dann wieder bei meiner ersten Einlassung:

Wenn schon in diesem Forum die Leute nicht in der Lage sind, die Wahrheit der richtigen Definition zu erkennen und dann auch noch subjektiv zu anderen Einschätzungen kommen, sieht es darüber hinaus natürlich erst recht schlecht aus für die wahren linken Ideen. /S

5 „Gefällt mir“

Warum? Ich schrieb doch:

Alle Trümpfe liegen bei den Rechten: Sie sind attraktiv für Wohlhabende, weil sie ihren Wohlstand sichern und mehren. Und sie sind attraktiv für Benachteiligte, weil sie ihr Selbstbewusstsein stärken und das unliebsame politische System aufrütteln.

Die Linken haben mit zweierlei Nachteil zu kämpfen: Wohlhabende fürchten die Umverteilung. Und Benachteiligte wählen erstens weniger und fühlen sich zweitens in ihrem Gefühl der Hilflosigkeit bestätigt, wenn sie links wählen. Wählen sie hingegen rechts, wird ihnen ein Gefühl der Stärke vermittelt.

So ist es. Daher finde ich es auch so wichtig, psychologische Faktoren in dieser Diskussion stärker zu berücksichtigen.

4 „Gefällt mir“

Deinen Sarkasmus („/S“) halte ich für unangebracht.

Wer eine ‚Definition‘ ablehnt, sollte das begründen und eine bessere an ihre Stelle setzen können.

Wenn jeder nur das äußert, was ihm gerade ganz subjektiv im Hirn rumwabert, kommt kein Gespräch zu Stande, schon gar kein sinnvolles, geschweige denn argumentatives.

Und ich halte es für unangebracht, diverse argumentativ begründete Einwände, die darauf abzielen, dass ein bestimmtes Verständnis des Begriffs unvollständig ist, als „subjektiv im Hirn Rumwaberndes“ abzutun. Das Beharren auf der eigenen Position als der einzig richtigen ermöglicht auch nicht gerade ein sinnvolles Gespräch.

1 „Gefällt mir“

Wer hat denn argumentativ begründete Einwände formuliert?

Bitte mit konkreten Zitaten.

Persönliche Auseinandersetzungen gehören in die PNs.
Ist für Dritte uninteressant.

2 „Gefällt mir“

Ok, verstehe. Du meinst man versucht diese Gruppe anzusprechen, findet aber kein Gehör. Hatte es anfangs eher so aufgefasst, dass diese Leute quasi die potentiellen Wähler sind, die nur nicht wählen gehen.

Woher kommt dieses Gefühl? Eigentlich vermittelt progressive Politik ja gerade diesen Menschen als wichtiger Bestandteil der Gesellschaft gesehen zu werden, während die AfD ja permanent gegen Menschen wie Arbeitslose, Kranke etc. hetzt.

Linke Politik bzw die angestrebten Ergebnisse einer linken Politik richten sich an Mehrheiten. Die Bubbles die du ansprichst sind medial angelegt.

Es ist nicht kontra intuitiv zu sehen, das reiche mehr zur Gesellschaft beitragen sollten als arme. Es ist nichts kontraintuitiv zu erkennen, dass eine Kürzung beim Bürgergeld (nach unten treten) dem Arbeiter keinen Cent mehr Lohn bringen.

Vielmehr sind linke Ideen bei einer ruhigen Betrachtung sehr logisch auf die Mehrheit ausgerichtet.

Die Senkung von Sozialabgaben wirkt sofort ab dem ersten Euro für alle Arbeitnehmer. Hierfür gutverdienende durch Anhebung der Bemessungsgrenzen stärker zu beteiligen ist sinnvoll und schadet nicht.

Ich glaube dass die linke Seite sich darüber klar werden muss, dass ihre Ideen vielleicht für den normalen Wähler etwas zu groß sind. Der steuerkonzept der linken Partei im Bundestagswahlkampf hätte eigentlich die Mehrheit zum Wählen für die Linke bringen müssen. Dies ist aber nicht erfolgt.

Aus meiner Sicht sollte die Linke in der Diskussion nicht immer die große Keule schwingen, sondern mit kleinen Ideen dagegenhalten. Z.b sollte sie klar benennen, das Leistungskürzungen in der Krankenversicherung durch ein zwei sinnvolle Maßnahmen, z.b Verstärkung der Prävention oder Steuerzuschüsse, auch zu einer Reduzierung der Beiträge führen könnten. Stattdessen wird immer vom Sozialkahlschlag gesprochen - das ist in der Schrillheit einfach eine Etage zu hoch. Es muss zu den pauschalen Aussagen der Konservativen und leider auch der SPD ein realistischer Weg erkennbar sein.

Links muss deutlich machen, wie wir mit kleinen Schritten zu einer aus ihrer Sicht besseren Gesellschaft kommen.

Was das Thema der links progressiven Gesellschaftsentwicklung angeht sollten sie verstärkt darauf setzen zu betonen, dass es ja eine sehr liberale freiheitliche Position ist worum sie sich bemühen. Jeder darf nach seinem Lebensentwurf glücklich werden und sich selbst verwirklichen.

4 „Gefällt mir“

Das findet aber ja durch progressive Steuersätze und Freibeträge auch heute schon statt. Die Frage ist also am Ende wie ausgeprägt und mit welchen Mitteln (Vermögenssteuer, Erbschaftssteuer, etc.)

Dem mit dem höheren Gehalt schadet das sehr wohl. Je mehr eine einzelne Person zahlen muss, desto schwerer wird es am Ende die Sozialabgaben noch als Versicherung zu verkaufen. Wenn man das nach oben nicht deckelt, dann könnte man das auch gleich direkt aus Steuergeldern heraus finanzieren.

2 „Gefällt mir“

Ich glaube, beides stimmt: Entweder gehen Arme nicht wählen oder – wenn sie doch wählen gehen – wählen sie eher rechts, aus den genannten Gründen.

Ich würde sagen: Menschen wollen nicht stigmatisiert werden. Viele arme Menschen rechnen sich eher der unteren Mittelschicht zu (so wie Friedrich Merz sich eher der oberen Mittelschicht zuordnet). Sie nehmen sich nicht als Ziel der Hetze wahr. Im Gegenteil: Wenn sie mithetzen, grenzen sie sich auch von vermeintlichen Nichtsnutzen ab, bescheinigen sich selbst, dass sie nicht faul, abgehängt oder hilfsbedürftig sind, sondern allenfalls ungerecht behandelt wurden. Wohlgemerkt: Ich spreche von Wahrnehmungen und Zuschreibungen, nicht von Tatsachen. Natürlich sind arme Menschen nicht faul, jedenfalls nicht mehr als andere Menschen auch.

2 „Gefällt mir“

Alles nachvollziehbar, aber einen - aus meiner Sicht zentralen - Punkt hast du nur angedeutet.

Menschen sind - in unterschiedlichem Maße - anfällig für Vorurteile.

In der Wikipedia heißt es dazu:

Zusammen mit der politischen Einstellung des Autoritarismus (Right-Wing-Authoritarianism , kurz RWA) bildet SDO [sc. Soziale Dominanzorientierung] das stärkste Prädiktorenpaar für Vorurteile.

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit richtet sich ja gegen gesellschaftliche Minderheiten.

Der Philosoph Arthur Schopenhauer hat es mal so formuliert:

Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein. Hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, mit Händen und Füßen zu verteidigen.

Wer sich also per Zufall zur Mehrheit zählen kann, schafft durch Abwertung von Fremdgruppen- aka Minderheitenangehörigen ein Unten, von dem er sich abgrenzen und dem gegenüber er sich erhaben fühlen kann.

Also eine leistungslose Selbstaufwertung aufgrund von zufälliger Zugehörigkeit.

Diese mag nun für bestimmte Gruppen besonders ‚verführerisch‘ sein.

Die Tendenz zur Fremdgruppenstereotypisierung und -abwertung (aufgrund von Vorurteilen) ist erst einmal universell. Niemand ist davon gänzlich frei.

Man muss schon aktiv dagegen anarbeiten, um sie (weitgehend) zu überwinden.

Da linke Politik erst mal von der Gleichwertigkeit aller Menschen - unabhängig von ihrer Gruppenzugehörigkeit - ausgeht, ist dieses Ziel schwieriger zu erreichen, weil es mehr geistige Anstrengung erfordert.

Folglich ist Linkssein psychostrukturell im Nachteil.

2 „Gefällt mir“

Wir haben nominell hohe Erbschaftssteuern. Dass die Menschen sie nicht bezahlen, liegt daran, dass ein Großteil davon Betriebsvermögen ist und dass es da eine Sonderbehandlung gibt. Ich finde es richtig so, denn wir brauchen auch Unternehmertum, auch Unternehmertum, was über Generationen langfristig denkt, denn nur so kann Motivation entstehen, dass Firmenlenker den Klimawandel in ihren Überlegungen miteinbeziehen. Manager von Aktiengesellschaften haben aus eigenem Antrieb kaum ein Interesse.. .

Statt über Vermögen nachzudenken und tendenziell unternehmerfeindlich zu sein, sollte wir lieber über liberale Ideen wie ein schärferes Monopol- und Kartellrecht nachdenken. Es darf keine Marktdurchdrängung von 90 Prozent und mehr geben geben. Die Ausrede, dass es kein Problem ist, wenn die Kunden keinen höheren Preis bezahlen, halte ich für das moderne Grundübel, man darf nicht nur die Position der Konsumenten einnehmen.

Ich bin generell gegen Ohne-Ideologie. Für mich geht es nicht ohne Marktwirtschaft und einen geregelten Kapitalismus, es geht nicht ohne Demokratie, es geht nicht ohne freie Presse, es geht nicht ohne freie Wissenschaft und es geht nicht ohne freie, unabhängige Justiz

1 „Gefällt mir“

Du vergisst die Verschonungsbedarfsprüfung, die nicht wirklich dem notwendigen Schutz von Betriebsvermögen dient, sondern einzig dem Vermeiden von Erbschaftssteuern.

Man kann ja beides voneinander anders diskutieren,

Verstehe ich nicht. Teil der Erbschaftssteuerregelung.