Richtiger Ansatz gegen die AfD

Die Metastudie „Entstehung von Vorurteilen gegenüber Einwanderern und ethnischen Minderheiten im Jugendalter: Eine systematische Übersicht mit Metaanalyse von Längsschnittstudien“ (übers.) kommt zu folgenden Ergebnissen:

• Diese Metaanalyse zeigt, dass sich Vorurteile im Jugendalter nicht ändern.
• Interindividuelle Unterschiede bei Vorurteilen sind im Jugendalter gut belegt.
• Zahlreiche individuelle, identitätsbezogene und kontextuelle Faktoren stehen mit Vorurteilen in Zusammenhang.

Insbesondere trugen Soziale Dominanzorientierung, intergruppale Angst, Identifikation mit der nationalen Ingroup sowie elterliche Vorurteile dazu bei, das Ausmaß der Vorurteile bei Jugendlichen im späteren Verlauf zu erhöhen, während intergruppale Freundschaften zu einer Verringerung beitrugen. Wichtig ist, dass Vorurteile vergleichbare umgekehrte Effekte auf diese Faktoren hatten, was auf konsistente bidirektionale Zusammenhänge hindeutet.

(Übers. m. DeepL)

Die Wahrscheinlichkeit von Freundschaften verringert sich natürlich deutlich, wenn andere Faktoren Ressentiments begünstigen.

Eine große europäische Studie von Forschenden der Universität Bielefeld kam ferner zu folgenden Ergebnissen:

Die Ergebnisse bestätigen, dass Personen mit höherer Sozialer Dominanzorientierung (SDO) eher dazu neigen, Einwanderer zu diskriminieren, teils aufgrund stärkerer Vorurteile gegenüber Einwanderern, teils weil sie weniger an Vielfalt glauben. Die Ergebnisse stellen jedoch die Rolle des sozialen Status in Frage. Entgegen den Erwartungen der Theorie der sozialen Dominanz neigen Personen mit geringerem Einkommen stärker zur SDO und weisen stärkere ablehnende Einstellungen gegenüber Einwanderern sowie schwächere Überzeugungen hinsichtlich Vielfalt auf. Der Einfluss des Migrationshintergrunds war schwach und ambivalent. Wir schlagen vor, die Rolle des sozialen Status zu überdenken und dabei die Aufrechterhaltung und Verbesserung des Status als allgemeine soziale Motive hervorzuheben. Unabhängig von ihrer sozialen Position versuchen Menschen offenbar, ihre relative Position zu verbessern, indem sie Gruppen mit niedrigerem Status abwerten.

(Übers. m. DeepL)

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Ganz interessant sind auch noch Ergebnisse des German Social Cohesion Panel (SCP), z.B.:

Personen mit negativen Einstellungen gegenüber Migration berichten tendenziell ein geringeres Sicherheitsempfinden im öffentlichen Raum – unabhängig davon, wie groß der Anteil ausländischer Personen im Stadtteil ist.

Insbesondere gegenüber minoritären bzw. benachteiligten Gruppen zeigt sich eine deutlich abnehmende Sympathie je stärker die AfD regional ist, wie bei der Sympathie gegenüber Muslim:innen, Migrant:innen, Homosexuellen oder Menschen mit geringer Bildung (siehe Abbildung 1).

Ein gefühlsmäßiges Klima der Abwertung gegenüber Minderheiten und benachteiligten Gruppen zeigt sich […] in AfD-starken Wahlkreisen sogar bei Menschen, die selbst gar nicht die AfD wählen.

Sympathieunterschiede in der Bewertung von kulturellen und regionalen Gruppen nehmen mit steigendem Stimmenanteil der Grünen ab.

Wahlerfolge der AfD gehen mit einem stärkeren regionalen Klima der gesellschaftlichen Spaltung und Abwertung einher. Dieses Phänomen betrifft nicht nur die Wähler:innen der AfD, sondern strahlt in die breite Bevölkerung aus.

Die AfD wirkt damit als „Polarisierungsunternehmer“, der gezielt gruppenbezogene Sympathien weit über die eigenen Wähler:innen hinaus in Richtung gesellschaftlicher Spaltung verschiebt und diese politisch normalisiert.

Eine Studie (Waytz et al. 2019), an der Haidt (s.o.) direkt beteiligt war, hat ergeben, dass „Linksliberale Mitgefühl gegenüber weniger strukturierten und umfassenderen Einheiten (d. h. Universalismus) zeigen, während Konservative Mitgefühl gegenüber klarer definierten und weniger umfassenden Einheiten (d. h. Parochialismus) zeigen“ (übers.), was noch mal die oben schon dargelegten Differenzen bestätigt.

Forschung zeigt zudem:

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Seit dreißig Jahren, in manchen Nationen sogar schon länger, erleben wir einen Aufstieg des rechten Populismus. Ultrarechte Parteien werden nicht nur stärker, viele radikalisieren sich auch nach und nach – oder sogar rasend schnell. Und eine entscheidende Rolle spielt dabei ein Kult der Härte, der die schräge Allianz aus Neuem Faschismus und Ultraliberalen fest zusammenhält.

Konnte man vor einigen Jahren noch vom aufkommenden »Rechtspopulismus« sprechen, wäre das heute in vielen Fällen eine Verharmlosung. Rechtsextremismus oder Neuer Faschismus trifft es da schon weit besser, bedenkt man, dass sich faschistische Bewegungen durch eine Reihe von Eigenschaften auszeichnen: Führerkult, paranoide Weltbilder, die permanent geschürt werden, ein Schwarz-Weiß-Denken, antagonistische Feindbilder, vor allem von Minderheiten, aber auch gegen vermeintliche innere Feinde.

Mittels maximaler negativer Emotionalisierung wird so die eigene Anhängerschaft in eine erregte und wütende Masse verwandelt. Diese wird zur »Bewegung« erklärt und die daraus resultierende Partei zur »Antipartei«, die angeblich gegen das Parteiensystem steht, obwohl sie selbst längst Partei ist.
[…]
Faschismus ist, so gesehen, eher eine Stimmung, die einen nach und nach erfasst und überwältigt. Die Affekte von Gekränktheit, Angst, Neid, das Ressentiment und die Erlösungssehnsucht, sie alle sind ansteckend – und diese Ansteckung läuft nicht bloß von den Agitatoren zu den Anhängern, sondern wirkt kreuz und quer. Wie bei Synapsenverschaltungen werden die Verbindungen gestärkt, je intensiver sie benutzt werden. Emotionen, Tonfall und Phrasen werden übernommen, steigern sich zu Fanatismus.

Der Faschismus ist demnach weniger eine Ideologie als ein sozialer Prozess. Ansteckung ist kein Zufall, sie gedeiht in Milieus, in denen Gefühle zirkulieren wie ein Echo, das lauter zurückkehrt, als es ausgesendet wurde. Bis der Fanatiker am Ende als normal erscheint und der Normale als verdächtig.

Das trifft alles auf Parteien wie die MAGA-Bewegung der US-Republikaner zu, genauso auf die Alternative für Deutschland oder die Freiheitliche Partei in Österreich. Sie alle haben sich in den vergangenen Jahren in einem Prozess der Selbstradikalisierung markant verwandelt. Gewiss, Rechtspopulismus ist nicht dasselbe wie Faschismus, aber die Übergänge sind fließend. Wer als Rechtspopulist begann, kann als Faschist enden.

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Ganz genau.

Danke für die Leseempfehlung.

Und das festigt die Paranoia.

Dennoch muss man m.E. fragen, inwieweit eine Ansteckung erfolgen kann und wie weit sie reicht.

Um im Bild zu bleiben: Die Immunabwehr ist ja unterschiedlich ausgeprägt.

Einen In-/Out-Group-Bias haben zwar alle, aber doch nicht im gleichen Maße.

Und die „Lust am Gemeinen“ (Misik) und gegen wen sie sich richtet, die subjektive Selbstempfindung, ein Opfer zu sein, „dieser absurden Schuldumkehr“ (Misik), sind eben nicht gleichverteilt. „Gefühle des sadistischen Lustgewinns“ (Misik) ebenso wenig.

Dass „es uns sozusagen alle erwischen“ könne, wie Misik zumindest für den „Extremfall“ behauptet, ist zwar nicht gänzlich falsch, aber doch irreführend, weil man ja empirisch feststellt, dass es eben in der gewöhnlichen Realität, wie sie uns alltäglich umgibt, viele eben nicht ‚erwischt‘, aber eine ganze Reihe schon - und zwar ganz ohne reale Bedrohung.

Und da kommt man dann um psychologische Erklärungen eben nicht herum, nämlich um mehr als sozialpsychologische.

Denn es ist eben - zum Glück - nicht so, dass die Angstmacherei und Hetze gegen Fremdgruppen mehr oder minder unterschiedslos verfangen würde.

Womit Misik gegen seine sonstige weitestgehend monodirektionale Darstellung recht hat, ist:

Auch wenn das Bild der Ansteckung hier schief wird. Menschen suchen sich Gleichgesinnte und Gleichgestimmte. Und die stabilisieren sich in ihren Einstellungen und Weltsichten dann wechselseitig. Bestes Beispiel: Parallelgesellschaften während der Pandemie.

Was bei Misik an einzelnen Stellen (so ein bisschen) mitschwingt, ist so eine Anmutung von Verschwörungstheorie, die dann doch immer wieder eine Zweiteilung in Verführende und Verführte durchschimmern lässt, in die mehr oder minder strategisch vorgehenden Reichen aka Wohlstandsverwahrlosten einerseits und die „[H]ineinmanipulier[t]en“ andererseits.

Und das wird dem Problem, mit dem wir’s hier zu tun haben, dann doch nicht gerecht. S.o.

Eventuell ergibt sich hier eine Chance: die Menschen fühlen sich entwurzelt, ungesehen, ungeliebt und begeben sich in die Arme der angeblichen Gleichgesinnten. Die AfD verkauft sich als Hafen für diese.

Dabei wissen wir, dass die AfD in ihrer Politik vorallem ihren eigenen Wählern schadet.

Die Nachricht könnte sein: Du bist ein liebenswürdiger Mensch. Ich kenne nicht die Gründe für deine Gefühle, warum du dich losgelöst, verloren, alleine fühlst. Aber die AfD ist nicht dein Freund. Sie nutzt deinen Neid, deine Wut, deine Missgunst um dich zu einer Figur in ihrem Spiel um Empörung und Hass zu machen. Für die AfD bist du kein Held, kein angesehener Mensch, kein stolzer Mann, sondern: ein Bauernopfer, ein nützlicher Untertan, den sie für ihre eigenen Zwecke einsetzen können. Du machst nicht das Land gerechter, schöner, lebenswerte sondern vorallem einige wenige reicher und mächtiger. Sie werden doch fallen lassen, sobald du nicht mehr nützlich bist. Lass sie nicht diese Macht über dich ausüben. Gib den Menschen Liebe, und sie werden dir mit Liebe antworten. Du hast die Wahl, und die Möglichkeit.

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Das ist mir viel zu sehr Opfer-Narrativ.

Nein, diese Leute sind wenig empathisch, aber autoritär, antiegalitär, nationalchauvinistisch und fremdenfeindlich, haben eine ausgeprägte Soziale Dominanzorientierung und narzisstische Rivalität („also andere abwerten, um sich selbst aufzuwerten“).

Das steht in merkwürdigem Widerspruch zu: „deinen Neid, deine Wut, deine Missgunst“.

Nein.

AfD-Wählende treten nach unten. Neid, Missgunst und Wut gegenüber Benachteiligten sind einfach nur schäbig.

Dem mit Verständnis zu begegnen ist eine völlig falsche Nobilitierung sozial und zivilisatorisch inakzeptabler Affekte.

Das interessiert Antiegalitäre nicht.

Was immer du unter Liebe-Geben verstehst, das Problem ist ja nicht, dass diese Leute niemandem zugewandt sind, das Problem ist, dass sie ‚Andersartige‘ ausgrenzen und abwerten. Das Problem ist der Parochialismus (s.o.).

Eben. Also entscheide dich gegen deine Menschenfeindlichkeit, dann kannst du auch dazugehören.

Bei Deradikalisierungsprogrammen ist die Voraussetzung, dass der Extremist seine Fehler erkennt bzw. Einsicht zeigt. Erst dann kann man weiter mit ihm arbeiten.

Anknüpfend an das schon Ausgeführte finde ich noch das Werte-Modell von Shalom Schwartz ganz interessant:

Es sollte nicht sonderlich schwerfallen, die Wertekategorien ins politische Spektrum einzuordnen.

Die empirische Forschung zeigt dann auch:

Wie angenommen, erklärten die Werte Universalismus und Wohlwollen sowohl in liberalen als auch in traditionellen Ländern eine linke Orientierung, während die Werte Konformität und Tradition eine rechte Orientierung erklärten […].

(Übers. m. DeepL)

https://www.researchgate.net/publication/230392970_Basic_Personal_Values_and_the_Meaning_of_Left-Right_Political_Orientations_in_20_Countries

Werte schnitten bei der Vorhersage politischer Orientierungen durchweg besser ab als Alter, Geschlecht, Bildungsstand und Einkommen, und Werte vermittelten fast alle ihre Auswirkungen auf die Orientierungen. In jedem Fall identifizierten die Werte aussagekräftige motivationale Grundlagen der Orientierungen.

(Übers. m. DeepL)

https://www.researchgate.net/publication/349685123_Chapter_5_Basic_Personal_Values_and_Political_Orientations

Inwieweit ist das Nachvollziehen von Gefühlen ein Opfernarrativ? Ich sehe auch keinen Widerspruch darin, Gefühle ernstzunehmen, auch schlechte, und dann die Brücke zum verantwortlichen Handeln zu schlagen. Ich habe den Eindruck, du verengst das auf manifeste Menschenfeinde. Ja, die gibt es in der AfD, und die werden wir eher nicht umdrehen. Ich denke aber, dass es genug Leute gibt, die on the edge sind und eher einen Anschub brauchen, um aus der Empörungsmaschinerie zu kommen.

Aber wir können es auch konkret machen: was wäre dein Vorschlag? Ich bin offen. Ich wirke aktuell gegen mindestens einen Menschen in meiner Umgebung, der regelmäßig blaue Botschaften sprayt und linke Sticker abreißt. Wie soll ich mit diesem konkreten Menschen umgehen?

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Versuch dein Glück.

Dagegen, das Gespräch im engeren sozialen Umfeld zu suchen, habe ich nichts.

Ohne dich entmutigen zu wollen, halte ich sowas aber - die Empirie in Rechnung stellend - in den seltensten Fällen für erfolgversprechend.

Wenn du ein Individuum gut kennst, weißt du mutmaßlich besser als andere, wie die Person tickt, und hast vielleicht ein Gefühl dafür, wie mit ihr umzugehen ist.

Meine Überlegungen - und das habe ich wohl nicht deutlich gemacht (sorry) - beziehen sich nicht aufs Private, sondern aufs Gesellschaftliche bzw. Öffentliche.

Und in diesen Sphären wurde ja jede Menge unternommen, angefangen mit Pegida, auf die Gefühle und Denkweisen solcher Leute einzugehen. Der sächsische Ministerpräsident Kretschmer soll ja demnächst wieder touren in der Mission.

Gebracht hat das alles (so gut wie) nix.

Und das ist m.E. psychologisch auch vorhersehbar gewesen.

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Wichtig wäre, solche Leute zu erreichen, bevor sie zur AFD gehen. Und wenn man dieses Narrativ bei AFD-Wählern vertritt, muss man da auch ansetzen.
Das bedeutet, im kleinen Dorf in Sachsen-Anhalt die Ortsgruppe zu unterstützen, die sich vergeblich gegen die braune Sauce wehrt, in der Großstadt die Freikirche zu stützen, die Integrationsprogramme anbietet, die Kommune zu unterstützen, die eine Jugendgruppe aufbauen will, dem Bürgerbegehren den Hahn zuzudrehen, das sich gegen einen Bolzplatz im Viertel wehrt.
Was ist wohl die Folge, wenn der frustrierte Bürger sieht, dass bei seinem Nachbarn ständig Leute sind, sich seine Probleme anhören und versuchen zu helfen, nur weil der sich als AFD-Wähler geoutet hat?

Auch Unermüdliche scheitern gnadenlos, z.B.:

Früher stellte sich Köpping in Dresden an den Rand der Pegida-Demonstrationen, beobachtete, ließ sich beschimpfen, sprach Leute an, lud manche sogar in ihr Büro ein, um herauszufinden: Was ist los mit euch? Wahrscheinlich würde Köpping das heute noch ganz genauso machen. Sie ist die Art Politikerin, die ich mir für den Osten immer gewünscht habe. Die Frage ist nur, ob man noch »in den Dialog kommt«, wie Köpping es nennt. Der Ton ist rauer geworden, und die Menschen haben sich neuen Ost-Kümmerern zugewandt. Wenn man so will, ist Petra Köpping heute weitgehend arbeitslos als Mutter Courage. Man braucht sie nicht mehr, höchstens als Hassfigur.

Leider zerfällt das Avantgarde-Gefühl auch schnell, sobald man in Zittau sitzt, im Büro des Oberbürgermeisters, und aus seinem Mund das Wort »Montagsdemo« hört. Montagsdemonstration? Die gibt’s immer noch? Thomas Zenker, 51 Jahre alt, parteilos und nicht verwandt mit dem Thomas Zenker in Großräschen, nickt genervt. Sogar die Impfpflicht, sagt Zenker, sei vor Kurzem wieder ein Thema gewesen. Es klingt, als würde er aus einer ostdeutschen Zeitkapsel berichten.

Jeden Montagabend leert sich die Zittauer Innenstadt. Auch im Rathaus gingen die Mitarbeiter lieber früher, sagt Zenker. Die einen demonstrieren, die anderen sitzen zu Hause. Die Leute wollen sich nicht über den Weg laufen. »Corona hat das Klima in der Stadt verändert. Das ist leider bis heute so«, sagt Zenker. Und auch er selbst hat sich verändert. Oder vielmehr: Zenkers Ost-Blick.

Zittau liegt im östlichsten Sachsen. An der Grenze zu Polen und Tschechien, mitten im AfD-Kerngebiet. Vor allem aber gehörte Zittau zu den am stärksten von der Pandemie betroffenen Orten in ganz Deutschland.

Im Dezember 2020 war die Lage so dramatisch, dass Thomas Zenker, gebürtiger Zittauer, nicht mehr wusste, wohin mit den Toten. Alle Kühlzellen in der Stadt waren belegt. Also wurde eine Lagerhalle freigeräumt. »An Heiligabend 2020 habe ich zusammen mit der Freiwilligen Feuerwehr Leichen geschleppt«, sagt Zenker. »Ich werde diesen Anblick mein Leben lang nicht vergessen: 60 Särge in dieser Halle.«

Und heute, fünf Jahre später, stehen vor seinem Fenster die Demonstranten, noch immer. Jeden verdammten Montag. Längst fließt alles zusammen im ewigen Protest. Die Krisen unserer Zeit, aufgestaut in einem Wutklumpen: Coronamaßnahmen, Flüchtlinge, Ukrainekrieg, Energiekrise, Klima, Benzinpreis. Zenker sieht darin vor allem eine »grundsätzliche Ablehnung von Veränderungen«. Manchmal macht er es sich zur Pflicht und schaut sich eins der vielen Videos an, die über die Demonstrationen veröffentlicht werden. »Aber ich habe kein Bedürfnis mehr, mich mit diesen Leuten groß auseinanderzusetzen. Natürlich gibt es andere, die diese Plattform gern für sich nutzen: BSW, Freie Sachsen und AfD.«

Kann er verstehen, was die Menschen zur AfD treibt? »Ach«, sagt Zenker. »Ich bin es langsam leid. Ich bin es wirklich leid, für die ostdeutsche Seele immer Verständnis zu haben. Selbst wenn man noch so sehr von Umbrüchen betroffen ist, muss man es doch schaffen, sich von Rassismus, Chauvinismus, Osttümelei oder schlicht Dummheit abzugrenzen. Ich finde, das kann man einfach verlangen. Permanent mit Verständnis um sich werfen, was bringt das? Wir leben hier in einem Landkreis, der mit seiner Lage an zwei Grenzen stark von europäischen Projekten abhängig ist. Und dann wählen über 40 Prozent der Leute bei der Europawahl die AfD. Eine Partei, die explizit antieuropäisch ist. Warum soll ich dafür irgendein Verständnis haben? Nee!«

(Auszüge aus einer Spiegel+-Reportage)

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Spricht einem richtig aus dem Herzen. Guter Mann.

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Der Zuspruch in Umfragen für die AfD scheint weiter hoch zu sein.

Ich bin mir tatsächlich immer noch unsicher, ob das jetzt der „Umfrage-Denkzettel“ für die etablierten Parteien sein soll oder ob alle AfD-Wähler und solche die es angeben zu sein als gesichert rechtsextrem für die Demokratie unrettbar verloren sind?

Letzteres würde ja auf eine sich abzeichnende Spaltung der Gesellschaft in Demokraten und Nicht-Demokraten hindeuten.

Oder?

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Kann die Schublade, in die Du etwas subjektiv gesteckt hast, nicht auch mal egal sein, wenn es hilf?

Aus dem was bisher bekannt ist das abzuleiten, halte ich für gewagt. Und sämtliche „diese Leute“ gleichermaßen zu stigmatisieren hat schon etwas rassistisches. Nur weil es hier nicht um ethnische Herkunft geht, darf man doch keinesfalls dieselben Methoden anwenden. Außerdem zeigt das Verhalten, sich mit gleichgestimmten zusammen zu tun, auch noch genau das Gegenteil von Empathilosigkeit. Die sehe ich eher bei Leuten, die Anhänger einer Partei, die es zwar besser nicht gäbe, entmenschlichen und random mit jeder antisozialen Eigenschaft belegen, die irgendwie benannt werden kann.

Meinst den, mit dem hier AfD Wählern begegnet wird?

Das zu bemängeln scheint ja nur zu gelten, wenn die Benachteiligten keine AfD Wähler sind. Ist das nicht ebenfalls einfach nur schäbig? Oder gilt hier ein anderes Mass?

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Alle meine Aussagen sind empirisch sehr gut belegt (s.o.).

Ich warte ja immer noch auf Studien, die das Gegenteil zeigen.

Really? Das Zusammenrotten von Nazis zeigt Empathie?

Klar, man muss erst mal genau definieren, was man mit Empathie meint. Aber man muss den Begriff schon sehr abseitig verwenden, um aus der Gruppenbildung Gleichgesinnter und -gestimmter irgendeine Art von Empathie ableiten zu wollen.

Sympathie und Empathie sind völlig unterschiedliche paar Schuhe.

Wer behauptet denn, dass AfD-Wählende benachteiligt wären? Ich jedenfalls nicht. Sie fühlen sich benachteiligt (fachlich nennt man das „subjektive Deprivation“), das ist aber etwas völlig anderes.

Mein ethischer Maßstab ist da übrigens völlig einheitlich:

  • Neid gegenüber tatsächlich Benachteiligten
  • Missgunst gegenüber tatsächlich Benachteiligten
  • Wut gegenüber tatsächlich Benachteiligten

gehen gar nicht.

Auch wüsste ich nicht, warum ich gegenüber AfD-Wählenden neidisch oder missgünstig sein sollte.

Dass man wütend auf sie ist, weil sie gruppenbezogen menschenfeindliche Einstellungen haben, finde ich verständlich. Denn diese haben sie selbst zu verantworten.

Persönlich finde ich solche Wut aber eigentlich Energieverschwendung. Verachtung trifft es eher.

Ansonsten halte ich es in Abwandlung des Forrest-Gump-Spruchs „Stupid is as stupid does“ mit dem einfachen Grundsatz:

Böse ist, wer Böses tut.

Bloß weil AfD-Wählende sich für Demokrat:innen halten, sind sie es noch lange nicht.

Denn zu einer Demokratie gehört ja sehr viel mehr als bloß ein bestimmtes Wahlprozedere.

Wären AfD-Wählende einfach bloß Protestwählende, wie du mit dem Begriff „Umfrage-Denkzettel“ ein Stück weit insinuierst, würden sie keine rechtsradikale Partei wählen oder zu wählen vorgeben, sondern irgendeine harmlose Spaßpartei.

Satireparteien gibt’s schließlich auch hierzulande.

Es gibt also keinerlei Ausrede.

Im Übrigen zeigen die ganzen empirischen Daten (s.o.), wie solche Leute ticken.

Wären sie nur in irgendeiner Weise halbwegs gemäßigt, würden sie CDU/CSU oder FDP wählen.

Sie geben ihre Stimmen bewusst einer rechtsradikalen Partei - und das tun sie nicht im Delirium.

Folglich muss diese Wahl einstellungsmäßig hinterlegt sein.

Falls nicht, muss man von kognitiver Überforderung ausgehen.

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Damit sind wir auf der Suche nach der Ehrenrettung AfD-Wählender wieder da gelandet:

Die Diskussionen wiederholen sich.

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Ja.

@JohanneSAC hatte damals schon recht.

Ausgangspunkt war hier ja eigentlich der empirische Befund, dass „[d]ie Ablehnung von Zuwanderung […] die Wahl der AfD fast zehnmal stärker als ökonomische Not oder auch nur die Angst davor“ erklärt.

Daher finde ich die ganzen weiteren empirischen Daten, die mit diesem Befund konvergieren (s.o.), auch sehr viel interessanter als die dutzendste Diskussion darüber, warum AfD-Wählen unmoralisch ist.

Leider war die Resonanz auf von mir angeführte empirische Forschung bisher (eher) gering.

Aber um noch eine Diskussion anzuregen, will ich mich mal weit aus dem Fenster lehnen und behaupten, dass es zweierlei blinde Flecken gibt - aufseiten der Rechten und aufseiten der Linken.

Ausgangspunkt ist hierbei die Ähnlichkeitserwägung/-unterstellung.

Rechte unterstellen, dass Menschen außerhalb ihrer In-Group ähnlich moralisch fragwürdig sind wie sie selbst. Deren Projektion führt zu einem Bedrohungsgefühl, weshalb sie ‚Andersartige‘ ablehnen.

Linke unterstellen ebenfalls, dass Menschen so wären wie sie, weshalb sie davon ausgehen, dass selbst Wählende rechtsradikaler Parteien ja eigentlich harmlos wären. Deren Projektion führt dann dazu, dass sie von AfD-Wählenden grundlos annehmen, dass diese ja eigentlich ‚Opfer‘ sein müssten, weshalb sie so menschenfeindlich agieren.

Natürlich nicht alle Linken bzw. Rechten und natürlich eher tendenziell und natürlich zumeist unbewusst.

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Aber heißt es dann wirklich, wir haben, wenn die Umfragezahlen halbwegs Bestand haben, dann folglich rund 40-60% Demokraten bzw. Wähler demokratischer Parteien inkl Nichtwähler, auf der anderen Seite 40% AfD-Wähler, also rechtsextreme antidemokratische Menschen, und beide Seiten stehen sich unversöhnlich bis feindselig gegenüber.

Was bedeutet sowas für unsere Gesellschaft und Demokratie?

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Dass gut zwei Fünftel die gesichert rechtsextremistische Bestrebung wählen (wollen), trifft ja zunächst speziell auf Sachsen-Anhalt zu.

Bundesweit würde ich von ca. einem Drittel Wählendenpotenzial ausgehen.

Nimm die letzten freien Wahlen der Weimarer Republik:

NSDAP: 37,3 %

NSDAP: 33,1 %

Warum sollte es heute anders sein?

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