Und das stimmt in meinen Augen einfach nicht. Die Weimarer Republik mit den in ihrer Verfassung dargelegten Werten war eine Gebilde, das zumindest später nur eine Minderheit der Gesellschaft gestützt hat. Gleichzeitig wurde diese Republik von zwei jeweils von großen Teilen der Gesellschaft getragenen extremistischen Gruppierungen bedroht, von denen zumindest eine von Anfang an einen klar formulierten totalitären Anspruch hatte. Dazu kommt, dass offen ausgeübte Gewalt (Straßenkämpfe) zum „Normalzustand“ gehörte, offener Rassismus und insbesondere Antisemitismus in Deutschland (und übrigens generell weiten Teilen Europa) mehr als salonfähig waren.
Das ist der Kontext, in dem eine Bewegung mit einem wie gesagt totalitären Anspruch die Macht übernimmt. Diese Bewegung atomisiert fortan die Gesellschaft und radikalisiert gleichzeitig zielgerichtet sich und ihre Sympathisanten immer weiter. Die Legitimität jeglichen Handelns geht in diesem System ausschließlich vom Führerwillen aus, der einzelne, der sich gegen Rassismus, Deportationen usw. stellt, stellt sich also nicht nur gegen diejenigen, die diese Taten ausführen, sondern als isoliertes Individuum gegen diese ganze Gesellschaft.
Keiner dieser Umstände stimmt ist mit den heutigen auch nur ansatzweise überein.
–Sorry btw für diese sehr vollständige Darstellung der Umstände, aber Du behauptest ja, ich ginge nicht weiter auf Deinen Punkt ein
Es geht dabei nicht darum, die Leute, die damals weggesehen haben, zu verteidigen. Protest war selbst in diesem System teilweise noch möglich und in einzelnen Fällen sogar erfolgreich, aber es ist so eine unendlich andere Situation als heute. Da einfach zu sagen der Mittelstand hat damals weggeguckt, er guckt heute Weg, wir sind wieder auf dem Weg, das ist das, was ich mit Banalisierung meine. Das wird der Komplexität, der Vielschichtigkeit des Systems Nationalsozialismus nicht ansatzweise gerecht.
Natürlich ist Rassismus weiterhin ein Problem --in der Mehrzahl wohl eher in der Form von nicht hinterfragten Stereotypen und mehrheitlich nicht in der Form eines geschlossenen Weltbilds-- nur ist es in meinen Augen unser Problem und nicht irgendein Problem einer anderen Zeit. Die Bezugnahme auf wohlfeil herausgepickte Parallelen zu einem völlig anderen Kontext helfen nicht, dieses Problem zu lösen.
Anbei zur weitere Darstellung des Kontexts noch ein Zitat von Hannah Arendt, die vermutlich nicht im Sinn hatte, die Deutschen damit aus ihrer Verantwortung zu entlassen: „Das Wesentliche der totalitären Herrschaft liegt also nicht darin, dass sie bestimmte Freiheiten beschneidet oder beseitigt, noch darin, dass sie die Liebe zur Freiheit aus den menschlichen Herzen ausrottet; sondern einzig darin, dass sie die Menschen, so wie sie sind, mit solcher Gewalt in das eiserne Band des Terrors schließt, dass der Raum des Handelns, und dies allein ist die Wirklichkeit der Freiheit, verschwindet.“