Das ist auf den ersten Blick korrekt, aber diese Betrachtung verstellt den Blick auf das eigentliche Problem dahinter.
Es gibt bzw gab definitiv eine überhöhte Nachfrage, und zwar nach allem möglichen, angefeuert durch ein Jahrzehnt billiger Kredite. Das geht bei Immobilien los, die teils von vermögenden Menschen gekauft werden, nicht weil man darin wohnen will, sondern weil die Preise immer so schön gestiegen sind, und die man daher nicht mal unbedingt vermieten muss, sondern auch einfach leer stehen lassen kann. Gekauft wird natürlich auf Kredit, ist ja so schön billig, und besichert wird mit den anderen Immobilien, die man schon hat, und deren gestiegenen Werten. Eigenkapital setzt man nicht oder kaum ein, die Opportunitätskosten sind viel höher als der Preis für mehr Kreditgeld. Die im Zuge der Zinserhöhung gestiegenen Kreditkosten haben hier den Markt schon extrem ausgebremst, nachdem spätestens seit 2020 keiner mehr ernsthaft behaupten konnte, dass dieser Markt zuvor noch in rationalen Bahnen verlief.
Weiter geht es mit diversen Luxusgütern - große Swimmingpools im Garten z.B., die sich wie eine Epidemie ausgebreitet haben. Nicht selten finanziert über billige Kredite (ich kenne persönlich einen Fall, in dem das durch einen offenbar „etwas größer“ gewählten Immobilienkredit geschehen ist, wobei schon bei der reinen Immobilie für mich unklar ist, wie die fragliche Person den langfristig bedienen will, da das Einkommen jetzt nicht so besonders üppig ist). Autos konnte man auch wunderbar auf Kredit kaufen, so lange die Zinsen niedrig waren, was zur Folge hat, dass es dann gern mal etwas früher und/oder größer gewählt wird (auch hier kenne ich empirische Beispiele).
In der Geschäftswelt ist die Explosion an Startups mit wagemutigen Business-Modellen, deren langfristige Tragfähigkeit offenbar keine Rolle spielt, die sich aber durch schier unendlich viel verfügbares Venture Capital trotzdem über viele Jahre halten (ohne je nachhaltig profitabel zu werden natürlich) und teilweise sogar im unprofitablen Zustand ihren Börsengang durchführen ein Phänomen der letzten 5 Jahre, und es steht für mich außer Frage, dass auch hier der Grund dafür in der Niedrigzinsphase liegt, die zum Einen durch steigende Assetpreise den VCs genug Kapital ins Portemonnaie gespült hat und zum Anderen den Anlagedruck und Hang zu risikoreicheren Anlagen verstärkt hat, da viele weniger risikoreiche Anlageformen mangels Rendite als Möglichkeit für Kapitalgeber ausgefallen sind. Uber, Lyft, WeWork, Gorillas, Flink, die ganzen Kochboxen-Versender, Peloton, eine Unzahl an Food-Startups,… die Liste ist schier endlos. Und diese ganzen Firmen, deren längerfristige Existenz ohne billiges Geld nicht denkbar gewesen wäre, treten ja wiederum als Konsumenten anderswo auf, kaufen Equipment, Dienstleistungen, ziehen Arbeitskraft ab etc., und heizen somit die Nachfrage in Segmenten, in denen Dinge kostendeckend bereitgestellt werden, über das normale Maß hinaus an.
Billiges Geld heizt die Nachfrage durchaus an, und das auch auf breiter Front, also auch in Sektoren, die nicht auf den ersten Blick oft kreditfinanziert werden. Das Problem ist, dass wir seit 10 Jahren billiges Geld haben, das immer noch billiger wurde, so dass wir jetzt unfähig sind, die durch billiges Geld generierte zusätzliche Nachfrage von der Nachfrage, die sich ohne eine immer weiter fortschreitende Zinssenkung ergeben hätte, zu unterscheiden.
Wir hatten nur bislang das Glück, dass in einer Zeit relativer wirtschaftlicher Ruhe durch Automatisierung, Globalisierung und das damit einher gehende Runterfahren von Absicherung gegen Lieferausfälle etc. so enorm viel zusätzliche Produktionskapazität geschaffen werden konnte, dass diese erhöhte Nachfrage nicht schon von sich aus eine Inflation ausgelöst hat. Jetzt bricht uns insbesondere was die Globalisierung angeht einiges an Vorteilen auf der Produktionsseite weg, es wird wieder mehr in Redundanz und Absicherung von Produktionsketten investiert, und das geht nur auf Kosten der Produktivität. Konsequenterweise muss jetzt die Nachfrageseite gedämpft werden, und da wie beschrieben dort einiges an Nachfrage durch die Niedrigzinsen entstanden ist, kann ich der Argumentation, dass eine Leitzinserhöhung ein wichtiger Bestandteil der Gegenmaßnahmen sein muss, durchaus was abgewinnen. Natürlich nicht einziger Bestandteil, es muss auch die Energieversorgung gesichert werden, damit die Energiemärkte sich wieder beruhigen. Aber IMHO kann man nicht einfach auf Nachfrageseite alles weiter laufen lassen wie bisher, denn die produktionseinschränkenden Effekte der teilweisen Deglobalisierung werden selbst bei einer kurz- bis mittelfristigen Lösung der Energieproblematik ein längerfristiger Faktor bleiben.