Richtiger Ansatz gegen die AfD

In der Zeit ist ein interessanter Artikel veröffentlicht worden, der überlegt ob Linke hauptsächlich die Moralquellen Fairness und Fürsorge bedienen (Umverteilung, besserer Lebensstandard für alle) und die rechten zusätzlich Loyalitäts-, Autoritäts- oder Reinheitsgefühle. Vielleicht ein interessanter Diskussionsansatz

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Interessante Untersuchung, passt auch dazu, dass rechte (Nicht nur rechtsextreme) Parteien im Schnitt loyalere Wähler haben und weniger zum Konfikt innerhalb ihrer Gruppe neigen, würde ich sagen. Wobei für mich die Frage offen bleibt, ob und wie man Loyalität und Autorität auf wechselnde Personen, Institutionen richten kann. Das wäre ja nach der vorliegendn Analyse ein zentraler Ansatz gegen die Radikalisierung rechts der Mitte, soweit ich das verstehe.

Die Analyse ist weitgehend richtig, Fremdenfeindlichkeit ist das entscheidende Motiv fürs Wählen der rechtsradikalen AfD.

Bei den Schlussfolgerungen wird’s dann aber dürftig:

Loyalitätsgefühlen könnten Linke entsprechen, indem sie nicht nur abstrakt gesellschaftlichen Zusammenhalt beschwören, sondern anerkennen, dass Patriotismus und Nationalstolz dessen vielleicht wichtigste Quellen sind. Ein Reinheitsparadigma ließe sich bedienen, indem man von der Bewahrung der Schöpfung oder von unberührter statt nur sauberer Natur spricht oder den Rechtsstaat nicht nur als fair bezeichnet, sondern vor dessen »Beschmutzung« durch Korruption oder dessen »Entweihung« durch autoritäre Übergriffe warnt.

Warum sollten Linkseingestellte Nationalchauvinismus bedienen?

Und warum sollte das ja längst existente Narrativ „Bewahrung der Schöpfung“ bei AfD-Wählenden, die gerade Klimaschutz ablehnen, verfangen?

Dass Korruption AfD-Wählenden völlig egal ist, hat man ja bereits gesehen.

Kurzum: Alles weder sinnvoll noch erfolgsversprechend.

Nun ja, Schröder ist Soziologe, Psychologe ist er nicht. Daher wohl auch das reduzierte Verständnis für psychologische Theorien.

Die zweite große Forschungstradition stammt aus der Justice Sensitivity Literatur (Baumert & Schmitt, 2016). Sie fragt, wie sensibel Menschen auf Ungerechtigkeit reagieren; anders gesagt: wo ihre individuelle Schwelle liegt, Ungerechtigkeit wahrzunehmen und auf diese emotional zu reagieren. Wichtig ist hier die Einsicht, dass jeder von uns mehrere solche Schwellen hat – je nachdem, welche Rolle man in einer ungerechtigkeitsrelevanten Situation hat und welche Perspektive man einnimmt.

Vier Perspektiven sind entscheidend:

Opfer-Perspektive: Ich selbst werde unfair behandelt.
Beobachter-Perspektive: Ich sehe, wie jemand anderem Unrecht geschieht.
Nutznießer-Perspektive: Ich profitiere davon, dass jemand anderem Unrecht widerfährt.
Täter-Perspektive: Ich erkenne, dass ich selbst jemandem Unrecht getan habe.

Diese Unterscheidung ist zentral. Denn es gibt Studien, die zeigen, dass Menschen, die besonders stark auf eigene Benachteiligung reagieren („Opfer-Sensible“), eher zu typisch konservativen Einstellungen und Wertorientierungen neigen: rechtsgerichteter Populismus, Ablehnung von Migration, Skepsis gegenüber Klimapolitik. Menschen, die stärker auf Ungerechtigkeiten gegenüber anderen Personen reagieren („Beobachter-, Nutznießer, oder Täter-Sensible“), neigen eher zu liberalen Einstellungen und Wertorientierung und haben eine Präferenz für Solidarität, Inklusion und Umweltschutz (Nicolai et al., 2022; Rothmund et al., 2017, 2020).

  1. Das kombinierte Modell passt besser.
    Die Kreuzung aus moralischen Säulen und Perspektiven passt besser auf die Daten als die beiden einfachen Modelle: also das Modell, das nur moralische Säulen beinhaltet, oder das Modell, das nur Perspektiven beinhaltet.

  2. Selbstorientierte Moral-Sensibilität → rechts.
    Menschen, die stark auf Situationen reagieren, in denen sie selbst benachteiligt werden, neigen – unabhängig davon, ob es bei dieser Benachteiligung um Fürsorge, Fairness, Loyalität, Autorität oder Reinheit geht – eher zu konservativen Einstellungen und unterstützen konservative Parteien (im Vergleich zu Menschen, die weniger stark auf eigene Benachteiligung reagieren).

  3. Fremdorientierte Moral-Sensibilität → links.
    Menschen, die stark auf Situationen reagieren, in denen andere benachteiligt werden (Beobachter), in denen sie für eine solche Benachteiligung verantwortlich sind (Täter), oder von der sie selbst profitieren (Nutznießer), zeigen – ebenfalls über alle moralischen Säulen hinweg – eine stärkere Nähe zu linken Positionen und Parteien (im Vergleich zu denjenigen, die weniger stark auf solche Situationen reagieren).

  4. Perspektivabhängige Bewertung moralischer Säulen.
    Ein gut etablierter Effekt sollte neu betrachtet werden. Bisher galt als gesichert, dass rechts-orientierte Personen stärker Wert auf „bindende“ moralische Säulen wie Loyalität oder Autorität legen als links-orientierte. Doch wenn wir Perspektiven mit einbeziehen, verändert sich dieses Bild. Es zeigt sich, dass nicht das Thema (also die moralische Säule) an sich relevant ist, sondern nur in Abhängigkeit von der Perspektive: Konservative halten Loyalitäts- oder Autoritätsverletzungen vor allem dann für moralisch falsch, wenn sie selbst oder ihre Gruppe von diesen betroffen sind. Liberale hingegen halten Loyalitäts- oder Autoritätsverletzungen für moralisch falsch, wenn andere davon betroffen sind.

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Das tut es möglicherweise durchaus. Sowohl die Romantisierung des „deutschen Waldes“, der naturnah, freien Germanen gegenüber den naturfernen, dekadenten Römern sind traditionell erfolgreiche Narrative in rechten Kreisen. Ich hab wahrscheinlich für immer eine AfD-Anhängerin aus einem DLF-Beitrag vor der Landratswahl in Sonneberg im Ohr, die erklärte, warum sie die AfD wählen wolle: Weil die „Altparteien“ den Wald abholzen würden und die Landschaft verspargeln würden. Dass besagter Wald großflächig gerodet würde, weil die dortige Monokultur wegen Klimaschäden nicht mehr zu retten war, dass Klimaschutz wichtig sein könnte, um den Wald zukünftig zu schützen, war ihr halt egal. Also man hat da schon einen Faden, an dem man ziehen könnte, aber ich würde vermuten, dass man hier stark gegen Loyalitätsemotionen arbeiten würde und die stechen möglicherweise diesen Versuch.

Bisher hat die Korruption der Partei vor allem abstrakt „dem Staat“ geschadet. Wenn ich richtig erinnere, war Korruption, die konkreter „dem Volk“ schadete in Polen und Ungarn allerdings ein wichtiger Ansatz, um die Anhänger der dortigen anti-demokratischen Kräfte zumindest in (entscheidenden) Teilen für die Opposition zu gewinnen.

Das Urteil finde ich deswegen etwas hart. Einem Soziologen seinen Fokus/ die Grenzen seines Fachs vorzuhalten, finde ich auch wenig konstruktiv. Man sollte sich stattdessen anschauen, was sich daraus ziehen lässt, um die Feinde der Demokratie besser zu verstehen. Ich finde, sein Ansatz macht mindestens zwei chronische Fehler im Umgang der demokratischen Kräfte mit AfD-Wählern deutlich:

1. Die Verharmlosung und Gleichsetzung („die haben im Prinzip die gleiche Kritik, die gleichen Wünsche, wie „wir“ und täusche sich nur in der Antwort“).

  1. Die dauernde Fassungslosigkeit, dass linke Argumente unter AfDlern einfach 0 Kraft entfalten, umgekehrt aber regelmäßig bis weit ins linke Lager hinein bei Einzelthemen „da haben sie einen Punkt“ zu hören ist.

Und ganz grundsätzlich braucht man für die Analyse des AfD-Problems wohl beide: Soziologie und Psychologie.

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Gibt’s dazu konkrete Daten?

In Ungarn mag der Korruptionsexzess des Orbán-Regimes eine Rolle gespielt haben, aber da hat trotzdem ein anderer Rechter gewonnen.

In Polen ist zuletzt - also 2025 - ein PiS-Kandidat zum Präsidenten gewählt geworden.

Bei den letzten Parlamentswahlen 2023 wurde die PiS die stärkste Kraft. Sie bekam nach den Stimmen für den Sejm fünf Prozent weniger Stimmen als 2019. Das spricht jetzt nicht dafür, dass viele sich abgewandt hätten.

Deine weiteren Ausführungen habe ich jetzt nur teilweise verstanden, wenn ich ehrlich bin.

Zur Psychologie-Soziologie-Kontroverse:

Schröder führt ja eine psychologische Theorie ins Feld und argumentiert damit. Das kann man ja machen, aber dann sollte man sich m.E. auch vertieft mit deren Implikationen sowie mit dem aktuellen Forschungsstand befassen. Das scheint mir hier nicht wirklich der Fall zu sein.

Ohne lange Recherche habe ich eine schon etwas ältere Studie zur ‚Moral Foundations‘-Theorie gefunden, die z.B. zu folgendem Schluss kommt:

Wir verwendeten zwei Versionen des Fragebogens zu moralischen Grundlagen, wobei die Zielgruppe entweder abstrakte oder konkrete Ingruppen bzw. Outgruppen waren. In drei Studien konnten wir beobachten, dass Linksliberale bei einer Outgroup-Zielgruppe eine stärkere Zustimmung zu individualisierenden Grundlagen (Grundlagen „Schaden“ und „Gerechtigkeit“) zeigten, während Konservative bei einer Ingroup-Zielgruppe eine stärkere Zustimmung zu bindenden Grundlagen (Grundlagen „Loyalität“, „Autorität“ und „Reinheit“) zeigten. Dieses allgemeine Muster zeigte sich sowohl bei einer abstrakt definierten Zielgruppe (d. h. „In-Groups“ und „Out-Groups“ in Studie 1) als auch bei konkret spezifizierten Zielgruppen, nämlich einer allgemeinen britischen In-Group und einer Out-Group aus Einwanderern (Studien 2 und 3). In den Studien 2 und 3 sagten sowohl die Werte für die „Individualisierende Ingroup-Präferenz“ als auch für die „Bindende Ingroup-Präferenz“ eine stärkere Einstellungsvoreingenommenheit und eine stärkere negative Einstellungsvoreingenommenheit gegenüber Einwanderern (Studien 2 und 3), eine stärkere implizite Voreingenommenheit (Studie 3) sowie eine stärker wahrgenommene Bedrohung durch Einwanderer (Studien 2 und 3) voraus. Wir konnten zudem nachweisen, dass zunehmender Linksliberalismus mit einer geringeren Einstellungsvoreingenommenheit und einer geringeren negativen Voreingenommenheit gegenüber Einwanderern (Studien 2 und 3), einer geringeren impliziten Voreingenommenheit (Studie 3) sowie einer geringeren wahrgenommenen Bedrohung durch Einwanderer (Studien 2 und 3) assoziiert war. „Outgroup-Individualizing“-Grundlagen und „Ingroup-Binding“-Grundlagen zeigten unterschiedliche Muster der Vermittlung dieser Effekte.

(Übers. unter Nutzung von DeepL)

So konkretisiert sich dann nämlich manches, wie die Moral Foundations gemeint sind.

Hier noch zum besseren Verständnis ein paar Auszüge:

Die AfD ist nun laut aktuellen Meinungsumfragen die stärkste Partei Deutschlands. Wie konnte eine Kraft derart populär werden, ohne auf reale Probleme wie wirtschaftliche Stagnation oder überbordende Bürokratie überzeugende Antworten zu haben? Viele linke Politiker und auch Wissenschaftler beantworten diese Frage mit der Geschichte von den Modernisierungsverlierern.

So meinte die SPD auf ihrem Parteitag 2025, »von sozialer Verunsicherung betroffene Gruppen« hätten sich von ihr abgewandt. Aufgrund dieser Diagnose möchte ihr Fraktionsvorsitzender Matthias Miersch »AfD‑Sympathisierende mit guter, alltagsnaher Politik« zurückgewinnen, beispielsweise durch eine »Verlängerung der Mietpreisbremse«. Die damalige Sprecherin der Grünen Jugend, Katharina Stolla, erklärte die Verluste ihrer Partei nach der letzten Europawahl ähnlich, mit dem Argument: »Der soziale Ausgleich ist viel zu oft hinten runtergefallen.« Und Heidi Reichinnek, die Linken-Fraktionsvorsitzende, stimmte unlängst ein, gegen die AfD helfe »eine gute Sozialpolitik«. Die Argumentation ist immer die gleiche: Die Wähler der AfD kann man zurückgewinnen, wenn man nur etwas fürsorglicher mit ihnen umgeht, sodass sie sich endlich wieder fair behandelt fühlen.

Allerdings zeigt unsere aktuelle Analyse von über 100.000 Beobachtungen aus dem Sozio-oekonomischen Panel: Diese Vermutung ist grundfalsch. Unter den vielen Gründen für AfD-Unterstützung, die sich mit den detaillierten Befragungsdaten erfassen lassen, sticht nämlich einer hervor: Die Ablehnung von Zuwanderung erklärt die Wahl der AfD fast zehnmal stärker als ökonomische Not oder auch nur die Angst davor. Wer also wegen der Zuwanderung nach Deutschland besorgt ist, hat eine etwa zehnfach erhöhte Chance, die AfD gut zu finden, unabhängig davon, wie zufrieden, reich, gebildet oder zuversichtlich diese Person ist. Beobachtet man dieselbe Person über einen längeren Zeitraum, zeigt sich ebenso: Wachsen die Sorgen einer Person wegen der Zuwanderung, nimmt auch deren Sympathie für die AfD stark zu. Wird dieselbe Person hingegen ärmer oder befürchtet solch einen Abstieg zunehmend, ändert sich kaum etwas an ihrer Sympathie für die AfD.

Diese Daten aus der größten Befragung der deutschen Bevölkerung zeigen somit, dass ökonomische Nöte oder Zukunftsängste – anders als viele Politiker und Kommentatoren in den Medien vermuten – allenfalls ein schwacher Grund für den Erfolg der AfD sind. Da wir die Daten für jedes Jahr getrennt auswerten können, wissen wir auch, dass in jedem Jahr seit Bestehen der AfD Sorge vor Zuwanderung die Zustimmung zur AfD stärker voraussagt als wirtschaftliche Not oder Sorge vor wirtschaftlichem Abstieg.

Warum hält sich die Erzählung von den abgehängten Modernisierungsverlierern dann trotzdem so beharrlich – nicht nur bei Politikern, sondern auch unter Wissenschaftlern und Journalisten? Eine Erklärung liefert die Moral-Foundations-Theorie.

Die moralischen Urteile Linker speisen sich vor allem aus Fürsorge- und Fairnessgefühlen.

Rechte haben diese Empfindungen zwar auch, doch Meta-Analysen über Länder und Kulturen hinweg haben gezeigt, dass sich ihre Moral neben Fürsorge- und Fairnessgefühlen zusätzlich stark aus drei weiteren Empfindungen speist: Loyalitäts- und Autoritätsgefühlen sowie solchen zu »Sanctity«, was sich als Reinheit oder Heiligkeit übersetzen ließe. […] Empfindungen von Loyalität, Autorität und Reinheit bestimmen das Fühlen und damit schlussendlich das Denken Rechter, was zu einer anderen Bewertung der Welt führt.

Menschen wählen die AfD eben nicht vor allem aus wirtschaftlicher Not oder Abstiegsangst, sondern weil sie Zuwanderung als Bedrohung ihrer Gruppe, ihrer sozialen Ordnung und einer Kultur begreifen, die ihnen heilig ist.

(Da die Benachteiligungsunterstellung ja hier sinngemäß immer wieder eingebracht wird, finde ich es wichtig, diese Fehleinschätzung endlich zu verabschieden.)

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In einem TED-Talk von 2008 hat der Begründer der ‚Moral Foundations‘-Theorie Jonathan Haidt mal folgende Grafik verwendet:

(Sekundärquelle Wikipedia)

Im Wiki-Artikel ist dann noch nachzulesen:

Ein sechstes Fundament, „Freiheit“ [liberty] (das Gegenteil von Unterdrückung), wurde von Jonathan Haidt in „The Righteous Mind“, Kapitel 8, theoretisiert – als Antwort auf Kritik von wirtschaftskonservativen Kreisen, die beanstandeten, dass das 5-Fundamente-Modell ihre Vorstellung von Fairness nicht korrekt wiedergebe, da diese auf Proportionalität und nicht auf Gleichheit [equality] ausgerichtet sei. Das bedeutet, dass Menschen entsprechend dem, was sie verdient haben, fair behandelt werden und nicht bedingungslos gleich behandelt werden. Diese sechste Grundsäule verändert die Theorie dahingehend, dass die Grundsäule „Fairness/Betrug [cheating]“ keine gespaltene Persönlichkeit mehr aufweist; es geht nicht mehr um Gleichheit und Proportionalität. Es geht in erster Linie um Proportionalität.

Es wurden auch einige andere mögliche Grundlagen [foundations] diskutiert: Effizienz/Verschwendung, Eigentumsrechte/Diebstahl [theft] sowie Ehrlichkeit/Täuschung [deception].

(Übers. unter Nutzung v. DeepL)

Daran erkennt man schon, dass diese Grundlagen alles andere als konzeptuell spezifisch sind.

Aktuelle Forschung zeigt im Übrigen, dass Reframing nichts bringt:

Namhafte Wissenschaftler haben argumentiert, dass eine Neuformulierung politischer Positionen und Themen im Hinblick auf moralische Grundsätze, die Konservative oder Linksliberale ansprechen, auf individueller Ebene mehr Unterstützung für diese Positionen gewinnen kann – selbst wenn eine solche Unterstützung unerwartet wäre. Eine solche Einstellungsänderung wäre vielversprechend für diejenigen, die ideologische Gräben überbrücken möchten. Als zwei unabhängige Forschungsteams haben wir uns zum Ziel gesetzt, die vielversprechenden Belege in dieser Richtung zu untersuchen und weitere Nuancen in den Argumenten zu identifizieren. Wir haben die moralische Umdeutung im Kontext von fünf Themenbereichen getestet: Umwelt, Steuerpolitik, Einwanderung, Englisch als Amtssprache und allgemeine Gesundheitsversorgung. Wir fanden durchweg Nullergebnisse, nicht nur für die Gesamtstichproben, sondern auch für Untergruppen, von denen angenommen wurde, dass sie am ehesten von einer moralischen Umdeutung beeinflusst würden.

(Übers. unter Nutzung v. DeepL)

https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/10584609.2026.2612739

Auch deswegen sind Schröders Schlussfolgerungen nicht überzeugend.

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Konkrete Daten über die damalige Berichterstattung hinaus hab ich keine. Ich würde auch nicht sagen, dass solche Ansätze gleich die gesamte Einstellungsstruktur ganzer Gesellschaften auf den Kopf stellen könnten. Aber im einstelligen Prozentbereich Leute aus dem demokratiefeindlichen Lager zu ziehen kann man so vielleicht schon und das reicht ja immer mal wieder, um schlimmeres zu verhindern. Dass es dann „trotzdem“ ne rechte Regierung wird, ist halt einfach so. Es gibt selten richtig linke Mehrheiten.

Hoffentlich.

Es ist sogar wahrscheinlich, dass es einen gewissen Prozentsatz Irrläufer:innen gibt, die irgendwann mal aufgrund sozialer Beeinflussung bei gleichzeitigem Informationsmangel ihr Kreuz an der falschen Stelle gesetzt haben. Ein Interview mit einer MAGA-Aussteigerin finde ich da ganz anschaulich.

Aber der Prozentsatz ist wohl in aller Regel niedrig.

Interessanter als die MFT ist m.E. Haidts Theorie moralischer Intuition:

Das SIM (Social Intuitionist Model) basiert dabei auf sechs Prozessen:

  1. intuitive judgment: Zunächst werden schnelle, unbewusste, mühelose, automatische Urteile gefällt.
  2. post hoc reasoning: Erst dann setzen rationale Überlegungen ein, auf der Suche nach Gründen für die ursprüngliche Intuition.
  3. reasoned persuasion: Diese rationalen Argumente werden verbalisiert, um das intuitive Ersturteil anderen zu kommunizieren.
  4. social persuasion: Das eigene Urteil wird von Freund:innen, Autoritäten, Verbündeten, der Gesprächssituation etc. beeinflusst.
  5. reasoned judgment: Menschen kommen durch rationale Überlegungen zu einem begründeten moralischen Urteil. Dies tritt nach Haidt nur im Ausnahmefall auf.
  6. private reflection: Durch rationale Überlegung kommt es zur Veränderung (zukünftiger) Intuitionen. Dies geschieht laut Haidt ebenfalls selten, Perspektivenänderungen treten eher durch Erfahrungen und affektiv auf.

(Christian Feichtinger, Moralische Pluralität und ethische Bildung, S. 112 f.)

Entscheidend ist, dass die letzten beiden Prozesse Ausnahmefälle sind.

Aber dass Gründe für eine Intuition ex post gesucht werden, ist schon intuitiv überzeugend, denke ich.

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Ganz interessant finde ich noch, Haidt mit Markus Gabriel* zu verknüpfen bzw. zu kontrastieren:

Als epistemologische These behauptet der moralische Realismus, dass wir die moralischen Tatsachen auch erkennen können. […] Es gibt sie also, die moralischen Tatsachen, und wir können sie erkennen.

(Markus Gabriel, Moralische Tatsachen, S. 11)

Unabhängig davon, ob man Gabriel in allem bei ethischen Dilemmata folgen will, seine Grundidee ist erst mal, dass es meist gar nicht schwierig ist, etwas als „gut“, „böse“ oder moralisch irrelevant („neutral“) zu erkennen. Eines seiner Beispiele ist etwa Sklaverei, wobei er da erstaunlicherweise die sklavereiverharmlosenden Narrative einiger Republikaner:innen in den USA schon vorweggenommen hat.

Wie Omri Boehm ist Gabriel strikter Universalist. So sagt er z.B. im Taz-Interview:

Die Pointe dieser Werte ist ja gerade, dass sie universal gelten und nicht europäisch sind. Wenn es europäische Werte gäbe, dann wären sie ja falsch, weil nicht universalistisch. Das Bild einer gelungenen Zukunft kann nur scheitern, wenn wir das für uns „Europäer“ machen wollen. Werte sind entweder global, kosmopolitisch und universal oder lediglich Ausdruck der imaginären Zusammenrottung von Gruppen, die sich gegen andere richten, also etwa EU gegen USA und China.

Was die meisten von uns ja auch intuitiv annehmen, setzt das Gute immer schon die absolute Gleichwertigkeit aller Menschen und die universelle Würdegleichheit, wie sie in unserer Verfassung festgeschrieben ist, voraus.

Auf Haidts fünf Säulen bezogen sind nur die ersten beiden („care“ und „fairness“) universalistisch.

Und jetzt clashen beide Positionen. Während Haidt davon ausgeht, dass die ‚moral foundations‘ evolutionären Ursprungs sind, weshalb man entsprechende Intuitionen grundsätzlich nicht verdammen sollte, würde ihm Gabriel wohl entgegenhalten, dass aus einem vermuteten Sein kein Sollen folgt (naturalistischer Fehlschluss) und die Universalität eine faktische Letztbegründung für Moral an sich ist.

Während Haidt den vernünftigen Überlegungen und Argumenten ursprünglich kaum Einfluss auf das moralische Urteilen zugestehen wollte, sprach er in der Folge vorsichtiger nur von einer ‚Vorrangstellung‘ (primacy) der Intuitionen.

[F]ür die MFT bleibt klar, dass Vernunft primär dazu dient, Intuitionen zu rechtfertigen, zu kommunizieren und zu verteidigen.

(Feichtinger, S. 131)

Gabriel würde dem wohl entgegnen, dass sich moralisch eben nicht alle Intuitionen rechtfertigen lassen.

Was man in jedem Fall festhalten muss, ist, dass Rechte immer Moralrelativist:innen sind, weil für sie nicht alle Menschen gleich viel gelten, während das moralische Fundament der Linksliberalen universalistisch ist.

Beide Positionen sind daher faktisch unvereinbar.

In Auseinandersetzungen mit Rechten sollte man dies mehr betonen.

*Hier erläutert Gabriel das noch:

Der Witz ist letztlich, dass Linksliberale pluralistisch sind, weil sie universalistisch sind und eben keine ausgeprägte In-group-Präferenz mit entsprechender Bevorzugungsloyalität und krude gruppenbezogene Reinheitsvorstellungen haben.

Die Theorie des moralischen Pluralismus von Haidt ist aber gerade partikularistisch, wenn man die von Konservativen/Rechten für wichtig erachteten Säulen der MFT mit einbezieht.

Wohin dieser Reinheitswahn führt, zeichnet Amthors Partnerin, die wohl ganz anders denkt als er, die Historikerin Carlotta Voß, hier im Gespräch über den Postliberalismus nach:

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Endlich tut sich mal wieder was.

Eigentlich sollte es ja offensichtlich sein, dass die rechtsradikale AfD gegen die allgemeine Menschenwürde verstößt.

Aber gut, in der vermeintlich hochwertigen Zeit wird mittlerweile pro und kontra diskutiert, ob es etwas bringt, der AfD die Unfinanzierbarkeit ihrer Wahlversprechen vorzurechnen. Da sieht man mal, wie sehr empirische Fakten mittlerweile selbst in höheren Bildungsschichten ignoriert werden, zumal ja die Unfinanzierbarkeit der Pläne von CDU/CSU auch vor der Bundestagswahl breit kommuniziert wurde, was deren Wahlerfolg nicht den geringsten Abbruch tat.

Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk hat es im Taz-Interview gut auf den Punkt gebracht:

AfD-Politiker sind Faschisten. Natürlich ist nicht jedes NSDAP-Mitglied ein Nazi gewesen, nicht jedes SED-Mitglied ein Kommunist. Nicht jeder Wähler dieser Parteien war Kommunist oder Nazi, so ist es mit der AfD auch. Aber wer sich mit einem faschistischen Programm gemeinmacht – und die AfD hat eines –, der muss erst mal beweisen, kein Faschist zu sein.

Die AfD ist auch keine soziale Protestpartei. Sie ist rassistisch und faschistisch. Und das wissen die Menschen, die ja deswegen ihre Nähe suchen.

Und Letzteres ist auch empirisch bestens belegt:

(S.o.)

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Interessant finde ich auch den Ansatz „Werte vor Umsatz – Wirtschaft widerspricht“:

Das ist ein neues Label. Die Initiative fordert niemanden auf, bei jemandem nicht zu kaufen, und führt keine Liste von Gegnern. Aber die Unternehmen mit diesem Label bekennen sich zu Menschenwürde, Demokratie und Diskriminierungsfreiheit.

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Sicher eine gute Sache. Das hilft zumindest, den Demokrat:innen den Rücken zu stärken.

Bei AfD-Wählenden zeigt sich zumindest dann, wenn unternehmensseitig direkt Kritik an der rechtsradikalen Partei geübt wird, ein anderer Effekt:

Gleichzeitig führt öffentliche Kritik an der AfD vonseiten der
Unternehmensvertreter nicht dazu, dass sich die Parteigänger von ihr abwenden. Vielmehr lassen sich Backlash-Effekte nachweisen: Werden AfD-Sympathisanten mit der AfD-Kritik von Geschäftsführern konfrontiert, sinkt das Vertrauen in das entsprechende Unternehmen. Zudem verstärkt sich teilweise die Nähe zwischen Partei und Anhängerschaft – und das unabhängig davon, wie die Kritik der CEOs an der Partei formuliert ist. Im AfD-Lager zeigt sich eine Reaktionslogik, die Kritik externer Akteure eher als gruppenbezogenen Angriff interpretiert.

Die Studienautoren heben allerdings hervor, dass ein Engagement mit klarem Wertekompass dadurch keineswegs entbehrlich werde.

Folgende Datenauswertung ist im Hinblick auf AfD-Wählende noch interessant:

Den Autor interessierte die Kernfrage, ob sich Sympathisanten der AfD in ihrem Selbstbild resp. ihrem Persönlichkeitsprofil von Sympathisanten anderer Parteien signifikant unterscheiden. Die Befunde zeigen effektstarke Differenzen zwischen den Anhängern der AfD und denen anderer Parteien hinsichtlich der Persönlichkeitsmerkmale Autoritarismus, Soziale Orientierung und Aggressivität. AfD-Sympathisanten weisen erhöhte Autoritarismus- und Aggressivitätswerte und erniedrigte Werte in der FPI-Skala Soziale Orientierung auf. Aus den drei Skalenwerten wurde ein summativer Index erstellt – das hier so bezeichnete AAA-Syndrom. Die statistische Analyse ergab, dass sich mehr als die Hälfte der AfD-Sympathisanten (54%) als überdurchschnittlich autoritär, antisozial und aggressiv beschrieb; bei Anhängern anderer Parteien waren es dagegen nur 13 Prozent (Grüne: 7%). Das AAA-Syndrom ist nicht nur typisch für Sympathisanten der AfD sondern gleichermaßen typisch für Sympathisanten anderer rechtsextremer Parteien (Die Republikaner, DVU); dies ergab ein Vergleich mit repräsentativen Daten aus dem Jahr 1999.

Der ehemalige Leiter der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen Frank Richter sagt:

Die AfD führt einen Kulturkampf gegen die liberale, offene Gesellschaft! Sie sammelt oberflächlich und banal alles ein, was wir vor hundert Jahren schon hatten.

Hat Richter recht?

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Ein recht kluger Rant von Georg Seeßlen, der hier nur angeteasert sei:

Mit Onkel Ernst vernünftig reden zu wollen, ist vollkommen aussichtslos. Jedes Argument bestätigt ihn. Er trifft keine Wahlentscheidung mehr; vielmehr ist das Antidemokratische und Völkische Teil seiner Person geworden. Er wählt nicht die AfD, er ist die AfD, dazu muss er weder Mitglied noch Aktivist werden. Es ist jetzt in ihm drin, und er empfindet Genugtuung bei jeder Pöbelei, bei jeder Hassrede, bei jedem „Danebenbenehmen“ seiner Leute. Irgendetwas hat sich in Onkel Ernst befreit, lange genug hat er es zurückgehalten.

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Ich stimme inhaltlich zu. Allerdings verstehe ich nicht welchen Wert ein Poll haben soll. Werden Meinungen neuerdings per Laien-Abstimmung zu Fakten?

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Es ist doch interessant, wie weit Forumsteilnehmende historische Parallelen sehen bzw. erkennen, dass es solche Leute immer schon in höchst unerfreulicher Quantität gegeben hat.

Daten, die bedeutsame Unterschiede des AfD-Klientels gegenüber Wählenden demokratischer Parteien zeigen, gibt’s ja reichlich (s.o.).

Naivität ist ja nach wie vor weit verbreitet, z.B.:

„Ich bin weit davon entfernt, jeden, der AfD wählt, zu beschimpfen“, sagte der Frontmann der Leipziger Band „Die Prinzen“ in der deutschen Ausgabe des „Playboy“. „Das sind ja trotz allem keine Zombies.“ Der 60-Jährige betonte aber zugleich: „Wer rassistischen oder antisemitischen Unsinn erzählt, dem muss man sagen: bis hierhin und nicht weiter.“

Krumbiegel äußerte sich besorgt über einen weltweiten „Rückfall in nationalstaatliche und völkische Gedanken“. Die politischen Entwicklungen seien „ziemlich beängstigend, und das nicht nur im Osten“. Aber es sollte hinterfragt werden, „warum die Leute so dermaßen am Rad drehen“. Den Menschen müssten wieder Angebote gemacht werden, die ihr Leben besser machten und nicht alles kaputtgespart werden.

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Ja deine These, dass die Zustimmung der AfD auf tief verankerten Eigenschaften beruht, haben wir hier ja schon öfter diskutiert. Auf der einen Seite wäre das beruhigend, weil es eine “Maximalgröße” der AfD nahe legt, auf der anderen Seite wirkt das für mich immer unwahrscheinlicher.

Zum einen: Ich habe mir mal die Zustimmungswerte für Ausländerfeindlichkeit aus der Leipziger Erhebung bei Wikipedia angeschaut:

Dimension 2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014 2016 2018 2020 2022
Zahl der Befragten 2051[23] 2442 4872 2410 2411 2415 2432 2420 2416 2503 2522
Ausländerfeindlichkeit 26,9 25,5 26,7 21,2 24,7 25,1 18,1 20,4 24,1 16,5 17,0

Die ausländerfeindliche Haltunge ist tatsächlich recht stabil um 20% aber die AfD ist national bei 27-28%, also deutlich mehr als nur die Ausländerfeindlichen scheinen jetzt AfD wählen zu wollen. Das ist sehr beunruhigend.

Zum zweiten: In deiner Erklärung fehlt ein Aktivierungsmechanismus: Die Ausländerfeindlichkeit ist in den letzten 15 Jahren wenn überhaupt gefallen, aber die AfD ist von einem Randphänomen zur beliebtesten Partei Deutschland aufgestiegen. Was also hat die latent Ausländerfeindlichen aktiviert für sie zu wählen? Klingt das evtl. ab oder kann man diese Leute “deaktivieren”?

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Du vernachlässigst zum einen die zuletzt (hier: 2024) wieder offener zu Tage getretene manifeste und zum anderen die latente Ausländerfeindlichkeit:

Besonders relevant ist hier die Zustimmung zur These gefährlicher Überfremdung.

Das ‚Deaktivieren‘ halte ich für unwahrscheinlich. Denn die Veränderungen einer sichtbar bunteren Gesellschaft lassen sich nicht zurückdrehen. Ressentiments lassen sich so immer wieder mobilisieren.

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