Ich fand eure Analyse zur Wahl in Sachsen-Anhalt an einer Stelle zu nachsichtig. Ihr trennt zwischen den ungefähr zehn Prozent, die ihr als überzeugte Rechtsextreme abschreibt, und dem großen Rest, dem ihr im Kern Enttäuschung, Frust und Protest zuschreibt. Genau diese Trennung nimmt den Leuten die Verantwortung ab, die sie tragen müssen.
43,8 Prozent bei einer Wahlbeteiligung von 77,8 Prozent sind kein Aufschrei mehr, das ist eine bewusste Entscheidung. Der Landesverband ist seit 2023 vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft. Das ist keine Zuspitzung von mir, das ist Aktenlage. Wer das wählt, weiß, was er wählt, oder er hat sich bewusst entschieden, es nicht wissen zu wollen. Beides ist eine Verantwortung.
Das Argument, man sei ja nur unzufrieden mit der CDU, überzeugt mich nicht. Niemand wurde gezwungen, Merz zu wählen. Es standen genug demokratische Parteien auf dem Zettel, die andere Wege gehen wollen. Wer sich stattdessen für die Partei entscheidet, deren Programm ausgerechnet den sozial Schwachen am meisten wegnehmen würde, wählt nicht gegen die da oben, sondern gegen sich selbst.
Mein eigentlicher Punkt: Die Protesterzählung ist der Grund, warum es so bequem geworden ist, das offen zuzugeben. Solange in jeder Analyse mitschwingt, dass es ja eigentlich nur Frust ist, kostet dieses Bekenntnis nichts. Genau da müsstet ihr aufhören zu erklären und anfangen zu benennen. Wer eine gesichert rechtsextreme Partei wählt, macht sich deren Ziele zu eigen, ob er sich selbst so nennt oder nicht.
Ich weiß, was jetzt kommt: moralische Zuschreibung drücke die Leute erst recht in die Ecke und mache jede Rückgewinnung unmöglich. Nur haben Jahre der Verständnisrhetorik die AfD hier von gut 20 auf 43,8 Prozent gebracht. Das Argument hat seinen Praxistest hinter sich.
Ich lebe in Sachsen-Anhalt, mitten in dem Land, über das ihr da redet. Ich wünsche mir von euch weniger Verständnis für die Motive und mehr Klarheit über die Folgen.
