LdN492: Die Protesterzählung nimmt AfD Wählern die Verantwortung ab

Ich fand eure Analyse zur Wahl in Sachsen-Anhalt an einer Stelle zu nachsichtig. Ihr trennt zwischen den ungefähr zehn Prozent, die ihr als überzeugte Rechtsextreme abschreibt, und dem großen Rest, dem ihr im Kern Enttäuschung, Frust und Protest zuschreibt. Genau diese Trennung nimmt den Leuten die Verantwortung ab, die sie tragen müssen.

43,8 Prozent bei einer Wahlbeteiligung von 77,8 Prozent sind kein Aufschrei mehr, das ist eine bewusste Entscheidung. Der Landesverband ist seit 2023 vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft. Das ist keine Zuspitzung von mir, das ist Aktenlage. Wer das wählt, weiß, was er wählt, oder er hat sich bewusst entschieden, es nicht wissen zu wollen. Beides ist eine Verantwortung.

Das Argument, man sei ja nur unzufrieden mit der CDU, überzeugt mich nicht. Niemand wurde gezwungen, Merz zu wählen. Es standen genug demokratische Parteien auf dem Zettel, die andere Wege gehen wollen. Wer sich stattdessen für die Partei entscheidet, deren Programm ausgerechnet den sozial Schwachen am meisten wegnehmen würde, wählt nicht gegen die da oben, sondern gegen sich selbst.

Mein eigentlicher Punkt: Die Protesterzählung ist der Grund, warum es so bequem geworden ist, das offen zuzugeben. Solange in jeder Analyse mitschwingt, dass es ja eigentlich nur Frust ist, kostet dieses Bekenntnis nichts. Genau da müsstet ihr aufhören zu erklären und anfangen zu benennen. Wer eine gesichert rechtsextreme Partei wählt, macht sich deren Ziele zu eigen, ob er sich selbst so nennt oder nicht.

Ich weiß, was jetzt kommt: moralische Zuschreibung drücke die Leute erst recht in die Ecke und mache jede Rückgewinnung unmöglich. Nur haben Jahre der Verständnisrhetorik die AfD hier von gut 20 auf 43,8 Prozent gebracht. Das Argument hat seinen Praxistest hinter sich.

Ich lebe in Sachsen-Anhalt, mitten in dem Land, über das ihr da redet. Ich wünsche mir von euch weniger Verständnis für die Motive und mehr Klarheit über die Folgen.

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Ich versuche mal, mich in das Mindset eines Menschen hineinzuversetzen, für den vor allem eines klar ist: Es muss eine gewaltige Disruption im aktuellen politischen System geben. Ein Mensch also, der gesehen hat, dass egal, ob SPD, CDU, FDP, GRÜNE oder LINKE regieren, sich nichts wirklich elementar geändert hat und jedes Vertrauen in diese Parteien verloren hat. Über diese Menschen reden wir letztlich bei diesem „großen Rest“, der nicht zu den überzeugten Rechtsextremisten gehört.

Welche Alternativen (no pun intended) gab es wirklich für diese Wähler?

Die Parteien, die über die 5%-Hürde kommen, fallen ja alle raus - von denen war man schon enttäuscht, entweder, weil sie im eigenen Bundesland regiert haben, oder in Nachbarbundesländern. Die Parteien, die deutlich unter der 5%-Hürde liegen, fallen ebenfalls raus, weil die sachlich-analytisch betrachtet keine disruptive Macht entfalten können, um tatsächlich etwas zu ändern. Es blieben also nur BSW und AfD für dieses „von den klassischen Parteien zutiefst enttäuschte“ Klientel. Und das BSW ist vor allem mit sich selbst beschäftigt und kaum handlungsfähig.

Vor allem die Tatsache, dass sich bereits Monate vor der Wahl abgezeichnet hat, dass höchstwahrscheinlich keine demokratische Regierung möglich sein wird, verschärft die Situation nochmal deutlich. In keiner Umfrage seit der 2023 gab es eine Mehrheit für eine der „denkbaren/normalen“ Regierungskoalitionen, seit 2023 hätte es immer eine CDU-Regierung mit Beteiligung von Linke und/oder BSW sein müssen, was weder CDU-Wähler noch der Rest wirklich will.

Ich stimme daher absolut zu, dass die AfD keine Lösung ist und gegen diese Partei schon lange hätte ein Verbotsverfahren eingeleitet werden müssen. Aber mit der „es gab genug demokratische Alternativen“-Argumentation macht man es sich auch zu einfach, da es eben gerade an solchen Alternativen wirklich mangelt, u.a. durch die 5%-Hürde, die dazu führt, dass eben nur sehr wenige Parteien wählbar in dem Sinne sind, dass die Stimme auch tatsächlich eine Auswirkung haben wird. Wäre es mir lieber gewesen, die AfD-Wähler hätten ihre Stimmen an Kleinsparteien verschenkt oder die „klassischen“ Parteien gewählt? Klar. Aber rational betrachtet war das für diese Menschen keine Option.

Ich denke weiterhin, dieses Klientel (also die AfD-Wähler, die keine gefestigten Rechtsextremisten sind) will einfach „Änderung um jeden Preis“. Das muss man nicht mögen, aber man sollte versuchen, es zu verstehen. Dabei spielen auch die Medien mit ihrer ganzen Schwarzmalerei eine entscheidende Rolle. Wenn man jeden Tag gespiegelt bekommt, dass alles den Bach runtergeht, wie es leider in den Medien der Fall ist, stärkt man natürlich diese „Änderung um jeden Preis“ bzw. „Wir müssen mal etwas ganz anderes versuchen - und wenn’s nicht klappt, bauen wir danach neu auf…“-Mentalität.

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Genau. Und wenn man verstanden hat, dass diese Leute einfach irgendwas diffuses haben wollen, was ihnen ein gutes Gefühl gibt, ohne dafür selbst wirklich was beitragen zu wollen, auch um den Preis, das Land in die Diktatur zu wählen, dann gibts darauf eine einfache Antwort: Verbotsverfahren. Was sonst will man jemandem anbieten, der (wenn man glauben will, dass diese Leute Rechtsextremisten nur aus einer Art Notwehr, nicht wegen ideologischer Zustimmung wählen) unwillig oder unfähig ist, eigene Interessen überhaupt mal konkret zu definieren und daraus politische Präferenzen abzuleiten?

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In der Folge ist Ulfs These, dass eine Vermögenssteuer/Erbschaftssteuer, die genutzt würde, um die Funktionalität der Kommunen „vor Ort“ zu verbessern, eine Antwort auf das Starke Abschneiden der AfD in Sachsen-Anhalt sein könnte.

Ich teile die Idee, dass ein besser funktionierender Staat notwendig ist, und dass über die Dysfunktionalität des Staats in breiten Teilen der Bevölkerung (auch außerhalb der AfD-Wählerschaft) Frustration herrscht (Stichwort Deutsche Bahn, etc.). Ich denke auch, wie Ulf, dass eine Umverteilung von Oben nach Unten (Vermögenssteuer, Erbschaftssteuer) sinnvoll wäre, um das zu reparieren. Ich glaube aber, dass analytisch noch ein Puzzleteil fehlt, um daraus den Erfolg der AfD in Sachsen-Anhalt abzuleiten.
Denn es ist doch bemerkenswert, dass die Stimmen der Unzufriedenen der AfD zufallen, und gerade nicht der Linkspartei, die ja gerade diese Umverteilung fordert, von der viele in Sachsen-Anhalt (geringe Erbschaften, geringe Vermögen) direkt profitieren würden. Dazu kommt, dass gerade die Linkspartei/PDS die Partei war, die „Ostdeutsche“ mal besonders repräsentiert hatte.

Man muss sich also auch fragen, warum A) die Linkspartei für diese Wähler nicht mehr auf diese Weise funktioniert, und/oder ob nicht B) doch für viele andere Motive ausschlaggebend sind, die AfD zu wählen.

Ich habe keine Antwort darauf, nur verschiedene Hypothesen. Eine ist:

Auch wenn nicht alle AfD-Wähler:innen „Hardcore-Rassisten“ (ein äußerst unscharfer Begriff, den ihr da verwendet habt) sind, so spielt doch Ausländerfeindlichkeit wahrscheinlich eine große Rolle. Viele (denke ich) wollen nicht nur, dass die Zahl der jährlich Zuwandernden zurückgeht, sondern die wollen, dass die Zugewanderten wieder verschwinden. Und das kann man eben nur im „Remigrations“-Versprechen der AfD wählen.

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Die Ausländer- und Migrationsfeindlichkeit ist empirisch noch und nöcher belegt.

Nö. Wahrscheinlicher ist, dass die Antimigrationspolitik von Schwarz-Rot diesen Leuten nicht weit genug geht oder sie sich dadurch in der Wahl der AfD bestätigt sehen.

Zeit+ (basierend auf Studien):

Aus der Berichterstattung über eine weitere Studie:

Etc. pp.

Die Liste ließe sich verlängern.

Zu Ländern wie Sachsen-Anhalt:

91 % der AfD-Wählenden in Sachsen-Anhalt machen sich „große Sorgen, dass mittlerweile so viele fremde Menschen in Deutschland leben“, der höchste Wert von allen (Infratest Dimap).

Das Überfremdungsnarrativ, dass Deutschland gefährlich überfremdet wäre, wird in Sachsen-Anhalt von 64 % aller Bürger:innen geteilt (Sachsen-Anhalt-Monitor 2023).

Justus Bender, auf den ihr euch beruft, ist studierter Geisteswissenschaftler und weder Sozialwissenschaftler noch empirischer Psychologe.

Höre gerade die Folge und bin - sorry, das so sagen zu müssen - geschockt, wie ihr da argumentiert.

AfD-Wählende wollen sogar weniger Umverteilung als FDP-Wählende:

Außerdem:

Die Studie zeigt, dass Wähler, die ein hohes Maß an narzisstischer Rivalität als Persönlichkeitsmerkmal aufweisen, also andere abwerten, um sich selbst aufzuwerten, dazu neigen, rechtsradikale populistische Parteien zu wählen.

https://presse.uni-mainz.de/zusammenhang-zwischen-narzisstischer-persoenlichkeit-und-rechtspopulismus-aufgedeckt/

Eine große europäische Studie von Forschenden der Universität Bielefeld kommt zu folgendem Ergebnis:

Die Ergebnisse bestätigen, dass Personen mit höherer Sozialer Dominanzorientierung (SDO) eher dazu neigen, Einwanderer zu diskriminieren, teils aufgrund stärkerer Vorurteile gegenüber Einwanderern, teils weil sie weniger an Vielfalt glauben.

(Übers. m. DeepL)

Eine große internationale Studie bestätigt:

Die Rolle von Autoritarismus, Sozialer Dominanzorientierung (SDO) und Vorurteilen bei der Vorhersage der Unterstützung für rechtsextreme Kräfte wurde in Europa und den Vereinigten Staaten (USA) untersucht. Eine Metaanalyse zeigt bemerkenswert ähnliche, positive und starke Zusammenhänge zwischen der Unterstützung für rechtsextreme Kräfte und diesen drei Variablen in früheren Studien, die in Europa, im Vereinigten Königreich (UK) und in den Vereinigten Staaten durchgeführt wurden.

(Übers. m. DeepL)

Schon lange weiß man (Pratto et al. 1994):

SDO korrelierte negativ mit Empathie, Toleranz, Gemeinschaftssinn und Altruismus.

(Übers. m. DeepL)

Dass es auch noch wissenschaftliche Befunde zu ‚Opfersensibilität‘, Bedrohungssensitivität, kognitive Flexibilität usw. mit Blick auf die politische Orientierung gibt, sei hier nur am Rande erwähnt.

Schade, ich hatte die Lage immer für einen wissenschaftsorientierten Podcast gehalten.

Cheerio!

PS: Ich akzeptiere die Herabstufung und auch die etwaige Löschung meines Accounts.

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Ohne alliierte Truppen in Berlin ist man sich in Deutschland da nie so sicher :person_shrugging:

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Ja, diese Sprüche stehen natürlich im Vordergrund, aber der Punkt ist doch, dass es den Menschen nicht wirklich um Migration geht, sonst müsste die weitgehende Lösung des „Problems“ durch Union und SPD die Zustimmung zur AfD deutlich senken. Genau das können wir aber nicht beobachten, wie auch der Kollege Bender bei Anne Will ausführlich erläutert hat.

In Wirklichkeit ist der Hass auf Migrantinnen nur ein das Ausdruck der Frustration mit 1000 anderen Themen, und die AfD schafft es leider, diese Frustration auf Migranten zu projizieren.

Bitte lass uns hier nicht wieder eine Diskussion führen, ob es den AfD-Wählern nicht doch im Kern um Migration geht, das hilft einfach niemandem weiter und lenkt von jeder konstruktiven Debatte ab, wie man es schaffen kann, dass die Menschen wieder demokratische Parteien wählen.

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Sowohl im Bund als auch in Landtagen koalieren oft Parteien miteinander oder könnten es, die nicht viel gemeinsam haben. Vielleicht wurde vor allem im Bund dahingehend Fehler gemacht, dass man zu jedem Punkt den Kompromiss finden muss(te). Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn jede Partei 3 Programmpunkte umsetzen darf und für die Punkte ab 4 müssen Kompromisse gefunden werden. Dann hat jede Partei Erfolge zu vermelden, Probleme werden schneller angegangen und zumindest zum Teil gelöst.

Manche Aufgaben wie marode Bahn, Brücken, Straßen zu reparieren brauchen auch einfach Zeit. Die werden nicht von heute auf morgen wieder Instant gesetzt. Vielleicht braucht es genau an dieser Stelle mehr Erklärungen seitens der Politik. Dann weiß man auch woran man ist und welche Timeline es gibt. Die Parteien können auch Erfolgsmeldungen zeigen, selbst wenn sie klein sind. „Im letzten Monat stellten wir bundesweit 10 Brücken fertig. Danke, das ihr es mit eurem Steuergeld ermöglicht habt.“ Dann wissen die Steuerzahler auch direkt wofür ihre Steuern genutzt werden.

Wir brauchen wieder mehr positive Erzählungen und eine Vision sowieso. Hierfür sollten die Bürger eingeladen werden, diese gemeinsame Vision „mitzuschreiben“.

Und zur Sachsen-Anhalt Wahl, mein Gefühl sagt mir, dass die Wähler der afd gerade Distruption möchten und sich in dieser Gemeinschaft auch wohl fühlen.

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Die Frage, warum sie nicht die Linkspartei wählen, ist auch dann noch analytisch gehaltvoll, wenn man nicht über die Ausländerfeindlichkeit der Wähler:innen reden will. Was ist da dein Modell?

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Ganz einfach:
Die LINKE hat sich sowohl in Thüringen als auch im Bund als Staatstragend erwiesen, was ich ihr positiv anrechne (und jeder Demokrat ihr positiv anrechnen sollte). Der AfD-Wähler will aber maximale Disruption, er will gerade keine Partei wählen, die im Zweifel staatstragend agiert, um das System zu erhalten, sondern eine Systemsprenger-Partei. Dahinter steckt dann die Hoffnung, dass das neue System (oder nach deren Scheitern der Wiederaufbau) besser für sie aussieht.

Ich halte es für maximal naiv, um nicht zu sagen dumm und rücksichtslos, Demokratie und Rechtstaat in der bloßen Hoffnung zu gefähren (und plumpen Rassismus und Nationalismus dabei zu tolerieren), dass ein neues gesellschaftliches System mich wirtschaftlich besser stellen würde, aber der durchschnittliche AfD-Wähler scheint da zu einem anderen Ergebnis bei der Abwägung zu kommen. Wenn man das aktuelle System (zu dem auch die LINKE als staatstragende Partei gehört) nur hinreichend ablehnt, erscheint jedes andere System vermutlich als potenziell besser.

Das ist meine Erklärung, warum die Leute nicht die LINKE wählen - sie glauben einfach nicht, dass die LINKE im Zweifel die Disruption bringen würde, die sie sich erhoffen, sondern sich wie in Thüringen oder bei der Kanzler-Wahl eher konstruktiv zeigt, statt den Karren vor die Wand fahren zu lassen. Oder kürzer gesagt: AfD-Wähler wollen die Welt brennen sehen, weil sie sich einbilden, dass danach was besseres wachsen wird. Die LINKE kann ihnen das nicht bieten.

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Ich gehe darin mit das die kaputte Infrastruktur und besonders das nicht kümmern (können) auf kommunaler Ebene der primäre Zulauf für die AfD ist. Aber im Rahmen der Diskussion über das Scheitern der Politik von Merz und der Machtlosigkeit gegenüber der AfD kriege ich dahingehend einen Hals “wo ist den die positive Alternative? Was könnte ich den anstelle wählen?” Ich habe viel mehr das Gefühl es wir haben auch medial die Vernünftigen in der Politik abgekanzelt und Habeck war einer von denen und genauso haben wir die Bedürfnisse der Bevölkerung auf dem Land ignoriert und vergessen. Sich kümmern und vertrauen ist verloren gegangen und wurde durch ein Glaubenssystem/Sektenstruktur der AfD ersetzt, man erreicht die Leute inhaltlich nicht mehr weil Vertrauen weg ist und das Gefühl des Frust alles überlagert, genau das was SocialMedia in der heutigen Form befeuert und verstärkt.

Wir werden nicht um das Verbotsverfahren herumkommen mMn, aber ohne politische Alternativen mit einer politischen Erzählung die nicht nur langweiliges staatstragendes Gewäsch ist, nimmt man die Menschen nicht mit. Vielleicht braucht es einfach eine neue Partei, in Frankreich ist ja Macron genau aus einem ähnlichen Vakuum der etablierten Parteien hochgespült worden, die Bilanz ist ernüchternd aber immerhin demokratisch, und das würde ich mir wünschen

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Würde da auch @Daniel_K in seiner Einschätzung zustimmen.

Wo ich noch Zweifel habe: das ein AfD-Verbot allein alle Probleme löst. Wir haben dann zum Beispiel in Sachsen Anhalt immer noch 44% der Wähler, die eben nicht etablierte Parteien wählen wollen, weil sie kein Vertrauen mehr in diese haben, aus verschiedenen Motiven.
Die gehen ja nicht einfach so zurück zu diesen Parteien, nur weil die AfD weg ist.
Würden diese alle dann nicht mehr wählen gehen, wie legitim ist eine Landesregierung die fast die Hälfte der Wähler quasi ignoriert bzw. ignorieren muss?
Erzeugt das dann nicht noch mehr Unmut und Widerstand? Zumindest in der Gemengelage?

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Etwa so legitim wie die Regierung im Saarland, die bei einer Wahlbeteiligung von 61% und dank 5%-Hürde 22% verschenkter Stimmen auch nur von wenig mehr als 25% der Wahlberechtigten legitimiert ist.

So legitim wie in Bayern. Habe nicht das Gefühl, dass die CSU das jemals gestört hätte. In einer Demokratie ist es normal, dass die Regierung nicht von allen gewählt wurde und manchmal auch, dass sie für die, die sie nicht gewählt haben, auch keine Politik macht. Was bei denen durchaus Frust erzeugen kann.

Dann können wir uns ja entspannt zurücklehnen. Wenn es dieser Person in der AFD-Regierung nicht besser geht, was wahrscheinlich ist, kann sie ja dann frustrierter Nichtwähler werden, wie zuvor schon.
Wer glaubt das ernsthaft? Nein, um Enttäuschung geht es da leider nicht.

Also AfD verbieten, Problem gelöst? :thinking:

Gelöst nicht, nur vertagt bis die nächste rechtsaußen-Partei steht. Man kauft sich Zeit damit, die dann aber auch genutzt werden sollte.

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  1. Ein Verbotsverfahren dauert Jahre, vermutlich deutlich länger als eine Wahlperiode.
  2. Wenn man sich nicht mal auf ein Verbotsverfahren einigen konnte, als die AFD noch eine Partei unter anderen war (sprich so bei 15-20%), wieso sollte es dafür jetzt Mehrheiten geben?
  3. Kann man ernsthaft eine Partei verbieten, die bereits soclhe Stimmanteile hat?
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Gerade dann, denn ab jetzt ist sie wirklich eine direkte Gefahr für die Demokratie. Im Prinzip wurde das als Kriterium beim Bundesverfassungsgericht genannt beim 2. NPD-Verbotsverfahren. Dann zerstreuen sich diese Rechtsextremen und beeinflussten Protestwähler eben wieder auf kleinere Parteien oder werden wieder Nicht-Wähler.

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Wenn uns dieses Intermezzo etwas gelehrt hat, dann, dass ein paar Gedenkorte, kluge Reden und Videos von Guido Knopp nicht ausreichen, um die Erinnerung wach zu halten.
Der Rechtsextremismus ist in den Köpfen und Herzen. Und da kriegen wir ihn nicht raus. Nur weil er im Verborgenen war. Der Kollege oder Kumpel macht gerne mal etwas geschmacklose Witze, da ist er doch nicht gleich rechts, dachten wir. Nein, ist er leider doch.
Coronaproteste haben sie sich finden und zusammenrotten lassen. Plötzlich war die Mitte der Gesellschaft mit ihnen auf der Straße, vereint im Protest, hetzten gegen die Medien, die warnten: „Seht Ihr nicht, wem ihr da eine Bühne bietet?“
Nein, das Kind ist in den Brunnen gefallen. Was viele aber immer noch nicht sehen wollen: wie leicht sie es denen machen, die immer mehr abdriften, sich nicht mal falsch dabei fühlen zu müssen. Im Gegenteil: Du und ich sind es die falsch sind. Wir glauben immer noch, dass die Demokratie es schon richten wird. Da sind die schon längst weiter.

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Danke für die ausführliche Antwort. In einem Punkt gebe ich dir recht: Das war keine Landtagswahl im eigentlichen Sinne. Landesthemen haben kaum eine Rolle gespielt, es ging um einen Denkzettel für Berlin. Das muss man natürlich mitdenken.

Nur ändert das nichts an der Prämisse, sondern verschiebt sie nur eine Ebene nach oben. Auch im Bund stimmt „alles schon probiert“ nicht. Die Grünen haben mitregiert, allerdings nie ohne einen Partner, der genau das blockiert hat, worum es hier geht. Vermögenssteuer, Erbschaftsteuerreform, Übergewinnsteuer, alles an der FDP gescheitert. Die Linke war im Bund noch nie in einer Regierung. Was wir seit Jahrzehnten haben, ist nicht das durchprobierte demokratische Spektrum, sondern immer dieselbe Konstellation mit einem wirtschaftsnahen Vetospieler am Tisch. Wer daraus schließt, es gebe nichts mehr zu wählen, zieht die falsche Bilanz.

Und auf Landesebene kommt dazu: Ein Denkzettel an Berlin trifft Berlin gar nicht. Er trifft Schulen, Polizei, Kitas und Krankenhäuser in Sachsen-Anhalt. Regieren wird hier, wer hier gewählt wurde. Das ist keine folgenlose Protestgeste, das ist eine Landesregierung für die nächsten fünf Jahre.

Deinen Punkt zu den Medien teile ich übrigens, nur mit anderem Vorzeichen. Das beste Beispiel sind die Grünen: Aus einem Vorschlag zur Förderung von Lastenrädern wurde in der öffentlichen Erzählung die Partei, die dir dein Auto wegnimmt. Das stand so nie in einem Programm. Die Erzählung war trotzdem stärker als der Text. Genau deshalb komme ich aber nicht bei „es gab keine Alternative“ heraus, sondern bei: Die Wahlprogramme sind frei zugänglich, sie kosten nichts, man kann sie lesen. Wer das tut, sieht ziemlich schnell, dass ausgerechnet die AfD denen am meisten wegnehmen würde, denen es ohnehin schon schlecht geht. Rente, Sozialstaat, Arbeitnehmerrechte, das steht da alles drin.

Deshalb bleibe ich dabei. Verstehen und Entschuldigen sind zwei verschiedene Dinge, in dieser Debatte verschwimmen sie ständig. „Änderung um jeden Preis“ erklärt ein Motiv, es nimmt niemandem die Entscheidung ab. Wut ist ein Motiv, kein Freifahrtschein. Wer wegen einer verlorenen Datei am Computer die Tastatur zerlegt, hat danach ein Problem mehr und keins weniger. Wir wissen aus der Geschichte, was passiert, wenn Rechtsextreme an die Macht kommen. Dieses Wissen ist frei zugänglich und es gilt auch für Menschen, die enttäuscht und/oder wütend sind.

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