Neupositionierung zur rechtsradikalen AfD?

Noch bevor in Erfurt Anfang Juli beim AfD-Bundesparteitag 100 Jahre nach dem NSDAP-Parteitag im benachbarten Weimar, der als Wendepunkt für den Aufstieg der Nationalsozialist:innen in der Weimarer Republik gilt, große zivilgesellschaftliche Proteste stattfinden werden, geben sich inzwischen auch diverse SPD-Altpolitiker gedanklichen Lockerungsübungen hin.

Erst forderte der Ex-Ministerpräsident Torsten Albig, die Brandmauer einzureißen, dann machte Ex-Finanzminister Peer Steinbrück den Vorschlag, die AfD „mit roten Linien zu »entradikalisieren«“.

Steinbrück bezog sich mit seinem Vorschlag auf Ideen des Historikers Andreas Rödder, einst Vorsitzender der CDU-Grundwertekommission, zum Umgang mit der AfD. Dieser hatte für eine »konditionierte Gesprächsbereitschaft diesseits der Brandmauer« plädiert. Wenn »die AfD rote Linien einhält und sich klar von rechtsextremen Positionen und Figuren abgrenzt«, sei es einen Versuch wert, das Gespräch zu suchen, sagte Rödder im vergangenen Jahr dem Stern.

Im September stehen gleich zwei AfD-Erfolge an, zuerst in Sachsen-Anhalt, wo am 6. September gewählt werden wird, dann in Mecklenburg-Vorpommern, wo zwei Wochen später gewählt werden wird.

In Sachsen-Anhalt, wo zuerst der Landesverband der AfD als gesichert rechtsextremistische Bestrebung eingestuft wurde, steht auch die bislang regierende CDU besonders weit rechts.

Schon vor sieben Jahren wollten die damaligen Vizefraktionsvorsitzenden Ulrich Thomas und Lars-Jörn Zimmer das Kooperationsverbot kippen:

Nun wanzt sich der aktuelle Fraktionschef Guido Heuer an die AfD ran (mit Dank an @Mats_94 für die Quelle):

Eine sehr breit angelegte Studie (s. hier) zeigt, dass Kooperationen kontraproduktiv sind.

Nun besteht aber die konkrete Gefahr, dass es auf die eine oder andere Weise dazu kommt.

Option 1: Die AfD bekommt in Sachsen-Anhalt eine Parlamentsmehrheit. Dann wäre die CDU zwar formal aus dem Schneider, sich verhalten zu müssen. Trotzdem könnte es dazu kommen, dass in ostdeutschen Landesverbänden verstärkt über ein Kippen der Brandmauer (auf Landesebene?) diskutiert wird.

Option 2: Es kommt zu Überläufern im Sinne von Austritten aus der CDU-Fraktion, die dann eine AfD-Regierung (vielleicht auch nur fallweise) unterstützen. Dann wäre zunächst die Frage, wie groß der sich offenbarende Riss ist. Drei Leute, die mutmaßlich schon als Mehrheitsbeschaffer ausreichen (wenn die Grünen nicht ins Parlament kommen), kann man vielleicht noch irgendwie wegmoderieren. Aber nehmen wir mal acht an. Acht, die aufbegehren. Das wäre dann schon ein gutes Drittel der mutmaßlichen Fraktion. Im einen wie im anderen Fall könnte es mit unterschiedlicher Wahrscheinlichkeit dazu kommen, dass (informell) die Sprachregelung getroffen wird, dass man das Verhältnis zur AfD neu justieren müsse, zumindest im Osten. Die Wahl in Mecklenburg-Vorpommern wird man m.E. höchstwahrscheinlich noch abwarten. Aber den Schwung werden die CDU-Rechten natürlich nutzen wollen, bevor im April dann u.a. in NRW und Schleswig-Holstein gewählt wird.

Option 3: Es reicht für eine Parlamentsmehrheit jenseits der AfD und die AfD-affinen CDU-Rechten trauen sich zunächst nicht aus der Deckung. Dann könnten die, falls es zu Koalitionsverhandlungen käme, diese von innen heraus sabotieren, um zu zeigen, dass mit der SPD kein Staat zu machen ist, um dann beim Scheitern andere Optionen einzubringen. Mit der Linken werden m.E. ohnehin keine Koalitionsgespräche geführt werden. Ich tippe eher auf Schwarz-Rot als Minderheitsregierung und Tolerierung durch die Linke (und ggf. die Grünen). Auch dies könnte letztlich der Kurswechsel-Diskussion in der CDU/CSU mächtig Auftrieb geben.

M.E. wird sich innerhalb des Fensters der Gelegenheit zwischen Ende September und vielleicht Januar entscheiden, ob und wie sich die Haltung zur rechtsradikalen AfD verändern wird.

Die massiven Lockerungsübungen sind nur ein Indiz dafür.

M.M.n. Anlass genug, sich Sorgen zu machen, auch wenn es - wovon auch ich nicht ausgehe - mittelfristig zu keiner Koalition mit den Rechtsradikalen kommt.

In Frankreich sind die so genannten ‚Konservativen‘ schon einen Schritt weiter.

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Ich bin leider kein Optimist, was die Chancen von Sven Schulze zur Wahl als MP abgeht. Die AfD kann sich dumm anstellen wie sie will, die allgemeine Unzufriedenheit mit der Bundesregierung überdeckt alles. Meine pessimistische Progrnose: die AfD wird aus eigener Kraft de ersten blauen MP stellen und tut der CDU damit (erstmal) einen Gefallen, da sie nicht im Moment der Wahrheit bekennen müssen. Denn da, so fürchte ist, sind die von Dir aufgezeigten Szenarien so unberechenbar wie die Ziehung der Lottozahlen und hätten auch die größte Auswirkung auf die Bundespolitik. Spekulieren wir mal: die AfD schafft es nicht aus eigener Kraft, es gibt Umfaller, keiner weiß, wer es gewesen ist, der Verdacht liegt nahe, dass es Abgeordnete aus der CDU sein werden. Für die AfD ein voller Erfolg, aber ein Desaster für den Kanzler, der damit schwer beschädigt wird. Schlimmer noch, wenn die SPD dann nicht von alleine aus der Koalition aussteigt, dann hat sie auch zukünftig nichts mehr auf der politischen Bühne zu suchen. Was folgt wären Neuwahlen kurz vor Weihnachten, hurra, und der Weihnachstmann bringt Päckchen mit blauem Schleifenband.
Ich bin mir nur nicht so sicher, ob es selbst mit mahnenden Stimmen aus der CDU-Bundesspitze verhindert werden kann. So blöd es auch klingt, ich drücke der CDU die Daumen, dass es die AfD aus eigener Kraft schafft.

Die Abtrünnigen aus der CDU werden sich ja dann wohl (früher oder später) zu erkennen geben, denke ich.

Allein schon, um die Diskussion für eine Öffnung hin zur AfD in ihrem Sinne voranzutreiben.

Nur wenn das BSW, das ja schon angekündigt hat, mit der AfD zusammenzuarbeiten, in den Landtag käme, wäre die CDU u.U. aus dem Schneider.

Das sehe ich genauso. CDU-Abgeordnete werden ja gerne als Opportunisten der Macht hingestellt, aber ich glaube, in deren Reihen gibt es auch eine ganze Reihe Überzeugungstäter - und die stehen manchmal eben auch weit rechts, wie die o.g. Beispiele veranschaulichen.

Das sehe ich anders. Kurz gesagt, verstärkt es nämlich auf gefährliche und m.E. sogar weit über Sachsen-Anhalt hinausgehende Weise die Normalisierung der Rechtsradikalen - mit mittelfristig höchst problematischen Folgen (u.U. auch den Druck auf die CDU, weiter auf die AfD zuzugehen).

So problematisch es auch ist, aber die AfD hat es geschafft, und ich betone: leider, dass alle wie auf das Kaninchen auf die Schlange starren und ihre eigenen Positionen im Verhältnis zur AfD definieren. Ganz so, als wäre die rechtsradikale Partei das Leitgestirn.

Das alleine ist schon irgendwie bizarr.

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Warum sollte die SPD die Koalition auf der Bundesebene aufkündigen müssen, weil Merz seine Partei im Osten nicht im Griff hat?!? Das wäre - genau aus dem von dir beschriebenen Grund - das Dümmste, was die SPD tun könnte.

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Schon richtig, die SPD wird derzeit kaum von der Fahne gehen.

Die Frage stellt sich aber schon, inwieweit die innere Zerrissenheit der CDU/CSU innerkoalitionär einen Druck aufbauen könnte, der dann irgendwann für die SPD nicht mehr tragbar sein könnte.

Vorboten gibt es m.E. jetzt schon.

Aktuell wissen beide Parteien, dass Neuwahlen sehr zu ihrem Nachteil ausgehen werden.

So lange das der Fall ist, wird keine der Parteien die Regierung verlassen. Die FDP hat damals die Ampel aufgekündigt, weil sie von 6 auf 4% gefallen ist und wohl dachte, dass sie mit dem Bruch der Regierung und einer Verschärfung ihres Profiles wieder über 5% kommen könnte (während sie befürchtet hat, bei regulären Neuwahlen definitiv nicht über 5% zu kommen). So ein Szenario haben wir bei Schwarz-Rot nicht. Beide Parteien wissen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, dass sie bei einem Bruch der Regierung extrem verlieren werden, vor allem dem Bürger keine Neuauflage von Schwarz-Rot verkaufen können. Was wäre also die Machtoption für CDU oder SPD in diesem Szenario? Für die alten Koalitionen (Schwarz-Gelb, Rot-Grün, meinetwegen auch Rot-Rot-Grün) gibt es aktuell nicht mal im Ansatz Mehrheiten.

Die einzige Situation, in der ich die Regierung zerbrechen sehen könnte, wäre das Albtraumszenario, in dem die Union die Brandmauer zur AfD aufkündigt und eine Koalition mit der AfD ernsthaft in Betracht zieht. Da die Union nach allen aktuellen Umfragen dabei aktuell aber der Junior-Partner wäre halte ich auch das für extrem unwahrscheinlich.

Diese Regierung ist wahrhaft eine Schicksalsgemeinschaft - egal, ob sie es mögen oder nicht, sie sind dazu verdammt, den Job zu Ende zu bringen.

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Die eine Zusammenarbeit mit der rechtsradikalen AfD in der CDU Befürwortenden würden es nicht Koalition nennen wollen.
Selbst Steinbrück fabuliert ja von einer konditionierten Kooperation. Das ist schon äußerst bedenklich.

Das macht ein vergleichbares Szenario sicher weniger wahrscheinlich. Ausschließen würde ich es gleichwohl nicht, da die emotionale Befindlichkeit zumindest CDU-Rechte über die Klippe treiben könnte. Nicht, dass ich mir das wünsche.

Jetzt schon gibt es ja allerlei Druck von solchen Rechten auf Merz, endlich mal durchzugreifen. Auch er selbst hat ja schon Unmut über die SPD bekundet. Offen gestanden, traue ich ihm allerlei Unbeherrschtheiten und Kurzschlüsse zu. Es wäre nicht das erste Mal.

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Würde die CDU tatsächlich mit der AfD Zusammenarbeiten und sich über eigene Parteibeschlüsse hinwegsetzen, hätte das wohl einen signifikanten Mitgliederschwund zur Folge, darunter auch etablierte Parteigrössen.

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Das kann man nur hoffen.

Tendenziell stehen die Parteimitglieder aber m.W. eher rechts der offiziellen Parteilinie. Deshalb wäre ich mir nicht so sicher, was die Auswirkungen angeht. Es käme wohl auch darauf an, wie den Mitgliedern eine solche Zusammenarbeit jenseits einer Koalition verkauft werden würde.

Das Personal, das in dem von dir verlinkten Bericht klar Stellung bezieht, ist jetzt auch nicht unbedingt der Mainstream der Partei: Dennis Radtke, vom in der CDU ohnehin marginalisierten Arbeitnehmer:innenflügel, der Hamburger CDU-Vorsitzende Dennis Thering, auch ohne Machtoption aus einem sehr kleinen Landesverband, der - bis auf Ploß - deutlich vom CDU-Mainstream abweicht, Bundesaußenminister Johann Wadephul, ein Fachpolitiker ohne Hausmacht und innenpolitisches Gewicht, und schließlich NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann, ebenfalls vom randständigen Arbeitnehmer:innenflügel.

NRW-Innenminister Herbert Reul ist wohl noch der Einzige, dessen Stimme in der (West-)CDU besonderes Gewicht hat.

Der Druck müsste wohl v.a. von den CDU-Wähler:innen, die mit großer Mehrheit jedwede Zusammenarbeit mit der AfD ablehnen, kommen.

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Der Unvereinbarkeitsbeschluss steht und wird offiziell nicht in Frage gestellt. Eine Kooperation nach der Wahl wird ein Betrug an 50% der CDU Wähler, die konservativ sind aber keine Nazis an der Macht haben wollen. Das wird die CDU in SA zerstören.

Meine Erwartung ist auch eher, dass einzelne CDU-Abgeordnete aus der Partei austreten und sich zu Steigbügelhaltern machen.

Dies würde dann eine breite Diskussion nach sich ziehen.

So könnten auch Entradikalisierungsfantastereien wie die von Rödder und Steinbrück (s.o.) neuen Auftrieb erhalten.

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Rödder ist gefährlich, aber er hat vermutlich richtig erkannt, dass die CDU in Sachsen-Anhalt wohl erodieren wird („Ich bin mir auch nicht ganz sicher, ob die Fraktion der CDU im Landtag Magdeburg das vollständig mitmachen würde. Dann geht jedenfalls die Erosion der CDU nach rechts weiter.“), wenn die AfD erwartungsgemäß nah an der absoluten Parlamentsmehrheit landen wird:

Auch in CDU-assoziierten Netzwerken werden neue Töne angeschlagen:

Im weiteren Verlauf sieht man auch noch, wie der Fraktionschef der CDU Sachsen-Anhalt mit dem AfD-Spitzenkandidaten schäkert.

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Obwohl Bernd Ulrich zuletzt analytisch ein paar Böcke geschossen hat, ist seine Analyse des CDU-nahen FAZ-Milieus diesmal wieder treffend, darin eingestreut:

Es endet Schwarz-Blau.

https://archive.is/HuEsg

Gute Analyse, aber hier zu hoffnungsvoll. Es endet Blau-Schwarz.

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