Mehr Menschen in Arbeit bringen? Ist das grad nötig?

Das wäre die Richtung, in die Diskussion gehen muss.
Denn die Jobs, die keinen direkt ersichtlichen Ertrag für die Wirtschaft bringen, muss ja irgendjemand bezahlen. Und gleiches Gehalt bei weniger Arbeitstagen wäre erst mal eine deftige Gehaltserhöhung, die mit Sicherheit auch nicht ohne Widerstand durchgesetzt werden kann.
Die Frage „Mehr Menschen in Arbeit bringen? Ist das gerade nötig?“ korreliert direkt mit der Frage: "Menschen fürs nicht arbeiten bezahlen: Wollen wir da wirklich hin? Oder sollten wir lieber akzeptieren, dass wir in Zukunft weniger verdienen, dafür alle Arbeit haben?
Gerade internationale Konzerne mit deutschen Zweigniederlassungen werden wenig Interesse haben, unseren Sozialstaat (Erzieher) mitzufinanzieren.

Heißt im Grunde, wir können uns eigentlich unseren Sozialstaat bzw. Jobs die keinen direkten monetären Ertrag erbringen, eigentlich gar nicht leisten?
Weil sowas wie soziale Berufe unproduktiv ist?

Ganz dünnes Eis :wink::wink:

Dazu: wenn wir weniger verdienen müssen, sinken dann auch die Lebenshaltungskosten ?

Dann muss man aber als Gesellschaft mehr Geld für diesen Bereich bereitstellen. Gleiches bei Pflege etc.

Aktuell will man sich ja noch nichtmal so viele Kräfte leisten wie man eigentlich bräuchte.

Eher die Frage, ob wir wollen. Wer die Diskussionen dieses Jahr verfolgt hat, konnte den Eindruck bekommen, dass der Wille eher nicht da ist. Darum wäre es vielleicht mal gut, das in breiter Öffentlichkeit zu thematisieren, damit die Bevölkerung sich mit diesem Problem beschäftigt und die Parteien zwingt, sich dazu zu positionieren.

Was wäre eine konkrete Positionierung?

Zugeben, dass ein Erhalt des Verbrenners/ Kohlestroms die Arbeitsplätze auf lange Sicht nicht erhalten wird und sich der Arbeitsmarkt grundlegend ändern wird. Dann eine Prognose abgeben, wo die Reise hingehen soll/wird und was man als Partei gedenkt, dafür zu tun.

Da liegt das Problem wohl. Auf eine Richtung lässt sich schwer einigen

Die aktuellen Forderungen, mehr Menschen „in Arbeit zu bringen“, haben mit der realen wirtschaftlichen Lage wenig zu tun. Sie werden vor allem von den Unionsparteien vorgetragen und dienen erkennbar dazu, altbekannte Narrative zu reaktivieren und Stimmen (nicht nur) am rechten Rand zu mobilisieren. Schon heute gibt es in Deutschland deutlich mehr Arbeitssuchende als offene Stellen, das Problem ist nicht mangelnder Arbeitswille, sondern mangelnde Nachfrage. Die neoklassische Wirtschaftstheorie zeigt inzwischen offen ihre Kehrseite, die vielen fähigen Ökonomen schon lange bekannt ist: Lohnsenkungen mögen kurzfristig betriebliche Vorteile bringen, sie schwächen aber langfristig die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Was betriebswirtschaftlich vorteilhaft ist funktioniert Volkswirtschaftlich überhaupt nicht. In der BWL sind Arbeitskräfte nur Kosten aber Volkswirtschaftlich sind sie Nachfrage.

Seit der Agenda 2010 wurde das kontinuierliche Nachfrage-Defizit nur dadurch kaschiert, dass das Ausland deutsche Produkte kaufte, während die heimische Bevölkerung real auf Lohn verzichtete und sich immer weniger leisten konnte. Wenn die Nachfrage nach Brötchen beim Bäcker steigen soll, müssen Menschen ordentlich verdienen, nicht noch stärker unter Druck gesetzt werden. Die ständige Berufung auf angeblich „unverzerrte“ Märkte hilft hier nicht weiter. Problematisch ist vielmehr eine Wirtschaftspolitik, die seit Jahrzehnten auf überholte und ausreichenden widerlegte Trickle-down-Erzählungen hereinfällt, die von Lobbys verbreitet wurden und inzwischen selbst von vielen Politikern unhinterfragt geglaubt werden

2 „Gefällt mir“

Das ist so nicht korrekt. Es gibt weiterhin viele offene Stellen. Das zentrale Problem ist kein genereller Nachfragemangel, sondern ein Qualifikations- und Standortmismatch:

Die Reallohnsenkung während der Agenda 2010 traf primär den Niedriglohnsektor. In exportstarken Branchen waren die Löhne stets hoch. Die Exportstärke beruhte auf Produktivität und Technologie, flankiert durch einen zeitweise schwachen Euro. Eine rein binnenwirtschaftliche Nachfragestrategie ist für Deutschland aufgrund seiner offenen Volkswirtschaft nicht tragfähig; dafür wäre ein echter EU-Binnenmarkt erforderlich.

Deutschland hat nie eine klassische Trickle-down-Politik verfolgt. Diese Strategie wurde vor allem in den USA und in Großbritannien angewandt. In Deutschland standen die Arbeitsmarktreformen der Agenda 2010 im Vordergrund, ausgelöst durch rund fünf Millionen Arbeitslose.
Steuerpolitisch zählt Deutschland bei Unternehmensbesteuerung wie auch bei der Belastung hoher Arbeitseinkommen weiterhin zu den oberen Rängen innerhalb der OECD. Von einer systematischen Begünstigung von Kapital oder Spitzeneinkommen kann daher nicht gesprochen werden.
Makroökonomisch muss man nüchtern feststellen: Die Herstellkosten der Produktion sind in Deutschland hoch, während das Produktivitätswachstum schwach und private Investitionen unzureichend sind. In dieser Konstellation führen pauschale Lohnsteigerungen nicht zu nachhaltiger Nachfrage, sondern verschlechtern die Wettbewerbsfähigkeit und dämpfen Investitionen zusätzlich.

Lohnentwicklung folgt Produktivität, nicht umgekehrt. In einer offenen Volkswirtschaft wie Deutschland mit ungünstiger Demografie ist eine rein keynesianische Nachfragestrategie nicht tragfähig

5 „Gefällt mir“

Die Bundesagentur für Arbeit meldet für November 2025, aktuellere Zahlen liegen nicht vor, rund 624.000 offene Stellen, während dem knapp drei Millionen Arbeitslose gegenüberstehen. Hinzu kommen Unterbeschäftigte sowie Personen, die unfreiwillig in Teilzeit arbeiten. Damit ist die Aussage zutreffend, dass es mehr Arbeitssuchende als offene Stellen gibt. Der angeführte „Mismatch“ zwischen Qualifikationen und Stellenanforderungen stellt zwar ein reales Problem dar, ändert jedoch nichts an der grundlegenden Tatsache, dass selbst ohne diesen Effekt insgesamt zu wenige Arbeitsplätze vorhanden sind.

Die Lohnsenkungen im Niedriglohnsektor wurden zudem von Maßnahmen flankiert, die auch die Lohnentwicklung in besser bezahlten Bereichen negativ beeinflusst haben. Historisch betrachtet verlief die Entwicklung von Bruttoinlandsprodukt und Medianlohn in der Nachkriegszeit bis zum Beginn der 1990er Jahre weitgehend parallel; erst danach flachte die Entwicklung der Medianlöhne deutlich ab.

Zwar ist Deutschland eine offene Volkswirtschaft, jedoch können große Teile der inländischen Nachfrage nicht durch das Ausland bedient werden. Dies betrifft insbesondere lokal gebundene Dienstleistungen wie Bäckereien, Friseure, Handwerksbetriebe und vergleichbare Bereiche.

Unstrittig ist, dass sich die Lohnentwicklung langfristig an der Produktivitätsentwicklung orientieren muss. Es wurde jedoch nicht behauptet, dass höhere Löhne automatisch die Produktivität steigern. Vielmehr lässt sich seit Jahrzehnten beobachten, dass die Löhne deutlich langsamer wachsen als die Produktivität. Diese Entkopplung ist eine zentrale Ursache für nachfrageseitige Probleme in der Volkswirtschaft.

Abschließend ist festzuhalten, dass Unternehmenssteuern weltweit in den vergangenen Jahrzehnten fast ausschließlich eine Richtung kannten: nach unten. Der nominale Körperschaftsteuersatz hat sich im Durchschnitt der OECD-Staaten seit Anfang der 1980er Jahre mehr als halbiert. Dieser sogenannte internationale Steuerwettbewerb ist weder eine Naturgewalt noch ökonomisch sinnvoll, sondern wirkt faktisch als Umverteilung zugunsten der obersten Einkommensschichten. Von wenigen Steueroasen abgesehen lassen sich keine belastbaren positiven Effekte dieses Wettbewerbs auf Investitionen, Wachstum oder Beschäftigung nachweisen

2 „Gefällt mir“

Dieses Thema wurde nach 3 Tagen automatisch geschlossen. Es sind keine neuen Antworten mehr erlaubt.

Wenn diese Arbeitslosen dem Staat nix kosten, dann macht es keinen Sinn.
Aber wir haben einen SozialStaat, der die Arbeitslosen finanziell unterstützt. Daher ist es schon hilfreich diese “Kosten” versuchen zu verringern.

Wenn aber diese nötigen Arbeitsplätze nicht da sind? Die Arbeitssuchenden erst qualifiziert werden müssten?

Mit diesem Argument könnte man auch gegen die Schulpflicht wettern.

IMHO ist Bildung in jedem Fall sinnvoll. Bei Kindern und auch bei Erwachsenen. Diese Bildungsausgaben sind echte Investitionen.

1 „Gefällt mir“

Das war mein Gedanke.

Ist es nicht sinnvoller, Menschen wie Bürgergeldempfänger und Arbeitslose bedarfsgerecht erst zu qualifizieren (besonders wenn der Arbeitsmarkt grad eh mau ist), also jetzt Menschen in prekäre Jobs zu drängen (die am ehesten von schneller Entlassung bedroht sind) oder mit dem Argument die Lebensarbeitszeit zu verlängern eigentlich nur die Rente zu kürzen?

Finde die politische Diskussion dazu grad eher am Thema vorbei.

Einerseits zu sagen wir müssen alle mehr arbeiten, wenn Firmen massenhaft Stellen streichen….

Die Frage ist ob das für diese Menschen noch so flächendeckend funktioniert. Für mich muss die Lehre vor allem sein, dass man daran arbeitet zukünftige Generationen weitaus besser zu qualifizieren. Also mehr Geld in Bildung investieren, vor allem auch in die Bildung am unteren Ende. Also deutlich mehr Förderung an Grund- und Mittelschulen.

4 „Gefällt mir“

Absolut. Arbeitslose haben aber schon heute Anspruch auf Weiterbildung/Umschulung durch die Arbeitsagentur. Da sind sicher viele Schrottweiterbildungen dabei, aber wenn man sich selbst kümmert ist schon viel möglich.

Ist das Problem nicht ein anderes? Hier wird, auch von dir, zurecht oft darauf verwiesen, dass Langzeitarbeitslose oft größere Probleme haben als nur fehlende Qualifizierung. Psychische Probleme, fehlende Struktur usw..

Das heißt wir müssten erstmal hier ansetzen. Das ist aber langwierig und schwierig und du kannst die Erfolgschancen ja aus deiner Profession heraus benennen. Schafft man es, dass man Betroffene übers Berufsleben gesehen wieder integriert zu Nettozahlern werden oder ist es wirtschaftlich (nicht moralisch!) vielleicht sogar besser die Leute hängen zu lassen?

Ich habe den Eindruck, wir setzen in Deutschland auf zweiteres.

1 „Gefällt mir“