LdN 384 - Umverteilung: Geht die Schere wirklich auseinander?

Wieder mal eine schlichte Frage eines betriebswirtschaftlichen Laien:

Wäre nicht schon viel gewonnen durch ein wirklich gerechtes Steuersystem?
Also das jeder in Relation einen bestimmten fixen Anteil an Steuern zahlt. Je mehr Einkommen oder bewertbarem Vermögen, desto höhere Steuerlast. Ohne Schlupflöcher und komplexe Ausnahmeregelungen, die eher Vermögenden zugute kommen?

Aber ja, was offen bleibt ist die Definition, was ist Vermögen bzw wann ist man reich?

Warum? Man muss doch durchaus in Relation sehen, dass das war wir in Deutschland als Armut bezeichnen nichts mit dem zu tun hat was man in weiten Teilen der Welt als Armut bezeichnet.

Nach Ihrer Logik, dass der Abstand zwischen den Armen und den Reichen der einzig zu berücksichtigende Faktor sei, wäre es besser, wenn die Reichen sehr viel Vermögen verlieren würden und es dem Rest etwas schlechter ginge als heute, es wäre aber schlechter, wenn die Reichen noch reicher werden, es aber auch allen anderen besser ginge.

Aber neben dem Abstand zwischen Arm und Superreich muss man doch auch im Blick haben was arm eigentlich absolut gesehen bedeutet.

Und nein. Nur weil man diesen Aspekt mit betrachtet heißt es nicht automatisch, dass man nichts zugunsten der ärmsten unserer Gesellschaft machen will.
Wie angesprochen bin ich für eine moderate Vermögenssteuer und sehe es doch als wichtig zu sehen, dass in Deutschland z.B. jeder Zugriff auf eine Gesundheitsversorgung hat die schon in Schwellenländern nicht mal der Mittelschicht zur Verfügung steht.

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Wenn ich das richtig verstehe, ist das das Konzept von der sogenannten „flat tax“ - also gleicher Steuersatz für alle. Das würde definitiv eine massive Mehrbelastung von Geringverdienenden bedeuten, die im Moment keine Einkommenssteuer zahlen und dann den fixen Satz abtreten müssten.

Ob es gegen Schlupflöcher hilft, wage ich zu bezweifeln. Das progressive Steuersystem hat nicht direkt etwas mit Ausnahmen zu tun. Man kann auch ein einfaches progressives System aufbauen.

Wenn es aber nur darum geht, zu vereinfachen, bin ich dabei. Alle Sonderregelungen sollten auf den Prüfstand: Ehegattensplitting, steuerliche Absetzbarkeit von z. B. Spenden etc.

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Tja, das ist die Sichtweise, die seit Jahrzehnten gängig ist und mitverantwortlich für das Ausbeuterische Treiben des globalen Nordens ist.

Wenn man aber einmal die gesamte Rechnung aufmacht, und nicht nur die Volkswirtschaft DE betrachten würde, ergäben sich vermutlich viele weitere Chancen.

Ein weltweites Patentregister, welches jeder nutzen kann, der 1% des Umsatzes/Gewinns mit dem genutzten Patent an den Patenturheber zahlt, 20 Jahre lang, bumms. Fertig.

Der Forschung wäre immens geholfen. Patente ließen sich nutzen, um darauf aufzubauen, weitere Innovationen zu erforschen, niedrigschwellig.

Weltweit käme die Forschung voran. Der Nutzen lässt nicht lange auf sich warten.
Vielleicht wäre das gar nicht so schlecht, immerhin steht die Menschheit vor vielen Krisen. Den Schwarm der Schwarmintelligenz zu vergrößern, ist keine dumme Idee.

Das ist zumindest meine Meinung dazu.

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Das ist ja das Ziel der weltweiten Armutsbekämpfung.
Das Ergebnis wurde überall vorhergesagt: in den reichen Ländern werden die Menschen weniger haben.

Ich bin ja ein Fan von einer Art von „flat tax“, wie die FDP das mal vorgeschlagen hat, glaube ich:
Drei Steuersätze progressiv wie bisher (25, 23 55%?) plus Freigrenze ohne Sonderregelungen.
Dann braucht auch niemand mehr Steuererklärungen zu machen.
Die Prozentsätze sollte man erstmal so wählen, dass sich für den einzelnen nichts ändert.
Danach anpassen. Oder Umweltbonus.

Wenn man natürlich ideologisch mit ausbeuterischem Treiben argumentiert, ist eine differenzierte Diskussion schwierig zu führen. Fakt ist:

  • Die Zahl der armen Menschen sinkt
  • Die Kindersterblichkeit sinkt
  • Krankheiten wie AIDS oder COVID sind mit patentierten Pharmazeutika effektiv bekämpft worden.
  • Die Anzahl der in Indien angemeldeten Patente steigt stark an
  • China (vor 30 Jahren ein armes Land) meldet weltweit die meisten Patente an

Wenn man eine radikales „offenes“ Patentregister umsetzt, gefährdet man evtl. Geschäftsmodelle in der Pharma, die viele Menschenleben retten. Ich glaube man muss da sehr vorsichtig testen, welche Auswirkungen das hätte, meine Befürchtung ist, dass sich die Markteinführung wichtiger Medikamente verzögern könnte.

Man darf nie vergessen, dass die Gewinne für wenige erfolgreiche Wirkstoffe viele teure Fehlschläge kompensieren müssen.

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Man sollte zumindest ein Kontingent festlegen, das die WHO zum Herstellungspreis anfordern darf, wenn es in Entwicklungsländern einen Bedarf gibt.
Ich denke da an die freiwillige Selbstverpflichtung namens COVAX, die mal so richtig floppte.

Wenn man mit vermeintlicher Ideologie argumentiert, ist eine differenzierte Diskussion schwierig zu führen.

Fakt ist:

  1. Die globale Vermögenskonzentration ist extrem. Die reichsten 10 Prozent verfügen über 76 Prozent des Vermögens. In keiner Weltregion besitzt die ärmere Hälfte der Bevölkerung mehr als fünf Prozent des Vermögens.

  2. Die Vermögenskonzentration spitzt sich zu. Das Vermögen von Milliardär*innen ist seit mindestens 25 Jahren nicht mehr so stark gewachsen wie im Jahr 2020 – dem ersten Jahr der Corona-Pandemie. Seit 1995 hat das oberste 1 Prozent 38 Prozent des Wachstums auf sich vereint – die unteren 50 Prozent lediglich 2 Prozent.

  3. Die öffentlichen Vermögen schrumpfen. Über die letzten 50 Jahre sind die Vermögen der Privathaushalte kontinuierlich gestiegen, während die öffentlichen Vermögen gesunken sind. Das öffentliche Vermögen abzüglich Staatsverschuldung in Ländern des globalen Nordens ist mittlerweile nahe null oder negativ.

  4. Bei der Geschlechtergleichstellung gibt es nur geringe Fortschritte. Während die Frauen 1990 weltweit knapp 30 Prozent der Einkommen bezogen, beziehen sie heute weiterhin nicht mehr als 35 Prozent der Einkommen.

  5. Die Beseitigung großer Ungleichheiten bei den CO2-Emissionen ist für die Bekämpfung des Klimawandels unerlässlich. Im Jahr 2019 waren die wohlhabendsten 10 Prozent der Weltbevölkerung fast für die Hälfte aller Emissionen verantwortlich.

World Inequality Report 2022 veröffentlicht: Neueste Daten zur Ungleichheit | 2030 Agenda

EDIT:
Wenn man solche Probleme gar nicht erst mitdenkt, weil sie „ideologisch“ (=der individuellen Weltanschauung entsprechend) sind, kann man auch nicht über mögliche Vorteile nachdenken, die sich aus der Problemlösung ergeben könnten.

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Podcast Veto Ganz schön laut von Stephan Anpalagan und Ninia LaGrande
mit Helena Steinhaus von Sanktionsfrei.
Was ist Wohlstand? Helena Steinhaus und Armut

Und Julia Friedrichs über Armut, Reichtum und Ungleichheit in Deutschland

Diese Fakten kenne ich, wenn man Ungleichheit als ein Problem wahrnimmt, gibt es dringenden Handlungsbedarf. Wenn man Ungleichheit aber ohne Ideologie betrachtet kann man sagen: Es gibt wichtige Probleme zu Bekämpfen (Klimawandel, Kindersterblichkeit, Armut, Ungleiche Chancen), ob bei der effektiven Bekämpfung der Probleme die Ungleichheit zunimmt ist erstmal sekundär.

Einige Beispiele:

  • Da, wo Menschen sehr reich werden, entsteht auch genug Wohlstand, um sich um die Ärmsten zu kümmern und Geld in die Bekämpfung von Krankheiten und Klimawandel zu investieren. (Beispiel China)
  • Wenn der Wohlstand der Reichsten wächst, wächst auch der Wohlstand bei den ärmeren Menschen (Bundesbank Studie)
  • Die Korrelation zwischen menschen in extremer Armut und der Anzahl an Milliardären ist annähernd -1

Die Grundannahme ist, dass Menschen sehr reich werden, weil sie einen Mehrwert für andere geschaffen haben oder ein relevantes Problem gelöst haben.

  • Bill Gates hat sehr viel Geld mit Software verdient und dann mit dem Geld die Kindersterblichkeit effektiver bekämpft als die Entwicklungshilfe der Bundesregierung in 60 Jahren

  • Die BioNTech Gründer haben ein sehr krasses Problem für die Menschheit gelöst und sind daher sehr reich geworden. Das Geld wird jetzt in die Forschung für eine Krebsimpfung investiert.

Für mich ist es wichtiger die Menschheitsprobleme zu lösen als die Ungleichheit zu besiegen. Wenn beides zusammen geht, gerne. Wenn nicht, dann bitte erst die Probleme lösen.

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Die Logik könnte man auch umdrehen. Die Leute, die trotz geringem Lohn Leistung erbringen, sind die eigentlich motivierten Leistungsfähigen. Diese würden dadurch für ihren Einsatz belohnt. Abwandern würden nur die, die sowieso nur aufgrund des Geldes da sind.

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ein wenig mehr schon. Arbeitgeber wollen nicht nur eine Gewinnchance sondern auch die mit dem höchstmöglichen Gewinn. Wenn sie also die Wahl haben zahlen sie natürlich weniger und lassen der Mitarbeitenden aufstocken.

Wenn bestimmte Tätigkeiten offenbar keinen ausreichenden Wert haben(schöpfen), frage ich mich, warum sie überhaupt gemacht werden sollen. Anstatt Unternehmen zu subventionieren die offenbar Arbeitskräfte für relativ nutzloses Zeug verschwenden, sollte das Geld in deren Qualifikation gesteckt werden, damit diese Personen etwas tun können, das auch einen angemessenen Nutzen stiftet.
Zumal wir doch allenthalben hören, dass wir immer mehr auf einen Arbeits- und Fachkräftemangel zusteuern.

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Das heißt ja, das Aufstocker-Geld geht letztlich an Amazon. Jetzt ist die Frage, ob die den Betrieb einstellen würden, wenn Spediteure einen auskömmlichen Lohn zahlen würden/müssten.

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Ungleichheit ist eines der Kernprobleme.

Ungleichheit schafft massenhafte Unzufriedenheit und ebnet Autokratien den Weg.

Der Trickle-Down Effekt ist eigentlich hinreichend widerlegt.

Das trifft wohl nur sehr begrenzt zu.

Jeff Bezos hat einen Multimilliarden-Konzern geschaffen, der eine einzige Datenkrake ist, unmenschliche Arbeitsbedingungen bietet, für große Teile des Datenverkehrs verantwortlich ist, Millionen Tonnen neuwertige Waren verschrotten lässt, den Wettbewerb zu großen Teilen aushöhlt.
Im Gegenzug schießt er ein paar Millionen in irgendwelche Stiftungen. Danke Bezos.
Dass Amazon immer den günstigeren Preis anbietet, ist auch seit Jahren Geschichte.
Die Schnäppchen, die Menschen machen können und konnten, rechtfertigen nicht im geringsten die immensen Umweltschäden, (Quasi-) Monopolbildungen (mindestens aber Abhängigkeitsschaffungen) in vielen Branchen und was weiß ich noch mehr.

Und sollte Bezos Kinder haben, werden die zwar vermutlich gut ausgebildet werden können (man beachte die Ungleichheit dabei…), eine ähnliche Auswirkung wie der Vaddi zu haben, ist aber weder wahrscheinlich noch wünschenswert.
Jedenfalls werden diese Kinder ohne deine Grundannahme zu bestätigen, ebenfalls problemlos unfassbaren Reichtum erleben.

Und sollte er keine Kinder haben, dann nimm halt einen anderen Milliardär als Beispiel. Geld- und Macht- Akkumulation in solchen Ausmaßen ist Gesellschaftsversagen.

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Ab einem gewissen Reichtum lässt sich dieser nun mal nicht mit Leistung begründen. Da die Leistungsfähigkeit des Menschen ganz offensichtlich Grenzen unterliegt. Wenn also jemand, der objektiv viel leistet, sieht, dass anderen ein vielfaches an Ressourcen zur Verfügung steht und das womöglich noch zu Lasten von Umwelt und Gesellschaft verschwendet wird, ist ein unterschwelliges Ungerechtigkeitsgefühl naheliegend.
Dieses berechtigte Ungerechtigkeitsgefühl als Neid abzuwerten, erscheint mir unangemessen.

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Ich will hier nicht das berechtigte U ngerechtigkeitsgefühl mit Neid gleichsetzen. Das sind schon zwei paar Schuhe.

Neid eher dahingehend, das oft nur der offensichtliche oberflächliche Wohlstand betrachtet wird, ohne die zugrundeliegenden Leistungen zu kennen.

Aber je weiter die Scheere auseinander geht desto unstabiler wird der soziale Frieden. Siehe die Umfragewerte der Rechten Parteien in Europa. Siehe die Vorbezirke von Frankreich. Insofern ist eine gerechtere Verteilung schon sinnvoll. Und ein Großteil der Menschen wird eher dadurch reich das sie den Menschen, die für sie arbeiten, nicht am Gewinn entsprechend beteiligen. Die Gehaltspanne zwischen dem Manager/Firmenleiter und dem einfachen Angestellten ist einfach sehr weit auseinander. Und bei dem Manager sogar ohne das unternehmerische Risiko zu tragen im Gegensatz zum Firmenbesitzer. Ansonsten gerade in der freien Marktwirtschaft häufig erlebt das der Firmenleiter im neuen Mercedes vorfährt während die Angestellten zu 90% Mindestlohn bekommen.

Und ob gerade die superreichen besser Wissen wie man mit Geld Leuten hilft (Bill Gates) setze ich mal Ellon Musk entgegen…

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Das Problem ist, dass sehr großer Reichtum sehr oft gerade in einem gravierenden Missverhältnis zu dem geschaffenen Mehrwert (wenn nicht sogar dem angerichteten Schaden) steht.
Leider tragen zB große (Software-)Konzerne wie Microsoft durch Monopolbildung und damit verbundene Abhängigkeits- und Machstrukturen eher zur Behinderung von Fortschritt bei.

und meine These ist, dass vielen Leuten einfach klar ist, dass keine menschenmögliche Leistung die kolossale Verschwendung rechtfertigen kann, die an manchen Stellen zur Schau gestellt wird.
Ich gehe zB davon aus, dass die meisten Leute Privat-Jets und Yachten nicht ablehnen, weil sie traurig sind, dass sie selbst keinen haben, sondern weil sie sehen, dass damit ohne ansatzweise angemessenen Nutzen großer Schaden angerichtet wird.

Wenn Du Dich auf Symbole von mittelständischem Wohlstand beziehst, kann ich mir allerdings vorstellen, dass es da auch Neid gibt. Dann aber von Menschen in ähnlicher sozioökonomischer Schicht und nicht von viel Ärmeren.

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Das halte ich für sehr fragwürdig. Tatsächlich haben die meisten Menschen doch erst seit einigen Jahren Klimaschutz und ähnliches im Fokus. Neiddebatten über die reichen Führungskräfte gab es doch hingegen immer.

Hier sieht man auch, dass das Umweltbewusstsein in höheren Bildungskreisen eher stärker ist als in niedrigeren. Oder unterscheidest du hier nur zwischen reichem Manager und Angestelltem Akademiker.
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