Rechte Kampagnen nehmen Einfluss auf demokratische Prozesse

Es geht den meisten wohl nicht, jedenfalls nicht ausschließlich, um Professorin Brosius-Gersdorfs vermeintliche Haltung zu Schwangerschaftsabbrüchen, sondern es geht ums Verhindern vermeintlich progressiver Richterinnen. Das sieht man auch an der Folgekampagne gegen Professorin Ann-Katrin Kaufhold (LMU).

Die LTO schreibt dazu:

Auch die zweite SPD-Kandidatin für das Bundesverfassungsgericht, die Münchener Rechtsprofessorin Ann-Katrin Kaufhold, ist jetzt ins Visier von Rechtsaußen-Kritiker:innen geraten. Die Mo-taz (Christian Rath) prüft die Vorwürfe. Vorgeworfen wird Kaufhold erstens, dass sie eine “Klimaschutzaktivistin” sei. Dabei habe Kaufhold im großen Klimaschutz-Verfahren vor dem BVerfG nicht die Umweltverbände vertreten, sondern Bundestag und Bundesregierung. Zweitens sei sie eine „Enteignungsbefürworterin“, weil sie Mitglied einer Berliner Kommission war, die sich mit der Vergesellschaftung großer Wohnungsunternehmen beschäftigte. Dabei gehe es aber nur um die Umsetzung eines erfolgreichen Volksentscheids. Drittens wird Kaufhold als Teil eines „Staatsstreich“-Projekts der SPD gesehen. Danach schlage die SPD als Verfassungsrichter:innen gezielt Personen vor, die ein AfD-Verbot befürworten – und wenn die AfD dann verboten wäre, fielen alle AfD-Sitze im Bundestag weg und die SPD könne eine rot-rot-grüne Koalition bilden, mit Lars Klingbeil als Kanzler.

Besonders im Fokus scheinen mir die neuen Klimaklagen.

Nach der Schlappe, die die ehemalige schwarz-rote Bundesregierung 2021 vorm BVerfG erlitten hat, scheint mir das insgeheim im Zentrum der Kampagnen-Macher und ihrer Gehilfen im Bundestag zu stehen.

Glaubwürdiges kann nur Eindruck machen, wenn Menschen an Tatsachen Interesse haben. Bei Leuten, die an alternative ‚Fakten‘ glauben, fallen noch so gute Argumente auf keinen fruchtbaren Boden.

Dass Menschen mit schon vorgefasster extremer Einstellung mit der Kraft der besseren Argumente (im habermasschen Sinne) überzeugt werden können, stellt wohl eher eine seltene Ausnahme als die Regel dar.

Gerade die Rechten haben damit ein Problem.

Results confirm that conservatives have lower sensitivity than liberals, performing worse at distinguishing truths and falsehoods. This is partially explained by the fact that the most widely shared falsehoods tend to promote conservative positions, while corresponding truths typically favor liberals. The problem is exacerbated by liberals’ tendency to experience bigger improvements in sensitivity than conservatives as the proportion of partisan news increases. These results underscore the importance of reducing the supply of right-leaning misinformation.

https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.abf1234

Die Ergebnisse der im höchst renommierten Wissenschaftsjournal Science publizierten Studie lassen sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die hiesige Situation übertragen.

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Diese vorgefassten „unverrückbaren“ Meinungen findet man ja leider nicht nur in extremen Einstellungen, sondern auch im demokratischen Spektrum von konservativ bis weit links.
Auch da scheint in vielen Fällen kaum noch eine sachliche Debatte möglich.
Zumindest eine Tendenz die mir auch Sorgen macht.

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Es deutet einiges darauf hin, dass die Rigidität der Einstellungen unterschiedlich ist:

https://www.zdf.de/play/magazine/kulturzeit-324/leor-zmirgrod-ueber-das-ideologische-gehirn-100

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Ob es gleich immer hin zu rigiden Ideologien gehen muss?

Es reicht ja schon die fehlende Bereitschaft zum Dialog, weil ich von meiner Meinung nicht abweichen will. Sei es aus Angst (das die eigene Meinung doch nicht so schussfest ist), aus Bequemlichkeit (einfach keine Lust auf Diskussion), aus Starrsinn (war schon immer so, anders geht gar nicht) oder der Tunnelblick, weil man in einem Thema schon so festgefahren ist.

Also auch im „Normalen“ politischen Diskurs scheint konstruktive Diskussion verpönt. Alleine dem Gegenüber zuzuhören fällt offenbar schwer, es wird heute eher laut mit immer gleichen Argumenten oder Allgemeinplätzen versucht gegenzuhalten.

Verlernen wir langsam das konstruktive Diskutieren?

Rechte Kampagnen funktionieren ja eher bei passenden Rahmenbedingungen…

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So sehr ein Teil von mir die Aktion feiert, ein anderer Teil sieht sie unter dem Licht des veröffentlichten Strategiepapiers der AfD. Die Union ist geradezu gezwungen, den fairen Umgang einzufordern, was die Mitte schwächt und die Gräben vertieft. Gleichzeit überzieht Weidel die CDU mit haltlosen Vorwürfen, was sie rechts stärkt. Auch wenn es manchmal schwer ist, die Union muss in der Mitte gehalten werden - von mir aus mit leichter Schlagseite nach Steuerbord. Je mehr sich in der Mitte einordnen, um so stabiler der ganze Laden.
Tja, nur läuft im Augenblick leider alles nach dem Playbook der AfD.

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Um mal wieder von Einzelakteuren zum größeren Ganzen zu kommen, das Magazin Katapult hat 2022 mal die Vernetzung von sehr weit rechts stehenden Medien illustriert.

Ebenfalls interessant ist das selektive Verlinken durch AgDler:

https://datawrapper.dwcdn.net/1CGZh/2/

Weil die Springerpresse eine durchaus gewichtige Rolle spielt, sei noch angemerkt, dass BILDs stellvertretender Chefredakteur Paul Ronzheimer erst kürzlich ein zweistündiges Gespräch mit dem rechten Hardliner Tucker Carlson geführt hat (s. „Exclusive: Paul Ronzheimer meets Tucker Carlson“).

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Wichtiger Unterschied: Unverrückbare Meinungen gehören schon immer zum Meinungsspektrum. Manchmal etwas nervig, aber in der Regel nicht gefährlich. Da sehe ich eigentlich keine deutliche Veränderung im demokratischen Spektrum. Ich jedenfalls erinnere mich aus den 90er, 0er und 10er Jahren an sehr viele, sehr unsachliche Diskussionen mit wenig konstruktiven Absichten. Gehört im Grunde auch zur Demokratie dazu: Die Sachkompetenz, Methodenkompetenz, Urteilskompetenz die für eine offene Diskurshaltung nötig sind, sind in der Gesellschaft normalverteilt, da könnten viele einfach nicht teilnehmen oder folgen.
Das ist bei extremen Positionen im Sinne der AfD und anderer grundlegend anders: wenn die Union Wahlen gewinnt, passiert wenig Klimaschutz und viel Korruption, aber man kann das in 4 Jahren korrigieren, sich gegen Grundrechtsverletzungen in meist rechtsstaatlichen Verfahren wehren. Das ist bei der AfD anders. Und selbst wenn ich mich selbst nicht von dieser rechtsextremen Partei existenziell bedroht fühle, ist der Wesenskern ihrer Politik Demokratiefeindlichkeit und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Da hat jeder Demokrat auch eine Schutzverantwortung gegenüber denen, die früher als andere Opfer dieser Politik werden und auch gegenüber der Demokratie als politischer Ordnung.

Ja, genau für die aktuelle Situation ist das Verbotsverfahren ursprünglich gemacht worden. Weil man damals wusste, dass es in Deutschland Mehrheiten für die NSDAP gegeben hatte und keinerlei Sicherheit, dass das nicht wieder so sein könnte.
Für den Umgang mit der Partei und ihren Anhängern gibt es eine mMn zwingende Reihenfolge:

  1. Fremdgefährdung unterbinden.
    Also über Verbotsverfahren, Entfernung von AfDlern aus allen sicherheitsrelevanten staatlichen Institutionen etc. pp.
  2. Prävention
    Wenn diese Leute keinen Schaden anrichten können, kann man in Ruhe nach Wegen der Extremismusprävention und der Reintegration dieser Menschen in eine demokratische, anständige Gesellschaft suchen.
    Ob Menschen schon immer rechtsradikal waren, ob sie heute überzeugt sind, ist unerheblich. In der NSDAP waren längst nicht nur überzeugte Nazis. Ihre Verbrechen wurden mindestens so sehr vom Opportunismus getragen, wie von ihrer verbrecherischen Ideologie. Das hat sie nicht weniger gefährlich gemacht. Eher im Gegenteil. Heute wie damals will man nicht wahrhaben, wie gefährlich jeder Unterstützer so einer Partei ist. Es waren immer die „ganz normalen Männer“ die am Ende die "Drecksarbeit " für die Ideologen erledigten. Und trotzdem wollen heute wieder Menschen glauben, dass die AfD zwar rechtsextrem ist, die Unterstützer, die sie kennen, aber ganz harmlos wären. Das liegt mMn sicher nicht daran, dass das im Geschichtsunterricht, der Fachliteratur, populären Filmen, historischen Romanen, Mahnmalen, Gedenkstätten, Straßennamen nicht hinreichend dokumentiert, erläutert, erklärt würde. Das wird ja so umfangreich betrieben, dass es den üblichen Verdächtigen schon zu viel ist.
    Es liegt daran, dass die vielen es einfach nicht wahrhaben wollen. Obs um sexuelle Gewalt in der Partnerschaft, gegen Kinder, oder Rechtsextremismus geht: Dass die Täter nicht vor allem orientale Fremde sind, sondern grade diejenigen im sozialen Nahbereich, der Jochen, der Helmut, der Michael und der Paul, vielleicht auch die Inge, die man doch schon so lange kennt. Die immer grüßen, zum Geburtstag einladen, bei der Reparatur helfen, so schön mit den Kindern spielen…Mit dem netten Reihenhaus, dem respektablen Job als Handwerker, Lehrer, Anwalt, Polizist, eben Leute, „wie du und ich“ das will man nicht wahrhaben. Deswegen will man das auch nie so richtig konkret durchdenken und durchdiskutieren, weil man am Ende um die soziale Harmonie, um die eigenen Sicherheitsillusionen fürchten müsste. Was dabei rauskommt wenn die rechtsextrem wählen, ob das überhaupt rechtsextrem ist, was die wählen, das wissen wir doch heute alle nicht so genau, wollen dazu auch nichts wissen und wenn wir nicht mit Bestimmtheit beweisen können, dass da mindestens so viele Tote drohen, wie bei den Nazis, dann sollten wir ja bitte auch nicht überreagieren. Dann hat man später nichts gewusst und kommen sehen, deswegen konnte man nichts tun, als Zeit war und als es zu spät war, wird man wieder Angst gehabt haben und musste deswegen irgendwie mitziehen. Konnte ja keiner ahnen.
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Und was speziell das Sommerinterview angeht: wenn man eine Rechtsextremistin und pathologische Lügnerin einlädt, müsste man das klug vorbereiten. In einem Setting, in dem das keine Propagandashow werden kann. In einem leider überhaupt nicht beispiellosen Akt journalistischer, politischer Selbstaufgabe wurde das nicht gemacht. Stattdessen das xte scheiternde Interview, das ein Schachbrett hinstellt und völlig überrascht ist, dass Rechtsextremisten keinerlei Absicht haben, sich an irgendeine Regel des Spiels zu halten.
Das Problem an dem Interview war nicht ein Protest, der irgendwelche Haltungsnoten bekommt oder auch nicht.
Das Problem ist, das seit über 10 Jahren die AfD nicht von einer Mehrheit oder wenigstens der Minderheit aus Politikern, Journalisten, Juristen, entschieden bekämpft wird. Stattdessen redet man sich und andere schwach und raus, egal, was versucht wird:
AfD konsequent widerlegen? Stärkt die Opferrolle. Wirkt oberlehrerhaft und unsympathisch
AfD im Schneckentempo überwachen und auf breitester Faktenbasis beurteilen? Stärkt die Opferrolle. Glaubt einem eh keiner.
Themen, die AfDler angeblich anstelle von völkischem Nationalismus bewegen, wirksam beheben? Viel zu links, vertieft die Spaltung, dauert zu lange, dann wählen die aus Trotz noch rechter.
Mit Massendemos die einzigen großen Zustimmungsverluste der AfD in letzter Zeit bewirken? Stärkt die Opferrolle, vertieft die Spaltung und das eine Plakat war wirklich etwas unfair…
Stattdessen wird dann Appeasement gegenüber dieser Partei und der Erpressung durch ihre Wähler empfohlen. Obwohl schon die Selbstradikalisierung der Ampel in der Migrationspolitik genauso unwirksam war, wie es jetzt der systematische Rechtsbruch der aktuellen Regierung ist. Die AfD Werte steigen. Grade so, als würde man Grundrechte von Minderheiten und Grundwerte unserer Demokratie für nichts und wieder nichts aufs Spiel setzen. Selbstmord aus Angst vor dem Tod der Demokratie.

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Nein, da gibt es kein Verständnis. Den Prozess komplett bespuckt und sich völlig uninformiert und ohne wissen diffamierend äußern verdient ehr eine Verleumdungsklage als Verständnis. Wenn Merz ehrlich an einer demokratischen Koalition interessiert ist kehrt er mal deutlich durch seine rechts winkenden AfD Freunde in der Partei. Ansonsten muss die SPD raus aus diesem Desaster.

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Es wäre schön wenn du nicht nur ein Video, sondern auch Zitate oder ähnliches angeben würdest, die deine Aussage stützen. Nicht jeder hat Zeit und Lust Quellen erst komplett nach Hinweisen zu durchsuchen, die du meinen könntest.

Ansonsten hätte ich hier auch noch ein Interview mit Zmirgrod, aus dem hervorgeht, dass es tatsächlich Unterschiede darin gibt, ob jemand eher progressiv ist oder konservativ. Es aber keinen Unterschied gibt ob jemand progressiv-extrem denkt oder konservativ-extrem.

Extreme Rechte und Linke denken also ähnlich?

Beide Seiten haben Mühe, ihre Überzeugungen anzupassen und andere Meinungen an sich ranzulassen. Sie sind ähnlich intolerant und kognitiv starr. Im Prinzip verweist das auf die alte Hufeisentheorie der Politikwissenschaft, also die Idee, dass sich die Enden der politischen Skala nahe sind. Dass sich Rechts- und Links-Außen an den Rändern berühren.

Und auch, dass meist das Umfeld entscheidend ist.

Wie entscheidet sich, in welche Richtung sich jemand radikalisiert?

Das hängt vor allem mit dem Umfeld zusammen, also den Überzeugungen in der Familie und im Freundeskreis, die man oft übernimmt. Manchmal passiert aber auch das Gegenteil, vor allem bei jungen Menschen, die gegen die Weltsicht der Eltern rebellieren.

Zmirgrod unterteilt daher im Interview stärker in tolerante und ideologische Gehirne als in progressiv und konservativ. Da gäbe es zwar auch spannende Faktoren, aber es ist bisher unklar, ob unser Gehirn die politische Einstellung formt oder unsere Einstellung das Gehirn.

Insgesamt scheint mir Zmirgrod in meinem verlinkten Interview Gegenteiliges zu behaupten zu dem wie du dein Video zusammenfasst. Stattdessen scheint sie eher @Mike zu bestätigen.

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Bei überwiegender Zustimmung nur ein paar Anmerkungen.

Die NSDAP hatte bei freien Wahlen niemals eine Stimmen- oder Parlamentsmehrheit.

Es bedurfte rechtskonservativer Parteien als Steigbügelhaltern, um den Nazis zur Macht zu verhelfen, darunter auch die Vorgängerpartei der CDU/CSU, das katholische Zentrum.

Auch damals war die Gefahr, die von den Nazis ausging, keineswegs unbekannt.

Allerdings gingen die Beamten abschließend davon aus, dass bei einem Wirtschaftsaufschwung von der NSDAP „nur ein Häuflein Unentwegter“ übrigbleiben werde.

Aus der damaligen Naivität sollte man eigentlich heute gelernt haben.

Gewisse Ähnlichkeiten sind aber nicht zu verhehlen.

Auch damals formierten sich Rechtskonservative und Rechtsextreme gegen eine vermeintliche Gefahr von links.

Heute tönt es nicht viel anders. Und die zumindest informelle Netzwerkarbeit hat durchaus historische Parallelen.

Nein, das stimmt nicht. Das widerlegt sogar das Zitat aus dem Interview, das du anführst.

Sie spricht eben nicht von Progressiven, also Linksliberalen, sondern von „Links-Außen“, also eher solche Leute die Stalin oder Kim Jong-un toll finden.

Inwiefern? Ich schrieb lediglich, dass einiges darauf hindeute, „dass die Rigidität der Einstellungen unterschiedlich ist“. Das Henne-Ei-Problem habe ich bewusst außen vor gelassen.

I offer a multidimensional, empirically tractable framework of ideological thinking, suggesting it can be conceptualized as a style of thinking that is rigid in its adherence to a doctrine and resistance to evidence-based belief-updating and favorably oriented toward an in-group and antagonistic to out-groups.

The emerging field of political neuroscience […] has even revealed differences between political liberals and conservatives in their neurobiology […].

[A] number of cognitive traits have been recently shown to confer susceptibility to ideological thinking […]. Three notable examples are cognitive inflexibility, impaired strategic information processing, and slower perceptual evidence processing.

A synthesis of the multitude of literatures that deal with this topic indicates that there are core commonalities in the substrates of adherence to ideological doctrines regardless of their content. But there are also likely to be important differences that are ideology-specific.

https://journals.sagepub.com/doi/full/10.1177/17456916211044140

Sie geht also sehrwohl von ideologiespezifischen Unterschieden aus.

Auf der Website ihrer Uni heißt es über eine Studie von Zmigrod et al.:

Psychologists found that conservatism is linked to cognitive “caution”: slow-and-accurate unconscious decision-making, compared to the fast-and-imprecise “perceptual strategies” found in more liberal minds.

In der verlinkten Originalpublikation heißt es zudem, um nur ein Beispiel zu geben, passend dazu:

[T]he analysis of perceptual decision-making processes demonstrated that response caution—a perceptual preference for accuracy over speed in tasks in which both accuracy and speed are rewarded—was related to more socially conservative and nationalistic worldviews (Zmigrod et al., 2021). Cautious perceptual strategies may therefore translate into cautious (i.e., conservative) ideological beliefs.

Die meisten Parameter, die Zmigrod für mentale Rigidität vorschlägt und zu denen sie den Forschungsstand referiert, treffen sehr gut auf Rechte (sog. conservatives), aber weit weniger auf Linksliberale/Progressive (i. e. liberals) zu.

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Steile These. Linksextreme sind doch nicht nur Dschutschiaten, Maoisten oder auch Stalinlisten. Da gibt es noch viel mehr im linken Spektrum. Ich war selbst lange Anhänger des Anarchismus. Linksliberaler als das geht es kaum.

All das sind Ideologien und die beschreibt Zmirgrod im Interview so:

Psychologisch betrachtet bestehen Ideologien, also bestimmte Weltsichten, aus zwei Komponenten: einer inhaltlichen und einer sozialen. Ideologien helfen uns, die Welt zu begreifen, weil wir mit ihren Regeln zwischen richtig und falsch, zwischen gut und böse, zwischen ethisch begründet und eigennützig unterscheiden können. Ideologien geben uns vor, wie wir denken und mit anderen umgehen sollen. Sie sind eindeutig und bieten unserem Gehirn einfache Antworten für große gesellschaftliche Fragen von Klima bis Außenpolitik.

und erklärt anschließend auf Nachfrage das Problem damit

Ideologien beschreiben die Welt immer absolutistisch. Sie sind resistent gegenüber allem, was ihnen widerspricht. Und sie zwingen ihre Anhänger:innen zu unterscheiden: zwischen den Menschen, die so denken wie sie, und allen anderen. Personen, die einem bestimmten Dogma folgen, umgeben sich fast nur mit Gleichgesinnten. Ideologien stillen also zwei Bedürfnisse: die Welt zu verstehen und einer Gruppe anzugehören. Diese Strukturen findet man im Faschismus genauso wie im Klimaaktivismus oder in religiösen Kreisen.

Den von ihr benannten Klimaaktivismus würden wir eindeutig ins progressive Lager stecken. Dabei ist jmd., der sich an einen Kohlebagger kettet, der Gaspipeline sabotiert oder Strommasten am Tesla-Werk absägt sicher nicht toleranter als der durchschnittliche Union-Wähler. Dabei bitte beachten, die übergroße Mehrheit der Klimaaktivisten macht solchen Quatsch nicht.

Ich sehe insgesamt keinerlei Hinweis im Interview darauf, dass sie klar unterscheidet zwischen Linksaußen und Progressiv. Stattdessen erklärt sie ideologisches Denken generell zum Problem, da es absolutistisch ist, sich resistent gegenüber Widersprüchen zeigt und Anhänger zu Freund-Feind-Denken zwingt. All das sehen wir auf beiden Seiten der politischen Hauptachse.

Auch deine Zitate haben meines Erachtens wenig mit Links-Rechts bzw. Progressiv-Konservativ zu tun, sondern mit Liberal vs Intolerant und damit bezieht sie sich auch wieder darauf wie anfällig jmd. für Ideologien ist.

Was allerdings stimmt ist - aber das habe ich nicht bestritten - das Zmirgrod angibt Unterschiede im Gehirn zwischen Konservativen und Progressiven gefunden zu haben, ohne bisher sagen zu können, ob es Ursache oder Folge einer Haltung ist. Das ist zwar spannend aber wenig aussagekräftig.

Egal, das hier gehört besser in einen anderen Thread (Politische Einstellungen und unser Gehirn). Lass uns das bei Bedarf dort gern weiter diskutieren. Mir ist nur wichtig, dass hier nicht Wissenschaftler in einen falschen Kontext gestellt werden, analog Frau Professorin Brosius-Gersdorf.

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Nein. Selbstverständlich sind Klimaaktivisten nicht zwangsläufig progressiv. Genauso wenig Umweltaktivisten, man denke an den Unabomber Ted Kaczynski.

Exakt. Ein sehr viel größerer Teil der Rechten sympathisiert aber mit Autoritarismus. Es gibt also eine faktische empirische Imbalance.

Deshalb habe ich Zmigrods Fachartikel verlinkt, wo die Evidenzen für die ideologische und v. a. mentale Rigidität der Rechten (i. e. conservatives), die Zmigrod selbst referiert, sehr vielfältig und bestens empirisch unterfüttert sind, was nicht annähernd für Linksliberale/Progressive (i. e. liberals) in auch nur annähernd ähnlicher Weise der Fall ist.

The Times hat einem Artikel über ihre Forschung daher auch die korrekte Überschrift „Why liberals and extremists have different brains“ gegeben.

Was Ursache und was Wirkung ist, spielt auch keine Rolle dafür, um aus den physischen Unterschieden im Gehirn, wie sie Rechte aufweisen, oder rechten Einstellungsmustern - die physischen Besonderheiten im Gehirn sind nur das materielle Korrelat - Rigidität und eine Tendenz zum Autoritarismus abzuleiten.

Zerebrale Physis und Einstellungen sind weitestgehend in Deckung miteinander. Ob nun eine genetische Prädisposition eine Ausbildung bestimmter Einstellungsprofile begünstigt (nature) oder ob Umweltfaktoren aufs Gehirn in einer Weise einwirken, dass sich das plastische Gehirn auf eine bestimmte Weise ausformt (nurture), was dann eine bestimmte Art von Einstellungen abbildet, ist völlig gleichgültig.

Extremisten sind im Wesentlichen Rechtsextreme, religiöse Fundamentalisten und auch Linksextreme wie z. B. RAF-Terroristen.

Alle möglichen empirischen Daten zeigen aber de facto, dass die Rigidität im Denken mitnichten über das politische Spektrum gleich verteilt ist.

Diese Ungleichverteilung zeigt Zmigrod auch in der Evidenz, die sie selbst anführt.

Worum es ihr allerdings ebenfalls geht, ist, dass rigides Denken prinzipiell ein Prädiktor für allen Formen von Extremismus ist.

Soweit d’accord.

Das bedeutet aber in keiner Weise, dass die Rigidität über das politische oder sonstige ideologische Spektrum gleichverteilt wäre.

Man kann sogar das physische Korrelat mentaler Einstellungen ganz weglassen. Eine Metaanalyse kommt zu folgendem Ergebnis:

Research over the last three decades reveals that Openness to Experience — a personality trait that captures interest in novelty, creativity, unconventionalism, and open-mindedness — correlates negatively with political conservatism.

Das gilt zumindest sehr deutlich für „WEIRD (Western, educated, industrialized, rich and democratic) countries“.

Interesse an Neuem, Kreativität, Unkonventionalität und geistige Aufgeschlossenheit sind das Gegenteil von mentaler Rigidität.

Der von Zmigrod verwendete Alternative Uses Test („[T]wo common household items (brick and newspaper) were presented each for 1.5 min. Participants were asked to generate as many possible uses for these items.“) zur Rigiditätsmessung passt genau dazu. Je kreativer die Teilnehmer, desto weniger rigide im Denken.

Long story short:

Was aber auch niemand behauptet hat. Siehe dazu auch noch einmal der Ausgangspunkt von @Mike.

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Vielleicht bin ich da gedanklich noch zu pragmatisch unterwegs. (Mir hat ja ein Vorgesetzer schon mal gesagt, ich wäre zu lösungsorientiert, ich müsste problemorientierter denken. :wink:)

Mich nervt dieses immer gleiche Rechte Gefasel der AfD ja auch, vor allem da es nie um Lösungen geht, sondern nur um Spaltung und Hass.
Und allen Versuchen, unsere Demokratie zu zerstören und durch eine rechte „Führerdiktatur“ zu ersetzen, müssen wir entschieden entgegentreten. Wie auch allen Versuchen, einen Kommunismus/Sozialismus, eine Anarchie oder einen wie auch immer religiös gearteten Gottesstaat zu errichten.

Nur bei dem „entschieden entgegentreten“ hab ich noch Fragezeichen.

Offenbar reicht uns in Deutschland der Grad der Verfassungsfeindlichkeit der AfD für ein Verbot nicht aus. Sehr ungesunde Hängepartie.

Argumentativ scheinen wir auch keine überzeugenden Lösungen anbieten zu können, um die Unzufriedenen im demokratischen Spektrum zu halten.

So das rechte Kampagnen, die ja auch keine Lösungen bieten, sondern maximal Stillstand und Rückschritt anbieten, auf fruchtbaren Boden fallen.

Also ich habe eher das Gefühl das wir mit der AfD ein Symptom bekämpfen, aber keine Ursachen.

Das man eine Frau Weidel versucht, im Interview lautstark zu stören, kann ich zwar verstehen, aber zu was führt uns das?
Das beim Sommerinterview mit Frau Reichinnek die Junge Union mit einer Blaskapelle Radau macht? Bei den Grünen dann die Autolobby Sportwagen aufheulen lässt?

Ich hab dann oft das Bild dieses kleines Kindes im Kopf, welches die Augen fest zudrückt, die Ohren zuhält und laut „Lalala“ singt, um Unangenehmes auszublenden.

Hat was von Hilflosigkeit. Das finde ich bedenklich.

Aber vielleicht denke ich da tatsächlich zu pragmatisch.

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Man ist im konkreten Fall ja der Entscheidung der ÖRR hilflos ausgeliefert, Neo-Nazis wie normale Politiker zu behandeln.

Wenn die keiner mehr wählt, kann die ihre Propaganda den ganzen Tag erzählen oder ein Buch schreiben, oder was auch immer. Aber hier gehts nicht drum, dass sie das nicht sagen können soll, sondern dass Die Verantwortlichen in der Redaktion nicht so tun sollen, als wäre sie keine Repräsentantin des Rechtsextremismus. Muss man sich nur kurz fragen, ob did ARD ein ganz normales Sommerinterview mit einer islamistischen Partei führen würde.
Wer sich eine inhaltliche Auseinandersetzung wünscht, könnte die leicht führen, bspw. Darüber, dass Weidel keine rechtsstaatlichen, letztinstanzlichen Urteile akzeptieren will. Aber es gibt stattdessen eine Diskussion über die angebliche Hilfe des Protests für die AfD. Klar. Weil da Leute schreien, wählt man die Rechtsextremisten… das ist in Wahrheit eine Ausweichstrategie, weil man nicht hören will, dass die Mitte-Studien und die Geschichtsbücher immer Recht hatten, dass es einen nicht kleinen, stabilen Anteil der Bevölkerung gibt, für den Rechtsextremismus eine Wahlalternative darstellt, dem man schlicht diese Möglichkeit verbieten muss.

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Sieh’s mal so: Die Spaltung der Gesellschaft in Dazugehörende und ‚Fremde‘ ist für Rassisten die Lösung.

Zmiegrod greift im Suhrkamp-Interview immer wieder auf die Vorurteilsforschung (bei Kindern) von Else Frenkel-Brunswik zurück.

In der Wikipedia steht über ihr Werk:

In ihren sozialpsychologischen Studien hat Frenkel-Brunswik eine typische Eigenschaft hervorgehoben: die Intoleranz der Ambiguität (Ambiguitätstoleranz). Damit ist das Nicht-Ertragen-Können von Mehrdeutigkeit gemeint. Einige Menschen können mehrdeutige und gegensätzliche Sachverhalte nicht ertragen und sie sind unfähig, sich in die Sichtweise anderer Menschen im Sinne eines Perspektivenwechsels hineinzuversetzen. Es herrscht dann eine starre, unflexible, zwanghafte Haltung vor; Zwischentöne und komplexe Sachverhalte irritieren und werden abgelehnt. Diese Abwehrtendenz ist eng verwandt mit der negativen Einstellung gegenüber „Andersartigem“, mit Autoritarismus und Ethnozentrismus, d. h. der Ablehnung des (kulturell) Fremden.

Frenkel-Brunswik lieferte auch die empirische Grundlage zur Studie The Authoritarian Personality:

Die autoritäre Persönlichkeit sagt im Grunde nur aus, wie wahrscheinlich es für einen Menschen ist, faschistisch zu sein oder zu handeln. Dazu wurde von Frenkel-Brunswik und Kollegen die Faschismus-Skala (F-Skala) entwickelt, die unter anderem die oben genannten Eigenschaften erfassen soll. Spannend war, dass sie dabei weitere Zusammenhänge entdeckten. Sie postulierten, dass Menschen, die hohe Werte auf der F-Skala erhielten (hoher Faschismus), auch folgende Eigenschaften zeigten: Feindseligkeit, Machtorientierung, Externalisierung, Rigidität und Intoleranz gegenüber Mehrdeutigkeit.

Für so denkende Menschen sind Eindeutigkeit und Trennung anzustrebende Ziele.

Dass das in einer komplexen, vieldeutigen Gesellschaft/Welt nicht geht, ist zwar unmittelbar einsichtig, aber die Rechten versprechen es trotzdem (implizit). „Deutschland. Aber normal“, um mal einen Wahlwerbespruch der AgD aufzugreifen.

Authoritarians look out at society and want to minimize difference in all its forms: racial, moral, political. They seek to establish and defend certain institutions, policies, customs and norms, all of which have the effect of reducing the diversity of people, beliefs and behaviours with which we are confronted.

Rechte Kampagnen, so könnte man schlussfolgern, bieten deshalb ‚Lösungen‘ für entsprechend gesinnte Leute an, weil sie eine Vereinfachung der Welt versprechen.

Need for closure bezeichnet in der Psychologie das Bedürfnis eines Menschen nach Abschluss von Handlungen und Ereignissen, aber auch das Bedürfnis von Menschen, auf ihre Fragen klare Antworten zu erhalten bzw. eine Aversion gegen Ambiguität zu entwickeln. […]

Ein Mensch mit einem solch hohen Bedürfnis nach Abgeschlossenheit bevorzugt in seinem Leben Ordnung und Voraussehbarkeit, und kann auch schlecht mit Ungleichgewicht umgehen.

Rechte Kampagnen suggerieren einfache Antworten. Das scheint mir ein wesentlicher Grund, warum sie bei bestimmten Leuten so erfolgreich sind.

Wir sollten uns bewusst sein, dass eine rechtengerechte Welt nur unter Preisgabe realer Vielfalt zu haben wäre.

Ein weiterer Punkt wäre noch die Ablehnung von der Veränderung (des Gewohnten). Solche Verunsicherung wollen Rechte unbedingt vermeiden. Sie versprechen daher, dass alles so bleiben könnte, wie’s angeblich schon immer war.

Deshalb wohl auch das Leugnen oder Verharmlosen der Klimakrise. Wenn man sich selbst erfolgreich vorgaukeln kann, dass nichts Gravierendes passieren wird, entfällt die Veränderungszumutung.

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Das ist auch nicht „unsere Aufgabe“. Es wäre deren Aufgabe, demokratisch zu bleiben. Das wollen die schlicht nicht. Anders als andere Gruppen, die mit besseren Argumenten unzufrieden sein dürften (Arme, Klimaschützer etc.), sind die Wähler der AfD eben bereit, ihre Ziele auf Kosten der Demokratie zu erreichen. Das liegt an denen, nicht an den Demokraten. Wenn hier jemand seine Frau ermordet ist ja auch nicht das Problem, dass ihm niemand friedliche, für ihn überzeugende Lösungen angeboten hat.
Man sollte sich fragen, ob Appeasement gegenüber den Demokratiefeinden nicht die falsche Strategie belohnt, während man die über 1.5 millionen Demonstrierenden von Anfang des Jahres ignoriert, weil die eben nicht bereit sind, dann einen Bürgerkrieg vom Zaun zu brechen oder Extremisten zu wählen.

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Ich denke, es ist eine interessante „Behäbigkeit“. Die, die da als „Störer“ aufgetreten sind, waren ja auch nicht die Jusos. Nicht Die Linke hat als vehementester AfD Gegner im Bundestag die Aktion organisiert sondern ein aktivistisches Künstlerkollektiv und die Omas gegen Rechts (so die Zeitung?). Damit wollten sie ja quasi das Fehlen der direkten, politischen Konfrontation einforderen. Die öffentliche Wahrnehmung hat es nur automatisch aus dem künstlerischen/aktivistischen Bereich ins politische verschoben.

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Mal anders gefragt.

Die AfD hat nun rund 20-25% der Wähler bei sich. Sind ein paar Millionen Menschen.

Nun wird die AfD verboten.

Was passiert dann mit deren Wählern? Sind die dann weg? Sitzen die dann alle politisch passiv als frustrierte Nichtwähler zuhause auf der Couch?
Wandern die politisch interessierten dann zurück zu CDU, SPD, BSW, Grüne und Linke und sind wieder überzeugt von der Demokratie?
Oder Unterwandern diese dann ggf. die CDU und ziehen diese ins rechte Lager, bis auch diese Partei irgendwann als gesichert rechtsextrem gilt?

Ich denke, alle aus Deutschland rausschmeissen wird schwierig, Wahlrecht entziehen dann auch.

Also muss man sich zumindest kurz überlegen, was kommt nach einem AfD Verbot und wie geht man mit dieser Wählergruppe um?

Rechte Kampagnen können die ganz entrückten Rechten ja trotzdem weiter betreiben…