Nö, ich will die Schuldfrage nicht anhand der Historie klären, denn die Historie zeigt mir vor allem eines: Wie ambivalent die Rollen beider Seiten in dem Konflikt sind. Es geht gerade darum, zu zeigen, dass es hier keinen „Schuldigen“ und „Unschuldigen“ gibt, sondern es sich um einen Konflikt handelt, der mindestens seit Jahrhunderten schwelt und mindestens seit 100 Jahren richtig massiv brennt.
Es ist ein wenig wie mit der Deutsch-Französischen Geschichte. Auch da wird man nie sagen können, wer an all den 30, 100 oder was-weiß-ich-wieviel-jährigen Kriegen Schuld hatte. Wichtig ist aber, heute zu sehen, dass es falsch von beiden Seiten war, diesen Krieg immer und immer weiter zu führen. Wichtig ist zu sehen, dass es irgendwann trotz jahrhundertelanger Feindschaft möglich wurde, zu friedlichen Nachbarn zu werden.
Ich weise daher auf die Geschichte des Konfliktes hin, um einseitige Narrative, nach denen eine Seite „im Recht“ sei, zurückzuweisen. Das entspricht einfach nicht der Realität dieses Konfliktes und generell keines derart langen Konfliktes.
Wie haben es Deutschland und Frankreich geschafft, zu einer friedlichen Koexistenz zu kommen? Meines Erachtens war das nur durch den Wiederaufbau Deutschlands und Frankreichs nach dem zweiten Weltkrieg möglich - ein Wiederaufbau, der dazu führte, dass es den Menschen in beiden Ländern verhältnismäßig gut ging und daher der historische Revanchismus weniger Zulauf hatte. Und dahin kommen wir in Israel nur, wenn beide Seiten des Konfliktes auf ein zivilisatorisches Level gehoben werden, indem es beiden Völkers gut geht. So lange die Armut in den palästinensischen Gebieten herrscht und Israel im Wohlstand lebt werden es palästinensische Scharfmacher leicht haben, den dortigen Revanchismus zu pflegen.
Und ja, das bedeutet, dass die Hamas entmachtet werden muss. Aber das geht nur durch internationale Truppen, eine „wohlwollende Besatzung“, die Israel alleine auf Grund der Feindschaft nicht leisten kann. Daher richtet sich mein Appell an drei Seiten:
An die Palästinenser, dass sie aufhören müssen, Extremisten zu unterstützen.
An Israel, dass es aufhören muss, illegale Siedlungen zu fördern und eine Politik zu betreiben, nach denen die Palästinenser in bitterer Armut leben müssen.
An die Weltgemeinschaft, Verantwortung zu übernehmen und angemessene Schutztruppen aufzustellen, um einen richtigen Wiederaufbau und ein Erblühen des Gaza-Streifens und des Westjordanlandes zu ermöglichen.
Jeder Kommentar, der einfach nur in die Richtung „Die Hamas ist Schuld und muss ausgelöscht werden, dann wird alles gut!“ geht verkennt die Realitäten diesen Konfliktes vollständig. Würde die Hamas heute aufhören zu existieren, wäre es bei unveränderten Rahmenbedingungen nur eine Frage von Wochen, bis die nächste Extremisten-Gruppe sich bildet.