Dem Kevin zu erklären, wie es in Osteuropa zugeht, ist ungefähr so wie mit einer Taube Schachspielen. Er weiß halt wirklich gar nichts über diesen Konflikt, das hat er diese Woche und eben bei Anne Will mal wieder in aller Öffentlichkeit bewiesen. Man hatte auch das Gefühl, dass es ihm prinzipiell wirklich total egal ist, solange er seine Politik-Narration vortragen darf. Immerhin haben sie auch Anne Applebaum eingeladen.
Was mich auch nervt, sind diese eingeübten Friedensformeln. So wie sie auch Annalena Baerbock in Moskau vorgetragen hat: Wer mit einander spricht, schießt nicht aufeinander. Dahinter steckt ja immer die krause Vermutung (um es mal genauso dünn zu formulieren), dass zu „einem Streit immer zwei gehören“ und dass „die Wahrheit irgendwo in der Mitte liegt“. Das Gegenteil ist gerade an der russisch-ukrainischen Grenze der Fall: Ein wesentlich größeres Land bedroht ein kleineres Land mit derzeit etwa 130.000 zusammengezogenen Soldaten und entsprechenden hochmodernen Kriegsmaterial. Die Frage ist nicht, wie man einen Krieg verhindern kann, denn den gibt es ja schon zweifach: In der Ostukraine, ganz reell mit 14.000 Toten in den vergangenen acht Jahren, und an der ukrainischen Ost- und Nordgrenze in Form eines hybriden Szenarios, dass durch die faktische Kriegsdrohung seitens Russlands schon Realität ist. Es geht jetzt darum, wie man diesen wesentlich stärkeren Staat dazu bekommt, dem wesentlich kleineren Staat nicht ständig das Messer an die Kehle zu halten. Und mittelbar müssen wir auch mal darüber reden, warum so viele angeblich fortschrittlich denkende Menschen im Westen glauben, dass der wesentlich größere Staat wohl schon gute Gründe dafür habe, dem kleineren Staat die Klinge an die Gurgel zu drücken.
Wir wissen derzeit nicht, ob Russland wirklich die Ukraine überfallen würde. Die ukrainische Regierung hält die jüngsten Szenarien, die in westlichen Geheimdiensten kursieren, für „übertrieben“ oder gar für „Panikmache“. Allerdings gibt es für solche Dementi seitens der Ukraine auch gute Gründe: Würde die Regierung nämlich eine Invasion als wahrscheinlich erachten, würde dies nicht nur Auswirkungen auf die eigene Volkswirtschaft haben (wer investiert in ein Land, das morgen im Krieg versinken könnte?). Gleichzeitig würde auch die Angst vor den Folgen einer Invasion steigen, inklusive von kleineren, aber signifikanten Fluchtbewegungen - und genau das könnte eines der Ziele einer reinen Bedrohungsstrategie seitens Russlands sein.
Für viele Menschen in Deutschland ist der Gedanke immer noch zu verlockend, dass Putin nur blufft. Viele verstehen nicht, dass dies schon längst nicht mehr der Fall ist: Der Truppenaufmarsch hat schon längst sehr reelle Folgen für die Ukraine, sowohl gesellschaftlich als auch politisch. In hybriden Kriegen müssen nicht immer Panzer rollen, es reicht schon, wenn sie an der Grenze stehen und rollen könnten. Die Drohung ist deswegen real, weil sie auch tatsächlich umgesetzt werden könnte. Die Möglichkeit der reellen Gewaltanwendung ist entscheidend. Ansonsten würde der hybride Krieg nicht funktionieren. Stellen wir uns das ruhig wie in einem Gangster-Film vor: Wenn jemand zur Drohung eine Waffe auf den Kneipen-Tisch legt, dann funktioniert die Einschüchterungsstrategie so lange, wie jeder der Beteiligten die Waffe für echt hält. Sobald aber klar wird, dass die Waffe in Wahrheit eine Wasserpistole aus Plastik ist, fällt die als lächerlich enttarnte Bedrohung auf den Gangster selbst zurück.