LdN 490 - Gedanken zur Pazifismus-Folge

Moment mal, er (Müller) sagt seine Meinung aus einer Beobachterperspektive und explizit nicht aus irgendeiner Entscheiderposition. Diese Meinung schadet niemandem, schreibt niemandem etwas vor.

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Vorsicht mit moralischen Urteilen, gerade in komplexen Situationen mit unklaren Wirkungen von Handlungen. Einen Zug auf ein anderes Gleis umleiten ist etwas anderes als Waffen liefern oder nicht.

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Ich finde schade, dass so wenige Beispiele für zivilen Widerstand genannt wurden. Da hat Müller echt eine Chance vergeben. Nicht, dass ich mich da auskenne, aber mir fallen Aktionen ein wie Ortsschilder und Wegweiser zu vertauschen, das wurde wohl früher mal gemacht. Wenn man solche Gedanken weiterspinnt und darüber nachdenkt, wie man Besatzern das Leben schwermachen kann, Menschen darin schult und so Resilienz aufbaut, kann es vielleicht auch ganz praktisch wirken und nicht nur an Gefühle appellieren wie das Singen.

Etwas breiter denken als nur an Waffen(dienst) fände ich jetzt gut.

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Der Titel „The Talks That Could Have Ended the War“ hat für mich auch keine Beweiskraft, denn alles könnte zum Ende des Krieges führen, wenn Putin die Ukraine nur in Ruhe ließe.

Befremdlich fand ich auch das apodiktische Urteil, die Verhandlungsposition sei jetzt viel schwieriger, als wenn die Ukraine sich nicht gewehrt hätte. Wir wissen es schlichtweg nicht, in welchem Zustand die Ukraine jetzt wäre, wenn sie sich alles hätte gefallen lassen. – Diese Art des im Brustton der Überzeugung vorgetragenen Trugschlusses kam mehrfach vor.

Unter dem Strich finde ich es bewundernswert, mit welchem Respekt, welcher Ruhe und welcher Zielgenauigkeit Ulf und Philip das Gespräch mit dem Gast geführt haben. Mich hätten solche Fehlschlüsse aufgeregt – gerade aus dem Munde jemandes, der mit der Materie offenkundig sehr vertraut ist und ein eloquenter Gesprächspartner ist.

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Ich glaube, da unterschätzt du die Folgen der Besatzung und politischen Unterdrückung. Es ist unendlich zermürbend, es macht alles andere als resilient, es untergräbt das Selbstbewusstsein.
Ja, es gibt kleine Nischen, in denen das Leben dann floriert (speziell politische Witze als Ventil), aber das sind eben Nischen. Besatzung, Geheimdienst, politische und Verwaltungs-Oberschicht tragen zu einem Misstrauen bei, das nach und nach alles durchdringt. Was daraus entsteht, ist Kraft- und Mutlosigkeit.

Derlei Scherze schaffst du sehr bald nicht mehr, wenn du um deine Identität kämpfst.

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Ich würde es in’s Gegenteil verkehren: Beim Trolley-Dilemma geht es darum, einen Unschuldigen zu töten, um andere Unschuldige zu retten. Bei den Waffenlieferungen geht es darum, einem unschuldigen Volk zu helfen, sich gegen Aggressoren zur Wehr zu setzen. Wenn überhaupt, ist das Trolley-Beispiel daher sogar noch zu verharmlosend.

Man kann gerne diskutieren, ob man den Krieg hätte verhindern können, indem man vorher anders gehandelt hätte - wobei da vor allem eine massive Aufrüstung der Ukraine und eine klare Kriegsdrohung der NATO im Falle eines Angriffs auf die Ukraine vermutlich noch die wirksamsten Methoden gewesen wären (die der Pazifist natürlich auch tendenziell eher ablehnt…).

Aber in dem Moment, in dem ein Krieg ausgebrochen ist, in dem Raketen auf Wohngebiete niederprasseln, halte ich es für absurd, aus dem sicheren deutschen Wohnzimmer nun an den Pazifismus der Opfer zu appellieren. Wenn die Neonazis erstmal ihren Stiefelkreis um ihr Opfer gebildet haben ist nicht der richtige Zeitpunkt, eine Diskussion darüber anzufangen, ob man das Ganze nicht doch irgendwie gewaltfrei lösen könnte, während weiter auf das Opfer eingetreten wird. Genau das passiert in der Ukraine aber.

Sowas war vor der Zeit von GPS und co. vielleicht noch sinnvoll, heute bezweckt man damit rein gar nichts mehr.

Ich bleibe dabei, dass die Vertreter des Pazifismus die Folgen einer Besatzung maßgeblich zu unproblematisch empfinden und es illusorisch ist, davon auszugehen, dass wenn man diese Besatzung einfach akzeptiert und sich - wenn überhaupt - nur mit zivilen Ungehorsam wehrt, die Konsequenzen besser seien als die des Krieges. Und da ist die Konsequenz, das eigene Land zu verlieren, nicht mal in die Rechnung eingeflossen.

Wie gesagt, ob und in welchem Umfang Pazifismus statt Krieg hier auf den russischen Angriffskrieg folgen sollten, darüber darf nur eine einzige Instanz entscheiden: Das ukrainische Volk als Angegriffener. Von der Seitenlinie vom gemütlichen Sofa im heilen und sicheren Deutschland anderen Ländern erklären zu wollen, wie man am besten einen Angriffskrieg überlebt, halte ich für vermessen.

Daher gilt für mich auch ganz klar:
So lange die Ukrainer entscheiden, kämpfen zu wollen, ist es richtig, ihnen die notwendigen Waffen zu liefern, um diesen Kampf möglichst effizient zu führen. Wenn überhaupt war der Fehler, viel zu wenig viel zu spät zu liefern - und ganz bestimmt nicht, dass überhaupt Waffen geliefert wurden. Hätte man der Ukraine sofort alles verfügbare geschickt, ist es durchaus möglich, dass Russland sehr kurz nach Beginn der Invasion schon eine Kehrtwende vollzogen hätte. Durch das zu-wenig-liefern und zu-spät-liefern hat sich in der russischen Führung überhaupt erst die Meinung durchgesetzt, dass man hier in einem Abnutzungskrieg langfristig gewinnen könnte.

Das kann man natürlich alles nicht sicher wissen. Aber die Annahme, mit mehr und entscheidenderen, schnelleren Waffenlieferungen wäre der Krieg schneller zu beenden gewesen ist mMn jedenfalls mindestens(!) so wahrscheinlich wie die Annahme, dass eine vollständige Kapitulation der Ukraine (und nichts anderes fordern Pazifisten, wenn sie einzig auf gewaltlosen Widerstand setzen) zu weniger menschlichem Leid geführt hätte.

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Das stimmt,

Es gibt jedoch klare Präzedenzfälle, zum Beispiel die türkische Besetzung Nordzyperns in den 70ern. Damals hat sich Griechenland nicht wirklich gewehrt und auch nicht nachhaltig protestiert, sodass der Status mittlerweile faktisch anerkannt ist. Die EU lässt den Status auch auf sich beruhen, sodass Griechenland quasi keinerlei Möglichkeit hat Ansprüche geltend zu machen.

Das war ja auch eins der Szenarien angesichts Trumps Grönland-Phantasien. Was wenn die USA dort in Nouk einfach militärisch landen und erklären „Ihr seid jetzt unter Amerikanischem Recht“ ?

Willst du wirklich in einer Welt leben, in der der Stärkere sich schlicht immer vom Schwächeren nehmen kann, was er will, weil er weiß, dass der Schwächere sich nicht wehrt?!?

Nordzypern war schon ein problematischer Fall. Jeder weitere dieser Fälle schwächt weiter das Prinzip der Souveränität der Staaten und stärkt weiter das Recht des Stärkeren. Es ist ein massiver Abbau des Völkerrechts und der Rechtstaatlichkeit.

Und genau solche Fälle von Landnahme mit militärischer Gewalt haben uns letztlich Jahrhunderte von Kriegen und nicht zuletzt zwei Weltkriege eingebracht. Dahin wollen wir nicht zurück.

Was der Pazifist hier nicht sieht, ist, dass der kurzzeitige Verzicht auf Gewalt in einem regionalen Konflikt dazu führt, dass der Aggressor belohnt wird und folglich mehr Aggressionen folgen werden. Dem Bully einfach das Taschengeld zu geben, statt sich zu wehren, führt eben nicht dazu, dass der Bully plötzlich friedlich wird. Er wird immer mehr Taschengeld von immer mehr Leuten fordern.

Haben wir wirklich gar nichts aus den Fehlern der Appeasement-Politik gegenüber Hitler gelernt? Man kann Konflikte und Kriege nicht langfristig verhindern, indem man den Aggressor gewähren lässt. Damit kann man sich kurzfristig vor dem Konflikt wegducken und sich dann auf die Schulter klopfen, wie toll man doch Gewalt vermieden hat, aber es schiebt die Gewalt nur in die Zukunft, es verhindert sie nicht.

Sorry, aber ich will nicht in einer Welt leben, in der sich die USA z.B. einfach Grönland einverleiben können und die EU sich wegduckt. Und auch nicht in einer Welt, in der größenwahnsinnige Diktatoren wie Putin oder Netanyahu ihr Staatsgebiet mit Gewalt ausweiten und der Rest der Welt den Angegriffenen rät, es einfach über sich ergehen zu lassen. Diese Zukunft ist aus meiner Sicht einfach nicht lebenswert. Und wenn es einen Verteidigungskrieg braucht, um diese Zukunft zu verhindern, ist das extrem beschissen (vor allem für mich als Reservist), aber dann ist das so. Deshalb verhindern wir dieses Szenario am effektivsten dadurch, Stärker zu projizieren, also dem potenziellen Angrifer schon vor dem Angriff zu signalisieren, dass im Falle eines Angriffs auch zehntausende Angreifer sterben werden, daher selbst wenn der Angreifer am Ende gewinnt, der Preis unendlich hoch sein wird.

Überleg dir bitte mal, wie eine Diskussion wie diese hier auf Leute wie Putin oder Trump wirkt? Angenommen, die Position der Pazifisten ist die absolut dominante in dem Diskurs - das führt doch gerade dazu, dass diese Autokraten/Diktatoren sich sagen: „Oh, die kündigen jetzt schon an, dass sie die Waffen strecken werden, wenn wir kommen… Cool, dann schicken wir mal die Truppen los!“. Die Position der Pazifisten auf der ganz großen Skala bedeutet letztlich, dem Gegner schon vor der Entscheidung, anzugreifen, mitzuteilen, dass man im Falle eines Angriffs kapitulieren wird. Wozu führt das bei den Putins und Trumps dieser Welt? Ganz sicher nicht dazu, nicht anzugreifen.

Diese Art des Pazifismus ist letztlich eine Einladung an jeden Aggressor. Es ist, als würde ein Schüler dem Bully signalisieren: „Wenn du mir mein Taschengeld abnehmen willst werde ich mich nicht wehren und auch niemanden etwas davon erzählen. Siehst du, wie nett ich bin? Du willst mir doch bestimmt jetzt nicht mehr das Taschengeld abnehmen?“. In welcher Welt funktioniert diese Logik?!?

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So moralisch erstrebenswert Pazifismus auch sein mag, er setzt sehr auf Optimismus und ignoriert oft den Faktor Mensch.

Grundsätzlich, so verstehe ich auch Müllers Einlassungen in seinem Anfangsbeispiel, geht man als Pazifist davon aus, das wenn ich friedlich und gewaltfrei bleibe, es ein Aggressor auch bleiben wird. Menschlich gesehen ein Idealzustand.

Aber wenn man einfach schaut was passiert wenn man einem Menschen Macht gibt (ein Gewehr gibt Macht, besonders wenn der andere keins hat), wieviel Wille zum Dialog und gewaltfreiem Diskurs bleibt dann?
Das gilt wie gesagt nicht nur wenn ein Trump oder Putin Macht hat, auch der junge Schulabsolvent, den man in eine Uniform steckt und ihm Gewehr und eine Ideologie (oder Verzweiflung) in die Hand drückt.

Ich glaube gerne an das Gute im Menschen, ich kenne aber genug menschliche Eigenschaften die dem widersprechen.

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Dein Präzedenzfall ist eigentlich ein Gegenbeispiel. Er zeigt, dass selbst nach so langer Zeit, einer faktischen Anerkennung, daraus genau nicht der Verlust juristischer Ansprüche folgt. Weder die EU noch Griechenland erkennen juristisch den Status Quo im Sinne einer Aufgabe des Territoriums an. Ais welchen Gründen dieser Anspruch nicht durchgesetzt wird, ist in dem Fall unerheblich.

Außer, du willst deine Position dahingehend verändern, dass es nicht um die juristische Anerkennung geht, sondern um die faktisch unabsehbare Dauer mancher Besatzungsregime.

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Grundsätzlich gilt ja wohl: niemand möchte Krieg

Ich war erstmal skeptisch auf die Sicht eines Pazifisten zum Ukrainekrieg.

Ich bin unbedingt für einen gerechten Ausgang des Krieges, Russland muss alle besetzten Gebiete inkl. der Krim zurückgeben.
Ich muss trotzdem sagen, es war doch gut, sich die Folge anzuhören.
Ich muss gestehen, dass der Gast einige valide Punkte hatte.

Trotzdem bleibe ich am Ende dabei: Für Freiheit und Frieden lohnt es sich zu kämpfen und bei dem pazifistischen Weg müssen halt beide Seiten mitspielen. Beispiel Gorbatschow. Da hatte der friedliche Widerstand sicher eine Rolle gespielt, aber nicht so entscheidend, wie der Gast behauptet.

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Ich glaube ich verstehe deinen Punkt nicht so ganz. Du hattest ja vorher argumentiert, dass eine De-jure-Anerkennung droht und ich hatte entgegnet, dass es m. E. um De-facto-Anerkennungen geht. Und nun nennst du Beispiele genau für solche De-facto-Anerkennungen. De jure erkennt m. W. ausschließlich die Türkei - also die Besatzungsmacht - Nordzypern als Staat an. UN, EU und alle anderen gehen davon aus, dass der Staat Zypern de jure aus der gesamten Insel besteht.

Dasselbe könnte man über das internationale Recht sagen.. Nicht falsch verstehen, aber wenn hier gesagt wird, „der Pazifismus“ sei nicht praktikabel, weil „der Mensch“ ja nun mal ganz anders sei, ist das eine grobschlächtigere Position.als die von dem Lage-Gast formulierte. Und wenn gesagt wird, dass man sich am besten immer gegen Bullies wehren müsste und sie nie „belohnen“ dürfte - ob auf dem Schulhof oder in der internationalen Politik - ist das natürlich grundsätzlich richtig, aber realpolitisch betrachtet nicht weniger idealistisch als die Haltung, dass es am besten gar keine Gewalt mehr geben sollte. Denn beides ignoriert, dass es immer Menschen und Staaten (nicht „den“ Menschen oder „den“ kapitalistischen Nationalstaat an sich) geben wird, die zumindest versuchen, sich zu nehmen, was ihnen nicht gehört, die Rechte anderer bewusst missachten etc - ohne dass die Gemeinschaft diesem immer in ausreichendem Maße Einhalt gebieten kann oder mitunter auch will. Wenn ich Pazifisten vorwerfe, dass sie von unrealistischen Vorstellungen ausgehen, sollte ich denselben Maßstab bei meinen eigenen Überlegnungen auch anwenden. Und das Angenehme an Müller fand ich gerade, dass er das tut, und sich den kniffligen Fragen stellt, die dabei entstehen, sich nicht um sie herummogelt. Dabei kann man - wie der Thread ja auch zeigt - an vielen Punkten zu anderen Antworten oder Schlüssen kommen, aber die eigene Position wird m. E. nicht überzeugender, wenn man so tut, als würden sich all diese Fragen gar nicht stellen, wenn man nur eine Haltung vertritt, die eindeutig und entschlossen genug ist.

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Das hab ich zumindest so nicht formuliert. Ich sage nur das eine pazifistische Haltung (die ich grundsätzlich begrüße) sich mit komplexen Herausforderungen auseinandersetzen muss, wie es Herr Müller ja gut und offen erläutert hat.
Sollte keine Kritik an Müller sein, er sagt aber selbst das man da Optimismus braucht.
Der halt auch enttäuscht werden kann.

Just my few cents…

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Aber Griechenland hatte sich doch gewehrt? Sogar präemptiv?

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Ich gehe hier ganz bewusst nicht inhaltlich auf diese Folge ein. Dazu gibt es bereits ausreichend Feedback. Daher nur zur Folge und zum Diskurs an sich: Das war meines Erachtens sowohl fachlich als auch im respektvollen Umgang miteinander eine der beeindruckendsten kontroversen Diskussionen, die ich je verfolgt habe. Es war sehr interessant, die beiden Positionen so differenziert gegenübergestellt zu bekommen. Ihr habt ganz bewusst jemanden eingeladen, der eine Gegenposition zu Eurer Haltung zum Pazifismus vertritt und sogar Bücher darüber geschrieben hat. Das war mutig. Ich hatte beim Zuhören das Gefühl, dass ihr gut vorbereitet wart. Dadurch war es ein Diskurs auf Augenhöhe, der fachlich eine gewisse Tiefe hatte, ohne dass man beim Zuhören den Anschluss verlor. Danke dafür.

Ich hoffe das war nicht zu viel Honig… aber ich habe die Folge einfach so abgefeiert.

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… trotzdem bin ich dankbar für diese Folge und das ihr den Pazifismus so viel Raum gegeben habt.Dankbsr bin ich auch Prof. Müller für seine Darlegungen. Teile seiner Argumentation erinnerten mich auch an Argumentationen von Richard D. Precht in den Podcast „Lanz & Precht“, der die These vertrat „im Zweifel für die Menschen um weiteres Leid zu vermeiden“ (das ist jetzt ziemlich kurz von mir wiedergegeben. Getrübt wurde diese Folge nur durch die Einlassungen von Euch „der Russe kann irgendwann in Berlin stehen“ (auch verkürzt von mir wiedergegeben). Dazu: erstens gibt es dafür absolut keine triftigen Gründe und 2. Besatzung kostet den Besatzer immense Summen und bindet Ressourcen,vom Widerstand ganz abgesehen.

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Vielleicht nochmal die Folge anhören … Mehr fällt mir zu dieser einseitigen, schrägen und krassen Anmerkung nicht ein.

Die armen Angreifer! Reicht aber offenbar nicht, um Putin davon abzuhalten, den Angriffskrieg gegen die Ukraine seit Jahren aufrechtzuerhalten.

Um mit dem Postillon zu antworten: Getrübt wurde diese niveauvolle Folge nur durch einseitige Kommentare, die weder Herrn Müller noch den Hosts gerecht wurden.

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Sorry hab nicht alles gelesen. Was ich einbringen möchte, da ich gerade im Baltikum unterwegs war

Zur Zeit der sowjetischen Besatzung wurden bei einer Bevölkerung von ca 6Mio Menschen 500T Menschen deportiert. Insgesamt starben unter der Gewaltherrschaft 100-150T Menschen. Ja, die Menschenkette und das Ende mögen gewaltfrei (in Litauen wurden „nur“ 14 Menschen erschossen) gewesen sein. Aber die Besatzung war es definitiv nicht.

Und zur Ukraine. Im Grunde hat Selensky ja direkt nach dem Überfall mit pazifischen Mitteln reagiert und den NATO Austritt und anderes angeboten, um den bewaffneten Konflikt zu beenden. Daher teile ich das Gegenargumente der Lage, dass es auf beiden Seiten die Bereitschaft braucht.

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Ich habe mir die Folge angehört, um ein Verständnis für pazifistische Positionen in Bezug auf den Angriffskrieg gegen die Ukraine zu bekommen und der Gast erschien differenziert. Ich muss aber zugeben, dass einige seiner Aussagen ein extremes Unbehagen ausgelöst haben und je länger ich das Gespräch sacken lasse, desto probelatischer erscheint es. So wie er die Geschichte von Slavutschytsch in Gegenüberstellung zu Butscha geframed hat, klingt es als wäre (militärische) Gegenwehr am Ende der Auslöser für Vergewaltigung, Folter und Massaker. Insgesamt erlässt Herr Professor Müller in meiner Wahrnehmung dem Aggressor, in diesem Fall Russland, sehr viel Verantwortung und übergibt sie an die Angegriffenen oder deren Verbündete.

Daneben sind sehr viele seiner Aussagen ungenau, lassen Informationen aus, werden unzulässigerweise miteinander verglichen oder sind schlicht falsch. Einige Punkte, die mir (auf die Schnelle) aufgefallen sind:

  • Herr Prof. Müller benennt, dass es urkainische Pazifist*innen gibt. Das stimmt - einige davon sind mit der Vollinvasion auch in die Armee eingetreten, d.h. für sie war der Punkt nicht mehr nur noch auf friedliche Gegenwehr zu setzen erreicht. Bekanntestes Beispiel ist hier Maksym Butkevych - es gibt div. Zeitungsinterviews und Interviews auf Youtube mit ihm und sie sind alle sehr empfehlenswert.
  • Die vorgetragene Geschichte von Slavutytsch als großes Positivbeispiel, aus dem der Schluss der Möglichkeit eines erfolgreichen friedlichen Protests gegen die russischen Truppen, hält bei genauerer Betrachtung nicht lange durch. Dies wird v.a. im Vergleich zu Cherson klar. Das wichtigste dabei:
    • Slavutytsch war nur einen Tag besetzt und wenige Tage eingekesselt, Butscha dagegen knapp einen Monat, Cherson etwa 8 Monate;
    • die russichen Truppen, die in Slavutytsch einmarschierten, waren vorher in Kämpfen verwickelt, aber konnten die Stadt ohne (nennenswerte) Gegenwehr erobern; dies ist in Cherson ähnlich gelagert: die Stadt wurde nach Kämpfen in der Umgebung ohne (nennenswerte) Gegenwehr eingenommen
    • in Cherson kam es wie in Slavutytsch zu friedlichen Protesten, hier gingen Menschen 2Wochen lang frieldich auf die Straßen, um ihre Zugehörigkeit zur Ukraine zu demonstrieren - die Proteste wurden gewaltsam unterdrückt und knapp 2 Wochen in die Besetzung galten bereits 400 Zivilist*innen als vermisst
    • nach Rückerorberung Chersons wurde das Ausmaß an Folter, sexueller Gewalt und Verschleppungen bekannt, auch Tötungen von bspw. dem Dirigent Jurij Kerpatenko, der sich weigerte für die Russ*innen zu arbeiten, wurden bekannt
    • kurzgesagt: die Menschen in Slawutschytsch hatten wsl. eher Glück, dass sie nur sehr kurz besetzt waren
  • Die Auflösung der Sowjetunion und der Lösung der Satllitenstaaten aus dem Kommunismus ist ein Positivbeispiel, aber es ist kaum zu Vergleichen mit der Situation in der Ukraine heute. Zudem sind viele der damals durch die Sowjetunion besetzten Staaten, z.B. Estland, Lettland, Litauen, heute die stärksten Unterstützer*innen beim Thema Waffenlieferungen an die Ukraine. Deren Lehre aus russicher (und nazi-deutscher) Besatzung ist „Nie wieder wehrlos“ und kein pazifistisches Vorgehen. Wobei bspw. in Lettland gewaltfreie zivilie Verteidigung Teil der Verteidigungsstrategie ist - aber eben ergänzend zu einer militärischen Verteidigung.
  • Die Darstellungen von Herrn Prof. Müller zum Istanbul Kommuniqué sind so nicht haltbar und ergeben sich so auch nicht aus dem benannten Artikel. Nicht geklärte Knackpunkte blieben belastbare Sicherheitsgarantieren und der Status von Krim und Donbass - diese sind bis heute die ungeklärten Knackpunkte in Verhandlungen. Zudem ist absolut unklar, ob es tatsächlich zu einem Abschluss gekommen wäre - insbesondere, wenn die Verweigerung Putins eines Treffens mit Selesnky wie wir es in allen nachfolgenden Verhandlungen, mitbedenken. Ein Wille Putins den Krieg zu beenden kann bei Blick auf alle nachfolgenden Verhandlungen m.E. nicht vermutet werden.

Ich hätte noch mehr Punkte, aber dabei will ich es erst einmal belassen und empfehle noch einmal sich Maksym Butkevych anzuhören!

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Im Krieg stirbt die Wahrheit bekanntlich zu erst. M.E. werden Kriege intern, also von Regierungschefs gegenüber ihrer eigenen Bevölkerung, größtenteils als defensiv, notwendig oder durch den Gegner erzwungen gerechtfertigt.

Ließe sich demonstrativ zur schau gestellter Pazifismus nicht auch als aktive Untergrabung dieses Narrativs verstehen? Wie würde Putin seinen Krieg legitimieren, wenn seine Lügen als solche offensichtlich wären? Und deshalb ist mir die Unterscheidung zwischen Regierung und Bevölkerung so wichtig. Putin marschiert nicht in die Ukraine ein, Soldaten tun es. „Russland“ greift nicht die Ukraine an, Menschen tun es. Putin gibt die Befehle, ja. Aber er ist abhängig davon, dass Menschen seine Lügen glauben und seinen Befehlen folgen.

Noch stärker wäre diese Form des Widerstands natürlich, wenn Sie auf beiden seiten stattfinden würde. Je stärker eine Kriegslegitimation darauf beruht, dass der Gegner angeblich grundsätzlich feindselig und Verhandlungen unmöglich seien, desto gefährlicher kann sichtbare Verbrüderung für dieses Narrativ werden.

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