Liebes LdN-Team, liebe Community,
als in der Folge die einheitliche Preiszone erwähnt wurde, dachte ich kurz: Endlich wird die Gebotszonenreform behandelt. Stattdessen wurde die Kupferplatte nur als Randbedingung eingeführt und dynamische Netzentgelte als Gegenvorschlag zur Abregelung präsentiert. Die Motivation - Preissignale statt Holzhammer - war richtig. Aber die Folge hat dabei das strukturell wichtigere Instrument ausgelassen. Dynamische Netzentgelte und eine Gebotszonenreform adressieren unterschiedliche Netzebenen und ergänzen sich, sie ersetzen sich nicht.
Gebotszonenreform / Nodal Pricing - Übertragungsnetz
Die einheitliche Gebotszone bildet physikalische Engpässe im Übertragungsnetz nicht ab. Wenn im Norden viel Wind weht, sinkt der Börsenpreis bundesweit - der Süden konsumiert mehr, obwohl die Nord-Süd-Leitungen bereits überlastet sind. Der Engpass wird vom Marktdesign selbst induziert und muss über Redispatch kuriert werden: 34 TWh in 2023, über 3 Mrd. Euro Kosten. Lokale Marktpreise würden das korrigieren - als Marktergebnis, nicht als administrativer Eingriff. Modellierungen zeigen, dass Nodal Pricing die Systemkosten um ca. 5-6% senken könnte (Knorr et al., 2024). Studien zu V2G zeigen zudem, dass eine rein am Einheitspreis orientierte Flexibilitätssteuerung Redispatchkosten sogar erhöhen kann, während netzdienliche Steuerung sie um bis zu 35% senken könnte (Golab et al., 2025).
Dynamische Netzentgelte - Verteilnetz
Auf der letzten Meile entstehen andere Probleme: lokale Lastspitzen, wenn viele Wärmepumpen und E-Autos gleichzeitig laden. Hier können dynamische Netzentgelte Anreize setzen, Lastspitzen zu glätten. Aber Netzentgelte haben eine strukturelle Schwäche: Sie sind kein marktlicher Gleichgewichtspreis, sondern werden von Netzbetreibern auf Basis von Prognosen und regulatorischen Vorgaben festgelegt. Das Preissignal ist immer nur eine Näherung - die tatsächlichen Kosten der Netznutzung werden nicht abgebildet, und für Marktteilnehmer entsteht Unsicherheit, weil die Preise weder reale Knappheit widerspiegeln noch transparent aus Angebot und Nachfrage entstehen. Ein nützliches Werkzeug für das Verteilnetz, aber kein Ersatz für ein Marktdesign, das die Realität auf Übertragungsnetzebene korrekt bepreist.
Politische Einordnung
Der Koalitionsvertrag spricht sich erneut für den Erhalt der einheitlichen Gebotszone aus - wenig überraschend angesichts der CSU-Beteiligung, denn eine Aufteilung würde im Süden höhere Strompreise sichtbar machen, die aktuell über Redispatchkosten auf alle umgelegt werden. Gerade deshalb wäre eine kritische Einordnung durch die Lage journalistisch wertvoll.
Ich habe das Thema bereits mehrfach im Forum eingebracht:
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Bidding Zone Review (BZR) - Strompreiszonen für Deutschland (August 2024)
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LdN426 Wording: Netz- und systemdienlich (April 2025)
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LdN 459: V2G & Strommarktdesign - Warum Flexibilität „smarte“ Preise braucht (Dezember 2025)
Es wäre toll, wenn die Lage die Gebotszonenreform einmal eigenständig behandeln würde - als das Marktdesign-Thema, das es ist.