Ich denke es ist Zeit hier etwas mehr Klarheit herzustellen:
Differenziertes Denken ist nicht mir kognitiver Komplexität gleichzusetzen. Bei kognitiver Komplexität geht es um die Struktur des Denkens: Wie viele Unterscheidungen (Dimensionen) kann eine Person treffen und wie gut kann sie diese miteinander verknüpfen, um ein ganzheitliches Bild zu erzeugen. Differenziertes Denken ist eher eine Fähigkeit oder ein spezifischer Prozess innerhalb dieser Struktur.
Für diesen Diskurs sehe ich vor allem die kognitiver Komplexität relevant, da es hier um Propaganda geht.
In vielen Beiträgen funktioniert die „Beweiskette“ dann (vereinfacht) in etwa so:
Höher gebildete, häufig auch als Akademiker bezeichnet, sind kognitiv Leistungsfähiger, denken daher differenzierter und wählen darum eher Links.
Das ist so und ähnlich, schlicht unzutreffend.
Es besteht zwar eine starke positive Korrelation zwischen dem allgemeinen Intelligenzfaktor und dem Abschluss eines Studiums. Und sicher gibt es eine Wechselwirkung aus höher Bildung und differenziertem Denken sowie kognitiver Komplexität. Die Forschung zeigt aber klar, dass der universitäre Prozess selbst einen massiven, eigenständigen Beitrag leistet.
Studien zur Erwachsenenentwicklung (z. B. von William Perry oder Robert Kegan) zeigen nämlich, dass das Universitätsstudium die kognitive Komplexität signifikant steigert, unabhängig vom Startniveau. Universitäten zwingen dazu, von zweigliedrigem Denken (richtig/falsch) zu multiperspektivischem Denken überzugehen. Man lernt, Unsicherheit zu tolerieren, widersprüchliche Theorien gleichzeitig zu betrachten und Probleme kontextbezogen zu lösen.
Die Art der Aufgabenstellung (Forschungsarbeiten, kritische Analyse, Abwägung von Evidenz) trainiert spezifische neuronale Netzwerke für komplexes Denken.
Ein Vergleich von Studierenden über die Zeit zeigt oft eine Zunahme dieser Fähigkeiten, die über das hinausgeht, was allein durch die ursprüngliche Intelligenz erklärbar wäre.
Man könnte zusammenfassen: Die Intelligenz ist das genetische Potenzial (die Grundausstattung des Muskels), Das Studium ist das intensive Krafttraining.
Jemand mit enormem Potenzial, der nie trainiert (kein Studium), erreicht oft weniger komplexe Denkniveaus als jemand mit durchschnittlicher Intelligenz, der jahrelang in einem anspruchsvollen akademischen Umfeld „trainiert" hat. Die kognitive Komplexität von Akademikern ist also zu einem großen Teil das Produkt der akademischen Sozialisation und Ausbildung, nicht nur ein Abbild ihrer ursprünglichen Intelligenz.
Der Pool der Akademiker ist auf ca. 24% bis 27% der erwerbsfähigen Bevölkerung (Altersgruppe 25–64 Jahre), begrenzt. Damit also immer weniger Rechtsradikal gewählt wird, muss das Training auch außerhalb von Hochschulen und so früh wie möglich statt finden.