Was mir besonders unangenehm aufgefallen ist, ist dieses Othering der Nicht-Pazifisten. Hier die Pazifisten, dort die Gegner der Pazifisten. Wer soll denn das überhaupt sein? Klar gibt es ein paar Psychopathen, die sich nichts Schöneres vorstellen können, als einen Krieg. Das wird allerdings die absolute Ausnahme sein. Die meisten Menschen wollen doch einfach nur in Frieden ihr eigenes Leben führen. Deswegen hat man sich ja in Istanbul zusammengesetzt, deswegen gab es ja die Minsker Verträge und das Budapester Memorandum. Sie sind halt alle an dem Verlangen Putins, so etwas wie die Sowjetunion wieder herzustellen, gescheitert. Nicht „der Pazifist hat mit dem Suchscheinwerfer gesucht, wo es solche Alternativen gegeben hätte“, sondern die Ukraine und Russland haben diese Alternativen gesucht. Vor allem, weil die Ukraine ihre Soldaten nicht in den Tod schicken wollte. Die Ukraine hätte in Istanbul weitreichende Eingeständnisse geben sollen, die von Russland diktiert wurden. Warum denkt denn Russland, dass es dies darf? Die Verhandlungen sind dort nicht an den fehlenden Bemühungen der Ukraine oder des Westens gescheitert, sondern am erklärten Ziel Putins, dass Russland wieder Weltmacht wird und seiner Einflusssphäre Vorschriften machen darf. Es hat sich nicht der West für den Krieg entschieden, sondern Putin. Dieser kann ihn auch jederzeit beenden.
Hier, wir Pazifisten, dort die kriegstreiberische Mehrheit - so funktioniert das doch nicht. Die Nato ist keine homogene Gruppe von Kriegstreibern und schon gar nicht „der Westen“. Das hat man sehr gut am amerikanischen Angriffskrieg auf den Iran gesehen, aber auch schon beim zweiten Irakkrieg, dem Balkankrieg oder dem libyschen Bürgerkrieg (hier gab es sogar eine UN-Resolution, von wegen umstritten und so). Da haben sich ja nicht alle westlichen Staaten mit Kriegsgebrüll in den Kampf gestürzt und ein paar wenige Pazifisten waren da dagegen. Das wurde gesellschaftlich breit diskutiert, 2003 gab es die größte Friedensdemodemo der deutschen Geschichte gegen Bush und den Angriff der USA auf den Irak. Wer sind „die Pazifisten“ die man da zu Rate ziehen sollte?
Die Kosovo Albaner wurden von „uns“ nicht frei gehauen, sondern die UÇK hat einen Befreiungskampf geführt. Da wurden nicht vom Westen irgendwelche Grenzen verschoben. Ganz nach „pazifistischer“ - ich würde ja sagen menschlicher - Gepflogenheit, wurden auch Verhandlungen geführt, um diese Kämpfe zu beenden, die eben scheiterten. Wenn das passiert, ist das tragisch. Es kam aber eben genau zu den Konsequenzen, die Prof. Müller ja auch fordert, dass eine Schutzmacht eingreift. Freiwillig. Den Kosovoalbanern hat einfach nie jemand versprochen, dass man den Kampf für sie führt. Warum sollten diese also enttäuscht sein vom Westen, weil dieser sie zumindest vor Angriffen aus der Luft beschützt hat? 800.000 wären die hochgerechneten Toten auf Deutschland. 800.000 Menschen sind in der Zeit zwischen 1945 und 1953 in russischen Gulags umgekommen - in acht Jahren. Zu Friedenszeiten.
Es ist Russland, das mit einem Atomkrieg droht, niemand anderer. Ob Putin Kernwaffen einsetzt, ist ganz alleine die Entscheidung Putins. Und es ist nicht die Nato, die Putin im Unklaren lässt, sondern es ist Putin, der aus einer militärischen Übung mit Belarus eine militärische Spezialoperation in der Ukraine macht. Wo ist die Furcht von Prof. Müller, dass sich hier der internationale Konflikt zwischen Atommächten entzünden hätte können? Die USA hätten ihre gegenüber der Ukraine gegebenen Versprechen ja auch einhalten können.
Was natürlich auch merkwürdig ist, ist seine Haltung, wann dann Gewalt doch zur Anwendung kommen darf. Also wenn man der Ukraine die territoriale Integrität in Budapest garantiert, dann ist nachher weder ein Eingreifen des Westens gerechtfertigt, noch die Lieferung von Waffen um sich selber verteidigen zu können, wenn die Russen angreifen. Aber wenn die Verhandlungen in Istanbul erfolgreich gewesen wären und die Ukraine wäre dann nochmal von Russland angegriffen worden, dann hätte es schon militärische Konsequenzen geben sollen. Wofür der Westen ja auch ein Waffenarsenal, sowohl konventionell als auch atomar, vorhalten müsste und wo es dann zu den gleichen „Missverständnissen“ kommen kann. Warum dann jetzt nicht?