Okay, wenn du so fragst wäre die sinnvollste Verteidigung der Aussage die Anmerkung, dass man diese Aussage mit einem breiten Zeithorizont gemeint hat. Die Aussage, dass Menschen in der Neuzeit (oder wie auch immer man das aktuelle Zeitalter bezeichnen mag) deutlich höhere Lebenserwartungen haben als in den Epochen zuvor ist denke ich kaum zu bestreiten.
Dass dieser Trend sich die letzten Jahre abgeflacht hat oder durch eine große Pandemie sogar einen kleinen Knick bekommen hat, ändert dabei wenig an dem historischen Trend, dass die Lebenserwartung bis jetzt immer weiter gestiegen ist und wir uns (am Ende eines?) Zeitalters der stetig steigenden Lebenserwartung befinden.
Insbesondere wenn man davon ausgeht, dass die (geringfügige) Senkung der Lebenserwartung während der Corona-Krise eine temporäre Erscheinung ist, wäre die Aussage, dass die Lebenserwartung weiter steigt, zumindest eine vertretbare Prognose.
Dass die Lebenserwartung langsamer steigt als die letzten Jahre ist dabei logisch. Sprünge in der Lebenserwartung sind immer dann zu erwarten, wenn zuvor sehr häufige Todesursachen reduziert werden. Mit dem Aufbau eines flächendeckenden Gesundheitssystems und der Ausrottung (Pocken, Ebola), weitestgehenden Verdrängung (Masern, Mumps, Polio, Tetanus) sowie besseren Behandlungsmöglichkeiten (HIV) einiger Krankheiten, dem Ausbleiben großer Kriege und der Einführung von Sicherheitstechniken im Straßenverkehr (Gurtpflicht, Airbags) wurden einige drastische Todesursachen reduziert, andere (sog. Zivilisationskrankheiten) sind hingegen dazu gekommen.
Geht man als Optimist davon aus, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis der medizinische Fortschritt es möglich macht, Krebs und Alzheimer zu heilen (Biontech sagt ja, man sei auf einem guten Weg), kann man davon ausgehen, dass dadurch auch noch mal ein relevanter Sprung in der Lebenserwartung entstehen wird, geht man als Pessimist davon aus, dass es zu weiteren massiven Pandemien oder gar Kriegen kommt, sieht es natürlich anders aus.
Die Aussage „Wir werden alle immer älter. Die Lebenserwartung in Deutschland steigt und steigt.“ ist daher definitiv fragwürdig und kann auf kritisiert werden, aber im Rahmen der in Werbung zu erwartenden wissenschaftlichen Genauigkeit ist die Aussage als optimistische Prognose auch trotz der aktuellen Stagnation zumindest nicht ganz abwegig.