Gestern bei Lanz (ab 0:30:00 [1]): Stern-Journalist Julius Betschka hat in Halberstadt mit einem CDU-Lokalpolitiker gesprochen, einem Konservativen alter Schule. Die haben Industrie in die Region gebracht, die Flüchtlingsunterkünfte sind fast leer, durch die Innenstadt führt jetzt eine schöne neue Straße. Und dann:
Die ersten Reaktionen darauf waren: … „da haben sie ja für unsere ‚Fachkräfte‘ mal wieder was tolles gemacht, hier in unserer Stadt.“ … Er hat das so als Beispiel genommen, dass viele Menschen überhaupt nicht mehr über Ergebnisse von Politik … reden wollten, sondern es war so eine grundsätzliche Anti-System-Haltung, wo man als … Politiker überhaupt nicht mehr ins Gespräch gekommen ist. … Der Harz, da ist die CDU so konservativ wie nirgendwo sonst in Deutschland, … und die werden dort als Linke beschimpft.
Im Weltbild dieser AfD-Wähler ist eine objektive Verbesserung ihrer Lebensumstände nichts wert, weil davon ja auch Andere profitieren könnten. Dabei ist die Wortwahl ‚Fachkräfte‘ auffällig [2]. Die richtet sich ja nicht nur gegen die Leute an sich, sondern auch gegen die, die das Wort im Ursprungssiinn benutzen und ganz grundsätzlich gegen die, die Sachsen-Anhalt vorrechnen, dass eine alternde und schrumpfende Gesellschaft aus sich selbst heraus einfach nicht mehr genug Leute für eine funktionierende Infrastruktur stellen kann.
Die sehen, dass die Jungen wegziehen, dass Ärzte in Rente gehen und nicht ersetzt werden, das Supermärkte schließen und Busse nicht mehr fahren. So kann es ja nicht weitergehen, aber ändern darf sich auch nichts, weil ihnen die AfD sagt, dass da eh nur „Kopftuchmädchen und Messermänner“ kommen [3]. Da gibts subjektiv keinen guten Ausweg, das erzeugt Wut, aber wenn dann die Politik mal was Positives leistet, greift die kognitive Dissonanz, und der CDU-Mann wird als Linker beschimpft, der das ja nur für die Anderen gemacht hätte: für die Ausländer, oder, genauso schlimm, für die Leute, die Migration nicht ebenso ablehnen wie sie.
[1]
[2] In rechten Kreisen (zum Beispiel Tichys Einblick, Hyperlink spare ich mir) auch gerne im abfälligen Dreiklang „Fachkräfte“, „Goldstücke“ und „Bereicherer“, das ist nicht bloß Fremdenhass, da schwingt immer Hass und Verachtung mit für wahlweise Brüssel oder Berlin, oder die da oben, die Eliten oder das System, die Bezeichnungen sind da ja austauschbar.
[3] Weidel-Einspruch gegen Ordnungsruf mit 549 Stimmen abgelehnt - Deutscher Bundestag