LdN366 Politische Stimmung in Deutschland

Liebes LageTeam, liebe alle Menschen die sich auch im Forum rumtreiben.
In der aktuellen Folge 366 wird unter anderem das Thema der politischen Stimmung in Deutschland angesprochen, dass man sich frustriert fühlt obwohl [objektiv] vieles gut läuft und voran kommt. Im Podcast kommt ihr zu dem Ergebnis, dass dies vor allem an der Kommunikation liegt. Ich stimme diesem Punkt insofern zu, als Kommunikation politischer Entscheidungen in einer Demokratie einfach fundamental nötig ist.
Ich möchte dazu meine Sicht ergänzen. Ich bin aktiv in Gruppen, die sich für Klimaschutz einsetzen und beschäftige mich daher sehr viel mit Klimakommunikation und Wissenschaftskommunikation, was letztlich im Kern nichts anderes ist als.
Wie dem auch sei, meine Frustration zur Zeit rührt vor allem daher, dass jede öffentliche Rede, fast egal welcher Partei, auf die nächste Wahl ausgerichtet ist. Es geht um Profilschärfung der eigenen Partei, egal ob man damit der AfD zuspielt (das kann Merz so wunderbar) oder die Glaubwürdigkeit der eigenen Koalition untergräbt (Lindners Superkraft). Mal ganz von der katastrophalen Außenwirkung oder der Spaltung der Gesellschaft abgesehen - so ist auch keine demokratische Entschiedungsfindung möglich, wie in der Lage ja auch schon oft besprochen wurde.

Dieses „geiern“ auf die nächste Legislaturperiode, auf die eigenen Karriere und auf eigene interne Machtspiele, das ist der Punkt, der das Vertrauen schwinden lässt. Wie man das nur Kommunikativ wieder gerade biegen will - ich weiß es nicht.

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Euren Beitrag in der Lage dazu fand ich sehr gut, Ulf und Philip. Gerade wenn man ein neues Baby hat, sollte die Stimmung doch eigentlich ganz anders sein. Hoffnungsfroher. Dass auch du, @philipbanse , solche niedergeschlagenen Momente hast, finde ich ziemlich aussagekräftig. (Herzlich willkommen, kleines Baby, auf dieser Erde und alles, alles Gute!) Vielen Menschen geht es so, obwohl es vielen noch relativ gut geht.

Ist der Grund wirklich die Kommunikation?
Aus meiner Sicht ist sie es auch. Lindners Rede war ein gutes Beispiel, aber auch das Auftreten von Scholz, Baerbock, Klöckner bei den Demonstrationen fand ich kommunikativ ganz schlimm. Die müssen da weg bleiben. Sonst machen sie alles kaputt. Politiker:innen haben dort nichts zu suchen. Die Verharmlosung aller Probleme durch Scholz ist auch sehr schlecht. Die Wähler sind keine Kinder. Auch hat er überhaupt nichts zur Bildungskrise gesagt, oder? Wenn man bedenkt, wie wichtig das ist, unvorstellbar. Nicht vermittelbar.

Aber die Kommunikation ist doch nicht der einzige Grund für die Resignation.

Wie @kritzelkoenig42 schon schrieb, ist es das ewige Schielen nach den Umfragen (Warum sonst reden fast alle der AfD nach dem Mund, ohne AfD sein zu wollen).

Und natürlich diese unglaubliche Entscheidungsunfähigkeit.

Das Festklammern an dieser Art von Schuldenbremse wirkt auf mich, als wäre es für die Verantwortlichen eine Art Rettungsanker, eine letzte Sicherheit in unsicheren Zeiten.
Es macht überhaupt keinen Sinn (siehe Japan) und blockiert alles. Aber es gibt z.B. Herrn Lindner Halt. Etwas Handfestes.

Wie ihr im Podcast schon sagtet: Es braucht Ehrlichkeit gegenüber den Wählern. Und Mut zu Entscheidungen.

Persönlich sehe ich so viele Baustellen (nicht nur durch euer Buch) und es wird nichts an diesen Baustellen getan.
Das ist das, was mich völlig fertig macht.

Es stimmt, dass auch viel Gutes passiert ist und dass das viel zu wenig kommuniziert wird. Ich bin da auch sehr enttäuscht von den Medien.

Aber auch wenn all das gut kommuniziert worden wäre, wäre ich trotzdem noch frustriert, weil so vieles angegangen werden müsste, was blockiert wird - durch die Schuldenbremse oder den Koalitionspartner.

Zuletzt fehlt mir auch eine sachliche inhaltliche Auseinandersetzung mit der AfD. Warum sezieren die Politiker nicht, was AfD-Position für die Wähler in einzelnen Bereichen bedeuten würde?

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Diesen Vorwurf kann man auf die Medien ausdehnen. „Spiegel Online“ beispielsweise hat vor einigen Tagen mit einem größeren Artikel zu genau dieser Frage aufgemacht - hinter der Paywall. Ich verstehe durchaus, dass guter Journalismus seinen Preis hat, sehe hier aber in der Situation, in der wir sind, gerade große, liberale bis linke und der Aufklärung verpflichtete Medienhäuser in der Pflicht.

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Das Problem was ich sehe, ist ja das es immer lauter schreiende Menschen hat , die überhaupt nicht die Ahnung von dem haben über das sie meckern.

Hatte das gestern in der Kantine auch mit einem Kollegen. Er beschwert sich über die GDL , das die sich nicht anstellen sollen und die 12% mehr Lohn nehmen sollen. Da musste ich ihm dann erklären das dies für 3 Jahre insgesamt 12% sind. Und seit 2021 die Lokführer 3% Lohnsteigerung bekommen haben bei 10% Inflation im gleichen Zeitraum.
Da setzte dann bei ihm auch das Verständnis ein.

Klar kann man dann auch sagen das es ein Kommunikationsproblem ist , aber ich hab auch das Gefühl das die Menschen da auch kein Interesse haben sich darüber nicht nur oberflächig zu informieren.

Dazu noch die Angst das mir persönlich etwas weggenommen wird um es zb den „bösen Ausländern“ zu geben.

Mir als gut informierte Person wird es auch der Reaktionen meiner Mitmenschen dann auch mal zu viel und gerate dann in eine Abwärtsspirale und stelle das Überleben unserer Spezi ernsthaft in Frage.

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Ich schließe mich dieser Einschätzung an.

Ich würde sogar noch weiter gehen, und die These in den Raum stellen, dass wir mittlerweile ein politisches „Ökosystem“ haben, dass diese Art von Politikerverhalten fast erzwingend, bzw. keine anderen Optionen zulässt.

Ich habe noch keine ausformulierte runde Argumentation aber ein paar kurze Stichwörter:

  • Geschwindigkeit in der Kommunikation: Nachrichten verbreiten sich heute innerhalb von Minuten, d.h. Entscheidungszeiträume sind wesentlicher kürzer als früher™.

  • Tweets vs Aufmacher: Heute muss man damit rechnen, dass einem jeder Halbsatz öffentlich um die Ohren gehauen wird. Kontextualisierung findet immer weniger, oder überhaupt nicht, statt. Und da der Medienzirkus sich ständig immer schneller weiterdreht hat man nicht einmal mehr die Chance sich am nächsten Tag zu erklären.

  • Überzeugung: Man kann über Kohl und Schmidt denken was man will, und ja, es waren Berufs- und Machtpolitiker durch und durch. Aber, beide hatten klare Grundüberzeugungen, gerade auch als Lehre aus WK2. Ich vermisse diese bei unserem aktuellen Spitzenpersonal: Scholz? Merz? Einzig bei Habeck habe ich noch Hoffnung.

  • Alternativen: Eng verwandt mit den Überzeugungen. Politik ist heute sicherlich nicht einfacher als früher. Vermutlich deutlich komplexer, d.h. man braucht Profis für diese Arbeit. Welcher Profi ist denn bereit sein gesamtes Leben darauf auszurichten als Abgeordneter für 4 Jahre im BT zu sitzen und danach vielleicht wieder auf der Straße zu stehen? D.h. Politik als Berufsfeld ist doch nur für wenige Gruppen überhaupt interessant: (a) Leute mit (zu) starken Überzeugungen, die sagen „egal, ich mach das jetzt“. (b) Beamte et al. die wissen, dass sie jederzeit auf ihren alten Posten zurückfallen wenn sie eine Wahl verlieren, und (c) Opportunisten, die sich darauf verlassen, das entweder ihre Partei sie auffangen wird (nehme fast jeden beliebigen Ex-Spitzenpolitiker) oder dass sie mit ihrem Politikeradressbuch eine lukrative Wirtschafts-Position erreichen können.

  • Reden vs. Machen: Mein Eindruck ist das Medien mehr über das berichten, was die Regierung sagt als über das was sie tut. Warum? Die Regierung ist die Exekutive, die „ausführende“ Gewalt. Können wir uns bitte darauf fokussieren was gemacht wird, und nicht was gesagt wird? Und ja, ich weiß, dass das mehr Arbeit ist.

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Geht es der Mehrheit wirklich gut? Ich würde gerne die Statistiken dazu sehen, denn in dem im Kapitel verlinkten Stern Artikel behauptet der Interviewte auch nur, dass es den Menschen überwiegend gut geht.

Wenn ich auf mich und meine Familie schaue würde ich sage es geht uns nicht gut. Wir haben zwei Kinder, die wir für 900€ im Monat ganztags in der Kita verwahren, um sie dann kurz vor fünf, wenn es dunkel wird abzuholen. Wir arbeiten beide Vollzeit in überdurchschnittlich bezahlten Berufen, aber den Vierklang aus Haus, Sommerurlaub, Skiurlaub und Auto, der in den 80er Jahren noch mit einem Gehalt möglich war, kriegen wir nicht hin.

In meinem Freundeskreis gibt es nur ein (!) Paar, dass es aus eigener Kraft geschafft hat ein Haus zu kaufen. Alle (!) anderen haben von ihren Eltern entweder ein Grundstück oder eine Geldspritze erhalten, um sich ihr Eigenheim zu finanzieren.

Klar, sobald die Kinder in die Schule gehen wird es besser, und wenn wir irgendwann die Wohnung (nicht ein Haus, sondern eine Wohnung) abbezahlt haben, dann geht es uns finanziell vermutlich auch gut. Aber wenn mich jetzt einer fragen würde, ob es mir gut geht, würd ich ganz klar mit „nein“ antworten.

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Denke da sind viele wahre Sachen dabei. Gerade die kurzlebigen Nachrichten helfen nicht. Wenn jemand Mist gebaut hat , sitzt man das eher aus ( zumindest gefühlt). Da wird doch fast alles ausgesessen und in 2-3 kommt schon die nächste Sau die durchs Dorf getrieben wird.

Und manchmal muss man auch Entscheidungen treffen als Politiker die dem Volk nicht genehm sind. Das muss man zwar gut kommunizieren und dann aber aushalten.

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Wie dein Beitrag sehr gut zeigt, hängt das wohl von der Definition von „Gut“ ab.

Wenn man als Voraussetzung für ein „gutes Leben“ setzt, ein Haus bauen, ein neues Auto fahren, in Sommerurlaub und in Winter(Ski-)Urlaub fahren zu können, dann geht es der Mehrheit nicht gut. Aber ich würde die Latte für „gut“ auch wesentlich niedriger anlegen, denn es ist wohl ein unbestreitbarer Fakt, dass nicht jeder Mensch in einem Einfamilienhaus leben und zwei Mal im Jahr in den Urlaub fliegen kann. Das ist schon eine sehr, sehr privilegierte Lebensweise (die ich dir gönne, gar keine Frage!).

Ich lebe fast mein ganzes Leben lang nah am Existenzminimum (was auch daran liegt, dass mir Geld egal ist und ich folglich nur so viel arbeite, wie ich muss…) und würde trotzdem sagen, dass ich ein halbwegs gutes Leben führen kann. Könnte es besser sein? Zweifelsohne. Bin ich unzufrieden über die vielen Ungerechtigkeiten, die du auch ansprichst (z.B. die Problematik mit dem Erben) - absolut. Trotzdem bin ich mir bewusst, dass mein Leben im Vergleich zur restlichen Welt immer noch ausgesprochen privilegiert ist.

Ein „gutes Leben“ ist halt ein sehr, sehr relativer Begriff.

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Ich halte die momentane (erlebte) SItuation in Deutschland tatsächlich für sehr schwierig. Dabei möchte ich den Zusammenhang zwischen Arbeitsproduktivität und Reallohnentwicklung als Indikator verwenden:

Hier eine Grafik dazu, die die aufgehende Schere aufzeigt:

image
Quelle

Wenn man das in ein Verhältnis mit den Preisen für Wohneigentum setzt, was ja für viele nach wie vor ein Traum ist, geht das ganze noch weniger auf:


Quelle

Ich habe mich immer gefragt, wie mein Vater mit 27 ein Haus, ein neues Auto und eine Familie mit Frau und zwei Kindern in den 90ern von einem Gehalt finanziert hat, wenn man diese Datenreihen so anschaut, sieht man, warum man heute das gleiche nicht mehr schafft.

Dazu kommt noch die Anzahl an sehr schlecht bezahlten Arbeitnehmenden:


Quelle

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Was ihr auch nicht erwähnt, ist die Verantwortung der Bürger. Es gibt viel zu kritisieren, aber es gibt keine Begründung dafür AFD zu wählen.
Die Zukunft wird doch wahrscheinlich so sein, dass wir alle uns einschränken müssen. Die Probleme werden in allen Bereichen größer. Die Ignoranz des Klimawandels, der Umweltverschmutzung und des ungebremsten Ressourcenverbrauchs werden dies noch verschärfen.
Im Gegensatz zum Nationalsozialismus haben wir eine Informationsgesellschaft, in der alle seriöse Informationen erhalten können. Das Recht auf Meinungsfreiheit beinhaltet meiner Meinung auch die Pflicht zur Meinungsbildung. Dass heißt, Informationen, Fakten sammeln, Argumente bilden, abwägen und dann zu einer Meinung kommen. Und natürlich auch die Fähigkeit, seine eigene Einschätzung zu hinterfragen und zu verändern.
Alle, die es wollen, können sich trotz meiner Einschätzung nach schwacher Arbeit der Öffentlich-Rechtlichen und der Manipulationstendenzen in den sozialen Medien ein realistisches Bild der Lage machen. Die Informationen stehen zur Verfügung, und die Erkenntnis, dass die einfachen These der Rattenfänger die Probleme nicht lösen werden sind dann deutlich. Aber viele Menschen machen sich die Welt, wie sie ihnen gefällt. Möglichst bequem, alles soll bleiben wie es ist, aber auch besser werden. Schuldige haben wir ja, wenn es schlecht läuft- die Ampel, am Besten die Grünen.
Ich finde die Politik hat es schwer:
Klimaschutz - ja aber erstmal die anderen…
Streichung von umweltschädlichen Subventionen - ja, aber nicht wenn die Lebensmittel teurer werden.
Umweltfreundlicher Heizen - wenn es nichts kostet.
Keine Kinderarbeit ja - Lieferkettengesetz, ach nee, lieber doch nicht.
usw.

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Liebes Lage-Team, mir ist aufgefallen, dass ihr das Bild einer zerstrittenen Ampel aufgegriffen habt - ohne zu erwähnen, wie viel regelmäßige gegenseitige Rückendeckung im Bundestag stattfindet.

Es ließe sich argumentieren, dass eben nur sehr wenige Menschen überhaupt die Parlaments-Debatten verfolgen und bei der Mehrheit hängenbleibt, welche schrägen Einzel-Posts oder -aktionen es in die Schlagzeilen geschafft haben. Wenn man dieser (Nicht-)Darstellung allerdings genauso folgt, hilft man dabei, eine der wichtigsten demokratischen Institutionen als unwirkliche Quasselbude erscheinen zu lassen. Sie ist aber der gelebte Umgang von Parteien miteinander und die Alternative der Alternative (für Deutschland) dazu sollte nicht gerade hoffnungsvoll stimmen.

Kürzlich haben wir ein Recherchestipendium der Berliner Senatsverwaltung Abteilung Kultur für genau diese Frage erhalten: Wie (in unserem Fall: mit musikalischen Mitteln) dem z.T. auch sachlichen und oft genug gewissenhaften Austausch im Bundestag (s)ein Publikum verschaffen? Ich gebe diese Frage gern an Personen aus anderen Bereichen weiter.

Bei diesem Thema hatte ich jedenfalls den Eindruck, das Lage-Team habe trotz seiner üblichen Nähe zu Quellen nicht die Ampel-Performance im Bundestag berücksichtigt. Oder (wie viele) nicht gesehen.

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Ich fand es auch einen guten Beitrag; mutig, es so aufzunehmen, obwohl es von persönlicher Betroffenheit ausgeht. Aber ihr habt ja immer gesagt: Journalismus mit Haltung!

Ich teile eure Grundeinschätzung: vorallem ein Kommunikationsproblem; (glaube auch dass die Ampel eine viel bessere Performance hinlegt, als in der öffentlichen Wahrnehmung anerkannt.) 3 weitere Gedanken dazu:

  1. Scholz sage, es brauche für Klimamassnahmen eine überwiegende Unterstützung aus der Bevölkerung („Plebiszit“): Ich denke, ihr habt Recht mit dem Hinweis, dass es sich nun mal um eine repräsentative Demokratie handelt, und Scholz/Ampel daher Verantwortung haben, die notwendigen Dinge zu entscheiden, und sich nachher dem Volkswillen in Wahlen zu stellen. „Aber“: ich bin auch davon überzeugt, dass es für den Klimapfad (ein wenig in Anlehnung an die langfristigen Rahmenbedingungen, die die Sprecherin der unternehmerischen Klima-Initiative, die zu Wort kommt, fordert) einen langfristigen „Deal“ mit den Bürgern braucht. Die Atomkraft wurde in den 50’er Jahren auf Basis eines (nicht ganz expliziten, aber impliziten) „Generationenvertrags“ eingeführt, weil man wusste, dass dies eine 100 Jahre + - Entscheidung ist. (Dann wurde sie 2 x etwas verfrüht über den Haufen geworfen, aber das geht dann eben auch…) - für’s Klima bräuchte es mE einen ähnlichen „Generationenvertrag“, der ähnliche 50-60, besser 100 Jahre hielte.

  2. Die Koalition/Ampel soll nicht streiten? Ich finde es eine der grossen Errungenschaften, dass Politik derzeit in D so transparent entsteht! Klar ist das ein Problem für die anschliessende Kommunikation; die muss man dann umso professioneller im Griff haben, nachdem man sich geeinigt hat! Aber ich finde es eine sehr erfrischende Belebung der demokratischen Kultur in D, dass in der Ampel öffentlich gestritten wird. Allerdings darf hinterher nicht der Eindruck entstehen, dass Chaos vorherrscht (der Eindruck von Chaos fördert die politischen Extreme - ganz richtig), oder die Koalitionäre erschöpft sind, und sich auf die nächste Wahl einstellen. Also in der Tat: ein Kommunikationsproblem.

  3. Migration/„reinen Wein einschenken“: völlig d’accord mit Eurer Auffassung dazu (auch wenn ihr leicht unterschiedlicher Meinung bei der Frage, ob D etwas gegen Migration machen kann, seid - ich bin da eher bei Ulf). Was in dem Zusammenhang tatsächlich kommunikativ völlig untergeht, ist der Beschluss zur Änderung des Staatsbürgerschaftsrechts! Ein massives Kommunikationsproblem - die Ampel wird von den Demonstranten gegen Rechts überwiegend als eine Kraft wahrgenommen, die mit der Unterstützung des EU Migrations-Deals und nationalen Rückführungsbeschlüssen dem AfD-Narrativ hinterherläuft (ich bin völlig gegen diese Verschärfungen), aber die „Willkommens-Seite“ wurde eben von der Ampel ebenso per Gesetz mit massiven Erleichterungen zur Einbürgerung adressiert, weil eben doch manchem in der Koalition klar ist, dass Integration & Fachkräfte im dt. Interesse sind.

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Mich berührt dieses Thema auch persönlich sehr. Deshalb finde ich es super, dass ihr dies auf die Agenda bringt. Leider finde ich es verzerrt, weil zu einseitig betrachtet. Die Kommunikation der Ampel ist sicher ausbaufähig, ebenso ihr Auftreten. Aber: Es sind drei sehr unterschiedliche Parteien, deren Grundausrichtungen und Verwurzelungen in der Gesellschaft ziemlich unterschiedlich sind. Allein dadurch entsteht ein großes Potential an Unzufriedenheit, gerade für die Wähler der Parteien, denn die Parteien können ihre Ideen nur partikulär umsetzen.
Ihr berührt das Thema Verantwortung der Medien eher am Rande. Ich möchte zunächst auf die Öffentlich-Rechtlichen eingehen, die einen Bildungsauftrag haben. Leider stürzen diese sich auch eher auf die Alltagsfehler, die Politikerinnen machen. Es ist ein starke Negativ-Fokussierung zu erkennen.
Politiker, die ehrlich sind, werden doch eher niedergemacht. „Habecks Heizungshammer“ ist ein gutes Beispiel dafür. Ein Gesetzesentwurf, der längst noch nicht abgestimmt war, wurde durchgestochen und bis heute dürfen Leute im ÖR behaupten, dass der Robert uns am 1.1.24 die Heizungen rausreißen wollte.
Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Zielen der AFD und der Folgen bleibt auch selten und oberflächlich. Zudem scheint man im ÖR so ein Fairness-Verständnis zu haben, dass zu Ideen/Vorgehen grundsätzlich, und sei es noch so eine kleine Minderheit oder die Haltung noch so abstrus, immer auch eine Pseudoalternative aufgezeigt werden muss.
Noch schlimmer ist es in den sozialen Medien. Ich nutze gerne youtube. Als Vorschläge wirft mir der Algorythmus immer wieder Pro-AFD und rechte Videos vor, obwohl ich diese nie anschaue. Ich hatte nach Alice Weidels „Hassrede“ („Diese Regierung hasst Deutschland“) sofort mehrere Vorschläge, wo ich diese hätte erneut sehen können, am Besten noch von einem Pseudo-Kommentator bejubelt.
Ich dachte erst, dass das Ganze System hat, youtube rechts unterwandert ist. Allerdings sind die Rechten da schnell bei der Sache. Es gibt auch mächtige Lobby-Interessen, die nicht wollen, dass die Nutzung fossiler Energien abnimmt. Seit Jahrzehnten stecken Unternehmen Gelder darein, die Erkenntnisse zum Klimawandel zu diskreditieren. Davon abgesehen gibt es viel Unwissen in der Bevölkerung. Dass Klimaschutz Staatsaufgabe ist, wir einen Staatsvertrag 2015 unterschrieben habe (durch eine von einer CDU-Kanzlerin geführte Regierung), dass es ein Bundesverfassungsgerichtsurteil dazu gibt, dass wir Klimaschutz nicht einfach ignorieren können, verliert sich anscheinend bei den Menschen. Stattdessen gibt es Grünen-Bashing, seit Jahren ausgeprägt in den sozialen Medien.
Die Opposition steigt da voll mit ein. Wie kann es denn sein, dass Söder und Merz vor nicht allzu langer Zeit im Angesicht der AFD die Grünen zu ihrem Hauptgegner erklären? Sie können von den Grünen halten, was sie wollen, aber verfassungsfeindlich und antidemokratisch sind sie nicht.

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Ein Aspekt ist möglicherweise, das die Menschen eine Sehnsucht nach positiven Botschaften haben.
Die 2000er unter Merkel waren eher krisenarm. Trotz erster Anzeichen, das sich erste Risse in der Fassade zeigen, wurden wir alle doch etwas in Watte gepackt in einer wohligen Trägheit.

Dann schlug Corona zu. Für alle unerwartet und sehr heftig. Kaum war man da durch, war Krieg in Europa, Energie wurde sprunghaft teuer, die Welt wird krisenhafter, und plötzlich werden wir sehr unsanft aus der Bräsigkeit gerissen.
Die Welt war plötzlich nicht mehr nett und wohlwollend zu uns.

Einige (wenige?) haben in den Krisenmodus geschaltet, laufen aber bei Fachkräftemangel und demografischer Entwicklung irgendwann auf Anschlag.
Andere wollen die wohlige Bräsigkeit mit einfachen Antworten zurück (Überforderung? Angst? Dummheit?).

Die Politik, Regierung wie Opposition, kann nicht auf alle Herausforderungen adäquat (einfache) Lösungen liefern, manche krallen sich verbohrt an parteipolitische Kernpunkte als letzten Fels der Sicherheit. Andere versuchen mit Populismus die vermeintlich einfachen Lösungen zu liefern, um das eigene politische Überleben oder den Machterhalt bzw. Zuwachs zu sichern.

Da wächst dann parallel Unzufriedenheit und Unsicherheit, da plötzlich die schützenden Leitplanken fehlen, und niemand wirklich zu wissen scheint, wo der Weg hinführen wird.

Teufelskreis. Komplex. Da müssen alle Seiten sich nun wohl am Riemen reißen. Da sehe ich die Herausforderung

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Naja, das (Haus, 2xUrlaub & Auto) ist das, was wir wollen, aber was wir uns leisten können ist eine Wohnung, ein Urlaub und ein Auto. Und ein schlechtes Gewissen, weil wie beide Kinder in der Ganztagskita haben.

Aber warum ist es uns nicht genug? Gerade eben (02.02.24) hieß es im heute journal, dass ein viertel der Deutschen weniger als 14€/h verdienen. Warum brennen hier nicht überall Reifenstapel? Warum sind die Leute damit zufrieden?

Und diejenigen, die objektiv betrachtet zufrieden sein könnten (wie ich) sind es nicht? Oder mein Nachbar oben in der Penthouse-Wohnung. Wechselt alle zwei Jahre von einem Schwanz auf Rädern auf den nächsten, aber heult auf jeder Wohneigentümerversammlung rum wie furchtbar schlimm alles ist.

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Das wird ja jetzt auch immer wieder als Argument gebracht, wenn es um Palästina geht. Warum bricht sich dort der Frust derart Bahn, während andere in ihren Favelas dahin vegetieren? Wie kann es sein, dass Leute Auschwitz überlebt haben? Die Leidensfähigkeit und der Überlebenswille des Menschen sind immer wieder faszinierend.
Gleichzeitig strebt der Mensch immer nach mehr. Zufrieden sein muss man lernen. In unserer DNA steht erst mal Weiterentwicklung und Fortschritt oder eben Lethargie, wenn es aussichtslos erscheint.

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<Kommentar zu einem Auschwitz Vergleich gelöscht>

Dieser Artikel in der SZ behandelt das gleiche Thema in den USA. Die wirtschaftlichen Zahlen dort sind sehr gut die Inflation ist rückläufig, die Wirtschaft wächst, aber die Stimmung in der Bevölkerung ist miserabel. Der Artikel den folgende Gründe:

  • die Zinsen für Immobilienkredite erreichen 7 %
  • die Inflation von 2 % empfinden Amerikaner als zu hoch sie haben sich an stagnierende Preise gewöhnt.
  • die Kriminalität ist extrem. Die Amerikaner haben Angst, dass ihre Kinder auf offener Straße erschossen werden.
  • die Amerikaner haben kein Vertrauen mehr in die Politik. Sie glauben nicht mehr, was sie im Fernsehen hören.

Ich denke einige der Punkte kann man nach Deutschland übertragen. In der Lage wurde gesagt, dass der DAX auf Rekordhoch ist und es uns daher gut gehen müsste, aber ehrlich gesagt ist der DAX mir egal. Nur weil der DAX hoch ist, kann ich mir nicht mehr leisten.

Und das Schlimmste ist natürlich der Vertrauensverlust der Medien. Wenn ich täglich mit Quatsch umspült werde, dann muss ich erheblich mehr Aufwand in meine eigene Information reinstecken und die Fakten selber checken.

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Anders als die Politik sind die meisten Menschen in der Lage auch in die Zukunft zu denken. Ich und viele Menschen sehen die großen ,nicht ausreichend adressierten Probleme wie Klimawandel, Infrastruktur, Migration und Rente. Und wenn ich auf die Entwicklung der letzten Jahre schaue und das in die Zukunft extrapoliere, sehe ich einfach keine gute Zukunft. Das, finde ich, ist auch ein Grund für die schlecht Stimmung.

Wo ist das Konzept für eine gerechtes und tragbares Rentensystem der Zukunft? Die Zuschüsse aus dem Bundeshaushalt dafür sind absurd und fressen uns immer weiter auf. Das Letzte, was ich von Herrn Scholz auf dieses Thema angesprochen gehört habe ist ein O-Ton a la: „Sie wollen doch, dass ihre Großeltern gut leben können oder?“. Kein Bewusstsein für das Problem und absolut keine Lösung in Sicht. Alle schimpfen auf die AFD aber so eine Ignoranz und Arbeitsverweigerung ist genauso demokratiefeindlich wie die AFD. Und das sehen die Menschen bei vielen Problemen, die wir haben.

Wenn Jemand dann behauptet „Ist doch Alles gut“, „liegt nur an der Kommunikation“ bin ich schon fast getriggert. Es nützt einfach Nichts, wenn sich nur auf kleine, unbedeutende Erfolge ausgeruht wird und die dringlichen, großen Herausforderung liegengelassen werden.

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Ich würde sagen, weil man davon in Deutschland noch ganz gut leben kann. Klar, ein Haus bauen oder einen Neuwagen kaufen ist da nicht drin, der Urlaub geht dann auch eher nach Malle als in die Karibik oder Südostasien, aber man kann davon ein Leben ohne drastische Mängel führen, man kann davon alle Grundbedürfnisse decken und muss nur bei dem „gewissen Extra“ Abstriche machen, bei den Dingen, die man gerne noch hätte, sich aber nicht leisten kann.

Wie gesagt, genug ist sehr, sehr relativ. Ich persönlich komme problemlos mit 500 Euro + Miete im Monat aus, weil ich nicht auswärts esse, nicht zu teuren Veranstaltungen gehe und meine Hobbies allesamt extrem günstig sind (DLRG, Tauchverein, Fitnessstudio, Computerzeug). Ich zahle etwa 250 Euro im Monat für Lebensmittel und im Schnitt unter 50 Euro im Monat für Hobbies, dazu 50 für ÖPNV (über die Studierendenbeiträge). That’s it - den rest meines relativ geringen Einkommens lege ich für regelmäßige Urlaube und Neuanschaffungen zurück. Für mich ist das ein hinreichend gutes Leben - mit minimaler Arbeit und maximaler Freizeit (ja, Studieren ist für mich auch ein Hobby, weil ich es gerne mache :wink: ). Ich bin dabei natürlich froh, dass ich deutlich über 14 Euro die Stunde verdiene, sodass ich nicht mehr als 15 Stunden die Woche arbeiten muss, um mir meinen Lebensunterhalt zu finanzieren, aber ich würde sicher keine „Reifenstapel anzünden“, wenn ich nur 12 Euro die Stunde verdienen würde und folglich eher 20 Stunden die Woche arbeiten müsste…

Wenn ich Ziele wie „ein Haus bauen“ oder „einen Neuwagen fahren“ hätte, würde das wohl anders aussehen. Aber viele Menschen haben diese Ziele - zum Glück! - nicht, denn diese Ziele sind schon aus Gründen der Ressourcenknappheit nicht für mehr als 40% der Gesellschaft realisierbar und wir sollten vielleicht mal aufhören, so zu tun, als gehörten diese Dinge zwangsläufig zu einem „guten Leben“ und anfangen, sie als das zu bezeichnen, was sie sind: Ein Luxusprivileg.

Ich sehe es daher eher von der anderen Seite:
Wie kann man in einem Land leben, in dem man von einer Halbtagsstelle ein halbwegs gutes Leben führen kann, und dagegen noch dermaßen auf die Straße gehen, während in anderen Ländern Menschen teilweise 60 Stunden die Woche unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten und trotzdem in erbärmlichen Verhältnissen leben.

Wie gesagt, ich bin dennoch dafür, sich stets für mehr Umverteilung zu engagieren und die Situation der Ärmsten im Land auf Kosten der Reichsten im Land zu verbessern. Aber die Notwendigkeit, dafür Gelbwestenproteste mit brennenden Barrikaden zu veranstalten sehe ich aktuell absolut nicht. Es gibt einfach noch einen massiven Zwischenraum zwischen „einem guten Leben“ und „revolutionswürdigen Zuständen“.

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Ich musste bei dem Beitrag auch etwas schlucken, als es darum ging, dass es der Wirtschaft gut geht und, sinngemäß, uns allen doch auch. Dass es den Leuten nicht unbedingt gut geht, wenn es der Wirtschaft gut geht und trickle down economics nicht funktioniert, haben wir im Forum auch schon öfter diskutiert.
Ich war während der Coronazeit solo-selbstständig und mich hat die Zeit sehr geprägt und leider auch ein Stück weit verbittert. Erst hieß es, es wird keiner alleine gelassen (you never walk alone), was überhaupt nicht stimmt. Ich habe meine komplette Coronahilfe zurück gezahlt und durfte nichts behalten. Beantragt hatte ich die Hilfe unter ganz anderen Vorraussetzungen als sie am Ende galten. Als ich beim Finanzamt angefragt habe, ob ich einen Teil von den Hilfen, die Vorrauszahlung fürs nächste Jahr oder die Einkommenststeuer vom aktuellen Jahr in Raten bis Ende 2023 zahlen darf (ein Aufschub von 4 Monaten) erhielt ich die Auskunft, das Finanzamt sei keine Bank und auch kein Sozialamt. Geholfen haben mir Freunde und Familie und ohne die wüsste ich nicht wie ich jetzt dastehen würde. Den Staat habe ich als sehr kalt und in seinen Hilfsangeboten als sehr selektiv erlebt. Direkt nach Corona kam die Inflation und dadurch ist meine Miete erstmal ordentlich in die Höhe geschossen. Zum Thema Wohnungen bauen macht der Staat viel zu wenig. Ich habe das Gefühl da passiert gar nichts und die Miete und Lebenserhaltungskosten schießen in die Höhe wie irre. Beim Bäcker um die Ecke kostet der Kaffee mittlerweile 3,80€. Ich war letztes Jahr in Wien, die haben die gleichen Baukosten wie wir und bauen trotzdem. Zwischendrin habe ich mich in anderen (auch kleineren) Städten wie Regensburg und auch in Österreich beworben, weil ich gemerkt habe, dass ich mit der Vollzeitstelle, die ich mittlerweile hatte, nicht über die Runden kam. Ich war so ein Fall der Vollzeit gearbeitet hat und bei dem 50% für die Miete draufgegangen sind. Ich habe kein Wohneigentum, kein Auto usw. ich habe die letzten Jahre wirklich sparsam gelebt. Letztes Winter saß ich einer kalten Wohnung, weil ich so Angst vor der Nachzahlung hatte, dass ich mich nicht getraut habe zu heizen. Mein Frust hat mit den Basics zu tun (Wohnen, essen etc) , die immer unerschwinglicher werden und dass Leute, die eh schon viel Geld haben immer reicher werden. Und meinem empfinden nach, macht die Politik keine wirklich soziale Politik. Wähle ich deswegen rechts? Ganz bestimmt nicht!
Der Staat muss meiner Meinung nach den Menschen kein rundum sorglos Paket bieten, aber er muss die Balance halten, sodass man mit einer Vollzeitstelle Miete und Lebenserhaltungskosten bezahlen kann und er muss für alle Bürger da sein und nicht nur für die aus den Bereichen, die er als sinnvoll empfindet.

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