LdN279 - Kommt die allgemeine Wehrpflicht wieder?

Hallo Lage,

für die Bundeswehr hat der Bundestag heute 100 Millarden aus dem Ärmel geschüttelt. Als nächstes könnte nun wieder über die Wehrpflicht diskutiert werden. Dazu möchte ich einen Gedanken an euch schicken. Vielleicht findet er ja Anklang. Vielleicht findet ihr dieses Thema auch mal interessant für eine Sendung.

Ich möchte, dass es wieder einen verpflichtenden Dienst an der Gesellschaft, bestehend aus einem Teil bei der Bundeswehr und einem Teil in sozialen/Pflegeeinrichtungen - 50/50. Reihenfolge egal. Wer keine Waffe in die Hand nehmen möchte muss dies nicht, jedoch muss er/sie trotzdem den normalen Dienst gemeinsam mit den anderen absolvieren. Aber genau umgekehrt muss auch jede/r anderen Menschen helfen. Ich möchte, dass es eine verpflichtende Handlung zum Wohle der Gesellschaft gibt, die für alle gilt, ohne Ausnahme. Niemand soll sich aus diesem Dienst „herauskaufen“ können. Ich möchte einen Ort haben, an dem alle Teile der Gesellschaft ob reich, ob arm, ob ohne oder mit Migrationshintergrund, egal mit welcher politischen Einstellung zusammen gemischt werden. Und der Ort wird ausgelost.

Ich habe selbst den Wehrdienst verweigert und Zivildienst gemacht. Ich habe Behinderte zu Werkstätten und Tagesstätten, Kinder aus sozial problematischen Haushalten zum Kindergarten und Essen auf Rädern gefahren. Dabei habe ich sehr wertvolle Erfahrungen gemacht. Die Wichtigste Erkenntnis: Es gibt viel mehr behinderte Menschen, als die meisten Menschen so vermuten. Behinderte Menschen gehen nicht so oft abends in die Kneipe, ins Kino oder treten im Fernsehen auf und sind daher in der öffentlichen Wahrnehmung unterrepräsentiert. Gerade aus diesem Grunde finde ich es so wertvoll mit Behinderten zu arbeiten, aber auch in anderen sozialen Bereichen: Sie zwingt uns zur Beschäftigung mit anderen Teilen der Gesellschaft. Diese Vermischung sollte idealerweise auch über Landesgrenzen hinweg möglich sein. Die Zeit in einem solchen „Gesellschaftsdienst“ wäre für alle verpflichtend und könnte daher nicht mit Geld aufgewogen werden. JedeR muss das machen, niemand kann Geld bezahlen, und es vermeiden. Es wäre wertvoll etwas zu haben, das nicht mit Geld erkauft werden kann.

Durch den Wegfall des Wehrdienstes sind nun dort vor allem Menschen, die dorthin wollen. Wir kennen alle die vielen Skandale bei der Bundeswehr und wir kennen wahrscheinlich auch die statistischen Erhebungen zu Einstellungen in der Bundeswehr. Auch MIT der Wehrpflicht gab es ja mehr rechte/autoritäre Menschen bei der Bundeswehr. Die durch den Neoliberalismus begünstigte Atomisierung der Gesellschaft ist ein riesiges Problem, das uns bei der Bewältigung von allen möglichen anderen Probleme behindert.

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Ich persönlich halte eine wieder-Einführung der Wehrpflicht sowie des Zivildienstes für eine Idee, deren potenziell positive Effekte insbesondere in einem Industriestaat wie Deutschland übermäßig starke Wirkung entfalten könnte.

Erstens würde eine Einführung von Wehr-und Zivildienst strukturellen Problemen resultierend aus Deutschlands demographischer Situation entgegensteuern. Christine Vogler, Präsidentin des deutschen Pflegerats spricht von vorraussichtlich 500.000 fehlenden Pflegekräften aus Nationaler Ebene bis 2030, Statista prognostiziert 307.000-500.000 im Jahr 2035. Die Größenordnung der demographischen Katastrophe auf die sich unser Land zu bewegt, sollte hiermit anschaulich dargestellt worden sein. Diesem Problem könnte durch ein regelmäßiges, prognostizierbares Aufkommen Zivildienstleistender entgegengewirkt werden. Ein Zivildienstleistender vermag nicht eine ausgebildete Pflegekraft zu ersetzen, eine signifikante Entlastung der Pflegesituation wäre sicherlich zu gewährleisten.

Zweitens zeigt sich an einem Vorkommnis wie der Corona-Pandemie beispielhaft die Wichtigkeit von potenziell abrufbarem Personal im Bereich der Gesundheitsversorgung. Eine Verpflichtung zum Leisten eines Zivildienstes wäre entkoppelt von wirtschaftlichen Interessen und der Privatisierung des Gesundheitssystems, aus meiner Sicht beides Gründe für die allgemein schlechte Situation bezüglich des deutschen Pflegepersonals. Auf unvorhersehbare Ereignisse, welche die Gesundheit aller oder vieler betreffen, könnte zumindest bezüglich des Personals souveräner reagiert werden. Umweltkatastrophen oder Krankheiten könnten Szenarien sein, in denen oben genannte personelle Kapazitäten Tragkraft entfalten könnten.

Bezüglich der Wehrpflicht sehe ich ebenfalls strukturelle Probleme, sowie Aspekte bezogen auf die aktuellen außenpolitischen Entwicklungen welchen durch eine wieder-Einführung entgegen gewirkt werden könnte.
Strukturell hat Deutschland ein Problem mit Extremismus in der Bundeswehr. Dieses resultiert neben anderen Faktoren aus dem wegfallenden bzw. sich verändernden Selbstbildes der Bundeswehr. Zur Truppe gehen nur noch jene, die Soldat werden weil sie wollen. …@moderat…Wir brauchen einen breiteren gesellschaftlichen Querschnitt in der Bundeswehr, wenn wir effektiv Probleme bekämpfen wollen, wie Verstöße gegen das Waffengesetz, Bildung extremistischer Vereinigungen und rechtsradikalen Denkmustern.

Bezogen auf die Neuausrichtung deutscher Außenpolitik nach dem Afghanistan-Desaster und dem aktuellen Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine sähe ich die Aufstockung der Bundeswehr durch Wehrdienstleistende zwar als ein symbolträchtiges Zeichen, jedoch nicht als eine qualitative Verbesserung, wenn es darum geht die BW schlagkräftiger zu machen bzw. zu einer funktionierenden an aktuelle Herausforderungen angepassten Armee umzubauen. Wenn ernsthaftes Interesse daran besteht die BW zeitgemäß zu gestalten bedarf es gut ausgerüsteter, schnell verlegbarer Soldaten welche mit aktuellster technischer Infrastruktur umgehen können und nicht 370.000 Mann denen es nicht bloß an Ausrüstung wie jetzt bereits fehlt sondern auch an Ausbildung wie bei einem Wehrdienstleistenden.

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In diesem Zusammenhang muss man sich sehr genau überlegen unter welchen Voraussetzungen einfach so über die Lebenszeit von Bürger*innen verfügt wird.

Es sind erhebliche Grundrechtseinschränkungen (freie Wahl des Wohnortes, Wahl der Arbeitsstätte und des Berufs).
Der Wehrdienst (und die damit verbundene Einschränkung der Freiheitsrechte) war gerechtfertigt, weil das (westdeutsche) Staatsgebiet unter einer permanenten Bedrohung der Staaten des Warschauer Paktes stand. Krieg der NATO mit dem Warschauer Pakt war bis zu dessen Auflösung eigentlich immer möglich.

Das war das Argument, Menschen (Männer damals nur) zum Wehrdienst zu verpflichten, weil das Staatsgebiet einer Armee bedurfte, die es notfalls verteidigen kann. Dazu benötigte man eben Wehrpflichtige und Reservisten, denn eine Berufsarmee erschien dazu nicht groß genug und nicht geeignet.
So war Wehrdienst gerechtfertigt. Ersatzweise eben auch der Zivildienst.

Die Frage ist also einzig und allein: besteht eine längerfristige Bedrohung auch des deutschen Staatsgebietes durch Russland, so wie sie bis Anfang der 90er Jahren durch die Sowjetunion und den Warschauer Pakt? Vielleicht, muss man klären.
Nur diese Frage ist entscheidend, um Leute für Zwangsdienste zu rekrutieren.
Alle anderen Zusammenhänge (Bedarf nach sozialen Arbeitskräften, Demographie u.ä) sind da kein Argument. Das wäre in meinen Augen Zwangsarbeit, die nach dem Grundgesetz untersagt ist.

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Eher nicht. Der gag der allgemeinen Wehrpflicht, die nur ausgesetzt ist und im Verteidigungsfall sofort wieder aktiviert wird, hatte ja auch den Sinn, den common sense der Wehrpflichtigen ins Spiel zu bringen. Kritische Geister bis hin zur Hairforce. Moderne Armeen brauchen aber eher Profis von Schlage Blackwater. Das war der richtige Gedanke von Guttenberg. Widerspruch ist nicht mehr erwuenscht.

Ein Beitrag wurde in ein existierendes Thema verschoben: LdN 279 - Russlands Krieg gegen die Ukraine

Das Problem ist aber, dass man Zivildienstlkeistende sinnvoll beschaeftigen muss. Und auch im Zivildienst stellt sich das beruehmte Problem der Wehrgerechtigkeit. Der Superstar des Verwaltungsgerichts Koeln hat es dreimal mit allerbester Unterstuetzung durch zwei vorsitzende Richter in Karlsruhe versucht und hatte keinen Erfolg. Es war eine Grenze des Rechtsstaats, die erst Guttenberg ueberwunden hat.

Uebrigens wieder einmal schade, dass man seine Beitraege nicht mehr editieren kann, um Formulierungsfehler zu beseitigen, die schon einmal vorkommen. Hier war es entweder der gag, der etwas war, oder die Wehrpflicht, die einen Sinn hatte. Aber Haifischfleisch gleich Walfischfleich, wenn wenigstens das Gewollte klar ist.

Wer glaubt, dass die Wehrpflicht dazu führt, dass die BW wehrhafter wird, der scheint entweder zu jung zu sein oder hat selbst nie daran teilgenommen. Nur weil man ein paar Tage mal durch’s Gelände marschiert ist auf ein paar Pappkameraden geschossen hat und danach seine Zeit irgendwo abgesessen hat, wird man kein Soldat.
Das einzige Argument Pro Wehrpflicht ist und war, dass damit regelmässig neue Leute von Aussen in einen sehr geschlossenen Haufen dazu kommen, was extreme Meinungen und Auswüchse innerhalb des Militärs etwas eindämmt.

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Ich denke, dass es im Verteidigungsfall durchaus einen Unterschied macht, ob jemand mit dem Umgang einer Waffe vertraut ist, militärische Kommandostrukturen kennt etc. Das zu erlernen wenn der Feind schon im eigenen Land steht, stelle ich mir schwierig vor, da es ja um Hunderttausende Menschen geht.
Was nicht heißt, dass ich jetzt pro Wehrpflicht bin. Aber um die Landesverteidigung zu gewährleisten, muss eine Berufsarmee als Alternative dann auch eine entsprechende Größe haben.

Es ist doch Irrsinn zu glauben, Deutschland könnte und müsste sich gegen Russland mit der Waffe in der Hand verteidigen. Das Geld, was nun in die Sanierung der BW gesteckt werden soll wäre wohl im Klimaschutz deutlich besser aufgehoben. Purer Aktionismus.

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Die Bundeswehr hat genug Geld. Es ist einfach eine völlig überteuerte und schlechte Verwaltung, die das Geld verbrennt. Da sitzen dann Soldaten, die keinerlei Fähigkeiten in Verwaltungsaufgaben haben. Ich denke sogar wir pumpen zu viel Geld in die Bundeswehr.

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Man kann die eigenen Beiträge editieren. Einfach auf das Stift-Symbol unter deinem Beitrag klicken

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Es geht für uns ja nicht nur um die eigene Landesverteidigung, sondern auch um die Fähigkeit, anderen Nato- und EU Staaten im Falle eines Angriffs beizustehen. Zur Zeit sind wir dazu wohl nicht in der Lage, wie sogar der Generalinspekteur der Bundeswehr zugegeben hat.

Ich würde gerne nochmal etwas spezifizieren:

Ich glaube selber nicht, dass diese 100 Milliarden eine tolle Idee sind. Aber der Ton der Bundestagsdebatte am Sonntag lässt mich vermuten, dass über eine Wiedereinführung der Wehrpflicht demnächst wieder diskutiert wird.

Und ich selber glaube, dass der gesellschaftliche Nutzen von „Junge Menschen kommen ~ein Jahr mit den Lebensrealitäten anderer Menschen in Berührung“ für größer, als „macht die BW wieder fit“.
Der Pflegenotstand und die noch grundliegendere Geringschätzung von Pflegeberufen (meiner Meinung nach durch den Neoliberalismus verursacht - jeder für sich alleine) ließe sich besser bewältigen, wenn junge Menschen diese Seite der Gesellschaft kennenlernen würden.

Das heutige Modell ist, dass Menschen die Schule möglichst schnell abzuschließen, um dann direkt in ein Spezialstudium per Volldampf durchgeschleust zu werden und so schnell wie möglich als fleißige (unkritische) Arbeitskraft der Wirtschaftskraft nutzbar gemacht werden.
Jede Idee von Gemeinsamkeit ist dabei Fehl am Platz. Ein allgemeiner Gesellschaftsdienst wäre da eine wertvolle Gegenmedizin.

Die Bundes"wehr" könnte in dieser Hinsicht ja auch gesehen werden als „Wehr“ gegen alle Gefahren der Gesellschaft. Wehr, wie im Sinne von „Feuerwehr“.

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Die Wehrpflicht ist ein Thema, das bei entsprechender Bedrohung sinnvoll sein kann.

Irgendwelche anderen Zwangsdienste aus noch so hehren Motiven führen nur zur Fehlallokation menschlicher Fähigkeiten und sorgen dafür, die Löhne in sozialen Berufen für immer niedrig zu halten.

Ich habe btw Zivildienst geleistet und dabei nichts gelernt, dafür 18 Monate Lebenszeit verbraucht. Danke für die Volkserziehung!

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Welche sollte das sein? Ganz ernsthaft. Gegen einen Feind wie Russland wird man militärisch keine Chance haben.

Wenn eine Allgemeine Wehrpflicht/Zivildienst wieder eingeführt werden ist das Wichtigste die Ausgestaltung. Ich empfand meinen Wehrdienst als zutiefst ungerecht und benachteiligt. Zum Einen mussten Frauen keinerlei Dienste tun und zum anderen wurden viele mit banalen Gründen ausgemustert. Es darf nicht sein, dass manche Ärzte jeden für tauglich halten und andere jeden auf T5 setzen, weil mal das Kreuzband durch war aber trotzdem noch sehr hoch Fussball spielen (Bezirksliga). Außerdem sollte ein solcher Dienst auf 6 Monate gekürzt werden.

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Und deswegen bleibt man besser gleich unbewaffnet? Sorry, das macht keinen Sinn. Unsere Sicherheit beruht auf der Mitgliedschaft in der Nato. Diese beruht darauf, dass wir auch selbst angemessen gerüstet sind.

Ergänzung: ich bin auch kein Freund der Wehrpflicht. Ich wollte nur sagen, dass Zivildienst m.E. übergriffig und Verschwendung ist.

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Ich finde auch, dass eine Wiedereinführung sehr viele positive Effekte hat. Schon allein das Argument vom Bürger in Uniform wird damit wieder gestärkt. Ich kenne einige, die nach dem Wehrdienst oder dem Zivi in Ihrem Bereich geblieben sind, für die es vorher keine Option war. Und wer nicht 9 Monate seines Lebens für und mit anderen arbeiten kann, bei dem ist vielleicht gerade wichtig, dass ihm dies aufgezwungen wird! Die Zeit fehlt niemandem in seinem Lebenslauf und es interessiert auch niemanden später ob man sein Studium/seine Ausbildung 9 Monate früher oder später begonnen hat.

Wo habe ich denn etwas von unbewaffnet geschrieben? Aber man muss doch erst einmal beschreiben, wofür man die Mehrausgaben einsetzen will. Das jetzt klingt nach viel Getöse ob der aktuellen Weltlage.