LdN458 - Wieso diskutieren wir so viel über die Wehrpflicht?

Puhh ein absolut emotionales Thema, zudem hier bereits viel geschrieben wurde.

Ich habe den Podcast auch eben gehört und es wühlt mich sehr auf.

Ich bin Anfang 30 und war beim Bund. Ich habe mich freiwillig gemeldet, weil ich Zeit zu überbrücken hatte (es gab noch Wehrpflicht) - würde es wieder machen. Fand es aber nicht geil, die Erfahrungen will ich jedoch nicht missen.

Die Diskussion ist - wie hier bereits öfter geschrieben - völlig irrational. Im Kriegsfall muss quasi jeder ran, ob du willst oder nicht. Die ganze Diskussion zum verweigern halte ich für ein Feigenblatt und zeigt in meinem Empfinden, dass sich viele Leute nichtmal ansatzweise vorstellen können was dann los sein wird und auf was für einem hohen moralischen Ross wir aktuell sitzen (was völlig OK ist, man sollte sich aber bewusst sein, dass das ein absolutes Privileg ist und nicht selbstverständlich).

Ich würde prinzipiell auch am liebsten fliehen - aber wenn DE im Krieg ist, wird die Situation völlig anders sein als bei der Ukraine. Es werden mehr Länder involviert sein und evtl. andere Kriege ausbrechen (zB China / Taiwan, Iran/Israel, Balkan, etc.) - weil die Aufmerksamkeit intervenierender Staaten gesunken ist und die Interessen zB Russlands an einem Krieg im Balkan und/oder Taiwan ebenfalls - es splittet die Verpflichtung der USA und Europas und damit die Kapazitäten. Es stellt uns vor moralische Herausforderungen, das schürt Probleme in der Innenpolitik, etc. D.h. wohin soll man überhaupt fliehen? Es werden viel mehr Flüchtlinge sein. Wer sollte euch/uns aufnehmen? Wir stellen uns das alles so einfach vor. Aber wenn DE im Krieg ist, ist auch Europa und GB im Krieg - bestenfalls die NATO und damit schon ein Haufen Länder die nicht mehr infrage kommen. Evtl. nehmen euch Afrika, ein paar Staaten Südamerikas (obwohl ich da schon zweifeln würde) und wenige Staaten Asiens (die ebenfalls Probleme mit China, Russland und Nordkorea bekommen werden und deswegen kein Interesse an euch). Wenn also fliehen, dann bevor Klar ist, dass es Krieg gibt - wärst du bereit jetzt / nächstes Jahr / übernächstes Jahr zu fliehen? Wir stellen uns das alles so einfach vor…

Die Wehrpflicht heißt nicht, dass man in den Krieg muss. In den Krieg musst du im Zweifel sowieso. Die Wehrpflicht schreckt ab und führt neue Leute in die Bundeswehr, die es eigentlich ganz gut da finden.

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Möglicherweise ist Teil des Problems, warum Rußland überhaupt in die Lage versetzt wird, eine akute militärische Gefahr für Deutschland zu werden, die Tatsache, dass die Bundesrepublik Deutschland aller Warnungen zum Trotz viel zu lange auf vermeintlich billiges (russisches) Gas gesetzt hat und wir heute noch, knapp 4 Jahre nach Beginn des Angriffskriegs auf die Ukraine immer noch jeden Monat mehr Geld an Rußland für dessen Erdgas bezahlen als an die Ukraine für ihre Verteidigung? Da Rußland sein Land auf Kriegswirtschaft umgestellt hat, ist anzunehmen, dass ein Großteil deutscher und europäischer Gelder derzeit dafür verwendet wird, die Ukraine physisch und andere europäische Staaten, also auch uns, hybrid anzugreifen.

Die EU habe das auf dem Schirm und man wird in naher Zukunft an den Punkt kommen, kein Gas mehr aus Rußland beziehen zu müssen. Immerhin.

Um auf Deine Frage zurückzukommen: ja, ich glaube durchaus, dass ein schnelleres Sinken der Emissionen und damit auch ein schnelleres Einstellen der Zahlungen von Deutschland und Europa an Rußland nicht spurlos an der russischen Kriegswirtschaft vorbeiginge und damit dazu beitrüge, das Bedrohungsszenario uns gegenüber abzuschwächen.

Ich glaube auch, dass ein glaubhaftes Einstehen für unsere freiheitlich demokratische Grundordnung von Seiten regierender ehemals großer Volksparteien wesentlich dazu beitrüge, die Menschen in Deutschland mitzunehmen, alle miteinander zu integrieren und zusammen für unsere Werte einzustehen. Unter “glaubhaftem Einstehen” meine ich ein entschiedenes Vorgehen gegen rechts und dazu gehört meiner Meinung nach eben auch der Beginn eines Verbotsverfahrens gegen eine Partei, von der wir mit Brief und Siegel wissen, dass sie zumindest in Teilen rechtsextrem ist und bereits heute zweitstärkste Kraft im Bundestag.

Man sieht das ja auch teilweise an den Kommentaren hier: da gibt es einige, die Sorge haben, sich heute für die Bundeswehr zu melden und morgen in einer Welt aufzuwachen, in der die AfD nochmal stärker geworden ist, noch mehr Sitze im Bundestag hat und / oder mehr oder minder offen mit-regiert. Wie willst Du diese Leute für den Wehrdienst begeistern und damit gegenüber Rußland ein geschlossenes, starkes Auftreten demonstrieren, solange die Bedrohung durch die AfD weiterhin kleingeredet und als “da kümmern wir uns (vielleicht) später drum” abgetan wird?

Da hilft dann auch das Abspielen der Bayernhymne und das Hohelied auf “Heimaterde” und “Vaterland” wenig, wenn in Bayern ca 25 % der Bevölkerung Migrationshintergrund haben und sich die restlichen “Biodeutschen” auch nicht alle davon angesprochen fühlen.

Sehr interessante und überraschend offen-kritische Diskussionsrunde dazu:

https://www.youtube.com/live/xjLpppLEsH0?si=5c3Xd53ql1RIb6bq

Die meisten ü35 Männer haben das schon gemacht.

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Erstmal vielen Dank an alle die hier schreiben und natürlich an alle die diesen tollen Podcast ermöglichen. Ich selbst bin hier das erste Mal im “Talk der Nation”. Die Folge bezüglich des Wehrdienstes hat mich inspiriert hier einen Kommentar zu schreiben. Ich bin Vater von drei Söhnen und schaue sehr skeptisch auf die Entwicklung. Generell teile ich die Meinung, dass es in Deutschland sehr viel gibt wofür es sich zu kämpfen lohnt.

Für mich stellt sich die Frage “Wer kämpft für wen/ für wessen Freiheit”. Deutschland hat es im globalen Vergleich im Punkt Demokratie weit gebracht. Und dennoch gibt es einiges nachzuverhandeln. Gerade was die Ungleichheit in der Gesellschaft betrifft. Nicht nur das Vermögen sondern auch die Freiheit ist ungleich verteilt. Wenn irgendjemand aus meiner Familie aufgefordert wird sein Leben für die errungenen Freiheiten zu lassen würde ich ihm ans Herz legen diese Freiheiten vorab bedingungslos einzufordern. Und selbstverständlich wäre zu erwarten, dass alle kämpfen. Und nicht nur jene die im Leben keine andere Perspektive haben.

Wenn sich diese Bedingungen nicht vorab durchsetzen lassen, würde ich allen meinen drei Söhnen empfehlen die Sachen zu packen und das Land zu verlassen.

Aus meiner Sicht gibt es jetzt die Möglichkeit Demokratie, Gleichheit, Freiheit, Frieden…. neu zu denken und zu verhandeln.

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Von welchen Freiheiten reden wir hier und wer verhandelt die mit wem?
Freiheit, die eigene Meinung zu äußern? Einen Genderstern benutzen zu dürfen? In einem Haus zu wohnen, das mir gehört? In den Teich vom Nachbarn pinkeln zu dürfen? Mit meinem SUV durch die Fußgängerzone fahren zu dürfen oder auch mal mit Vollgas über den Weihnachtsmarkt?
Und was die Ungleichheit betrifft: nicht wenige, darunter auch viele junge Leute, glauben, dass nur Ungleichheit unser Wirtschaftssystem überhaupt möglich macht und Innovation vorantreibt. Nicht jeder würde Gleichheit als ein schützenswertes Konzept erachten. Geht ja schon in der Schule los, dass ein Schüler, der eine bessere Leistung erbracht hat, auch eine bessere Note erwartet. Und auch wie man dort mit Ungleichheit umgeht, ist kein Punkt, den jeder gleich lösen würde: sollte das Kind, dessen Eltern gerade im Scheidungsprozess stehen, mehr Zeit für die Prüfung bekommen, schließlich ist es unverschuldet unkonzentrierter und temporär weniger leistungsfähig.

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Ich stimme dir rundherum zu. Ich werde auch nicht Deutschland verteidigen und will das als Kriegsdiensverweigerer auch nicht. Alle Kriegsdienstverweigerer wollen das offensichtlich ebenfalls nicht. Ich finde es nicht legitim, wenn ältere Menschen, die sowieso nicht von der Wehrpflicht betroffen sind oder die verweigert haben von jungen Menschen fordern, dass sie das freiheitliche System verteidigen. Und es ist doch nicht richtig oder nicht ganz ehrlich zu sagen, man könne ja auch verweigern. Denn die Verweigerer( wie ich oder Ulf und Philip) können Deutschland ja nicht verteidigen. Ich finde deshalb auch, dass die beiden sich verrannt haben mit ihrer Verurteilung des “sich Verpissen”.

Was mich interessiert:

Das man als Kriegsdienstverweigerer dann Deutschland nicht mit der Waffe in der Hand aus Gewissensgründen verteidigen will, ist nachvollziehbar und verlangt ja aktuell auch niemand.

Aber wenn Deutschland tatsächlich in einem Kriegszustand kommt, wäre ein Kriegsdienstverweigerer dennoch bereit, die Gesellschaft in Deutschland durch bestimmte nichtmilitärische Tätigkeiten zu unterstützen? Also von Essensausgaben bis hin zu Kinderbetreuung oder organisatorische Aufgaben.
Oder bedeutet eine Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen, das man beim Thema Krieg ganz raus ist, sich also in keinster Weise beteiligt?

Jetzt ehrlich gefragt, weil ich als ehemaliger Zeitsoldat mir diese Frage nie stellen musste und sie daher nicht beantworten könnte.

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Die Frage stellt sich dann gar nicht, weil er genauso zum Zwangsdienst verpflichtet werden wird. Oder er „verpisst“ sich eben.

Nein, denn verweigern steht ja jedem offen und trägt trotzdem seinen Beitrag.
Wer sich verpisst, entscheidet sich aber bewusst gegen unser Land, unsere Bevölkerung und unsere freiheitlich demokratische Grundordnung.
Das „ich will nicht für mein Land sterben“ ist eine Zuspitzung, um darüber wegzutäuschen, dass man gegen jede Art von Zwangsdienst und nicht bereit ist, in irgendeiner Form einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten, für den man sich nicht selbst entschieden hat aus persönlichem Interesse oder weil es Vorteile bringt.
Das ist legitim, sollte man aber als das framen, was es ist: Egoismus

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Mir geht es nicht um die formalen Rahmenbedingungen eines Ersatzdienstes, sondern um die persönliche Einstellung eines Kriegsdienstverweigerers. Also ob abseits des Dienstes an der Waffe eine Bereitschaft besteht, sich für Deutschland zu engagieren in Kriegszeiten, ob ob jegliches Engagement in diesem Fall abgelehnt wird.

Dazu wird es keine Erhebung geben. Wie auch schon Leute angemerkt haben, ist es auch schwer in der jetzigen Situation einzuschätzen, wie man sich verhalten würde, wenn man in diese Situation kommen würde.

Dachte auch weniger an Erhebungen, sondern an persönliche Aussagen.
Ich vermute es gibt hier im Forum durchaus Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen

Ob man zu einem Zivildienst bereit ist ist doch eine ganz andere Frage als die, ob man bereit ist, das freiheitliche politische System im Falle einer Bedrohung zu verteidigen. Als Kriegsdienstverweigerer ist man für das Militär einfach nutzlos.

Man kann im Ersatzdienst helfen, denn Pflegenotstand abzumildern, aber das ist weitgehend systemunabhängig.Teil eines wirksamen Abschreckungspotentials kann man nicht sein und erst recht nicht einer effektiven Kriegsmaschinerie.

Das ist schlicht falsch.
Auch ein Verweigerer kann im Zivilschutz Teil des Abschreckungspotenzials im Hinblick auf die Resilienz der Bevölkerung sein, auch ein Verweigerer kann sich zwar weigern, selbst eine Waffe in die Hand zu nehmen, aber doch im weitesten Sinne in der Rüstungsindustrie eingesetzt werden (die Zuliefererketten sind da riesig…).

Es gibt das Recht, den aktiven Kriegsdienst zu verweigern, es gibt ausdrücklich kein Recht, jede Form der indirekten Mitwirkung an der Verteidigungsfähigkeit des Landes zu verweigern. Der Verweigerer, der sich zum Rettungssanitäter ausbilden lässt, kann z.B. im Kriegsfall durchaus im Bundeswehrkrankenhaus weit hinter der Frontlinie eingesetzt werden, der Verweigerer, der seinen Ersatzdienst beim THW ableistet, kann durchaus dann beim Aufbau von zukünftigen Verteidigungslinien helfen und bei Raketenangriffen verschüttete retten.

Jeder Verweigerer kann durchaus im Nachschub eingesetzt werden - die Schlacht wird mit der Waffe entschieden, der Krieg über den Nachschub… also diese Vorstellung, dass Verweigerer für „die Kriegsmaschinerie“ (zutreffender: die Verteidigungsfähigkeit) irrelevant wären ist schlicht falsch. Sie sind hochgradig relevant, sogar ähnlich relevant wie Soldaten. Wie heißt es so schön? Für jeden Soldaten braucht man fünf Zivilisten, um seine Kampffähigkeit zu erhalten…

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Ich bin Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen.Ineinem frühen Kriegsstadium, wenn ausgebildete Soldaten an der Front kämpfen würden, würde ich eventuell bleiben und mich dann auch selbstverständlich in der genannten Weise für die Gesellschaft engagieren. Das tue ich jetzt auch. Aber eventuell würde ich mich auch verpissen, bevor ich oder meine Kinder in Gefahr geraten, zwangsrekutiert zu werden. Da bin ich ganz sicher. Unser politisches System ist an sich gut, aber teilweise pervertiert zu einem Business von Berufspolitikern. Und unsere Gesellschaft ist teilweise liberal, aber auch in Teilen abstoßend ausländerfeindlich und rassistisch. Da reicht die Identifikation nicht für die Bereitschaft, das eigene Leben zu riskieren und andere Menschen zu töten.

Danke für die offene Antwort.
Wenn wir die Zwangsrekrutierung mal außen vor lassen (ist ja aktuell kein Thema), wäre also die Bereitschaft da, auch in Kriegszeiten aktiv in Deutschland zu werden, ohne Waffe.
Also an der Resillienz und zivilen Durchhaltefähigkeit mitzuwirken.

Auch wenn man mit manchen Dingen in Deutschland nicht einverstanden ist, was einem in jedem anderen Land wohl genauso gehen würde.

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Zunächst einmal soll es ja wohl um das Abschreckungspotential gehen. Deutschland soll doch kriegstüchtig sein, um keinen Krieg führen zu müssen, oder? Und da spielen potentielle Sanitäter oder Pflegehelfer oder Kinderbetreuer schlichtweg keine Rolle.

Wenn Deutschland erstmal ähnlich schrecklich im Krieg ist wie jetzt z.B.die Ukraine ist alles möglich, irgendwann sicher auch, das Kriegsdienstverweigerer zwangsrekutiert werden (und auch Männer über 40?).Dann werden sich vermutlich auch viele dem Kriegsdienst zu entziehen versuchen, die Wehrdienst geleistet haben.

Naja, man gucke sich die skandinavischen Länder oder das Baltikum an. Militärisches Abschreckungspotential und zivile Resilienz gehören zusammen.

Was sollen Soldaten verteidigen, wenn in Deutschland alles beim ersten Schuss zusamnenbricht?

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Doch, die spielen eine immense Rolle.
Wie man in der Ukraine gerade sieht, geht es Russland darum, die Bevölkerung so weit zu terrorisieren, dass die Regierung den Widerstand gegen Russland aufgeben muss. Man will die Bevölkerung in die Kapitulation zwingen, mit äußerster Gewalt und Grausamkeit.

Das zu verhindern ist Aufgabe der Kriegsdienstverweigerer, die sich beim THW engagieren oder den Sanitätsdienst bilden. Deren Aufgabe ist es dann z.B., die Stromversorgung trotz Raketenangriffen aufrecht zu erhalten oder dafür zu sorgen, dass die Soldaten an der Front hinreichend versorgt werden können. Das sind alles Faktoren, die ein etwaiger Angreifer berücksichtigen muss. Das ist die Resilienz, von der wir reden. All das ist effektive Abschreckung, weil es den nötigen Aufwand eines Angreifers, das Land erobern zu können, erhöht - und damit die Kosten des Krieges, sowohl rein materiell als auch im Hinblick auf die eigenen Verluste.

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Das sind doch Kriegsszenarien. Zunächst einmal ist doch der Plan, die Bundeswehr personell aufzustocken, damit sie abschreckend ist. Und wenn sich nicht genug Freiwillige finden wollen ältere Menschen, die mit Sicherheit davon ausgehen, dass sie nie an der Front sein werden junge Männer zwingen, dafür ausgebildet zu werden. Da sind die Konstrukte mit der Verwendbarkeit von Zivis doch nicht durchdacht oder auch nicht ganz ehrlich. Wenn zu viele verweigern funktionieren die Aufrüstungsstrategien nicht, das muss man sich mal eingestehen.