Hallo liebes Lage-Team,
In der letzten Folge habt ihr in dem Teil zu Gießen einige Punkte genannt, die wichtig sind, allerdings sind mir zwei Dinge dabei aufgefallen. Da ich selbst vor Ort war, und - wie ich im Nachhinein auf Instagram gesehen habe - genau an der Stelle, wo das virale Video aufgenommen wurde, würde ich meine Gedanken dazu gerne teilen.
Zum einen geht es um die (legitime) Aufgabe und Arbeit der Polizei. Zu Anfang sagen Sie „die Kritik trifft nur zu kleinen Teilen zu“, denn ja, das Urteil vom BVerfG (was ich vor den Protesten auch selbst gelesen habe), bestätigt die Notwendigkeit, Gegenproteste soweit einzuschränken, dass die andere Versammlung stattfinden kann.
Die Polizei hat die Aufgabe, Blockierende zu räumen, das stimmt.
Allerdings war die Situation, die man in diesem Video in den ersten Sekunden sieht: Gegenseitige Gewaltvorwürfe nach Großdemo in Gießen | hessenschau DAS THEMA ohne jegliche Kommunikation.
In diesem Moment laufen wir gegen Mittag auf einer Bundesstraße Richtung Gießen, die von der Polizei von vornherein für Autos gesperrt war. Vorher verweilten wir weiter weg, bis ein Wasserwerfer aufgefahren wurde. In dem Moment entschied sich die Gruppe von ca 1000 Menschen, sofort weg zu gehen (die Straße runter Richtung Gießen), noch bevor die Polizei irgendwie in Kontakt mit uns getreten war.
Wie man in dem Videoausschnitt (nicht perfekt) sieht, rennen an dieser Stelle Polizist:innen in extremer Ausrüstung im Dauerlauf auf uns Demonstrierende zu. Mit Schlagstöcken, Schutzwesten etc. Wir sangen gerade einen Kanon und - z.B. In der fünften Reihe, wo ich mich befand - war all das überhaupt nicht kommen zu sehen. Es gab keine Ankündigung, gar nichts.
Das finde ich sehr erschütternd und da ist eine Kritik an der Vorgehensweise der Polizei nicht nur berechtigt, sondern Empörung aus der Zivilgesellschaft dringend nötig, um eine Aufarbeitung zu veranlassen.
So ein willkürlich scheinendes Vorgehen ist m.E. nicht rechtsstaatlich legitimiert.
Und währenddessen wird in vielen Medien scheinbar differenziert berichtet, wo es dann aber heißt, es sei „Unklar, ob es eventuelle Ansagen oder Aufforderungen durch die Polizei im Vorfeld gab.“: Demo gegen AfD in Gießen: Das ist zum Video über den B49-Polizeieinsatz bekannt | hessenschau.de. Dabei kann ich ganz eindeutig sagen: wie man auch auf dem Video sieht, war das nicht ansatzweise der Fall.
Zweitens geht es um die direkte Wirkung solcher Gewalt auf Menschen.
Das Problem des möglicherweise schwindenden Vertrauens in die Demokratie beim Anblick solcher Bilder benennt ihr völlig richtig würde ich sagen.
Was jedoch dazu kommt, ist die Auswirkung auf alle Menschen vor Ort - Omas gegen Rechts, Studierende, die zum ersten Mal auf einer nicht angemeldeten Demonstration sind u.v.m.
Wenn man selber dort steht, und hinter der vollen Montur bis auf die Augen, die hinter dem Schutzglas vom Helm sind, den Menschen im Gegenüber nicht mehr erkennt, kann das einen krassen Einfluss auf den mentalen Zustand haben.
Du stehst da und siehst, wie diese Menschen aus dem Schwung heraus, den sie als rennende, laut und undeutlich rufende, bewaffnete Gruppe haben, auf friedlich laufende Menschen in gelben Regenmänteln eindreschen. In dem Moment wirkt es so, als gibt es nichts, was sie aufhalten könnte. Kein Rahmen ist erkennbar: wer entscheidet gerade, wie lange wird das dauern, was ist ihr Ziel; was kann ich tun, damit das aufhört?! Die eigene Ohnmacht in der Gewaltsituation.
Das ist extrem gruselig.
Das zu erleben, schadet meinem mentalen Zustand. Vor allem aber macht es mir große gesellschaftliche Sorgen, und ich fände es extrem wichtig, mediale Aufmerksamkeit dafür zu schaffen.
Meiner Meinung nach darf es in einer rechtsstaatlichen Demokratie nicht sein, dass so viele Menschen aus der Zivilgesellschaft so unerwartet und undurchsichtig - die Polizist:innen sind nach diesem Gewaltvorgehen ohne weitere Vorgaben o.ä. einfach wieder umgedreht und haben uns weiterziehen lassen! - solche Gewalt von der Exekutive erfahren. Mithin passt das Wort „Räumung“ nicht einmal begrifflich zu dieser Situation.
Was macht das mit der Bereitschaft, weiter für die Demokratie und eigenen Werte auf die Straße zu gehen?
Wie stehen wir dazu, dass potenziell tausende engagierte Menschen z.T. traumatische oder zumindest nachhaltig prägende Erlebnisse der vom Staat ausgehenden Gewalt machen?
Ich hoffe sehr, dass meine Eindrücke nachvollziehbar sind und bin sehr gespannt auf eure Gedanken dazu!