Das finde ich eine steile These, angesichts der gleichbleibenden Vorhersage- und Analysefehler, die ganz besonders die Menschen sändig gemacht haben, die besonders für sich reklamierten (und von diesen Fehlern ungetrübt weiter reklamieren), Russland zu verstehen, die russische Position zu verstehen und/oder für diese Positionen um Verständnis werben.
Vielleicht sollte man sich anschauen, worauf die Menschen setzen, die Russland sowohl als Nachbarn, als auch als Besatzer kennen. Die sagen uns schon lange, was Russland will und dass man Russland nur mit materieller Abschreckung und der klar erkennbaren Bereitschaft, diese auch umzusetzen, von Überfällen abhalten wird.
Der Grund, warum man die russischen Überfälle nicht vorhergesehen hat, war schlicht, dass man sich die Augen zugehalten hat, um kurzfristig Gasverträge und Friedensdividende und nicht zuletzt das eigene Weltbild ubd das seiner jeweiligen Fans zu schützen, statt langfristig die europäische Friedensordnung. Es ist ja nicht so, dass niemand hätte sehen können, welche Armee sich eine Volkswirtschaft von der Größe Spaniens all die Jahre geleistet hat, welche Tiefe die Arsenale hatten, welche Einsatzszenarien immer wieder unter so rätselhaften Namen wie „Westwärts“ geübt wurden. Dass man nicht hätte hören und sehen können, wie sich Putins Propaganda entwickelte. Und zwar nicht wegen der NATO, sondern weil er etwas brauchte, um die Demokratie im eigenen Land abschließend platt zu machen, bevor er die Macht zu verloren drohte.
Diese Grundhaltung zeigt sich in geringfügiger Verschiebung auch in einer Unterstützung der Ukraine, wie wir sie aktuell sehen: Man gibt letztlich immer der Erpressung nach, in der Hoffnung, dass der Erpresser dann irgendwann Ruhe gibt, weil man jetzt zumindest die Kosten etwas hoch getrieben zu haben glaubt.
Dabei war das Problem schon 2014 andersrum: Der Angriff war ein taktischer Erfolg aber ein strategischer Fehlschlag, weil die Russen den Leuten dort nur Gewalt zu bieten hatten und eine Gewaltherrschaft ist teuer. Umso teurer, wenn man sich - von der eigenen Propaganda besoffen- eine Halbinsel ohne Landverbindung klaut. Nur war man propagandistisch und strategisch einerseits zu dumm (sonst hätte man mit dem gleichen Aufwand klügere Lösungen finden können) und zu limitiert im eigenen Denken, sonst hätte man nach 2014 Dinge ins Minsker Abkommen verhandeln können, die man tatsächlich nachhaltig hätte behalten können. So hatte man Land und Leute „gewonnen“, die man niemals langfristig halten können würde und jede Chance, die Ukraine gewaltfrei zu einem freundlichen Nachbarn zu machen, verloren. Also musste, als die Euphorie zuhause ab- die finanzielle und außenpolitische Last aber zunahm, etwas passieren. Und eine Regierung, die ihrer eigenen Bevölkerung nichts als Gewalt zu bieten haben will, kann natürlich auch nach außen nichts anderes bieten. An diesem Problem wird sich nichts ändern, wenn die Ukraine mehr oder weniger schnell und umfassend besetzt werden wird. Und zwar egal, ob das mit oder ohne ein Abkommen passieren würde.
Im Gegenteil sind sämtliche Probleme von 2014 aus russischer Sicht extrem viel größer, wenn man demnächst über 20-30 Millionen für Generationen feindseeliger Ukrainer die Kontrolle bewahren will und gleichzeitig unter Sanktionen ohne einen cent aus dem Westen die selbst zerstörten Städte aufbauen muss etc. Und wenn sich diese Realität nicht länger mit Propaganda und Notenpresse von der eigenen Bevölkerung fernhalten lassen wird und den braven Patrioten zu dämmern beginnt, dass sie lieber ein gutes Leben, als ein ruhmreiches Imperium hätten, wird Putin oder der nächste Terrorpate von Moskau wieder etwas tun müssen. Und wer bisher aufgepasst hat, weiß, dass die moskauer Diktatur ein one trick pony ist. Eine Armee und ein aufgeblasener Geltungsanspruch ohne wirtschaftliche Basis. Die können nur Gewalt, also wird man dann wieder irgendwo einmarschieren zu müssen glauben.
Deswegen ist eine Strategie, die Russland irgendwas anbieten will, ausser einen Weg raus aus der gesamten Ukraine, keine, die für Frieden sorgen wird. Solange der russische Imperialismus die Moskauer Politik bestimmt, kann man mit denen nur so friedlich leben, wie man sie abschrecken kann.