Durch die Streichung des Pflegegrad 1 sollen “etwa” 1,8 Milliarden Euro eingespart werden. Dadurch soll das aktuelle Defizit der Pflegeversicherung in Höhe von ca. 1,65 Milliarden Euro kompensiert werden.
Das Vorhaben ist ziemlich zynisch wenn man bedenkt, dass viele Menschen “nur” Pflegegrad 1 haben, weil sich die Gutachter alle Mühe geben, die Pflegebedürftigkeit möglichst niedrig anzusetzen.*
Vielleicht würde es sich in der Lage lohnen mal aufzuarbeiten, welche Alternativen es gibt:
- Einbeziehung weiterer Gruppen in die gesetzliche Pflichtversicherung. Da denke ich an Beamte, Selbstständige und diverse Berufsstände, die alle ihre kleinen Sonderlösungen unterhalten und sich damit aus dem Solidarsystem verabschiedet haben. Auch besonders gut verdienende Arbeitnehmer (> 73.800 Euro/Jahr) dürfen sich absurderweise aus der GKV/GPV verabschieden.
- Einbeziehung weiterer Einkommensarten. Bei Pflichtversicherten werden Einkommen aus Vermietung und Verpachtung und Kapitalerträge nicht zur Berechnung des Versicherungsbeitrags herangezogen. Ich bin da selbst ein gutes Beispiel. Ich bin pflichtversichert mit niedrigem versicherungspflichtigem Einkommen, habe aber ein relativ hohes Einkommen aus Vermietung.
- Erhöhung der Beitragsbemessungsgrenze. Einkommen über 66.150 Euro/Jahr werden bei der Berechnung nicht herangezogen, d.h. der effektive Beitragssatz sinkt, je mehr man über diese Hürde hinaus verdient.
Aus Sicht der CDSU hätten alle genannten Alternativen natürlich einen entscheidenden Nachteil: Der Wegfall des Pflegerad 1 belastet praktisch ausnahmslos Menschen mit geringen Einkommen und Vermögen (weil die ausgezahlten Leistungen nur für diese Gruppe einen merklichen Unterschied in der Lebensqualität machen). Für die anderen Lösungsmöglichkeiten müssten dagegen vermögens- und einkommensreiche Menschen ein wenig tiefer in die Tasche greifen.
Mal schauen, ob irgendwann irgendeinem CDSU-Stammwähler mal auffällt, dass hier die selbe Klientelpolitik für reiche Menschen gemacht wird, wie sie die FDP zurecht in die politische Bedeutungslosigkeit geführt hat. Die CDSU ist nur ein wenig effektiver darin, die Neoliberalität und soziale Kälte unter einem Deckmantel der Identitätspolitik und Angstmacherei zu verdecken.
*Ähnlich wie beim Bürgergeld bin ich mir ziemlich sicher, dass praktisch kein Pflegegutachten einer konsequenten rechtlichen Prüfung standhalten würde. Unser Sohn hat Pflegegrad 4, aber nur, weil ich der Gutachterin jedesmal klarmache, dass wir gegen jede niedrigere Einstufung rechtlich vorgehen würden. Mein Opa wurde mit stark fortgeschrittener Multiple Sklerose in Grad 1 eingestuft, weil bei der Begutachtung niemand dabei war, der sich auskannte und gegenhalten konnte.

