Brakemeiers Grundthese überzeugt: Politik sollte Psychologie ernster nehmen. Meine Kritik gilt nicht der Psychologie im politischen Raum, sondern der Art ihrer Anwendung. Im Interview werden politische Konflikte überwiegend als Kommunikations- und Emotionsprobleme behandelt; Interessen, Macht und Verteilungsfragen treten in den Hintergrund. Das Muster: Lehnen Menschen Maßnahmen ab, wird gefragt, wie man besser kommuniziert und nicht, ob die Lasten gerecht verteilt sind.
1. Kontrollierbarkeit zuerst
Ein Grundsatz der klinischen Psychologie: Die Bewältigungsstrategie richtet sich nach der Kontrollierbarkeit des Stressors. Ist er veränderbar, hat problemorientiertes Handeln Vorrang; Emotionsregulation kann unterstützen, nicht ersetzen. Politische Entscheidungen sind keine Naturereignisse, sie sind demokratisch veränderbar. Wer auf dem Bahngleis steht, während ein Zug naht, sollte nicht ausschließlich seine Angst regulieren: Die Angst signalisiert, den Stressor zu verlassen. Brakemeier setzt aber die Prämisse, man könne „systemisch erst mal nicht viel verändern“, an die Stelle der Prüfung, die den diagnostischen Kern ihrer eigenen Profession bildet.
2. „Aktiv werden“ bleibt unpolitisch
Sie benennt die Unterscheidung selbst (Was kann ich ändern? Wo werde ich aktiv?), füllt „aktiv werden“ dann aber fast nur mit Lebensstil: weniger Fleisch, Zug statt Flug, Wärmepumpe, Vorbild sein. Demonstrationen, Verbandsarbeit, Klagen kommen kaum vor. Fridays for Future erscheint als Mittel, mit der Angst „nicht mehr allein“ zu sein und nicht als Instrument, den Zug zu stoppen. So wird Aktivismus auf Emotionsregulation reduziert und der Austausch über Ängste therapeutisch stillgestellt, obwohl er historisch der Anfang kollektiver Veränderung ist.
3. Zuhören ersetzt keine Antwort
Der Zuspitzung „einfach mal die Fresse halten und zuhören“ stimmt sie zu („Absolut, ja“). Zuhören und Validieren sind wichtig, ersetzen aber keine Entscheidung. Containment stammt zudem aus einem asymmetrischen Verhältnis: Ein Therapeut hält Belastungen für jemanden aus, der die Rahmenbedingungen kaum beeinflussen kann. Politik ist anders positioniert: Sie hat den Stressor oft selbst geschaffen und könnte ihn ändern. Wer verursacht und dann als Anbieter emotionaler Bewältigung auftritt, wird zum Therapeuten seiner eigenen Betroffenen. Bezeichnend: Sie liefert die Diagnose selbst – bei tiefem Nachfragen gehe es meist um Grundbedürfnisse. Die Konsequenz wäre, Grundbedürfnisse zu sichern, nicht Ängste zu containen. Diesen Schritt geht sie nicht.
4. Akzeptanzsteuerung statt Debatte
Die Frage „Wie bewegt man Menschen, Opfer zu bringen?“ setzt voraus, dass die Maßnahmen richtig sind. Ob Opfer nötig, gerecht verteilt oder alternativlos sind, bleibt ausgeblendet. Wer die Chancen erhält und wer die Opfer trägt, wird nicht gefragt. Fallen beide auseinander, ist Widerstand keine kommunikative Fehlleistung, sondern eine nachvollziehbare Reaktion auf ungleiche Verteilung.
5. Interessen statt Missverständnisse
Widerstand wird als „objektiv irrational“ gerahmt (E-Autos seien billiger und angenehmer) – das übersieht, dass viele sich gar kein Auto leisten können. Wer in der Auto- oder Fleischindustrie arbeitet, dem droht durch die empfohlene Verhaltensänderung der Arbeitsplatz, während zugleich die Sicherungsnetze schrumpfen. Kommunikation kann Interessenkonflikte erklären oder überdecken, aber nicht auflösen. Auch die Beispiele tragen eine Klassenperspektive: Nachbar mit Wärmepumpe (setzt Eigentum voraus), Zugurlaub nach Skandinavien – laut Statistischem Bundesamt konnte sich 2025 jede fünfte Person keine Urlaubswoche leisten. Ein Gespräch, das vor Othering warnt, nutzt Beispiele, die nur für einen Teil der Angesprochenen erreichbar sind.
6. Gefahr der Depolitisierung
Ich unterstelle keine Absicht. Aber wenn gesellschaftliche Konflikte als individuelle Belastungen behandelt werden, verschiebt sich ihre Bearbeitung vom politischen in den therapeutischen Raum. Aus dem Bürger, der Veränderung anstrebt, wird ein Mensch, der lernen soll, seine Gefühle zu regulieren. Summiert über viele Behandlungen kann das genau die Koordination schwächen, die Veränderung erst ermöglicht.
Fazit
Brakemeier argumentiert psychologisch oft überzeugend. Problematisch ist der Anwendungsbereich: Modelle für unkontrollierbare Belastungen passen nicht ohne Weiteres auf veränderbare politische Konflikte. Die negative Emotion ist selten das Problem, sie ist die Warnleuchte. Wer sie abklebt, statt in die Werkstatt zu fahren, hat sich kurzfristig beruhigt; das Problem bleibt. Die eigentliche Frage lautet nicht, ob Psychologie in der Politik eine Rolle spielen soll, sondern wozu: um Bürger an Entscheidungen zu gewöhnen, oder um Politik an den Bedürfnissen und Einflussmöglichkeiten der Bürger auszurichten.





